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Während draußen auch in den späten Abendstunden noch eine drückende Hitze knallt, entfleuchen meinen Boxen ziemlich coole JazzKlänge, darunter erstaunliche viele in Deutschland produzierte. Begeben wir uns also zunächst auf den "Freedom Trail" (Cam Jazz), den das Trio REIS - DEMUTH - WILTGEN gemeinsam mit den von Vince Mendoza dirigierten Luxemburger Philharmonikern (und bei dreien der insgesamt acht Stücke mit TenorSax-Maestro Joshua Redman als Gast) präpariert hat. Schwelgerischer BreitwandOrchesterSound trifft auf sensible BassFiguren und zarte KlavierLinien, fragile ViolinParts und nicht minder zarte HolzbläserSoli gehen in großformatige tutti-Passagen über – es ist ein (sehr schöner) Traum. 4Der Schlagzeug spielende Komponist JONAS SORGENFREI hat sich über die Jahre in diversen Formationen, u.a. mit dem famosen Playground Quartet, einen sehr guten Namen ertrommelt. "Cracks In The Silence" (unit) heißt sein inzwischen fünftes Album als Bandleader und auch das weiß mit lyrischem, niemals aber banalem Jazz zu überzeugen. An seiner Seite spielen der Saxophonist Florian Trübsbach und Gitarrist Philipp Brämswig mit der notwendigen Nonchalance, aber doch voller Konzentration und mit Matthias Akeo Nowak weiß Sorgenfrei einen stabilen Bassisten an seiner Seite. Beim nur gut eine Minute langen "A New Dawn", das die zweite, auch durch diverse elektronische Effekte etwas experimenteller geratene Seite eröffnet, hören wir übrigens den großartigen Wanja Slavin am Synth. 5
Dass FABIAN DUDEKs "Recent" (Furusato) auf einem Mitschnitt des tatsächlich ersten öffentlichen Auftritts seiner aktuellen Besetzung basiert (2023 im JAKI-Klub im Kölner Stadtgarten), merkt man dem Album an keiner Stelle an. Es sei denn, man schriebe die Spontanität und große Dringlichkeit im Ausdruck diesem Umstand zu. Der Kölner Saxophonist hat aber eben in drummer Leif Berger, Ruth Goller (E-Bass) und Felix Hauptmann am Klavier auch drei tolle MitMusiker gefunden. Es fällt (mir) schwer, diese JazzArt zu beschreiben: da sind durchaus Elemente aus der Post-No-Wave-Knitting Factory, aber auch Spuren klassischen (deutschen) CordsakkoträgerJazz’ und selbst für Brötzmannsche FreeJazz-Attacken ist in diesem gelungenen StilSammelsurium Platz. 5
Drummer ANDY GILLMANN scheint ein ziemlich humorvoller Zeitgenosse zu sein, immerhin fallen ihm für seine "Acoustic Impulse" (JazzSick) so lustige Stücktitel ein wie "Wupperfado" und tatsächlich bringt die hier zu hörende Form von GitarrenJazz auch einige portugiesische Einfärbungen mit (die "acoustic guitar" bedient hier übrigens Joscho Stephan als gern gehörter Gast). Das ist gar nicht übel, wie auch der Rest dieser Platte voll von harmonischem Jazz mit Spuren von Tango und Gipsy ist – selbst wenn wir das so und wenig anders auch schon sehr oft gehört haben. Mit viel Handwerk und eher wenig Innovation super - wenngleich hier und da vielleicht etwas zu gefällig – gespielt und inkl. einer von einem schön klagenden Akkordeon getragenen Fassung von "La vie en rose". 4
Mit dem britischen Projekt EMPIRICAL verlassen wir JazzDeutschland und tauchen trotz des Angst einflößenden Titels "Like Lambs: To The Slaughter" (Whirlwind) ein in eine WunderWelt aus vielerlei Kontrasten. Ivo Neames Klavier pendelt zwischen verhaltenen AkkordStakkati und spätromantischer Schönheit und umkreist gemeinsam mit David Preston als GitarrenGast die übergreifenden Ideen des 3-F-Empirical-KernTrios aus Nathaniel Facey (as), Thomas Farmer (b) und Shaney Forbes(dr). Formal ist das als eine Art JazzSuite angelegt (oder – je nach Lesart - auch zwei), in der sich mit "Like Lambs: Ignorance and Innocence" ein impressionistisches KlavierWuseln findet, das die Ohren zwischen all dem durchaus feinen, aber gern auch mal zupackenden StandardJazz sehr erfreut. Anderes, "Like Lambs: To Our Own Demise" z.B., sind schöne Sax-Schlagzeug-Orgien voller Freiheit und Kraft in denen aber ebenfalls, irgendwo ganz hinten oder unten, Neames’ Klavier wühlt. Das wird sogleich von einer zarten JazzGitarre abgelöst ("The Garden of Beginnings: Earth") und spätestens im finalen "The Garden of Beginnings: Divine Revelation" löst sich das meiste tatsächlich auf in "stillem Optimismus" (danke, liebes Plattenfirmeninfo!). 5
MÓGIL ist ein isländisches AvantJazz-Quintett mit Affinitäten gleichermaßen zu Pop wie zu exaltiertem Gesang und das geht auf "Norðlandínus"(Mógil Music) sehr gut zusammen. Neben Nummern mit klassischer Lauflänge finden sich auch einige wunderbare ExperimentalSkizzen wie die 21 Sekunden von "Humbolt" oder die gleich anschließenden 36 des Titelstücks oder die wiederum daran anschließenden 13 von "Hegel". Ob nun Gesangsübung über aus der Mode geratene Vornahmen oder verträumt-ent-/verrückte Trompeten-Dinger wie "Blóm eilífðarinnar" – hier wird man noch überrascht. Und zwar sehr angenehm! 5
MARLA HLADY & CHRISTOF MIGONE versammeln auf ihrer mit dem sog. "OAOAO choir" (bestehend aus Christa Eder, Hans Groiss, Claudia Gschweitl, Monika Kalcsics, Ulrike Leitner, Karin Linortner, Susanna Niedermayr, Ursula Scheidle, Anna Soucek, Alexander Tschernek, Mia Kirsty Weisz, Elisabeth Zimmermann und Stefanie Zussner – allesamt Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks, dessen "Kunstradio"-Abteilung diese Arbeit auch unterstützt hat) realisierten CD "On And On And Off" (Crónica) ein Dutzend ElektronikEtuden mit einer Gesamtspielzeit von etwas über 52 Minuten. Der ernste HörSpass beginnt mit "On On", der Atemübung eines Schaltkreises. "Off On" ist ein schön monoton und tief ins Schmerzzentrum bohrendes Stück IndustrieElektronik und auch das relativ lange, pfeifend-schabend vor sich hin krachende "Detailing" bezaubert unser hier höchst angenehm geschundenes Ohr. Konzeptionell basiert das alles auf 12 sogenannten "prompts": "12 people doing 12 things", zumeist auf ihrem Pendlerweg zur Arbeitsstelle beim ORF. Die letzten beiden Anweisungen sind übrigens diese: "Say 12 words starting with the letter ‘R’ and try to stay on the ‘rrrrrr’ for as long as possible. Stretch it until you almost forget what the word is." / "Repeat the letter ‘F’ as fast as possible for one minute." Sehr faszinierend! 5
Ein ähnliches Feld bestellen KR-KRR (das sind Nathalie Forget und Gilles Aubry) auf ihrem "Nebulage"-Tape (Sirr). Die französische Ondes Martenot-Spielerin Forget hat diverse Festivals von Donaueschingen bis zu den BBC Proms bespielt und namhafte AvantOrchester ebenso begleitet wie eine Faust-Inkarnation und den in Berlin lebenden Schweizer Aubry muss man Leuten, die sich für die hier zu vernehmende Art von SoundExperimenten interessieren, wohl nicht vorstellen. Ihre geglückte Kollaboration pendelt zwischen elektroakustischen HauchZeremonien und experimentellem SchwebungssummerSummen, zwischen ätherischen SphärenKlängen und handfestem Lärm, zwischen Schönheit und Gefahr. 4
Mit IVO PERELMAN, ELLIOT SHARP und CYRO BAPTISTA begegnen uns auf "Triacontagon" (defkaz) drei Veteranen der (Avant)JazzKlangForschung. Den Titel – GeometrieFanatiker wissen das natürlich – haben sie sich von jenem 30-seitigen Polygon entliehen, das auf den ersten Blick wie ein Kreis aussieht, aber eben keiner ist. Ein Triakontagon ist komplex (ihr könnt ja mal versuchen, eines zu konstruieren) und zugleich einfach (12° je Segment klingt eigentlich machbar); es ist perfekt, aber nur beinahe (sonst wäre es ja ein Kreis), es ist schön und doch unvollkommen. Was ein sehr passendes Bild für die hier zu hörende Musik ist. Freie Improvisationen und konzentrierte Strukturen, zarte Beckenschläge und dramatische Ausbrüche (deren Quellen man in Sharps geschundenen Saiten nur vermuten kann), nochmal: Schönheit und Gefahr. 4
Die andere, dem Experiment ab- und einem breiteren Publikum zugewandte Seite von Jazz soll nun aber auch noch kurz beleuchtet werden: SIYOU ist ganz bestimmt ein sehr netter Mensch, nur ist die Musik auf ihrer CD "About Me" (36Music), eine Art SoulPop mit missratener JazzNote und etwas AfroExotik (wie z.B. bei "Kothbiro"), leider vor allem eines: ziemlich langweilig. 3
Dass man konventionelle Musik auch mit drive vortragen kann, beweist hingegen MICA MILLAR mit ihrem Album "A Little Bit of Me" (Golden Hour). Soulful und durchaus nachtbarkompatibel, ohne schmierig zu sein, voller Rückgriffe in die IdeenKiste der goldenen Motown-SoulTage (wir dürfen an Diana Ross, Patti LaBelle und hier und da auch an eine cleane Amy Winehouse denken) und geprägt von der starken, dennoch schmeichelnd weichen Stimme der Britin. Schon der diesen schönen Reigen eröffnende Titelsong findet die perfekte Balance zwischen Groove und smoothness, aber auch up-tempo-Nummern wie "It’s You" machen richtig Spaß. 4
Noch rückwärtsgewandter und dabei doch ohne schalen Beigeschmack sind die Interpretationen tatsächlich zeitloser Klassiker wie "Come Fly With Me", "One Note Samba" oder "Witchcraft", die SIMONE KOPMAJER & VIKTOR GERNOT auf "You Wonderful You"(Lucky Mojo) in die Mikrophone schnurren und croonen. Stimmlich und technisch über jeden Zweifel erhaben gelingt es den beiden, ihr Duett-Programm aus besagten Standards und auch einige weniger bekannte Nummern unfallfrei und als gefälligen, aber eben auch recht guten MainstreamHitVocalJazz auf Platte zu bannen. Die leider nirgends benannten Begleitmusiker machen eine ebenso gute Figur – das ist wirklich solider Stoff (trotz "Blue Bayou"), auch wenn er hier und da leicht nach Mottenpulver müffelt. 4
Fear No Jazz
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