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Auch wenn CHRISTIAN KÖGELs gemeinsam mit Kalle Kalima eingespieltes DoppelAlbum "M"(X-Jazz!) auf einem Label erscheint, das den Jazz im Namen trägt, ist das alles gar keiner. Eher orchestrale Rockmusik mit Schwerpunkt Pedal Steel Guitar. Oder eben einfach nur: (gute) Musik. Als Bezugspunkt diente Olivier Messiaen, deshalb gibt’s hier auch einige "Éclairs" – und in der etwas gniedeligeren "Here"-Abteilung (CD 1 heißt "Now") sogar einen "Yurt Rock". Am Bass zupft übrigens der umtriebige Paul Kleber und die Stücke tragen so schöne Titel wie "Quatuor pour la fin du temps". 5Schwankend zwischen semi-akademischem JazzGesang, italienischer (Kriegslied)Folklore und halb akustischen, halb elektronischen Avantgardismen spaziert SILVIA TAROZZI auf "Lucciole" (Unseen Worlds) durch – der Labelname weist den Weg hier sicherer – tatsächlich bisher un- mindestens aber selten gesehene Welten. Eine sensible Re-Interpretation von Milton Nascimento’s "River Phoenix" steht da neben (in diesem Fall auch in) feingliedrigen Theremin-Zerrungen (Valeria Sturba), field-recordings und Jazz- oder MidiBläsern. Am Ende trällert der von ihr seit vielen Jahren geleitete Kinderchor Piccolo Coro Angelico so enthusiastisch wie charaktervoll die "Distratta (reprise)" und viel schöner konnte diese Platte kaum enden. 4
Die "Music for Intersecting Planes" (Ideologic Organ), die LEILA BORDREUIL + KALI MALONE erfunden haben, kommt als eine spukhafte KlangWirkung. Die Orgel-spielende Komponistin Malone schabt gemeinsam mit ihrer Kollegin Bordreuil am Cello SoundSchicht um SoundSchicht von den Wänden der altehrwürdigen Pfarrkirche Saint-Théodule im schweizerischen La Tour-de-Peilz (das liegt sehr malerisch am Ostufer des Genfer Sees, zwischen Lausanne und Montreux). Die drones durchdringen das alte Gemäuer und regen es zu (natürlich nur spür- nicht hör-baren) Resonanzen an; Obertöne und WellenMischungen umspielen die GrundSounds. Die schwebenden Klänge erzeugen eine Stimmung aus dunkler Romantik, scharfer Extravaganz und ritueller Strenge. Dass die Aufnahmen nachts bei Kerzenlicht gemacht wurden, unterstreicht deren mystischen Charakter. Ein halbstündiger und dennoch "Endless Dance of Eternal Joy"...5
Wenn das New Yorker METROPOLIS ENSEMBLE unter Andrew Cyr gemeinsam mit dem Pianisten ERIK HALL und den Leuten von SANDBOX PERCUSSION den "Canto Ostinato" (Western Vinyl) des niederländischen Minimalisten SIMEON TEN HOLT als einstündige Xylophon-Fassung spielt, gewinnt das Vielen bereits vertraute Stück ganz neue Dimensionen. Die zarter KlavierLinien werden mit dem sich kontinuierlich (ver)ändernden und doch eine dramatische Gleichförmigkeit bewahrenden Rhythmus der durchaus auch melodiösen Perkussionisten (hinzu treten hier und da feine BläserSetzungen oder melodramatische Streicher) verschränkt - nicht zu Unrecht darf man immer sich wieder an den großen Wim Mertens erinnert fühlen. Auch wenn zum Ende hin ein wenig Filmmusik-hafte Seichtheit Einzug hält, kippt die Musik niemals in neoklassische Süßlichkeit - eine großartige Arbeit! 4
Etwas strenger, aber in seiner minimalistischen Schönheit dennoch vergleichbar sind die drei Arbeiten, die JOHN McGUIRE für "Double String Trios" (Unseen Worlds) geschrieben hat und die unter Dirigent Axel Lindner in der Kölner Kunst-Station Sankt Peter eingespielt wurden. McGuire wurzelt als Schüler von Stockhausen und Penderecki tief in der akademischen Avantgarde und hat doch auch immer wieder deren Ränder ausgetastet (nicht nur mit den fulminant-minimalistischen "48 Variations For Two Pianos", die ich immer mal wieder mit großem Genuss höre). Hier nun stehen sich zwei klassische StreichTrios (Geige-Bratsche-Cello) gegenüber und suchen den Dialog aus Melodie(Fragmenten), harmonischen Bögen und theoretischem Überbau (u.a. Fibonacci, klar). Das gelingt in großer klanglicher und musikalischer Klarheit, die repetitiven Elemente fügen sich Stück für Stück zu einer soliden Einheit. 5
Eine ganz andere Form von nahezu außerweltlicher Schönheit steckt in der Stimme der dänischen Sopranistin ELSA DREISIG – wenn sie z.B. an der Berliner Staatsoper singt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich verzückt im Publikum sitze. Ihre jüngste Solo-CD heißt "Invocation"(Erato/Warner) und ist tatsächlich so etwas wie eine Anrufung des Göttlichen. Es beginnt mit dem einfühlsamen "Lied an den Mond" aus Dvořáks "Rusalka", dem "Kde to jsem?", das "Gebet" aus dem 2. Akt von Janáčeks "Jenůfa", folgt. Diesen semi-folkloristischen Klang spiegeln später "Solveigs Lied" aus "Peer Gynt" von Edvard Grieg oder auch die "Letzte Rose" aus Flotows "Martha". Nun ist (wohl nicht nur) meine Liebste der Meinung, dass nach der Callas niemand mehr "Casta Diva" singen sollte (obschon wir beide keine großen Fans der griechischen Primadonna assoluta sind), aber wie Dreisig diesen Schmachtfetzen hier intoniert, das hat schon Klasse. Viele weitere große Namen finden sich: Puccini, Verdi, Bizet, Rossini, Gounod, auch Wagner (der mir nicht so liegt, aber "Tannhäuser" geht noch und "Allmächt’ge Jungfrau! Hör mein Flehen" gelingt Dreisig sehr schön). Mit dem dänischen Romantiker Peter Heise und der gleichfalls der (Spät)Romantik zuzuordnenden US-Amerikanerin Amy Beach finden sich auch einige "Exoten" und die in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts als Opernkomponistin(!) tätige Carolina Uccelli kannte ich bis dato überhaupt nicht. Zwei Arien aus "Anna di Resburgo" schließen diese Lücke und erklingen hier als "World-premiere recording". 80 Minuten lang präsentiert sich Elsa Dresig als wundervolle Sängerin, mit großer Stimme und starkem Ausdruck - an ihrer Seite Orchester und Chor des Teatro Carlo Felice di Genova unter dem Dirigenten Claudio Marino Moretti. 5
Man kennt RADWAN GHAZI MOUMNEH als Mitglied von (u.a.) Jerusalem In My Heart und Land Of Kush, aber auch als Miteigentümer und Toningenieur des Montrealer Studios Hotel2Tango (in dem etliche Constellation-Bands aufnahmen); sein Freund FRÉDÉRIC D. OBERLAND ist (uns) durch das Projekt Oiseaux-Tempête vertraut. Gemeinsam fabrizieren sie auf "Eternal Life No End" (Constellation) eine Mischung aus klassischer arabischer Musik und AmbientSynthSounds, die verblüffend gut funktioniert und – ganz wichtig – jede Form von esoterischem TeeladenKitsch vermeidet. Der zugehörige arabische Titel bedeutet übersetzt übrigens wohl etwas so poetisches wie "Eine dunkle, verfluchte Nacht, wie die Suchenden selbst" – was mir persönlich wesentlich besser gefällt als das etwas profane englische "Eternal Life No End"...5
Zur Situation im Iran fällt mir nichts Schreibbares ein – was dort passiert ist eine geistig-moralische Armutserklärung für die gesamte Menschheit (mit Ausnahme der mutigen Iraner Opposition vielleicht). Aber es gibt ja noch die Musik aus dieser großen Kulturnation, die uns kurz auf andere Gedanken bringen kann. Z.B. die des in den Niederlanden lebenden Kamantsche-Virtuosen SABA ALIZADEH. "Rituals Of The Last Dawn"(Karlrecords) verteilt auf 2 LP-Seiten (die passend "First Ritual" und "Last Ritual" heißen) meditativen Ambient, rau-zarte AvantgardeAnsätze und traditionelle KlangFarben. Die Gastbeiträge von Pietro Caramelli (guitar/electronics) und Liew Niyomkarn (lap steel/electronics) umranken das hochsensible SaitenKratzen von Alizadehs Stachelgeige auf das Feinste – lasst euch gern mal in diese fremdartige Vertrautheit fallen! 5
Auf Relative Pitch erscheint "Open Space", ein Satz von ImprovisationsStücken, die FIE SCHOUTEN (cl), VINCENT COURTOIS (clo) und SOFIA BORGES (dr) gemeinsam mit dem Sprecher PIERRE BAUX nach Texten des Buches "Espèces d'espaces/Species of Spaces" von Georges Perec entwickelt haben. Dieser angeblich kanonische Text sagt mir erstmal nix und wegen meiner schwachen Französisch-Kenntnisse kann ich dem Inhalt auch nur schwer folgen. Umso spannender die Musik: eine feingliedrige InstrumentalUntermalung aus zappelnden (Bass)KlarinettenTönen, PerkussionKlappereien und SaitenNervositäten; frei, aber keineswegs strukturlos und in der Auswahl und Zuordnung der Instrumente ebenso durchdacht-vertrackt wie anarchisch. Das reicht von diversen – und immer anders klingenden – Klarinetten bis zum dramatischen GlöckchenKlingeln und vermag den Hörer immer wieder neu zu packen. 4
"Shrew" (SusannaSonata) beginnt mit einem verrauscht dahin geraunten Rezept zur Zubereitung geköpfter Hühner und geht dann über in schabende Spaziergänge durch unerhörte, immer wieder von eigenartigen Stimmen durchwehte Klangräume. Klirren und Ploppen, Pfeifen und Zischen, Gongen und Klingeln, Wischen und Hallen – das alles wird hier zu (freilich anstrengender) Musik. Anstrengender, aber auch sehr schöner Musik, für die sich Ina Sagstuen & Natali Abrahamsen Garner aka. PROPAN mit der großartigen VokalKünstlerin STINA STJERN zusammengetan haben. 5
Bleiben wir noch etwas mysteriös-selbstvergessen: STINE JANVIN ist eine ebenfalls norwegische, ebenfalls brillante und ebenfalls höchst avancierte Chanteuse, die sich gemeinsam mit dem Elektroniker MORTEN JOH daran macht, die Tradition des "Liksong" (also des "Leichenlieds") in neuem Gewand wieder zu – ähm – beleben. "Or Gare: Funeral Procession Music from Ryfylke, Norway"(Futura Resistenza) enthält acht (post)moderne, elektronisch konnotierte KlageLieder, vorgetragen mit einer ehrlich-entrückten Stimme; so, wie es vielleicht neuzeitliche Nornen beim Weben (und Zerreißen) des Schicksalsfadens täten. Rhythmusfrei schwebende Klänge, "haunting" im Fisher’schen Sinn (weil gespensterhaft-außerweltlich). "Processing grief – Transcendens" ist ein tatsächlich transzendenter TrauerGesang der Gemeinde, der sich in einer elektronischen Verzerrung und sphärischen SynthSchwebungen auflöst. Und das in all seinem Gram doch irgendwie optimistische "Acceptance - Kom, Menneske, At Skue Mig!" kommt gar als OrgelElegie. Wozu dann der als "Postlude" dieses beeindruckende Album abschließende Bach-Choral "Erbarm' Dich Mein, O Herre Gott" (BWV 721) in seinem elektronischen Dröhnen bei zugleich feinster harmonischer Aufbereitung bestens passt. 5
Auch bei PAUL LAYs "Waves Of Light" (Dragon Fly) geht es – zumindest zeitweise - um "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen". Hierzu erklingen aber keine elektronischen Absurditäten, sondern feiner KlavierTrioJazz, der durch die formidablen SängerInnen zu etwas Besonderem wird. Die trällern zwischen Hair(Musical)Chören und klassischem Jazz(Kunst)Gesang ganz bezaubernd - probiert z.B. mal das ChorStück "Hear my prayer O Lord"! 4
Und damit sind wir zurück beim "richtigen" Jazz: GREGOR SCHOR UND DAS GRÖSSTE GEMEINSAME VIELFACHE spielen "Am Grund" (JazzSick) selbigen sehr lyrisch, aber doch mit kleinen Ecken und Kanten. Die stark besetzte Bläsersektion lässt das dann hier und da beinahe ins Big-Band-hafte kippen. 4
FLORE BENGUIGUIs "i-330" (Decca) ist leichtfüßig und bezaubert mit fröhlichem Gesang und flotter Rhythmik, fürchtet sich aber auch vor vocoder-geschwängerten Nummern wie "Everything Happens To Me" nicht. Denn auch die verwandeln ein zarter Bass und ein lockeres Streichelschlagzeug in wunderschönen JazzBarJazz. Mal tritt ein verschmustes Stan-Getz-Sax dazu, anderes erinnert mit dem (Vorsicht! Jetzt kommt sexistische Kackscheiße!) JazzSchnurrkätzchenGesang entfernt an Grys auch schon wieder mehr als 25 Jahre alten ElektroSwingStomper "Princess Crocodile" (aber an die damals von FM Einheit protegierte Dänin erinnert sich ja leider sowieso niemand mehr). Das ist wirklich schöne Musik – die man so eigentlich viel zu selten hört. 5
Stark zum (klugen) Pop neigt sich "The Match" (enja) von JOHANNA BORCHERT & MILES PERKIN. Gleich im grandiosen opener "Last In The Pack" erhebt sich Borcherts lyrisches Piano (bzw. der Blüthner-Flügel, der sich in Guy Sternbergs Berliner "Low Swing Studio" fand) über Perkins starken drums. Auch den (ebenfalls von Miles Perkins bedienten) KontraBass darf man durchaus energisch nennen – Johanna Borcherts zarter Gesang fügt sich da bestens ein. Anschließend wird mit "Breaking" dann auf dunklem BassBoden eine zittrige akustische KlapperKratzNummer serviert. Und es geht immer weiter und weiter: knapp 45 Minuten lang lässt sich hier eine wundervolle, fremdartige Form von jazziger PopMusik genießen. Ganz nach dem radio eins-Motto "Nur für Erwachsene"! 5
Fear No Jazz
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