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Für eine kleine Sensation halte ich die "drone version"s, die JAS SHAW von Songs der deutsch-türkischen Sängerin ALEV LENZ schuf. "4 in a Cycle of Thirds" erscheint als eigenveröffentlichter DL und hat mit seinem dunkel-sanften, zugleich sehr energischen (Sprech)Gesang und den darum gebauten bohrenden SoundScapes unbedingt viele Hörer verdient! Hier treffen folkloristische Motive auf experimentelle Töne, drones auf zarte Melodien und das "feedback-system" in Shaws Klavier auf dramatische CelloKlänge. 5Das stimmt ganz gut ein auf die "Lagoon" (Karl), in der sich die beiden FLOCKS (also "drone specialist" Werner Durand und der Perkussionist Uli Hohmann) ihre Zeit vertreiben. Das Titelstück ist ein großer TranceZauber aus einer so knifflig wie monoton dargebotenen SchlagzeugFigur und hinzugeblasenen Verzierungen, "Whirls" betört uns mit verlangsamten SufiSounds. Ellenlange Stücke, die mit eben jenem TrancePrinzip vielleicht nicht sonderlich innovativ, aber doch auf hochwirksame Weise umgehen. Wenn die Gerüchte stimmen, beendet Karlrecords in absehbarer Zeit seine Aktivitäten – eine sehr bedauerliche Perspektive. Bis dahin freuen wir uns aber an Karl-Platten wie dieser. 5
In diesem dezent NeoHippie-haften drone-Kosmos könnte man nun auch HACKEDEPICCIOTTO verorten, die sich allerdings nicht in einer Lagune, sondern auf einer "Lichtung"(Mute) befinden. Hier verkündet Danielle de Picciotto, oft mit schwerem Ringen um den Reim ("Vogelfrei"), mit ihrer nachtschwarzen Stimme Botschaften zwischen Neubauten-esk-expressionistischem TextTerror, Gottfried Bennschem Nihilimus und (hier gleichen HdP den erwähnten NeoHippies besonders) immer wieder auch bedingungslosem Optimismus. Dazu ertönen Kratzen und Rauschen, elektronisches Flirren, DrehleierDrones, ein verirrtes Harmonium, vielleicht sogar ein (effektgeladener) gestrichener Kontrabass ("Der Marschall") und natürlich de Picciottos Geige. Die ewig gleiche (aka. stilbildende, sich selbst treu bleibende) Gesangsweise hat dabei in meinen Ohren etwas von einer katholischen Liturgie - weder formal noch inhaltlich, aber von der verbreiteten Stimmung schon. Die einen werden sagen "ein Album wie aus einem Guss", die anderen von "Abwechslungsarmut" sprechen. Recht haben beide irgendwie. 4
Anders als bei DdP ist es mir in den 40 Jahren, die ich MARTYN BATES’ Stimme kenne, nicht gelungen, diese zu mögen. Seine Musik hingegen schon (Eyeless in Gazas "Drumming The Beating Heart" (1982) ist zweifellos ganz großer AvantPop!) - gemeinsam mit MICK HARRIS (Scorn, Painkiller, Napalm Death) bastelte er anno 1998 als Abschluss der "Murder Ballads"-Trilogie vier bedrohliche und zugleich liebliche ElektroSoundScapes, zu denen er eigenartige Klagelieder, besser "Murder Ballads [Incest Songs]"(Sub Rosa) singt. Mit Schiff- und Blutmetaphern en masse, getragen, ohne jeden beat, (z.T. mit viel Hall) eher gehaucht als gesungen und voll vom leisen Röhren und Dröhnen aus den Schaltkreisen. Hier nun erstmals auf DoppelVinyl. 4
Der Einfluss von DAF auf meine persönliche musikalische Sozialisation war immens. Und auch das, was Robert Görl und die "stilprägende DJ und Produzentin Sylvie Marks" als GÖRL vorlegen, gefällt dem 19jährigen in mir über alle Maßen. Nur bleibt die Frage offen, was "Dark Silver Moon Light"(Grönland) mit dem Hier, Heute und Jetzt zu tun hat, wenn man die alten SequenzerLinien und AnalogSynthSounds 2026 schlicht wiederholt: "Wir brechen aus" ist in meinen Ohren ein lupenreines "Muskel"-remake. Schlicht heißt aber nicht schlecht – und Nummern wie das Bowie-eske "Don’t Stay At Home" brechen etwas aus diesem FlashBack-Schema aus und sind insofern vielleicht nicht besser, aber doch anders. 4
Und obwohl auch die Brüsseler aus dem MANIAC MAISON mit blubbernden Synths und straighten drumsets überzeugen (möchten), ist "マニアックメゾン" (Humpty Dumpty) - was, wenn mich die online-Übersetzungsmaschine nicht belügt, einfach nur der Bandname in japanischen Schriftzeichen ist - etwas ganz anders, nämlich freundlich flirrender ElektroPop(!) mit exotischem Gesang. 4
Schlagzeug-betonten InstrumentalRock mit von scharfen Gitarrenriffs strukturierten Songs kennen wir von den beiden Franzosen hinter CHEVREUIL aus den 00er Jahren. Da macht nun "Stadium" (Computer Students™) keine Ausnahme, sondern trotz 20jähriger Pause mit großer Konsequenz weiter. "Plexus": Abstrakte Psychedelik. "Mortalis": Hypnotische Faszination. "Atoll 2": seltsames (Synth?)BassBlubbern - alles moderner MathRock in feinstem Schnitt. 4
Wesentlich elektronischer und vor allem deutlich zappeliger kommen die DEAFKIDS daher. "Cicatrizes Do Futuro" (Neurot) ist ein feines Chaos aus dunklen VoodooGrimeTrommeln, bösem elektronischem Knurren und merkwürdigen SprachFetzen, das allerdings gar nicht aus einem jener berühmt-berüchtigten Ost-Londoner Kellerclubs kommt, sondern aus Volta Redonda (das liegt bei Rio de Janiero!). ElektroPunk do Brasil - die 40 Minuten dieser CD hält man auf einer Tanzfläche aber ohne Stimulanzien konditionell wahrscheinlich nicht aus (ich jedenfalls nicht (mehr)). 4
Ebenfalls recht bewegungsfreudig ist der LoFiIndiePop, den die beiden waliser GaragenPunks von THE BUG CLUB auf "Every Single Muscle" (Sub Pop) feiern. Nichts neues unter dieser Sonne, aber solide und - die richtige Stimmung vorausgesetzt - durchaus spaßfördernd, sogar on "A Good Day For Dying". 4
Solcherlei Sounds kann man auch beim Berliner DIY-Kassetten-Label Kitchen Leg erwarten, aber was dieses Mal das Berliner FrauenTrio PIEUVRE darbietet, ist trash-freier; eher PostPostPunk-ig und "Away From Human Behaviour". Mir gefällt die Band besonders, wenn sie ihre bemerkenswerten Botschaften in deutsche Texte verpackt (was sie allerdings nur bei 2 der 10 Songs tun). 4
Gänzlich ohne (vordergründige) Schärfe trällert Claudia Sorvillo, die Sängerin der zwischen Neapel und London pendelnden Band mit dem seltsamen Namen DRIVING MRS. SATAN, auf "Late Ever After" (Liburia) mit Bobo (In White Wooden Houses)-haftem JungmädchenSopran zu launigem GitarrenFolkPop. Allerdings keine selbstgeschriebenen Nummern, sondern Klassiker des Heavy Metal. Gleich in der ersten Nummer ("Breaking All The Rules" von good old Ozzy Osbourne - RIP) begegnet man souverän den Trolls, die bei Youtube dämliche Kommentare wie "The lyrics don’t fit with the music", "Don’t touch the legend", "Sorry, aber das ist die Vergewaltigung eines Top-Songs." oder schlicht: "You have zero taste" hinterließen, indem sie sie zwischen Gitarre und TraumGesang schlicht als Zitate einbauen. Mit dieser so harschen wie falschen Kritik gehen sie also schon mal sehr selbstbewusst um. Und das sehr zu Recht, denn hier wird von einer guten Band gute Musik gespielt – nur eben in ungewöhnlicher Manier. Ob "Only The Good Die Young" von Iron Maiden oder Motörheads "Ace Of Spades": "Let There Be Rock", hier mal ganz sanft (wobei man das nicht mit einer Nouvelle-Vague-Weichspülung verwechseln darf)! 5
MICHELE DUCCI bringt uns im opener seines Albums "Rain On Me" (Monotreme) das Rechnen mit reellen, also nicht (nur) ganzen, Zahlen bei: "More Than One, But Less Than Two". Seltsame Klavieretuden wechseln sich hier ab mit beatgetriebenen Songs wie "Woman like you". Oder auch "Follow the sun". Ducci hat dabei auch vor einem eher fordernden GesangArrangement keine Angst: "Don’t stress her". Schräge SiSo-Sachen also, konsequent (künstlerisch) übersteuert und im weitesten Sinne geistesverwandt mit dem Animal Collective. 4
Mit mehr PopAppeal und ebenfalls recht klugen Texten beackert DANIEL BENYAMIN auf "Life After Music" (Ghost Palace) das SongwriterFeld. Seine sauber arrangierten SiSo-Nummern atmen etwas mehr orchestrale Weite und auch Schönheit, dazu trägt er mit sanfter Stimme bemerkenswerte Gedanken vor: "The most beautiful thing about beauty is: we can watch it fade" (aus "The Truth About Lying"). Oder "Even if I close my eyes, everybody is still there. Should I care?". Es passiert mir bei solcher Musik tatsächlich eher selten, aber Nr. 8 bringt es auf den Punkt: "I can’t get it out of my mind". Dazwischen streut der Berliner einige stumme tracks, die dann so sprechende Titel haben wie "Lost in space" oder "A door in the clouds". "Music is my revenge" – genau, Benyamin hat sich auf dieser ziemlich langen, niemals aber langweiligen Platte offenbar viel von der Seele geschrieben. 5
Die MEKONS treffen (fast) 50 Jahre nach ihrer Gründung noch immer mit sicherer Hand die Mitte zwischen den FolkTraditionen der Insel und einem avantgardistischem PunkRockEthos, hier in "Versionen" ihres 2025er Albums "Horror". Gemeinsam mit Tony Maimone (Pere Ubu, They Might Be Giants) haben sie für "Horrorble" (Fire) das Material durch den EchoWolf gedreht, die lyrics in die HallKammer geschickt und auf mancherlei andere Art und Weise mit dem SongMaterial gespielt. So richtig gelungen ist allerdings weniges und manches - wie etwa die als "Bonus track" präsentierte völlig chaotische Dubcrawlers-Version von "Before the ice-age" - würde ich sogar "überflüssig" nennen. 2
Ganz anders die warmen DubSounds von R. SCHAPPERT auf dem DL "Lolostst" (r-ecords): hier passt der komplexe Groove perfekt in das kuschlige SoundBild und auch ganz ohne Worte (bis auf den Schlusstrack) wird eine wohlig-weiche Botschaft von Frieden, Schönheit und Entspanntheit transportiert, zu der man trotzdem ganz gut tanzen kann. "Your light is the drug"! 5
Und schnell nochmal zurück zum NoisePop. Auf "Roses"(Captured Tracks), dem neuen Album des NY-Indie-Zweiers WIDOWSPEAK geht es sehr gelassen zu. Ein schleppendes Gerüst aus präsentem Schlagzeug, Bass und vielen Gitarrenspuren, über das sich die schläfrig-laszive Stimme von Molly Hamilton legt. Ein paar sehnsüchtige Country-Reminiszenzen, etwas RockAttitude und jede Menge Gefühl - vielleicht klänge es nicht viel anders, wenn die Flaming Lips mit Dolly Parton Leonard Cohen covern würden...5
Aber auch etwas "Weltmusik" möchte ich noch erwähnen: FATOUMATA DIAWARAs "Massa" (Nø Førmat!) z.B. ist eine feine AfroPopWorldBeat-Melange mit leichtem Elektro-Einschlag, die nicht nur von einem wunderbaren Groove, sondern natürlich zuallererst von der phantastischen SangesKunst der malischen Sängerin und ihrem vielsaitigen GitarrenSpiel geprägt ist. 4
Aus dem benachbarten Burkina Faso stammt MASSA DEMBELE, der auf "Falatô" (Not OK) mit seiner Ngoni-Harfe WüstenBlues, GriotTraditionen und AfroBeatPerkussion zu einer kunterbunten Suppe verrührt (was für ein schiefes Bild!). Von den Griot-Meistern seiner Familie hat er das Geschichtenerzählen genauso gelernt wie das virtuose Spiel auf Djembé und Balafon - wobei die (kleine) Kamale Ngoni sein zentrales Instrument bleibt. Dazu vielstimmige Chöre, Bläsersätze und eine unwiderstehliche Rhythmussektion - so faszinierend modern und traditionell zugleich kann das Bewahren des Erbes klingen. 4
Aus der Slowakei kommt eine andere, nicht minder spannende Form folkloristischer VokalMusik. NEHA! sind sechs Sängerinnen, die 2020 während der Corona-Restriktionen zueinander fanden, dort ihrer Leidenschaft für polyphonen Gesang einen gemeinsamen Rahmen verliehen und nun mit "Svetu" (CPL) ihr erstes Album vorlegen. Blitzsaubere Stimmen in grandiosen a-capella-Arrangements, zu denen sich manchmal zarte Harfen- oder Cello-Klänge und immer mal wieder auch ein paar beats gesellen. "Rumelaj"!4
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