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Neues Jahr, neuer Jazz. Wobei sich auch 2026 die Frage stellen wird: Ist das Jazz oder nicht? Und auch 2026 wird (mir) die Antwort auf diese Frage völlig egal sein.PERIODE z.B. arbeiten auf "Grapes of Nothingness" (Karlrecords) an der Schnittstelle von Jazz (manche harmonische Idee), LoungeClub (die smoothen beats) und Ambient (das hoch-entspannte SoundSetting) und machen das alles sehr gut. Lasst euch nicht vom quasi-akustischen Gitarrenstück des openers irritieren. 5
Auch RYTIS MAŽULIS’ "Tempered Tempus" (Music Information Centre Lithuania) werden Puristen aus der JazzKiste aussortieren. Dabei verzaubert der Litauer mit den beiden hier zuhörenden, jeweils etwa halbstündigen Stücken "Schisma" und "Solipse" einen jeden Freund experimenteller Musik. Mikrotonale Verschiebungen und elektronische Dehnungen machen aus dem Cello-Sirren eine KlangReise in unbekannte Welten. Den theoretischen Überbau kann man dem (eher kurzen) booklet-Text entnehmen. 5
Schon der Projektname CHRISTOPH GALLIO’S STONE IS A ROSE IS A STONE IS A STONE gemahnt an die große Gertrude Stein. Deren zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenes LangGedicht "Yet Dish" wird hier von einem ss/as-b-dr-Trio in Musik übersetzt, zu der Sonia Loenne Steins aus insgesamt 69 kurzen EinzelPoemen bestehenden Text intoniert. Die Musik ist fraktal, an einigen Stellen auch beinahe melodiös, immer aber artifiziell und sorgsam durchdacht. Loennes Gesang passt sich in seiner – durchaus auch an klassischem AvantJazz angelehnten – Darreichungsform diesem Gerüst an. Heraus kommt ein fordernder, aber auch sehr spannender Hörgenuss. 4
Wie Christoph Gallio lebt auch EMMANUELLE BONNET in der Schweiz. Und mit "Prérie(s)" verfolgt sie auch einen ähnlichen stimmlichen Ansatz wie dessen Gesangspartnerin. Zunächst braucht Bonnet zwar ein wenig Zeit, um sich vom bloßen FingerübungsJazz zu lösen, aber "Troubled Fruits" und "Zanzare III" sind schon starke Beweise für kontrollierte Ekstase. 4
Wer jetzt zur mentalen Lockerung was Seichteres braucht, kann ja meinethalben "Be Love" (Parlophone/Warner Classics) auflegen. Dort lässt der NeoKlassikStar RIOPY seine Finger über die Klaviertasten tanzen - (s)ein Mittel, um mit einer langwierigen Krankheit umzugehen ("Mein Vagusnerv war runter."). Der opener "Piano 17" kann mit seiner durchaus interessanten rhythmischen Verschränkung noch als "hörbar" durchgehen, der größte Teil der verbleibenden gut 45 Minuten ist aber klebriger KlangKleister pur. Nicht nur weil Riopy hier seiner Vorliebe für eher banale MinimalFiguren frönt, sondern auch und gerade weil er erstmals singt. Und das genau so sanft und einfühlsam und massenkompatibel und vorhersehbar und überflüssig, wie man es von seinen InstrumentalArbeiten gewohnt ist. 2
Da sind mir die gefühlvollen SoloPianoBalladen, die CHRISTOPH STIEFEL auf "To The Source" (Nwog) spielt, deutlich lieber. Impressionistisch dahin getupft, hier und da vielleicht sogar etwas sentimental, aber doch konzentriert und sehr gut unterhaltend - tatsächlich ein "Zaubertrank für Eliane". Manchmal packt Stiefel auch fester zu, z.B. bei "Chutes and Ladders" oder dem intensiv-expressiven "Riding on Eagles Wings" mit seinem zum Ende hin fallenden Linien. 4
Aus schönem - mal bop-endem, mal swing-endem - trompetengetriebenen OldschoolKlaviertrioJazz bestehen HENRI TEXIERs "Healing Sounds" (Label Bleu). Nichts an dieser Platte deutet darauf hin, dass sie 2025 aufgenommen wurde; ob man das nun zeitlos schön findet oder redundant, liegt sicher im Auge bzw. Ohr des Konsumenten. Denn: schöne Stücke bekommt man hier zweifellos serviert (bei dreien davon sitzt kein Geringerer als Manu Katché hinter dem drum-set!); "Chebika Courage" oder die wunderschöne Klarinette in "Quand Tout S´arrete" unterstreichen das. 4
Nochmal Trompeten-KlaviertrioJazz, allerdings in einer etwas softeren, ja beinahe sentimentalen Variante begegnet uns auf der neuen CD von NILS WÜLKER. Die trägt mit "Zuversicht" (Warner) einen fast schon unverschämt optimistischen Titel und ist dann auch tatsächlich eine Art positive SeelenNahrung. Das liegt nicht zuletzt an der hochkarätigen Begleitung: Aaron Parks (p), Linda May Han Oh (b) und Greg Hutchinson (dr). Schärfe hat hier keinen Platz, aber das ist ja auch mal schön. 4
Ein ähnliches Feld beackern AIRELLE BESSON & LIONELL SUAREZ auf "Blossom" (Papillon Jaune). Hier wird die Wirkung von Bessons virtuos-melancholischer Trompete durch Suarez’ beachtliche Akkordeonbegleitung verstärkt. Keine Spur von Folk oder Schlager: reiner, verträumter, aber wirkungsmächtiger Jazz vom eher sentimentalen Ende der Skala. Neben beeindruckenden eigenen Stücken zeigen die beiden auch ein gutes Händchen bei Re-Interpretationen: sowohl Keith Jarretts "Answer Me" wie auch "Au Lait" von Pat Methenys "Offramp"-Album funktionieren in dieser gänzlich anderen Besetzung prima. Sogar Carla Bleys 77er Hommage an "Ida Lupino" gewinnen Besson und Suarez noch neue Aspekte ab. Respekt! 5
Und nochmal tiefenentspannte Musik, wenngleich mit nochmal anderem Ansatz und in nochmal anderem KlangGewand: der norwegische Pedal-Steel-Maestro GEIR SUNDSTØL tat sich für "Langeleik" (Hubro) mit JOE HARVEY-WHYTE zusammen – ebenfalls ein Könner auf diesem immer etwas seltsam aussehenden Instrument. Die beiden trafen sich für 5 Tage in einem Osloer Studio und spielten dort im wahrsten Sinne des Wortes mit Sundstøls InstrumentenSammlung. Ob darunter wirklich auch eine echte norwegische "Langeleik"-Zither war, kann ich nicht sicher sagen, bestätigt ist der Einsatz von Moogs, drum-machines und eines alten Optigan-Keyboards. Unterstützt von Bassist Jo Berger Myhre und den beiden Schlagzeugern Erland Dahlen und Anders Engen als Gästen spiegelten die beiden dann - ausgehend von improvisierten tunes - ihre aus wechselseitigem Zuhören geborenen Ideen zu nahezu perfekten Songs zwischen Ambient und Amerikana (wobei Harvey-White darauf besteht, es handle sich hier vielmehr um "Norwegiana"). 5
Eine andere Facette nordischer Ent- und Verrücktheit macht die Schwedin Klara Andersson aka. FÅGELLE sichtbar. Ihre selbstverlegte CD "Bränn min jord" beginnt mit der PianoBallade "Riv mig", zu der Andersson singt wie eine heisere Björk und die sich zu einem monementalen ElektroOrchesterCrescendo steigert – um dann in sanften KlavierTönen auszuklingen. Das setting aus GitarrenZerrungen, Elektronik (und wohl auch einigen field-recordings), Bläsern und Klavier bewahren auch die folgenden Songs in jeweils abgewandelter Form – bedrohlich-bedrückend und zugleich auch umhüllend-Schutz bietend klingen die Stücke dabei allesamt. Das elektronisch klappernde "Det blev våra liv" gemahnt dabei an die frühen Múm und das wortwörtlich abschließende "Avslutning" wirkt wie ein der vollständigen Verzerrung anheimgefallener Trauermarsch. Beängstigend schön! 5
BELLBIRD sind Claire Devlin (ts), Allison Burik (as/bcl), Eli Davidovici (b) und Mili Hong (dr), ihr selbstverlegtes Debutalbum "Root In Tandem" sorgte 2023 auch außerhalb Montreals für einiges Aufsehen. "The Call" (Constellation) erscheint nun beim wohl renommiertesten Label am Ort und beginnt mit einer wilden Sax-Hatz. Über die Laufzeit ergeben sich wundervolle Elemente, wie etwa die Verschachtelungen im letzten Viertel von "Blowing On Embers"; bewegte Stücke wechseln sich mit eher entspannten tunes wie "Phthalo Green" ab und all das klingt sehr überzeugend. Komprimiert wird die BandIdee (für mich) in den 6 1/2 Minuten von "The Call": hier kommt abwechselnd die ruhige und die wilde Seite von Bellbird zur Geltung. 5
Aus Armenien statt die inzwischen in Frankreich lebende Sängerin VICTORIA ALEXANYAN, die auf "Vishap" (Musiques en balade) dramatische Melismen über Klavier und energische Perkussion legt. Der Titel ihrer Platte kann laut Info mit "Drache" übersetzt werden und eben diesem mythischen Wesen aus Armeniens SagenWelt huldigt Alexanyan hier – begleitet von p-b-dr und Amin Al Aiedy an Oud und Nay - auf Französisch, Armenisch und manchmal auch Englisch. 4
Ganz anders, weil knietief in der Tradition des GypsyJazz stehend, kommen die DJANGO FESTIVAL ALLSTARS um Samson Schmitt (git) und Ludovic Beier (acc) daher, die gemeinsam mit Antonio Licusati (b) und Rhythmusgitarrist Francko Mehrstein unter der künstlerischen Leitung von Geiger Pierre Blanchard dem Erbe des großen Django Reinhardt huldigen. Allerdings aus einer eigenständigen künstlerischen Position heraus, denn aller GypsieNostalgie zum Trotz sind sämtliche der 12 hier zu hörenden Stücke Eigenkompositionen der Band(mitglieder). Da schleicht sich dann schon mal eine Hawai-Gitarre in den GypsySwing oder man spielt auf zum "Balkanic Dance". 4
Die Österreicher von SHAKE STEW feiern ihr 10jähriges BandJubiläum mit einer dreiteiligen Suite namens "Ten One Two Three", die sie auf eine am 13. Februar erscheinende Doppel-CD und ein für den kommenden Herbst angekündigtes Album verteilen. "Ten One Two" (Traumton) bezaubert mit einem smooth improvisierenden Tenorsax (Johannes Schleiermacher ist übrigens der Neffe des neumusikalisch hochverdienstvollen Pianisten, Komponisten und Vermittlers Steffen Schleiermacher), zu dem vom Schlagzeug immer wieder hoch experimentelle und dennoch zugängliche RhythmusLinien entwickelt werden. Schön auch der stoisch beschleunigte Bass von "Ascendance" oder die immer wieder eingestreuten elektronischen Tricks. CD1 besteht dabei aus neuen Kompositionen des Bass-spielenden Shake Stew-Chefs Lukas Kranzelbinder, CD2 dann aus improvisierenden Re-Interpretation des in all den Jahren angesammelten musikalischen Materials in unterschiedlichsten personellen und räumlichen Konstellationen. Ich bin schon gespannt auf die herbstliche Fortsetzung. 5
Mit einem für ein git-dr-p/keys-Trio ungewöhnlich vollen und weichen Sound begegnen uns YAMIRAH'S SOLAR EXPLORERS. Sie erforschen die "Andromeda Galaxy" (Fat Banshee) unter der Anleitung von Chefin Yamirah Gercke, die ihre verträumte JazzGitarre bei "Giraffe" sogar mit etwas 70ies-LoungeExotik-Flair spielt. Der "French Toast" wird mit ein wenig SchweineOrgel bestrichen, auch der tief grummelnde Bass weiß hier sehr zu überzeugen. Und der abgespacte "Disco Pluto"-Planet ist mit seinem fein ziselierten Arrangement und den verfremdeten vocals (die es auf dem ansonsten rein instrumentalen Album nur hier gibt) ziemlich cool. 5
Fear No Jazz
›› MORTON FELDMAN ›› EXTREMA RATIO ›› TOMEKA REID QUARTET ›› JAZZJANZKURZ ›› NICOLA ANTONIO PORPORA ›› EMMA RAWICZ ›› RANT ›› JAZZJANZKURZ ›› ARVO PÄRT ›› JAZZJANZKURZ ›› TERESA ROTSCHOPF ›› CHRISTIAN WALLUMRØD ›› TILL BRÖNNER ›› JAZZJANZKURZ ›› JON BATISTE ›› JAZZJANZKURZ ›› JAZZJANZKURZ ›› DER EXPANDER DES FORTSCHRITTS ›› LAIBACH ›› JAZZJANZKURZ ›› KRONOS QUARTET & MARY KOUYOUMDIJIAN ›› JAZZJANZKURZ ›› FEDERICO ALBANESE ›› JAZZJANZKURZ ›› KARM & KOHSETSU IMANISHI ›› FEAR OF THE OBJECT ›› JAZZJANZKURZ ›› JAZZJANZKURZ ›› JAKUB JÓZEF ORLIŃSKI & ALEKSANDER DĘBICZ ›› STEFAN PRINS ›› MIEKE MIAMI ›› JAZZJANZKURZ ›› NILS WÜLKER & ARNE JANSEN

