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Den März begrüßen wir mit der frohsinnigen Musik des sächsischen Quartetts FLOSSE (sehr schöner Name by the way! – wie wir weiter unten noch sehen werden, scheint dieser Monat einer für Bands mit schicken Namen zu sein). Deren "Lotterleben" (Dynamite Platten) findet zu Bass und Schlagzeug zwischen Trompete und Saxofon statt. Heraus kommt leger-elegischer EntspannungsJazz, der sehr gekonnt die Balance aus freier Form und Struktur bewahrt; eine Nummer heißt denn auch sehr treffend: "Abbruch und Erneuerung". Während die "Eisbärenparade" sehr getragen und beinahe feierlich absolviert wird, geht es beim "Hallenjojo" freier zu (ihr merkt: Humor haben die Herren, auch und gerade bei der Namensfindung für ihre Stücke). Immer aber ist das Motto von Titel #6 Programm: "Enjoy Relax Resist"! 4Ein ganz ähnliches Programm fährt der Düsseldorfer Gitarrist PHILIPP WISSER in der "5th Dimension" (JazzSick). Das TenorSax von Christoph Klenner liefert sich schöne Zwiegespräche mit Wissers facettenreichem GitarrenSpiel; Daniel Guerrero (dr) und Conrad Noll (b) sorgen für das Fundament, dürfen aber auch mit SoloPassagen glänzen. Ich bin ja bekanntlich nicht sehr Theorie-sicher, weshalb mir die feine Anspielung des CD-Titels ohne diesen Hinweis von Philipp Wisser sicher verborgen geblieben wäre: "Viele der Harmonien auf "5th Dimension" haben eine Terz-Verwandtschaft und die Terz wiederum ist der 5. Oberton." Er führt dann weiter aus: "Wesentlich geläufiger – aber eben nur eine Stufe darunter – liegt der Quintenzirkel, basierend auf dem 3. Oberton. … Warum existieren gewisse Harmonien überhaupt? Warum funktionieren bestimmte Skalen? Ich kannte die Regeln, aber vieles davon war lebloses Wissen." Bei mir ist solches Wissen nicht mal leblos, sondern schlicht kaum vorhanden, weshalb ich bei MusikerGesprächen an dieser Stelle regelmäßig wegdämmere. Wach werde ich aber, wenn dann wieder Musik ertönt, die so gekonnt und kraftvoll ist wie diese hier. 4
EN ROUTE, BOYS ist ein prima Bandname, dachten sich drei Kanadier (aus dem Info lernte ich, dass er eine Referenz an Hunter S. Thompsons "Hell’s Angels" ist). Und weil der Name so toll ist, heißt auch ihre Debut-CD (Groupe Fovéa) so. Darauf hören wir schöne, zwischen PostRock und AmbientJazz pendelnde, semi-elektronische InstrumentalStücke voller quasi-analoger Wärme und mit einem beat auf dem RuhepulsLevel eines gut trainierten AusdauerSportlers. 4
Was ANJA OM PLUS auf ihrem "Tiny Little Boat" (Selftape) veranstalten, möchte ich "stimmenbetonte Musik zwischen ArtPop, Jazz und KunstLied" nennen. "She’s on the mission of the sirens" heißt es in einem Song und das dürfen wir (auch wenn dort der Zusammenhang vielleicht ein anderer ist) durchaus wörtlich nehmen. Denn um die Bandchefin Anja Obermayer versammeln sich fünf weitere österreichische Sängerinnen (deren sonstige Projekte – u.a. Hikee Bikini, June In October, 85 MILD, no:no, K.Cit, Globular Cluster und The Void Quintett - mir mangels genauerer Szenekenntnis leider nix sagen) und schon haben wir eine feine Sirenen-Schar. Die lockt uns mit gut arrangierten a-capella-Setzungen; die spärlich, aber mit sicherer Hand hinzugefügten instrumentalen Elemente (im Wesentlichen etwas Trommel, Klavier und Klatschen) passen sich bestens an und in den Damengesang an. Bzw. ein. Die Verweise auf Björk, die einige Kollegen offenbar fleißig voneinander abschreiben, teile ich übrigens nicht. 4
Mit der 7" "Svens vaggsång / Speldosa och två halva timmars sömn" (Thanatosis) vom VILHELM BROMANDER UNFOLDING ORCHESTRA nähern wir uns der FreeJazzZone. Während "Svens Schlaflied" mit seiner feinen HolzBläserStimmung noch ziemlich gesetzt und insofern namensgerecht daherkommt, entfaltet das norwegische GroßOrchester auf der Rückseite aus recht verhaltenen Anfängen ein nettes kleines Inferno aus Quietschen, Klappern und Kreischen, das bei aller Freiheit dennoch auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Über den Songtitel "(Eine) Spieldose und zwei halbe Stunden Schlaf" darf man dazu gern sinnieren...4
Wir bleiben im JazzParadies Norwegen: "Aerial" (Aspen Edities) heißt die neue LP des phantastischen AvantQuartetts OKER. Dort spinnen Jan Martin Gismervik (dr, Perc), Torstein Lavik Larsen (tr, perc), Adrian Myhr (b) und Fredrik Rasten (git) einen transparenten KlangTeppich aus feinsten KlapperFäden und SaitenTüchern, durchweht von einer seichten TrompetenBrise. Wunderbar! 4
Auch wenn sie wohl schon seit Jahren befreundet sind, eine Zusammenarbeit von PHEW & DANIELLE DE PICCIOTTO ist – jedenfalls für mich – keine wirklich naheliegende Kombination. Aber eine doch sehr gut funktionierende, wie sich auf "Paper Masks" (Mute) nachhören lässt. Das organisch-elektronische Blubbern, Pfeifen, Sirren, Quietschen und Pumpen der Japanerin umschmeichelt de Piciottos höchst kunstvolle WortSetzungen. Man sollte an dieser Stelle durchaus (noch) einmal erwähnen, dass die (nebenbei verblüffend akzentfrei Deutsch sprechende) Amerikanerin den umgekehrten Weg zu vielen deutschen GymnasialPop-ern geht und als englische Muttersprachlerin auch hervorragende deutsche Texte schreibt. Die Klanginstallationen können dabei durchaus harschere Formen annehmen, wie das feedback-durchsetzte "Sugar Sprinkles" unter Beweis stellt. Auch des immer mal wieder exzessiv eingesetztem vocoders wegen fragte ich mich manchmal: ist das Laurie Anderson reloaded? Nein, es sind Phew und Danielle de Picciotto, zwei sehr eigenständige Künstlerinnen, die hier – über alle räumliche Entfernung hinweg - etwas ganz Großartiges geschaffen haben. 5
Die "After Hours I" (Room40) von WESTERN GREY gibt’s nur als DL. Wenn man sich das aber trotzdem über eine vernünftige Anlage zu Gemüte führt, wird man in den ersten 30, 40 Sekunden erstmal etwas ratlos am Lautstärkeregler drehen, denn die bestehen zu großen Teilen aus akustischem Nichts. Und doch raschelt und knistert es gelegentlich, woraus sich über die insgesamt gut 50 Minuten eine faszinierende KlangSkulptur formt. Die Australier Philip Samartzis (electronics, field recordings, records and microphones), Sean Baxter (percussion, room acoustics and found objects) und David Brown (electro-acoustic guitar) erkundeten dafür während dessen Sommerpause die akustischen Eigenschaften des Melbourne KünstlerKlubs "West Space" (konsequenterweise wird auch der Raum in den credits gewürdigt: "West Space: material sound, room tone and acoustics"!). Gongs und Vogelgezwitscher, Knarren und Summen, Schienengeräusche(?) und SinusTöne, sanftes Zischen und scharfes Reißen – ein sehr geschmackvoll angerichtetes elektronisch-(raum)akustisches Buffet! 4
Organisiert hatte die dritte Ausgabe des "eavesdrop festival", das am 6. und 7. November 2024 in der beeindruckenden Betonhalle des Berliner silent green (ja, das war mal ein Krematorium) stattfand, keine geringere als Jasmine Guffond. Neben live-Auftritten von Rashad Becker, Audrey Chen & Hugo Esquinca, Mariam Rezaei, Nima Aghiani, Mat Pogo, Nina Garcia und Ilpo Väisänen und DJ-Sets von Oren Ambarchi & crys cole und Jessica Ekomane gab es an den beiden Tagen auch Klanginstallationen von Louis Cameron, Jasmine Guffond & ilan katin und Lottie Sebes zu erleben. Dass ich nicht dabei sein konnte, habe ich damals sehr bedauert. Umso erfreulicher, dass Karlrecords eine auf 100 Exemplare limitierte Kassettendokumentation dieser beiden Abende anfertigen ließ. So können wir auf "eavesdrop festival 2024" (Karlrecords) nacherleben, wie Elektronik malträtiert wurde, Plattenspieler zu virtuos bedienten Instrumenten mutierten und mit Synthesizern und Gitarren experimentiert wurde und – für mich der Höhepunkt des Mitschnitts - wie der Italiener Mat Pogo aus Dada und LautPoesie eine wundervolle SprechPerformance inszenierte. 4
Ein prominenter Großvater kann Fluch und Segen sein, denn zwar werden viele beim Enkel von Sergei Prokofjew eher hinhören – aber eben auch genauer. Wie auch immer, das neueste Werk von GABRIEL PROKOFIEV heißt "Dark Lights" (Nonclassical) und wurde mit der Pianistin Viviana-Zarah Baudis vom FAMES European Youth Orchestra eingespielt. Das Material bewegt sich zwischen klassischem Klavierkonzert, sinfonischer Romantik und leichten Avantgardismen (die v.a. der eingestreuten Elektronik zuzuschreiben sind). Das ist nett und unterhaltsam, zuweilen sogar wirklich spannend - auch durch die zwischen tastendem Experiment (NWAKKE) und beatlastiger Umarbeitung (Adhelm) pendelnden Remixe. 4
Und zum Schluss wieder eine Empfehlung für Freunde von Barock- oder ganz allgemein guter Musik: Das vor 8 Jahren von vier Studentinnen der Londoner "Royal Academy of Music" (Louise Ayrton - Barockvioline, Lucie Chabard – Cembalo/Orgel, Mariamielle Lamagat - Sopran und Alice Trocellier - Viola da gamba) gegründete Ensemble THÉODORA widmet sich auf ""Tranquilles Cœurs" (Alpha) Stücken, die im Deutschland des 18. Jahrhunderts "in französischer Manier" entstanden und die insbesondere von Jean-Baptiste Lully (und dem hier ebenfalls zu hörenden André Campra) geprägten musikalischen Moden aus dem Versailles des Sonnenkönigs nachzubilden suchten – man spricht noch heute von den "Lullisten". Neben den französischen Meistern dürfen wir hier aber auch Musik von weniger bekannten Namen entdecken, darunter Georg Böhm, Johann Fischer und Johann Philipp Krieger (der durch sein langjähriges Wirken in Halle und Weißenfels zumindest in meiner sachsen-anhaltinischen Heimat relativ bekannt ist). Trotz (vielleicht aber auch gerade wegen) der verhältnismäßig kleinen Besetzung – zur Grundbesetzung von Théodora treten lediglich hier und da die Theorben-Spieler Sergio Bucheli und Léon Serafin sowie Amandine Solano (v) als Gäste hinzu – entfaltet sich eine zauberhafte Atmosphäre, deren Reinheit und Klarheit bei allem Willen zur Verzierung doch sehr beeindruckt. Ganz wundervoll auch der Gesang von Adèle Charvet, die mit ihrem herrlich vollen Mezzosopran Lullys "Duo de la paix et de la félicité" zum Strahlen bringt. Eine tolle Platte! 5
Fear No Jazz
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