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QUICKSILVER

V.A.

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So. Irgendwie ging der Sommer vorüber, die Zeit war schön, aber knapp. Tatsächlich so knapp, dass die letzte(n) Kolumne(n) ausfallen musste(n). Deshalb heute umso mehr (und vielleicht auch noch knapper als ohnehin), das es zu besprechen gilt – verlieren wir keine Zeit und beginnen mit einem Projekt, von dem man in den einschlägigen Kreisen schon eine Weile raunen hörte, das nun aber greif- und hörbare Realität wurde: Denn tatsächlich ist es Bureau B gelungen, von allen vier noch lebenden Gründungsmitgliedern der KrautLegende FAUST musikalische Auskünfte zu ihrer jeweils eigenen Sichtweise auf ebendiese Legendenhaftigkeit in Form von vier Alben einzuholen. Die nicht fortlaufenden Katalognummern wird man in der Hamburger Stahltwiete sicher gut begründen können – uns ist das hier egal, wir gehen einfach der Reihe nach: BB455 ist "Fliegen Lernen (Curated by Gunther Wüsthoff)" und da ist der opener "Hörst du die Schritte" mit seinem "Buuuh"-DamenChor beinahe tanzbar, bevor mit dem "Charm Quarks Boogie" die alte Faust-Idee ein schönes update für’s elektronische Jahrtausend erfährt: kurz und knackig. Dann das sanft stampfende "Down, Down And Come To Me" und das meditative "Sandra tanzt" und schon ist die A-Seite zu Ende. "Erstbesteigung" ist ein gut gefundener tracktitel für die auf Seite B hingeraunte Aufzählung von Substantiven und das finale "Ganz gut, oder" (doch, kann man – trotz des hier etwas einfallslosen drum-programmings – schon sagen!) ein passendes Ré¬su¬mé für dieses im Wesentlichen von Onnen Bock, Dorothee Schüler und Tapete-/Bureau B-Chef Gunther Buskies eingespielte Werk. 4
BB486 "Gugaruz (Curated by Zappi Diermaier)" kommt schon deutlich geräuschhafter, das "Big Field" z.B. ist ein 15 Minuten langer hypnotischer Kracher aus VoodooDrums (Zappi, zusätzliche "drum effects" von Elke Drapatz), verschliffenen Gitarren (Dirk "Schneider TM" Dresselhaus) und zitternden SynthWänden (Ilpo "Pan Sonic/Angel" Väisänen). Der folgende "Saure(r) Regen" ist dann nur ein Ein-Minuten-Schauer, nein!, ein Platzregen aus GitarrenLärm. "Yesterday’s Gift" ist von einem Theremin-haften Wabern durchzogen, das über den einmal mehr ziemlich Voodoo-haften Tom-Schlägen thront. Und die Gitarre schneidet all das in handliche Stücke...5
"MOI (curated by Jean-Hervé Péron)" trägt die Kat.Nr. BB 488 und hier hören wir Kaleidoskopisches wie die mit brüchiger Stimme vorgetragenen, eher gekrächzten, Texte über eigenartigen Samples und Schleifen zum grund-hypnotischen AmbientAntiBlues "Splash!": Je suis malade! "Du fehlst mir" behandelt den Verlust des geliebten Haustiers – mir fehlt hier leider die Empathie und eigene Erfahrung, die Trauer um einen Hund wirklich nachfühlen zu können. Insofern und auch musikalisch ist dieses Stück objektiv wohl entbehrlich, subjektiv für die Péronsche SeelenBalance aber sicher sehr wichtig. Es folgt mit "L'Orchestre des Anges" eine filigrane ZwitscherStudie, dann TheorieNachhilfe in Form von schwebenden "Quinten & Quarten" (Sax wieder Mr. Buskies) und die KlapperSchichtung "Metro Nomen". "Dann stimmt irgendetwas nicht" (Sibylle Berg). "Writings On A Wall" spielt(?) mit Parolen und Empfindungen in StimmenVerschränkung: "No Border! No Nation! Stop Deportation! … Folgen Sie mir ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten! … Ich möchte meinen Ausweis abgeben…", bevor sich alles in der polyrhythmisch beklatschten Bläserei "Doux Ami" auflöst. 4
Hinter #BB509 verbirgt sich schließlich "Ungebunden (curated by Hans-Joachim Irmler)", der seine Zeit für eine noch am ehesten als "klassische" elektr(on)ifizierte Faust-Kraut-Rock-Meditation zu bezeichnende Suite aus "Gefallen" (18:32 Min. lang), "Zerfallen I + II" (in Summe 16:22 Min.) und "Auseinandergefallen" ("nur" 5:16 Min.) nutzt. 5
Nach diesem Kraftakt brauchen wir etwas Entspannendes: vielleicht "What Is Lost Will Return" (Swim~) von IMMERSION, auch weil hier hin und wieder die hypnotische SchlagzeugArbeit den einen oder anderen an Faust erinnern könnte. Wer’s vergessen haben sollte oder noch nie wusste: Immersion sind Samy Birnbach und Malka Spigel, die von schrägem NewWaveArtRock (mit Wire (ohne Spigel) und Minimal Compact) bis zu smoothem Techno und TripHop oder Drum’n’Bass ("Freezone" bei SSR, DJ Morpheus) so ziemlich jede musikalische Wiese erfolgreich abweideten. Vieles davon erschien bei Crammed, noch mehr beim eigenen Swim~Label, so auch Mitte der 90er die ersten Immersion-Platten. Wer die kennt, wird von diesem comeback (jedenfalls für mich, denn die sowohl die "Nanocluster"-Kollaborationen wie auch die 25er "WTF??" gingen an mir vorbei) etwas überrascht werden, denn Spigel und Birnbach spielen eine Art relaxten AmbientRock, inkl. Gesang und beinahe klassischen SongStrukturen. Was dann manchmal fast zu einer entspannten Version des Sleaford Mods-Ansatzes wird (hört nur mal das Titelstück). 4
Aber eigentlich wollten wir uns ja kurzfassen, weshalb wir uns für die begrüßenswerte re-issue der oft übersehenen NewWave-Perle "Story Of The Year" (Numero Group) von Michael Rouse’s zwar in New York beheimateter, aber ebenfalls hauptsächlich den Brüsseler Crépuscule/Crammed/Made To Measure-Kosmos durchkreisender Band TIREZ TIREZ mit dem Verweis auf die herrlich nervöse Früh80erBlaupause "Albany" begnügen müssen. Ein wenig wie die SynthPop-Variante der Talking Heads, im SoundSetting vielleicht nicht mehr taufrisch, aber selbst nach über 40 Jahren wirklich grandios! 5
Auch die "Sound Of Sheffield"-ElektroPioniere von CABARET VOLTAIRE veröffentlichten einiges auf Crépuscule, ihr nun als "2026 Remaster" wiederveröffentlichter "Code" (Mute) kam aber anno 1987 noch bei Parlophone heraus: voller MaschinenFunk-Klassiker wie "Don’t Argue" oder "Trouble (Won’t Stop)". 5
Auch sonst hat Mute gerade tolle Dinge in der Auslage: Ob die "Psychedelia in White" von MICK HARVEY & AMANDA ACEVEDO, die dieses Mal zwar zwei Songs brauchen, um sich aus dem psychedelischen SchlangenGewirr des Covers freizukämpfen, dann aber mit "Perfect Strom" vermittels einer stampfenden bass-drum (die ganz tief unten kaum zu hören, aber für den Song dennoch unverzichtbar ist) und manischem GitarrenKrach ein großartiges Bett aufschütteln, in dem sich ihre Stimmen sehn- und süchtig 5 ½ Minuten lang räkeln. Auch der im "Song for Aurora" geäußerte Gedanke, womöglich eine "revolution machine" zu sein, bezirzt gar sehr. 4
Oder das ihre allerletzte "Big Sound"-Live-Performance vom 25/11/25 in Berlin und damit auch den Abschied von der nur als "hyper-prominent" zu bezeichnenden Besetzung (Michael Gira, Kristof Hahn, Dana Schechter, Larry Mullins, Phil Puleo, Christopher Pravdica, Norman Westberg) auf 4LPs (bzw. 2CDs) plus DVD dokumentierende "Newly Sentient Being" der SWANS. Lässt der erste track nach etwa 10 seiner 40 Minuten noch die endgültige Pink-Floyd-Werdung der NoiseBand vermuten, verfliegen solcherlei Gedanken im etwa 7 Minuten später einsetzenden Crescendo schnell. Das geht dann in einen semi-akustischen KlageGesang über, der wiederum zu einem Mantra-haften GitarrenRiff geliert, bevor schließlich alles nochmal zu einem Pink-Floyd-Brei eingekocht wird. "The Merch" kommt mit seiner Vermischung von Voodoo und Russolo’schen IntonarumoriKlängen dem klassischen Swans-Sound dann wieder näher. Am ersten Drittelpunkt dieses ebenfalls knapp 40minütigen Monsters findet eine Wendung in besinnlichen - Quatsch! - hochenergetisch-düsteren MetalGospel statt. "Paradise Is Mine" ist als typischer predigend-brachialer SwansRock angelegt, wohingegen das fast eine Stunde wütende Titelstück zur Mitte hin nochmal mit der geliebten hypnotischen Wucht und einem furiosen TrommelSolo beweist, wie grandios die Swans trotz allem Bombast doch sind. 5
Und dann ist da schließlich noch ein weiteres Live-Album von CAN: "Can Live in Arles 1975" (alle Mute) ist keineswegs schlecht, aber doch eher was für jene Can-Komplettisten, die nun ihr bootleg, ähm, legalisieren wollen. 3
Schließlich wird auch heute in Deutschland sehr gute Musik gemacht, wie z.B. die große Melancholikerin Katharina Kollmann aka. NICHTSEATTLE einmal mehr beweist. Auf "Große Liebe"(Staatsakt) ringt sie u.a. mit dem Alter bzw. reflektiert sie den Umstand, dass sie die zweite Hälfte ihrer 30er durchschreitet. Nicht nur "River Cola" ist da mit seiner solid-stoischen BassFigur als Song-tragendem Element dramaturgisch wirklich klug gebaut. Sie widerstehen - gleichwohl sie mit hohem Geschick arrangiert und ziemlich durchdacht sind - allesamt der Versuchung der Opulenz, diese Lieder über Liebe und Unsicherheiten. Und über Freundschaft - "Meine Ladies": "Ich glaub an uns / denn uns wächst nie ´ne dicke Haut". Im Info findet man einen sehr zutreffenden Satz: "Sie verarbeitet das Werk ostdeutscher Liedermacher wie Gerhard Schöne genauso selbstverständlich wie den US-amerikanischen Sound der Pixies." 5
DIE ANSTALT ist eine jener jungen Berliner Bands, die gerade die 80er neu entdecken. Ihr "s/t"-Debut erschien im letzten Herbst noch im Eigenverlag, aber bei City Slang fand man, dass dieser Siouxie & The Banshees-vibe mit drum-computer und deutschen Texten unbedingt unterstützt werden muss. Für alte Säcke wie mich vielleicht nicht ganz so "smashing" wie für 22jährige Friedrichshainer, dafür erkenne ich hier sowohl die Malaria-coolness ("Kalter Schweiß") wie den DAF-groove (nicht nur bei "Stillstand") und die (unterbewussten?) X-Mal-Deutschland-Referenzen vielleicht etwas klarer. Und freue mich sehr darüber. 4
Nicht mehr so richtig jung, aber auch aus den einschlägigen Berliner Kellern stammend, kommen MARGOT ERKNER nun mit Album Nummer "2" (Major Label) um die Ecke, produziert von keinem Geringeren als Moses Schneider. Die Vergangenheit des Trios liegt bei StonerRock (SängerGitarrist Timo Tolkmitt spielt(e) u.a. bei Drive By Shooting und Payola) und ElektroPunk gleichermaßen (Trommler Marco Haas war schließlich lange als T.Raumschmiere unterwegs) – das Info spricht recht treffend von Meckerrock. Aber mir ist diese sendungsbewusste Fehlfarben-Nachbildung etwas zu… ich weiß nicht: komisch? 3
C.A.R. kommen aus Köln und sowohl "Valonia" wie auch ihre "Gästeliste" fanden wir sehr prima. Nun geht’s in die "Bäckerei 2000" (Planet Akwa), wo man sich von den KrautRock-Wurzeln etwas entfernt und mit zu langsam laufender TonbandSprache eine ganz eigene dumpf-dunkle KlangAtmosphäre entwirft, die mit zunehmender Spielzeit immer wohliger wird. "Brühstufe 4" bezaubert mit schönen break-beats und überhaupt tragen die aus gemeinsamen Improvisationen destillierten Stücke tolle Titel: "Für 4K RAW Video Editing benötige ich mehr Power", "Crimson And Azure Have Become As The Sun", "Tau Ceti Space Fair" oder "Badger Watching In Britain". Oder ein(bzw. zwei)fach "Simcard Simcard". Mit Jazz hat das alles nichts (mehr) zu tun, es ist eher eine avancierte Form von DarkAmbientPostRock. Vielleicht die Mitte zwischen The Orb, Tortoise und Pink Floyd? 5
Die Hamburger FELIX KUBIN & ASMUS TIETCHENS sind schon lange befreundet, frönen nun offenbar aber auch ihren skurrilen musikalischen Neigungen gemeinsam: ein Ergebnis davon sind 39 "Senderkennungen" (Auf Abwegen). Obschon sie unterschiedlichen Generationen entstammen, eint die beiden zwar eigenbrötlerischen, aber irgendwie auch sehr sympathischen ElektroBastler eine ähnliche, Normalsterblichen womöglich sehr fremd erscheinende (ästhetische) Geisteshaltung. Verirrt-verwirrt re-interpretieren sie hier auf 2 LPs (wohl) tatsächlich Kubins Erkennungsmelodien von Radiosendern. Von Radio Danzig und Radio Schneekoppe bis SFB, Welle Tirol und Stimme des Glaubens, von Elektroakustik und SynthKlimpererei bis TrompetenSignal und SeltsamChor. Asmus Tietchens sagt dazu: "For the album Felix Kubin composed a series of unique Senderkennungen - each ca. 5 seconds long – which have been commissioned by various radio stations, who where in need of a tone signet or were looking to relaunch their existing acoustic branding. Most of these miniature compositiuons are tonal but some verge towards an atonal or noisy character. Time and again Kubin and I discussed the possibility of creating pieces out of these ultra compressed and short Senderkennungen. This was realized for the album in applying the rule of keeping Kubin’s original musical material recognizable while at the same time applying any form of manipulation, modification, stretching, shortening or expanding in the development of the new pieces. One limitation: Those new pieces should not be longer than three minutes each. From these new works Kubin and Tietchens chose a selection which can now be heard on their album Senderkennungen." Strange, aber wirklich prima! 5
Womit wir in der wundervollen Welt der NischenMusik angekommen wären. Dort ist auch VINCENT GRIMALDI zuhause, der für "Amorce De Champ" (Misanthropic Agenda) Klopfen, Knirschen, Rauschen und WellenWallen zu elektronischem Pfeifen und Brummen verwob. Eine grob gehaltene und zugleich sorgsam texturierte KlangTapete für Räume, in denen wir uns nur zu gern länger aufhielten. 5
Die feinen, nicht unstrukturierten ElektroKnusperein zwischen Ambient und FieldRecording auf "Febrile" (Dragon’s Eye) von MAX DEVEREAUX + ALEC WATSON gibt’s nur als DL. "Quaking Bog" (also so viel wie "Zitternder Morast") finde ich als track-Titel sehr lustig. 4
STØVFIGUR scheint ein dänisches Projekt zu sein, ihr "s/t"(12k) Album kommt ganz stylish nur auf Kassette. Hier strömt wohlige Wärme aus den KnisterFugen, lässt tiefe brummende BassFrequenzen aus den Rissen im rau texturierten ElektronikPutz quellen. Vieles ist auch rhythmisch - im Sinne von loops, nicht von beats. Doch nicht jede Idee trägt über die volle Länge der durchaus ausufernden Nummern, die oft wie die basictracks einer frühen múm-Platte klingen. 3
Ganz und gar prima hingegen ist der Anfang des Jahres von FORSTER in Berlin "Live at Ohm" (The Wormhole) in feinster oldschool-Manier gespielte StörgeräuscheNoiseIndustrial voll von Echo-hallenden Stimmschleifen, Brummtönen und ElektroQuietschereien. So gut, dass man kein Wort mehr dazu sagen muss! 5
Geistesverwandt, in der Umsetzung aber anders, weil wesentlich Rhythmus-orientierter ist "The Pulse Of Atoms", den LUSTMORD LOMBARDO fühlen. "Play loud or not at all!" empfiehlt das Info, aber wer käme auch auf eine solche Idee, wenn die Thrash Metal-Legende Dave Lombardo (Slayer!) und IndustrialGott Brian Lustmord auf ihrer ersten gemeinsamen Platte die Tiefsee zwischen DarkAmbient, Noise und purer Schlag(zeug)gewalt ausloten? 4
Einen anderen Grandseigneur des kunstvollen Lärms luden sich die Schweizer von KIKU mit Blixa Bargeld ein. Nicht zum ersten Mal übrigens, denn genau wie auf "Marcher Sur La Tête" (2015) und "Eng, Düster und Bang" (2017) inszeniert sich der Altmeister auch auf "Suzhou / It’s All The Rage" (Everest) als deklamierender Charmeur. Zwar wird die einstmals schneidende Stimme schwächer, zumindest weicher, die Geste dafür umso größer. Und auch das trademark-Kreischen mag inzwischen wohl elektronisch s(t)imuliert sein – doch ob nun aus dem Prozessor oder aus der wunden Kehle ist eigentlich egal, man nimmt sich zurück und weiß inzwischen: "0.666 is the Number of the Millibeast". Die B-Seite gehört wie bei den beiden Vorgängern auch hier Black Cracker und dessen Rap-geschulte vocals gefallen mir dieses Mal fast besser. Zumal hier der cineastische Soundteppich auch interessante(re) RhythmusFalten wirft. 4
Ebenfalls aus der Schweiz kommen Nathalie Dreier und Dave Phillips und schon ihr Projektname ist einfach nur super: PERVERTS IN WHITE SHIRTS. Die beiden legen mit "CULTurally appropriated songs and revisited memories" (Misanthropic Agenda) ein hervorragendes Album vor, das zumindest teilweise auf den Erfahrungen fußt, die Dreier als Kind von Anhängern der Children of God machte. "Dedication To The Tackling Of The Beast" ein seltsames vocoder-Gebet und "Les étoiles dans la Bouche" klingt wie ein gefährliches Schlaflied für Kinder, es gibt aber auch sehr schöne InstrumentalStücke (wie "Never Forever"), die aus nicht unkomplizierten RhythmusVerschachtelungen und/oder schönen NoiseSchliffen bestehen. Sogar "The Answer" bekommen wir hier (sie lautet nicht 42!) und natürlich MUSS an irgendeiner Stelle das Band auch mal rückwärtslaufen. Ein avantgardistisches GroßWerk rund um Glaube, Liebe und Irritation, das mit seiner Verbindung von Elektronik, KulturPersiflage und ReligionsPhilosophie diese weiß behemdeten Perversen durchaus in die Tradition der Residents stellt. "My Truth Is Better Than Yours"! 5
Musik wie für Roger Richards leider längst verblichenes Label Extreme schenkt uns ein früher als Slagwerk Den Haag, nun aber unter HIIIT firmierendes Projekt mit dem DL "SIIIX EP, Vol. 3" (Maloca). Man bündelte dazu die perkussiven Kräfte mit den Bastelfähigkeiten Geisterverwandter: es beginnt mit einem welt-elektronischem "Waltz of the Fossils" (mit Lemna), später hält Jung an Tagen in "Jaw" sehr gelungen die Balance zwischen konsequenter Abstraktion und einer gewissen straightness. Konduku folgen mit "Başıboş" auch dem von Soma und Vidna Obmana vorgezeichneten Weg, wohingegen Toumbas "Amwaj" dann wieder mehr für avantgardistische TanzFlure geeignet ist. 5
Sehr gut dazu passen die cineastischen Sounds auf der s/t-Platte(Western Vinyl) von ALLISON DE GROOT & RICH RUTH, die am stärksten sind, wenn in sie - wie bei "New Intervention" - ein Schuss Reich’scher Phasenverschiebungen eingeflochten wird. De Groots Clawhammer Banjo passt mit seiner repetitiven und zugleich klagenden Stimme bestens zu den Post-rockenden Riffs’n’loops’n’drones des Nashviller Multiinstrumentalisten Michael Ruth. Instrumentaler MinimalFolk auf höherer Ebene! 5
Wesentlich abstrakter, aber eben auch sehr an Phasenverschiebungen interessiert ist der US-Amerikaner BRIAN HOUSE, der für seine im letzten Sommer im ArtYard zu Frenchtown (New Jersey) realisierte KlangInstallation "Synchronizing Uncertainty"(Line) mit 286 über den GalerieRaum verteilten, autonom pulsenden Schaltkreisen sehr beeindruckende Schichtungen aus einer Art GlöckchenKlingeln oder -Tropfen erzeugte. Die SoundGeneratoren ("each embodies a nonlinear listening mechanism tuned to its neighbors") wurden dabei entweder von den die Installation durchschreitenden Besuchern (beim ersten von einer, beim zweiten track von zwei Personen) oder (mit dem dritten track klanglich dokumentiert) willkürlich-spontan getriggert. Es entstehen hochtönende Semi-Gleichgewichte ("equilibrium is elusive - synchrony is never entirely complete or stable") und spannende, von Zufall wie/oder Parametrierung induzierte KlangZustände; manchmal fast wie bei einem SchamanenTanz. Transzendenz entsteht hier (auch) aus Abhängigkeiten. 5
Eine andere Form psychoakustischer WirkungsForschung betreibt das INSTITUT FÜR FEINMOTORIK, dessen Projektnamen ich schon immer super fand, zumal sich der musikalische output der Schwarzwäldler ebenfalls stets angenehm von dem anderer SchleifenBinder und LoopGurus unterschied. Das ist bei der neuen LP "Öd" (Faitiche) nicht anders - allein die letzten Sekunden von "stern an angel moll" sollten jeden Zweifler überzeugen. Und über track-Titel wie "bald rose sags fast" oder "fuss tags in reuse" (die WortSplitter stammen von der experimentellen Lyrikerin Dagmara Kraus) kann man beim Hören dieser wieder nichts anderem als acht kunstvoll präparierten Plattenspielern (ohne Schallplatten!) entlockten, in sich geschlossenen KlangKurven lange (sprach)philosophieren. 5
Nur vermeintlich weniger abstrakt sind die elektronischen Flächen, die GIULIO ALDINUCCI auf "Materia" (Karlrecords), ähm, materialisiert. Man kann das irrtümlich zunächst für eine weitere überflüssige DarkAmbient-Produktion halten, wie man sie Tag für Tag in vielen Promos hören kann oder muss und schnell weiter skipt - aber so entginge einem die diesem Werk zweifellos innewohnende bemerkenswerten Tiefe. Auch wenn die Arbeit (natürlich) nicht nur emotional durchdacht, sondern auch konzeptionell untersetzt ist: die Atmosphäre wirkt auf mich von Beginn an beinahe klösterlich; man glaubt, Mönche einen surrealen Kreuzgang durchwandeln zu hören. Hin und wieder fällt ein Lichtstrahl durch die Strebbögen, manchmal brummen die älteren Geistlichen besonders laut. Das abschließende "Sera" kündigt vielleicht eine gemeinsame Meditation mit den Nonnen von nebenan an - wohlgemerkt: das alles als reine Assoziation, ohne jede konkrete KlangEntsprechung (wir reden hier ja ausdrücklich NICHT von einer Art New-Age-ElektroGregorianik!). 5
Hieran kann man ganz gut mit "Linda's Head"(kranky) vom US-AmbientDreamNoisePop-Trio HELEN anschließen. Für diese Art von noisigem FeenPop bleibt für mich wohl auf ewig die tschechische Früh-90er-Band Ecstasy Of St. Theresa die Referenz: zugleich dramatisch wie entrückt, irgendwie auch verhuscht und doch voller Energie und subtiler Härte. Mal schneller, mal zurückgenommen, (fast immer) voller Hall und Verzerrung; versteckt hinter einer fetten Wand aus süßen Störgeräuschen. Und (nicht fast, sondern wirklich immer!) wunderschön - probiert mal das dramaturgisch feinstens austarierte "darkblue". Und wenn Helen mal – wie beim hypnotischen Rausschmeißer "Canyon" – die DistortionBox weglassen, werden sogar die diesen Stücken (auch) innewohnenden wundervollen BassStrukturen und sanften SynthHarmonien erkennbar(er). 5
Etwas mehr erwartet hatte ich ehrlich gesagt von den "Mighty Tiger Dubs" (Aagoo) der sizilianischen ElectroDubHeads THE THUGS. Aus den klassischen Zutaten "Bass, Hall, Drums, Hall, VokalFetzen, Hall, GitarrenLicks, Hall und Hall und Echo und Echo und Hall und Hall und Echo/Echo/Echo/Echo..." schnüren die rauflustigen Gangster (wegen "Thugs") neun etwas schwachbrüstige DubNummern. Nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht so gut wie viele der ReferenzGrößen. Am besten gefallen mir da noch die leicht Noise-durchflutete Nummern wie "Giant Anaconda Attack". 3
Bekanntlich sind auch C'MON TIGRE in Italien zuhause, ihr neues Album heißt "Lumina"(CMT) und konzentriert sich auf rhythmische Experimente - im PopKontext. "Vanta" z.B. (hier konnten sich CMT wohl nicht zwischen Limo und Batterie entscheiden?) bezaubert mit nahöstlichen Melismen im wild-zarten TrommelWirbel. "Nanã" hingegen ist eher afrikanisch geprägt, genau wie die nächsten Songs "Burukê" und "Sawa". Verzweifelte ElektroHymnen wie "Both Sides of the Moon" wechseln sich mit dem wieder arabisch (logisch!) geprägten "Riad". Kurz: CMT vermischen auf "Lumina" ihre gewohnt rhythmische InstrumentalElektronik ganz pop-theoretisch klar mit Afrika und Nahost – fürwahr ein "Ceiling Drip Gospel"! 4
Aus Belgien kommen die GIRLS IN HAWAII und mit derem "Eldorado" (Capitane) sind wir beim freundlich-melancholischen IndiePop angekommen, wie er in den 90ern zwischen Radiohead und Pavement (diese Verweise aus dem Info darf man wegen Unbestreitbarkeit durchaus übernehmen) organisiert wurde (und der in dieser Ausprägung bei aller anerkennenswerten Qualität nie so recht mein Ding war). Mein Sohn, der sich die RockWelt von Deep Purple über Guns N'Roses bis eben Radiohead gerade aus der Perspektive eines nicht völlig talentlosen Gitarristen (zumindest aus Sicht des hier natürlich komplett unvoreingenommenen Vaters)
erschließt, findet das Album prima. Gitarrenlastig ist dieses "Eldorado" auf jeden Fall, aber die Rhythmusgruppe und einige Effektspielereien sorgen für einen angenehmen Abwechslungsreichtum im GesamtSound. Und für "Not Your Fault" würden sich auch Radiohead wohl kaum schämen...4
Gut verträglicher IndieRock mit (ganz) leichtem Surf-Einschlag in den Gitarren und Chorsätzen kommt von CASAFUNGO. Das norddeutsche Trio verbindet Hymnencharakter mit NoiseGitarrenSchüben, feinen SatzGesang wahlweise mit heftigen Riffs oder semi-akustischen Klängen und twangenden GitarrenHall mit in PastellFarben hingetupften Chören (sehr schön bei "Aguacate") - kurz: "Killing Time Without Injuring Eternity" (Broken Silence Records) ist nicht nur ein sehr gut und klug (aus)gewählter Plattenname, sondern auch eine ziemlich gute Platte. 4
Zauberhaften, irgendwie zugleich psychedelischen wie puristischen Pop in bester Stereolab-Tradition spielen auf "Archives"(Fire) die VANISHING TWIN (s), die natürlich (mindestens) Drei sind. Da treffen "Noise Tables" auf Kalimbas, Sampler auf ganze Regale voller Effektgeräte, Gitarren und Schlagzeug auf Selbstgebasteltes wie (zumindest, wenn man dem Platteninfo Glauben schenkt) 3D gedruckte Flöten oder Zithern aus dem AntikLaden. Alles mit kluger Hand ver- und gemischt, sauber arrangiert und konzentriert gespielt. Wirklich besonders wird das alles aber auch und vor allem durch den - bei aller Ähnlichkeit zu Laetitia Sadier dennoch höchst eigenständigen - entrückten und doch sehr fokussierten Gesang von Cathy Lucas: "Bring Me The Axe"! 5
Bei "Don't Call It Love" (Lil' Chief Records) von JONATHAN BREE bin ich nicht ganz sicher, ob der Neuseeländer das unbestreitbar als sexistisch zu bezeichnende Coverfoto ernst oder ironisch meint. Musikalisch vermischen sich hier Leonard Cohen, Tuxedomoon, Phillip Boa und Heaven17 zu einem eher weniger homogenen Brei. Gesangsbeiträge liefern die Pariserin Adah Dylan, die ebenfalls französische Nymphe Elöise Labarbe-Lafon, Princess Chelsea, Brees piepsende Landsfrau Rachel Clarke und die Australierin Amber Ramsay. Angepriesen als "erotisches Konzeptalbum, das sich mit Sexualität auseinandersetzt und Kollaborationen mit Frauen aus den Bereichen Musik, Film, Fotografie und Tanz enthält" hinterlässt das Ganze bei mir gemischte Gefühle und jede Menge Fragezeichen. Denn vieles ist durchaus griffig und sauber gemacht - dann aber wieder auch schmierig und erst kurz vor'm pornografischen Schund abbiegend. Unentschieden...und ich fürchte, das Cover ist nicht ironisch. 3
Bleibt noch der Blick zur "Weltmusik" (kann sich da nicht mal jemand eine bessere Schubladenbeschriftung ausdenken?): der beginnt mit A CANTADEIRA und "Tecelã"(Lusitanian). Dahinter steckt die Sängerin Joana Negrão, die wir natürlich von Dazkarieh kennen und lieben: spannungsvolle portugiesische FolkKunst mit dramatischem TrommelEinsatz und mehrstimmigem Gesang. Wobei wir zumeist nicht von irgendeiner Trommel reden, sondern von der tief in der arabisch/lusitanischen MusikGeschichte verwurzelten "quadratischen Rahmentrommel" Adufe. Auf die trifft hier aber auch moderne Studiotechnik samt Effektmaschinerie - und nichts davon wirkt erzwungen. In diesem überhaupt nicht verstaubten SoundSetting mit wie gesagt intensivem Drumming (und ein ganz klein wenig Synth und Bass) funktioniert zu Negrãos charaktervollem Gesang sogar ein Dudelsack. 5
Die Schweizerin Cyrielle Formaz aka. MEIMUNA hat sich für "10 ans d'éclosions"(Radialis) ein ganzes Orchester ins Studio geladen, um gemeinsam mit anderen befreundeten Musikern ihre kleinen FolkSongs in ein fein aus Bläsern und Streichern gewobenen Gewand zu hüllen. Anderes, das betörende "Le Grand Cormoran" etwa, bleibt quasi-akustisch Gitarren-begleitet. Nett, niemals kantig. 4
Beim Bandnamen LES NÉNÉS DÉJANTÉS musste ich - sicher auch wegen meiner sehr lückenhaften Französischkenntnisse - erstmal stutzen. Sind "Nénés" nicht die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale? Und "déjanté" bedeutet doch "verrückt"? Also "Durchgeknallte Titten"? Echt? Aber was die sonst (auch) beim Pulsar Trio singende Beate Wein und ihre mir bisher unbekannte "partner(In) in crime" Yaëlle Dorison auf "Ôdes en vie"(Hey!blau) zwischen schunkelndem Folk ("Ôde de corps") und Cabaret inszenieren, darf gern sowohl als LobPreisung der Weiblichkeit (der gerade erwähnte opener) wie selbstbewusste Positionierung verstanden werden. Bei "Did it" wird zu einem dahin geträllerten "Did it - Did it - Did it!" energisch gerapt: "I make my decions, i decide" und "Fuck! Fuck! Fuck Patriarcat!" (letztere Phrasen bitte französisch aussprechen!). Dann wieder singen sie ein dramatisch-ekstatisches Cabaret-LobLied auf den "Uterus" und steigern sich - aller anfänglich angetäuschten französischen NymphenNiedlichkeit zum Trotz - bei "Parfaites" zu brachialer Piano-Geige-Energie. Zuvor klang "Ich kann alles, muss aber nicht" wie eine alte Hans-A-Plast- oder Die-Braut-haut-ins-Auge-Nummer in frischen Kleidern. Egal also ob so, als smoother FrankoPop oder DeutschChanson-/Varieté-haft wie bei "Fokus auf einen Krokus", die beiden machen hier sehr viel sehr richtig. 5
Zwischen african chants und reinem Geschrei agiert KING AYISOBA auf "Pure Confusion" (Mais Um) und deklamiert zu einem Saxophon-geschwängerten AfroSound über "Property" und andere Ungerechtigkeiten. Durch die Produzenten-Zauberei von Adrian Sherwood gewinnt das Ganze enorm an Tiefe, Kraft hatten die Nummern sicher schon vorher. Da wird energisch Luft in eine Mundharmonika gestoßen, ein sehr solider Bass pulsiert indessen weiter unten. Beim dub-igen "Dey Come" und einer weiteren Nummer stammen die Bassläufe z.B. von niemand anderem als Sugar Hill Gang-member Doug Wimbish. Dazu erklingt gelegentlich ein Cello von "Celloman" Ivan Hussey (der auch schon bei Natacha Atlas oder beim Dub Syndicate zu hören war) - was für eine eben doch explizit afrikanisch geprägte Platte schon mal sehr außergewöhnlich ist. Ansonsten natürlich noch jede Menge - gern auch mal in zurückgenommenem Tempo, oft aber an der Grenze der Ekstase balancierend gespielte - Perkussion und feine MischpultSpielchen (Sherwood eben). 5
Und wer gern zu südamerikanischen Rhythmen tanzt, der sollte mal "Mucho Picante Caliente" (Monster Tapes) von EL FLECHA NEGRA probieren: Cumbia galore, mit den typischen "gebrochenen" beats, satten Bläsern und schönen Gesängen. Mit Wurzeln in Brasilien, Chile, Peru und Deutschland fanden die hier Beteiligten vor 12 Jahren in Freiburg als Straßenmusiker zueinander - den Schritt ins Studio, zum vom reinen "people pleasing" gelösten Anspruch wagten sie dann 2015 mit dem selbstveröffentlichten "Schwarzwald". Und er (der Schritt) darf als so mutig wie gelungen bezeichnet werden, da macht diese "sehr scharfe und heiße" Platte hier keine Ausnahme. 4

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