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ANNE BRORHILKER / TRAUDL BÜNGER

Cum/Ex, Milliarden und Moral - Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt

(Heyne, 271 S., 24,00 Euro)

Zum Thema "Cum/Ex" ist eigentlich kaum noch etwas Vernünftiges zu sagen. Dass eine Merz-geführte Regierung noch weniger Interesse an einer Verfolgung der mit Abstand umfangreichsten Steuerverbrechen hat als die des gedächtnisschwachen Olaf Scholz, verwundert nur besonders naive Zeitgenossen und überhaupt sind die durchweg arbeitsscheuen Empfänger von Bürgergeld, Grundsicherung oder wie immer die staatlichen Almosen gerade heißen mögen, ja auch viel leichter des "Betrugs" zu überführen als die ehrenwerten Bankiers, Rechtsanwälte und Steuerkoryphäen, die da einige Nebensätze im Gesetzestext vielleicht falsch interpretiert haben und so versehentlich Erstattungen für Steuern beantragten, die sie nie gezahlt hatten. Dass zwischen den Summen, derer die Staatskasse in beiden Fällen verlustig geht, Größenordnungen liegen – geschenkt! Warum also dieses Buch lesen? Weil die aufrichtige, hartnäckige und tapfere Ex-Staatsanwältin Brorhilker nicht nur "Cum/Ex"-Verbrechen in vielen Fällen zur (mehr oder minder) erfolgreichen Anklage brachte, sondern – beinahe wichtiger! – weil sie aus dem Inneren des Systems berichten kann. Zwar verbietet ihr die auch für aus dem Staatsdienst geschiedene Beamte geltende (nebenbei: lebenslange) Verschwiegenheitspflicht, dienstliche Angelegenheiten detaillierter zu beschreiben als bisher z.B. durch die öffentlichen Gerichtsverhandlungen bekannt (was zu dem skurrilen Umstand führt, dass selbst die erste Auflage dieses Buchs an einigen Stellen geschwärzt ist), aber sie ist zumindest nicht mehr zu einer manchmal bedenklich weit ausgelegten Loyalität gegenüber ihren ehemaligen Dienstherren verpflichtet. Deshalb kann Brorhilker hier zumindest andeuten, wie ihr durch staatliche, parteiliche oder regierungsnahe Stellen immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. Angestachelt durch ihren ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit wühlte sie sich durch die komplizierten aktien- und steuerrechtlichen Details und verstand es mit bühnenreifen Maskeraden, die Verdächtigen zunächst in Sicherheit zu wiegen. Köstlich, wie die sich von schlichten und mit Aktenbergen zugemüllten Büros zu (noch größerer) Arroganz und Überlegenheitsgesten verleiten ließen und wie groß deren Überraschung (und anschließend die Wut) war, als ihnen klar wurde, dass "die kleine graue Maus" alles andere als unterbelichtet und ahnungslos war. Die nicht nur in wirtschaftskriminellen Kreisen weit verbreitete misogyne Überheblichkeit der – im konkreten Fall wohl tatsächlich fast rein männlichen – Kanzleichefs, Edelbankiers und Steuer-Professoren führt zu so abstrusen wie beinahe lustigen Szenen – und ist (auch in anderen Branchen) doch noch immer Alltag. Aber auch strukturelle Probleme werden benannt und analysiert: die Staatsanwaltschaften sind personell überhaupt nicht und fachlich nur selten ebenbürtig (Weiterbildungen müssen sich die Beamten z.B. oft erkämpfen und durch regelmäßige Versetzungen wird eine Spezialisierung offenbar systematisch verhindert). Doch auch Auswege aus diesem Dilemma zeigt Brorhilker auf. Ihre im Hinblick auf Altersversorgung, finanzielle Sicherheit und – in Brorhilkers Fall vielleicht weniger wichtig – von mäßigem Tempo bestimmte Arbeitsbedingungen sicher "dumme" Entscheidung, aus dem Beamtenverhältnis auszusteigen und Wissen und Kraft zukünftig bei einer gemeinnützigen Organisation (finanzwende.de) einzubringen, spricht nicht nur für Frust, sondern auch für den Willen zur Veränderung. Passend dazu heißt das letzte Kapitel "Ein Weg besteht aus vielen kleinen Schritten" – wir sollten sie (und möglichst viele andere!) auf diesem Weg begleiten, bestärken und (gern auch konkret finanziell!) unterstützen. Sprachlich ist das Buch trotz der Unterstützung durch die Journalistin Traudl Bünger zwar kein großes Meisterwerk (so beginnen etwa (zu) viele Sätze mit "Ich weiß noch, dass…" und manche Passagen ließen sich sicher straffer formulieren) aber inhaltlich kann man Brorhilker/Bünger durchweg zustimmen.
Weitere Infos: www.penguin.de/buecher/anne-brorhilker-cum-ex-milliarden-und-moral/buch/9783453219113


Februar 2026
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