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Zack! Erstmal was zum Wachwerden nach meiner kleinen KolumnenPause: MØSTER!, das Quartett um SaxBestie Kjetil Møster, in dem schon mal ein Slayer-T-Shirt getragen wird, malträtiert auf "Bolts" (Action Jazz) 40 Minuten lang seine Instrumente auf sehr angenehme – besser: fordernde – Weise. Der "Desert Ride" ist eine knapp viertelstündige Tour de Force aus BassBrummen, GitarrenKrach, trötendem Sax und wildester percussion. Die anschließenden "Small Bubbles Of Light" geben sich vermeintlich(!) ruhiger, doch auch hier lauert hinter und in jedem Ton die Schönheit der Gefahr. Mit "Rippling Circles" steigen wir dann später wieder ins speed-boat, das schließlich mit "Bearings" konsequenterweise in einem Meer aus Noise versinkt. Herrlich! 5Da kann man gut mit MoE & IKURO TAKAHASHI featuring SIGNE EMMELUTH "Live at Børsen Kulturhus" (ConradSound) weitermachen, denn der MoE-Kern aus Guro Skumsnes Moe (Kontrabass) & Håvard Skaset (E-Gitarre), der auf der Conrad-website schön als "a Norwegian rock band trapped inside two experimental musicians" beschrieben wird, lud sich mit Trommler Ikuro Takahashi (drums) und Sax-Sirene Signe Emmeluth zwei gleichgesinnte Gäste in seine frisch eröffnete "own production facility and venue in Norway" ein. Dort spielte man eine gute halbe Stunde lang frisch und frei (keinesfalls aber unüberlegt!) drauflos und richtete ein ganz wunderbares Durcheinander aus TrötSax, ChaosPerkussion und zerrissener Gitarre an, in dem sich freie BassTöne auflösen: aus einer einzigen Improvisation heraus in sechs Teile gegliedert, voller Kraft und – bei aller Freiheit – auch Struktur. Zuweilen singt und brüllt eine(?) der beteiligten Damen durch diesen Malstrom, bis hin zu orgiastischem Schreien – die Energie muss transportiert werden. Und das wird sie hier ganz vortrefflich. 5
Bleiben wir mal noch in Norwegen: SUPERFØKK ist ein bisher unbekannter, aus Ole-Hellik Lobben-Seth (e-git/synth), August Ramstad (sax, electr, perc), Victor Skullerud (dr) und Eik Stavem(e-bass) bestehender 4er aus Bergen, der mit seinem "s/t" Vinyl (Fysisk Format) sein Debut feiert. Auch hier tremolieren über einem solid-wilden dr-b-git-BasisNoise (mit etwas mehr Rock-Flavour und gelegentlichen Elektronik-Einschüben) Saxophone aller Art und auch hier kann man daran viel Spaß haben. 4
Wie sich sowas ohne ElektroLärm anhören könnte, zeigen LIBA VILLAVECCHIA & VASCO TRILLA auf "Serrat" (Defkaz). Der Katalane lässt in zwei jeweils LP-Seiten-füllenden Stücken seine Tröte über Trillas filigranen SchlagzeugFiguren tanzen, ploppen, röcheln und schreien. 4
Aber nochmal kurz zurück ins JazzWunderland Norwegen: Dort entwickeln SULIDA aus solcherlei FreeJazz-Ideen neue Ansätze, die sie auf der 2025 während des "During Kongsberg Jazz Festivals" mit keinem Geringeren als AXEL DÖRNER live aufgenommenen CD/LP "Etiwe" (Sauajazz) in einen Dialog mit dem EchtzeitTrompetenGott setzen. In der Mitte der "Conversations" heult Marthe Lea (ts, fl, p, perc) das Ihrige in den b-dr-tr-Himmel, wobei (nicht nur dort) der einer anderen KlangWelt entstammende Dörner seinem Rohr einmal mehr die unglaublichsten Geräusche abringt – und doch wird das alles irgendwie zu Musik. Genau wie in "Drop" mit seinem PianoOrgasmus und – wie bei jedem der insgesamt vier Stücke – Leas (semi?)japanischem Gesang. 4
Auch KAI FAGASCHINSKI bewegt sich regelmäßig und sicher durch die EchtZeitSzene Berlins, folgt aber (zumeist) einer (vermeintlich) ruhigeren, introvertierte(re)n Methode. Auch auf seiner selbst veröffentlichten CD mit dem natürlich bei Hannah Ahrendt ausgeliehenen, aber auch vom "state of the world" inspirierten Titel "The Evil of Banality" regiert eher Feldman’sche Ruhe in Spannung als lärmende Ekstase. Alle Stimmen dieses als Klarinetten-Quartett angelegten Stücks spielte Fagaschinski (mit sich) selbst ein, die statischen Schwebungen genau wie die knappen Stöße, die strukturierenden UnterTöne genau wie die illustrativen Erkundungen. Ein großes Werk aus ruhender, fremdartig-vertrauter Kraft. 5
Wenden wir uns nun dem Klavier zu. Diesem großartigen Instrument kann man auf vielerlei Weise Klänge entlocken: Etwa wenn die (natürlich) aus Norwegen kommende Pianistin INGFRID BREIE NYHUS auf ihrer LP "Silkegul" (LabLabel) ihrer "Slåttepiano" genannten Reihe von nordische FolkTraditionen in KlavierJazz übersetzenden Alben die Nummer 3 hinzufügt. Auch Spuren von Minimal Music finden sich in diesem introvertierten Werk. 4
KJETIL MULELID folgt auf "Piano, Unfolding"(Sagene) einer mehr impressionistischen Spur. Hier finden sich Sterne aus dem Keith Jarrett-Kosmos wie auch Elemente des eher sentimentalen, nichtsdestotrotz wunderschönen SoftJazz eines Martin Tingvall. Dass auch Mulelid Norweger ist, verwundert sicher niemanden. 4
Wenn man nun den Sound etwas hallender anlegt und mit elektronischen Einsprengseln anreichert, ist man in der Nähe von NIKLAS PASCHBURG angekommen, der für den von Eugene Jarecki über Julian Assange gedrehten DokFilm "The Six Billion Dollar Man" den Soundtrack schrieb und nun als DL (Wise) anbietet. 3
Im Tingvall Trio bedient Jürgen Spiegel das Schlagzeug. Gemeinsam mit dem polnischen Pianisten Vladyslav Sendecki präsentiert er mit "Simple Game" (skip) nun schon das dritte SENDECKI & SPIEGEL-Album. Da wird der Beatles-Klopper "Come Together" genauso zu zartem Jazz wie die von Quincy Jones mit dessen 74er LP "Body Heat" berühmt gemachte Bernard Ighner-Komposition "Everything Must Change", aber auch die 9 Eigenkompositionen müssen sich keineswegs verstecken. Und falls sich noch jemand an die US-MelanchoFolkRocker vom October Project erinnert: mit "Return To Me" interpretieren Sendecki & Spiegel hier eine Nummer vom 93er O.P.-Debutalbum. 4
Wie der nun schon drei Mal erwähnte Martin Tingvall folgt auch das ESPEN ERIKSEN TRIO seit Jahren einem bewährten Rezept aus zugänglichen KlavierLinien zu sanfter b-dr-Begleitung. Das neue Album "Almost There" (Rune Grammofon) macht da keine Ausnahme – kantenlose Musik zum vor-sich-hin-Träumen (was ja hin und wieder auch mal sehr schön und notwendig ist!). 4
Das PHILIPP RÜTTGERS TRIO übersetzt auf "Re: Satie - Picturing the Invisible" (ZenneZ) die genial-minimalistisch-verdrehten Fingerübungen des verschmitzten Exzentrikers in modernen p-b-dr-Jazz. Neben die auch durch tausendfachen Missbrauch in WerbeSpots etc. nicht tot zu kriegenden "Gymnopédie"n und "Gnossienne"n treten hier auch eher unbekannte Satie-Motive – eher als Inspiration denn als Interpretation und stets in einem sehr schönen KlavierJazzTrio-Sound. 4
Das aus Sängerin Randi Pontoppidan (auch live electronics), Thomas Agergaard (sax/fl) und dem großen Greg Cohen am Bass bestehende PAPER TRIO eröffnet seine Hommage an Saties dänischen Zeit(wenn auch nicht Sinnes)Genossen Carl Nielsen mit einer Art Weihnachtslied, nutzt dann aber auf "Light In The Dark - Music of CARL NIELSEN" (Time Span) die Musik des leicht sentimentalen Impressionisten für minimalistische Forschungsreisen. Das sphärisch verzerrte "Dream Of Dreams" ist hier ein schönes Beispiel oder auch das ent- wie verrückte "Light In The Dark" und die gelegentliche Einbindung des Akela String Quartets bringt weitere KlangFarben in den durchaus fordernden Sound. 4
Nochmal "anstrengender" ist die Musik des aus Lisa Ullén (p), Elsa Bergman (b) und Anna Lund (dr) bestehenden Trios SPACE, das sein am 25.09.23 im legendären Cafe OTO gespieltes "London Concert" (Fönstret) nun in Vinyl pressen ließ. Die drei Schwedinnen kennen sich aus ihrer Zeit bei "Anna Högberg Attack" und an jenem Septemberabend gelang ihnen das, was wirklich guten (Free)Jazz ausmacht: hier folgt jede ihrer eigenen Linie und doch gehört alles zusammen. Hier klappert es auf höchst interessante Weise, dort erkundet das Klavier außerirdische TastenKombinationen, da schwingen die BassSaiten jenseits jeder Norm. Frei improvisiert und doch passt jeder Ton, jeder Klang, jede Idee zu seinem/ihrem Nachbarn. Vielleicht lag’s an der speziellen OTO-Atmosphäre (ich muss da unbedingt mal hin!), ganz sicher aber am Space-Können! 5
Der in Aachen lebende Pianist STEFAN MICHALKE trommelte für "Michalke & Strings" (JazzSick) nicht nur (s)ein aus den bewährten b(David Andres)-dr(Stefan Kremer)-sidemen und dem hervorragenden Trompeter Frederik Köster bestehendes JazzQuartett zusammen, sondern stellte diesem 4er ein klassisches Streichquartett zur Seite. Heraus kam Freundlicher Kammerjazz mit gelegentlicher KaffehausNote und ganz wunderbaren TrompetenMelodien. 4
Besagter Frederik Köster gastiert auch bei einem Stück auf dem neuen Album des ACHIM SEIFERT PROJECTs. "Woven Strings" (Traumton) birgt entspannten Jazz aus Klavier (und Fender Rhodes - beides Lars Duppler), zarten Bass-Improvisationen vom BandChef ("BL"!) und freundlichen drums (Rafa Müller). Dazu Hayden Chisholm am Saxophon (und mit gelegentlichem (Oberton)Gesang) – und fertig ist eine knappe Stunde schöner, sowohl entspannender wie auch fesselnder Jazz. 4
Klar, dass es auch bei den "Pulses" (roundrobyn) von CHRISTIAN FRENTZEN feat. NIR FELDER immer wieder ein Klavier zu hören gibt, der Chef ist schließlich Pianist. Aber die GitarrenBeiträge des New Yorkers Felder fügen dem Album ganz neue Facetten Rock und Funk hinzu (z.B. bei "Last November") zwischen. Die Begleitung von drummer Moritz Müller und ganz besonders die von Bassist Thomas Stieger ist mit "solide" völlig unterbewertet, es gibt zusätzliche Gäste an Sax und (besonders präsent bei der abschließenden "Moog Sequence") Querflöte (Marc Doffey), Trompete und Flügelhorn (Chris Mehler), Posaune (Michael Theissing-Tegeler) und Perkussion (Roland Peil). Also: eine perlende E-Gitarre, Flöten- und andere feine Bläsereien, ein zuweilen psychedelisches, zuweilen sehr funkiges Keyboard, der prägnante Bass und das abwechslungsreiche Schlagzeug bilden hier eine sehr gelungene Einheit. 4
Exzessiver Flöteneinsatz und FunkElemente finden sich auch auf "embrace"(o-cetera) vom Leipziger Projekt WELTEN. Zwischen Wurlitzer- und MoogSounds jubilieren 70ies-JazzFunk-DamenChöre ("Wollam") oder eine verrauchte JungDamenStimme (Welten-Neuzugang Anna-Lucia Rupp, auch an Synth und Perkussion) wie in "Things will be okay". Das alles findet statt auf einem Bett aus schön als elektronische PopMusik verkleidetem Jazz. Ein filigranes, doch durchsetzungsstarkes Schlagzeug (in "Senza Glutine" z.B. ist es ziemlich robust) und flächige SchwebeSounds aus den Keyboards begleiten verliebt, wohingegen sich der Bass regelmäßig darauf beschränkt, das alles mit tiefsten BrummTönen zu unterfüttern. 4
Die STARKGROUP versammelt sich um den Schweizer SaxMann Orima Stark und legt mit "Glades - and other mystical places" (RockArchive) ein Debut vor, das weniger mit Rock zu tun hat, als der Labelname es vermuten ließe. Unspektakulärer, wenngleich ganz gut gemachter GniedelGitarrenJazz mit einem Saxophon auf Schmusekurs (aber nur gelegentlich, es kann auch heftiger: "Red Top Intro") aus dem eine eher düster-ambiente Nummer wie "Ajna" angenehm herausragt. 4
Wir bleiben beim Zugänglichen: Die KANCHA LANKA KOALITION veranstaltet auf (dem) "Kanal" (XJazz) eine JazzRundfahrt durch Kreuzberg: von "Schlesisches Tor" mit der "Hochbahn" über den "Kanal" zur "Urbanstraße" und dann vom "Mehringdamm" zum "Gleisdreieck". Diese Art funky TrompetenGitarrenJazz zu groovigem Schlagzeug/Bass neigt zwar hier und da etwas zum "Gniedeln", ist aber dennoch unbedingt hörenswert. 4
Zwischen (Klavier)Jazz, solidem (und dadurch vielleicht auch etwas langweiligem) Rock und ein wenig Pop lässt die Kölner Chanteuse LISA KÜHNEMANN ihrem "Schiefsinn" (JazzSick) freien Lauf. 3
Auch bei "Half Sun" (Smekkleysa) vom isländischen Gitarristen MIKAEL MÁNI finden sich zwischen diversen JazzIdeen solche aus verträumtem Pop, hin und wieder etwas Funk und auch ein wenig (Post)Rock. Nichts für Puristen, aber deshalb ja noch lange nicht schlecht! 4
Die MOON INHABITANTS hingegen spielen auf "Canned Luna" (Sauajazz) fröhlich-freien, dennoch sehr strukturierten Jazz, den man – sofern man einige Freiheitsgrade berücksichtigt - gern auch Neo-Be-Bop nennen darf. Ganz großartig z.B. die KlavierEinWürfeWürfeWürfeWürfe bei "Dysnomia". Überhaupt enthält dieses (letzte) Stück grandiose Soli von allen Beteiligten (besonders schick hier die drums). 4
Kurz vorm Schluss bleibt noch der Hinweis auf zwei re-issues des Tausendsassas DAVID MOSS, nämlich das im Original 1984 erschienene "Full House" und "Dense Band" von 1985 (beide als "Remaster 2026" bei Yatak). Beim das letztere Album eröffnenden "Stride" singt Moss wie ein delirierender Samurai mit Tourette zu einer Art verzweifeltem, auch die übrigen Stücke wie eine SchwefelWolke durchziehenden Knitting-Factory-Jazz-RockJazz. Der besteht aus fraktalen Gitarren, einigen Platten-scratches (wie bei "Slow Climb"), unglaublich viel Nervosität (auch und gerade in den drums) und verwirrender BassArbeit. Und natürlich quietschen, knarzen und schreien dazu Saxophone aller Art. Das gleitet dann (wie z.B. in "Surface Tension") auch schon mal ins komplett Abstruse ab: ein Stottern aus Silben, Noten und einzelnen Trommelschlägen. Mit dabei u.a. Tom Cora, Fred Frith, John Zorn, Arto Lindsay und Wayne Horwitz - die üblichen Downtown-Verdächtigen. Auch bei "Full House" folgten zahlreiche (schon damals sehr prominente) Gäste Moss’ Einladung: wieder Lindsay, Zorn und Frith; aber auch Fred Maher und Bill Laswell, Phil Minton und David van Tieghem. Und auch hier liefern sie alle zuverlässig ab. Wobei – mal ganz ehrlich – nicht jede der StimmExertitien zwischen Krächzen, Würgen, Stammeln und Knarren wirklich überzeugt (die knapp 2 Minuten "Heads Up" mit Lindsay hätten vielleicht nicht sein müssen). Die SchlagzeugStudie "Drum Men" mit Fred Maher hingegen ist dann wieder zweifellos sehr hörenswert. Oder das im Grunde nur aus Schreien und Beckenschlägen bestehende "Shout & Twist" (wieder mit Lindsay). Entscheidet selbst – legendär ist hier vieles… 4/4
Auch wenn die Musik dem Hörer durchaus Konzentration abverlangt, sind die "Interior Realms vol. I" (Sonic Pieces) des Briten SIMON GOFF doch geeignet, hiernach ein wenig runterzukommen. In einigen Stücken verschränken Anne Müller am Cello und der MinimalKomponist höchstselbst an Geige und Bratsche ihre Saiten mit den das Bild ansonsten dominierenden elektronischen SchwebeSounds. 4
Und so kann ich euch doch noch beruhigt in den Herbst entlassen…
Fear No Jazz
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