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JAZZJANZKURZ

V.A.

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Es gibt auch in diesem Monat einiges zu berichten aus der Welt der wilden, schrägen und freien Klänge, die wir hier behelfsweise in die Schublade "Jazz" zwängen. Da sind z.B. einige bemerkenswerte Arbeiten, die im weitesten Sinne der Idee des musikalischen Minimalismus folgen.
Etwa die auf "Stockholm 2019-2023" (Haphazard) versammelten Kompositionen des Schweden KASPER AGNAS (den man vielleicht eher als Freien Gitarristen denn als "ernsten" Komponisten kennt). Sehr gelungen finde ich die beiden von Kaspar Agnas’ Vater und seinem Onkel intonierten, kurzen und ganz entfernt an Phil Glass erinnernden Trompeten-Stücke, mit denen diese CD eröffnet wird. Dann folgen Nummern für Gitarren (inkl. der seiner an diesem Instrument klassisch ausgebildeten Mutter) und electronics; in "Wave, surge, float" treten schließlich Streicher und ein Klavier hinzu bevor es mit dem finalen "Agogics II" auf dieser kleinen Familienfeier (es sind wirklich viele "Agnas" beteiligt) noch beinahe "jazzclubjazzig" wird. 4
Deutlich milder ist die Klaviermusik von OLAF TARANCZEWSKI. Dessen DL-only-Solo-Album "Polarities"(Hey!blau) beginnt mit einigen kurzen PianoRomanzen - eine besonders schöne trägt den passenden Titel "From Gagarin's Point Of View" (ja, das ist eine Version des Stücks vom Esbjörn Svensson Trio). Aber auch wenn Taranczewski in seinem Platteninfo selbst Bezug auf Ólafur Arnalds und Max Richter nimmt – seine Musik erstickt niemals in neoklassischem Sirup, sondern atmet (fast) immer die frische Luft eines im Jazz verwurzelten KlangForschens und könnten auch für Freunde von Martin Tingvall von Interesse sein. Manches, "COCO (2025 Version)" etwa, wird mit einem zittrigen kleinen Beat unterlegt, anderes mit einem tiefen SubBass ("Polarities"), wobei jede dieser Beilagen auch zum Hauptgang werden kann. Und selbst wenn die MelodieLinie mal eine eher süßliche ist, (ver)stört ein brummender BassTon das allzu Liebliche ("Night Train To Vienna"). Meistens jedenfalls. 5
Mit der LP "Man Eating Tree" (Sonic Transmissions) von JONAS CAMBIEN betreten wir wieder experimentelle(re) Gefilde. Nachdem mit "Tre" eine extrem vertrackte Schichtung aus Klavier und Perkussion diese Platte eröffnete, folgen eine dichter am "reinen" Piano siedelnde Nummer ("Árbol") und schließlich eine SoundStudie, deren Titel "Silverware Vibrating Inside Grand Piano" eigentlich alles sagt, sowie das Finale mit dem auf einer antiken japanischen "Ace Tone"-Elektroorgel und einem präparierten Klavier gespielten, sehr rhythmischen "BOOM". Das ist Minimalismus 3. – nein: 4.0! 5
LEONIE STRECKER arbeitet auf dem ihren DL "Chroma" (Line) eröffnenden "Chroma Acuracy" mit dem bekannten Prinzip der Phasenverschiebungen und ObertonPhänomene, allerdings deutlich verstörender als klassisch-wohltönende Minimalisten es tun. Später versenkt sie sich in sehr fein austarierten Meditationen über die Schärfe elektronischer Geräusche – das wunderbar feinnervig-verrauschte "MONO" steht da neben der statischen OrgelStudie "Peripher". Man könnte es "Ambient für SchmerzLiebhaber" nennen. 5
Drei recht unterschiedliche Arbeiten der SoundArtistin CHRISTINA KUBISCH vereint die LP "Tuning" (Faitiche): die erste ist eine durch scharfe Störungen und (stellenweise) einen herrlich penetranten SubBeat strukturierte Ambientfläche mit japanischen(?) Worten, die zweite eine eher (auf sehr angenehme Weise) monotone KlangTapete mit knarzenden Flecken und die letzte durch die an Gongschläge erinnernden Klänge (zunächst) beinahe fernöstlich-meditativ (tatsächlich sind hier übrigens Grubenglocken, eine Glasharmonika und Stimmgabeln die KlangQuellen). Der Überbau ist natürlich wesentlich komplizierter, was in einem von Faitiche-Betreiber Jan Jelinek mit der Künstlerin geführten Gespräch (von dem ich sehr hoffe, dass es nicht nur Bestandteil des Promopakets ist, sondern sich auch irgendwo im LP-artwork findet) vertieft. Das PlattenDesign hat übrigens Tim Tetzner zu verantworten...5
Gänzlich auf die Kraft der gaaaanz tiefen Töne verlässt sich der Perkussionist VASCO TRILLA auf "Up North" (Creative Sources). Beim mit dem Kontrabassisten Vilhelm Bromander gespielten "Phantom Surge" vibrieren 10 Minuten lang die Membranen als Echo auf die schweren Bogenstriche, zu denen es leise flirrt, zischt und zirpt – keine Ahnung, wie und womit sich derlei Klänge erzeugen lassen. Beim filigranen "A Topographical Vessel" fiept Martin Küchens packendes Saxophon so zart wie schräg zu CembaloKlängen von Alex Zethson während bei "A Dissolving Landscape" Bromander und Küchen die feinstoffliche Perkussionarbeit (die zur Mitte des Stücks hin auch mal in soliden Lärm ausbricht) rahmen. Und auch das im Alleingang live in der gleichnamigen Stockholmer KulturKirche aufgenommene, diese sehr fordernde, aber auch sehr hörenswerte CD abschließende "Mötesplats Mariatorget" findet die rechte Balance aus strukturiertem Krach und meditativer Versenkung. 5
Auf Creative Sources erschien auch einiges an Musik vom Posaunisten MATTHIAS MUCHE, der schon seit Jahren im ImproUnderground unterwegs ist und dort an etlichen großartigen Projekten (von Carl Ludwig Hübsch bis zur Schäl Sick Brass Band) beteiligt war. Mit "12 trombones & percussion - DENSITIES" (Hat Hut) von seinem BONECRUSHER-Projekt und "Trombone Alone" (Col Legno) veröffentlicht er nun gleich zwei neue Platten – bei angesehenen HochkulturLabels. Letztere enthält mit "Solo BELLER" ein Stück, bei dem zu verzerrten englischen ErzählerWorten Töne aus einer Posaune gepresst werden, von denen man nicht glauben möchte, dass sie einer solchen entlockbar sind. Anderes klingt, als übte jemand exotische Tonleitern auf dem Instrument, das schon Jerichos Mauern einstürzen ließ. Die von tatsächlich 12 Posaunisten gespielten Ensemblestücke sind dann zwar immer noch hoch experimentell, aber doch auf eine gewisse Weise "zugänglicher". Und mit "Brass Breath Brisk" ist eine tiefe Verbeugung vor dem großen, vor auch schon wieder 10 Jahren verstorbenen ostdeutschen FreeJazz-Helden Hannes Bauer dabei. 5/5
Die Musik des dem kanadischen GGRIL-Orchester entwachsenen Trios DIONÉE soll laut Infotext "somewhere between Black Sabbath and Morton Feldman" zu verorten sein. Dem kann man zumindest dem Grunde nach zustimmen – auch wenn auf der LP "Mille-feuilles"(Tour de bras) kaum die meditative Konzentration Feldmans im Vordergrund steht. Und brachiale RockGewalt auch nicht. Aber wenn wir dem Info weiter folgen, dann stehen da einige sehr wahre Worte: "blending the lyricism of chamber music with metal textures, the simplicity of drone and post-rock, and the abstraction of electroacoustic music". Mal trötet die Oboe von Clarisse Bériault (die auch einen Kontrabass und die berühmten "effects" bedient) aleatorisch-wild in die von Robin Servant mit "diatonic accordion, synthesizers, effects" erzeugten und von Éric Normand (electric bass, beatbox, oscillators, effects) ergänzten KlangRäume, mal senkt sich ein scharfes AkkordeonFiepen über einsame BassLäufe. Das ist anstrengende, aber sehr lohnende Unterhaltung! 5
Die auf 3 CDs verteilten "25 pièces sans vide" (Unrec) dürfen als kleine Werkschau des 2012 vom Kontrabassisten David Chiesa gegründeten ImproEnsembles LE UN gelten. Es gibt großformatige Arbeiten, z.B. das die ganze CD#2 einnehmende "Unité Nodale ESJ" (eine einstündige Geisterbeschwörung aus Saxophon, Flöten, dramatischen Schlägen und anderen hauntologischen Klängen, bei der der reichlich vierminütige SchlußApplaus auch auf der Konserve stolz ausgekostet wird), aber auch feingliedrige Improvisationen aus TrompetenFauchen, Wortfetzen von Straßenaufnahmen und anderem wildem KlangMiteinander in eher kleiner oder mittelgroßer Besetzung. 4
Nun mal zu "ernster" Musik: Der Cellist NICOLAS ALTSTAEDT spielt auf seiner CD "Blackbirds - Music from the 1960s" (Alpha) Brittens Cello-Sonate op. 65 und Feldmans kurze Etüde "Durations II" (am Klavier sitzt dabei jeweils Maxim Emelyanychev, der zugleich auf dieser Aufnahme das Schwedische Radio-Orchester dirigierte) und eine Cello-Sonate des mir bis dato unbekannten Ungarn Sándor Veress. Das ist alles sauber und solide gearbeitet, die eigentliche Sensation ist aber das "Cellokonzert Nr. 2" der Polin Grazyna Bacewisz. Deren "Konzert für Streichorchester" hatte mich bei einem Besuch im Leipziger Gewandhaus letztens schon sehr beeindruckt - die tiefe Ruhe und zugleich aufwühlende Kraft, die in diesem von Altstaedt souverän und zugleich sehr vorsichtig gespielten Stück CelloKunst steckt, ist nun ein weiterer Grund, sich mit dieser 1969 verstorbenen Polin intensiver zu beschäftigen. Große Empfehlung, auch weil die schön sperrige Version des im Plattentitel erwähnten Beatles-Songs diesem alle Gefühlsduselei nimmt! 5
Von ALFRED SCHNITTKE bin ich schon lange ein "Fan". Der PHILHARMONISCHE CHOR JEKATERINBURG hat unter der Leitung von Andrei Petrenko nun dessen "Drei geistliche Gesänge" und das "Konzert für Chor" (Fuga Libera) aufgenommen. Diese im wahrsten und besten WortSinn durchgeistigte Musik nimmt die Traditionen der orthodoxen Vokalmusik ebenso auf wie die klangliche Kargheit eines Arvo Pärt (in der so viel Kraft liegen kann) und kann hier als die reine Brillanz gekonnter ChorArbeit genossen werden. Das ist Musik voller Spiritualität und Transzendenz, die ohne jeden Kitsch oder esoterische Verschleierung auch einen Atheisten erden und zu Tränen rühren kann. Phänomenal! 5
Aus dieser so tiefen wie ergreifenden Ruhe zu vergleichsweise "leichten" Klängen zurückzufinden, ist nicht einfach – wir versuchen es mal mit dem bosnischen Trommler und Bandleader SRDJAN IVANOVIC. Der hat mit seinem Blazin’ Quartet eine "Cosmogonie" (Rue Des Balkans) eingespielt. Wir hören leicht nahöstlichen TrompetenJazz vom Balkan - ohne Klavier, dafür mit SlideGitarren und anderen (jazz)klanglichen Exotika. 4
Mit PAULO ALMEIDA präsentiert ein weiterer Schlagzeuger seine Musik für Jazzensemble. Auf "Love in Motion" (Dox) begleiten Joan Codina (b), Josh Schofield (as, ss) und Lorenzo Vitolo (p/synth) den Brasilianer durch neun leichte, Groove-betonte Stücke, die Latin-Plattituden genauso (ver)meiden wie zu starke Ausbrüche aus der traditionellen KlavierJazzHarmonik. Voller Fingerfertigkeit (hört z.B. die furiosen Soli von Schlagzeug und Sax in "Um Sopro") und zugleich einem breite(re)n Publikum zugewandt. "Impressionistisch" ist ein Attribut, das mir hierzu fast genauso oft einfällt wie "expressiv". 4
Mit "Shrimplet’s Regrets" (Jazz-o-Tech) von einer Jazzband namens "the BIG TUSK" (die ungewöhnliche Groß/Kleinschreibung scheint von Bedeutung zu sein) beenden wir diese kleine Kolumne mit jeder Menge Groove. Andrew Audiger (keys), Shems Bendali (tr, perc), Théo Duboule (git) und Nathan Vandenbulcke (dr) verflechten ElektroRock mit drum’n’bass-Elementen, geben etwas HipHop und auch eine Prise Pop sowie hier und da ordentlich ClubBeat ("Razorbill") hinzu und verrühren das alles zu einem feurigen Jazz-Eintopf. Ja, wir haben anfangs etwas verflochten, aber manchmal entgleiten einem die Metaphern eben doch und entwickeln eine ganz eigene Dynamik. Genau wie diese prima Musik, die mal zum Tanzen animiert, mal zum Träumen (z.B. beim mit Olha Semchyshyns FeenGesang verzierten "Ponalitaly") und auch zum (Nach)Denken in der "Doomer Zone" (wo irgendwie alles ineinander verschmilzt). Das Titelstück ist übrigens ein 2:41 Minuten kurzes, von SpaceTrompeten durchtränktes großartiges BreakBeat-Chaos - kaum zu glauben, dass all das "zu rund 95 % als Improvisationen in Echtzeit, als eine Abfolge von Sprüngen ins kalte Shrimplet-Wasser" entstanden ist – jede Menge "Mikroanpassungen und Überraschungen" inklusive. 5

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