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Dieser Sommer scheint einer zu sein, in dem viele (halb) vergessene Alben zu neuem Leben erweckt werden (sollen). So setzt Bureau B tapfer seine QuellenArbeit in Sachen CONRAD SCHNITZLER fort und schenkt dessen 1981 auf dem norwegischen Label Uniton erschienenen Album "Conal" eine re-issue. Die beiden mit je knapp 21 Minuten klassische LP-Seiten-Länge aufweisenden Stücke bestehen aus ausufernden, z.T. auch etwas wirren SynthMosaiken zwischen Stockhausenscher PhasenverschiebungsEkstase und KlusterKrautResten. 4Auch im "German Synth Wave Underground 1981-1986" wird weiter gewühlt. Die Kompilation "Sowas von Egal 3" (beide Bureau B) kennt aber sowohl killer wie auch filler. Das bzw. die Isolierband z.B. ist eher blamabel, ihre "Kontrolle" ein dünner Aufguss aus TeenageAngst und Selbstüberschätzung. Der Unterschied zwischen Osten und Westen war in dieser Beziehung der, dass solche Klänge auf der einen Seite bestenfalls mit provisorischem Equipment in Kellern und Kinderzimmern produziert wurden, jenseits der Mauer aber gern und "lieber zuviel als zuwenig" auf Tonträger gepresst wurden: pubertäre Frustration mit wenig Substanz und musikalisch bestenfalls "durchwachsen". Die direkt anschließende "Bizarre Leidenschaft" enthüllt ihr "Geheimnis" dann zwar auf Basis einer schön reduzierten "Bella Ciao"-Linie (zumindest hoffe ich, dass das nach dem Intro immer wieder auftauchende SynthMotiv als Zitat gemeint ist und kein dreister Diebstahl), aber auch hier darf man von Text und Gesang nur wenig erwarten. Erwähnenswert(er) sind womöglich Zero Zero mit "Irrenanstalt" (mit einem der besseren Texte) oder die vielleicht etwas bekannteren JaJaJa (deren gleichnamige 82er Atatak-LP ohnehin sehr zu empfehlen ist) mit einem schön nervösen und dabei durchaus komplexen BeatGerüst zu feinen FunkRiffs . Viele der Stücke sind den Erzeugern heute hoffentlich selbst peinlich, denn nur selten haben diese mehr getan, als linkisch eine drum-machine zu programmieren, dazu den Synthie mit Ein-Finger-Melodien zu malträtieren und unreife Texte ins Mikro zu jammern. Wenn schon, hätte man das so konsequent angehen sollen wie "Die egozentrischen Zwei" (mit dem später zu einiger Berühmtheit und auch musikalischer Kunstfertigkeit gelangten, seinerzeit aber noch minderjährigen Felix Kubin) mit ihrem minimalistisch flirrenden "Kunststoff"-Stück und auch der diese Compilation abschließende (von keinem Geringeren als Conny Plank produzierte) "Conterganpunk" vom KFC-Vorsitzenden Tommi Stumpf wütet trotz der schleppenden Grund(schuld)struktur ganz gelungen. 4
Auch wenn ich Anfang der 90er die Platten von MYRNA LOY durchaus zu schätzen wusste (inzwischen liegen alle drei auch als remasterte Neuausgaben vor), erschließt sich mir die zwingende Notwendigkeit einer re-union (wie so oft) nicht. Andere feiern die alten Recken aber durchaus: nicht nur der Auftritt beim diesjährigen Wave-Gothic-Treffen war dem Vernehmen nach umjubelt, auch bei der mehr oder minder geheimen warm-up-Show im heimischen Bonn kam das Publikum auf seine Kosten. "Kult 41 – Live 31 03 2026" (Lost Albums) ist das zugehörige Vinyl-Dokument, auf dem der neue Sänger Henning in feinem Falsett schmettert. Die alten Songs haben dabei ihre Kraft durchaus bewahrt (nach wie vor sehr eindrucksvoll z.B. "Faith Healer"), wobei "Berlin" einen "immerschön"en, von flotten Trompeten und fetten Gitarren getragenen und ziemlich (schweiß)treibenden Schlusspunkt bildet. 4
Dass selbst ein gestandener Mann wie REINHOLD HEIL (der immerhin u.v.a. Nina Hagen, Spliff, Nena und Cosa Rosa auf der Referenzliste stehen hatte) auch in den Goldenen Jahren der Musikindustrie von Sony einen Korb bekam, erstaunt (mich) sehr. Auf jeden Fall erkannte anno 1996 in Frankfurt niemand das Potential des fertig produzierten ersten Heil-Solo-Albums. Nun erscheint, mit schlappen 30 Jahren Verspätung, "The Electric Heidiland" (Künstlerhafen) aber doch und während im opener reflektiert wird, ob einer ein Arschloch ist, weil er eine bestimmte Automarke fährt oder umgekehrt, erfreut uns der zwischen Red Hot Chilli Peppers, Pop Will Eat Itself und Yello zu verortende Sound heute doch sehr. Die "Ping Pong Diplomacy" basiert auf dem sample eines irisierenden Tischtennisball-Ploppens, "Four Letter Words" bezirzt mit Prince-haftem FunkGroove und nicht nur in "Testosterone" wird nach Kräften gerapt. Alles im typischen mid-90er Sound, der heute zwar etwas zu sehr nach Kunststoff riecht, aber trotzdem noch ziemlich cool daherkommt. "First Time" ist ein semi-ambientes SoundGemälde, für das sich auch ein Boris Blank nicht schämen würde und in den "Streets Of San Francisco" wird das feine FunkKleidchen mit einer fetten Ladung 70er-Jahre-Krimi-Charme bekleckert. "Come in – you’re welcome to the Electric Heidiland!" 4
Einen ersten Schritt ins Hier und Heute machen wir mit den "Torments & Temptations" (Kitchen Leg) von EARTH LOGOFF. Ganz stilecht gibt’s deren mit schmutzigen Botschaften versehenen 8bit-Atari-cheapo-crash-CyberPunk nur auf Kassette. Bei "Eilat" tritt etwas hinzu, das eine vergewaltige E-Gitarre sein könnte, wohingegen "Farad" komplett im NoiseGewitter untergeht. In "Labiacs" hören wir dann wieder eine Art Gesang – die Dame am Mikro weiß sehr Wichtiges zu verkünden: "I am sex-addicted!". Die Platinen schreien dazu und auch beim "Boredub" entsteigt etwaiger Rauch keiner Tüte, sondern rest-qualmenden SoundTrümmern. So geht es eine knappe halbe Stunde, bis das alles "Stumpf" und schließlich sogar "umpf" endet – aber nie langweilig wird. 5
Es bleibt genial-verrückt: die Straßburger Band BBCC hieß früher mal Crocodiles INC., heute könnte man die vier großen Buchstaben in Bright-Baroque-Chaotic-Chic übersetzen. Oder in Burlesque-Barbarian-Celestial-ClubCore. Denn "King Michael II and the Trial of the Axe" (October Tone) beginnt, als würden sich Animal Collective an Eurodance versuchen. Und zwar mit einer Axt! Nur um gleich darauf zu bekennen: "Honestly I hate the night-time!" 45 Minuten eigenartig flirrender AvantPop mit starker Betonung auf Avant und passenden, gleichwohl sehr seltsamen Satz- oder SprechGesängen über stets etwas obskure Begebenheiten: Out of tune melodies coming from a campfire… Und so erwächst aus "Sanguinis Karaokus" der Wunsch: "The king is dead, long live the undead queen"! 5
Jetzt entspannen wir uns ein wenig. Auch wenn die kalte Analyse etwas anderes ergibt: für mich atmen KREIDLERs "Schemes" (Bureau B) den Geist des Dub; vielleicht haben sich auch einige KrautIdeen dorthin gerettet. Auf jeden Fall ist es ein Album aus tiefer Entspannung und höchster Gespanntheit zugleich: "Klove Twin" mit seiner vielleicht mit einem Synth gezupften TodesBassLinie, "Fenix" mit dem sehr gelungenen semi-rituellen Gesang von Gast Leo Garcia. Oft startete man mit fieldrecordings, die im - hier sehr ambienten – GesamtKlangBild aber eine feine Einheit mit den immer leicht gegeneinander verschobenen SynthieSpuren und dem prägnaten Rhythmusgerüst bilden. 5
Bezeichnete man "Scalar" (Audiobulb) von DISTANT FIRES BURNING & AUTISTICI als bloße (An)Sammlung von Remixen, täte man diesem feinen download unrecht. Denn hier wird die KlangBasis nicht nur vielfältig ausgedeutet und seziert, sondern von den Beteiligten oft in völlig neue Zusammenhänge gestellt. Da ist der den beat mit clicks und sctraches verknüpfende Kingbastard-Mix, wohingegen He Can Jog das alles in eine warme, gleichwohl avantgardistisch aufgerührte Ambient-Soße taucht. Auch der Reverend Basstorius hat sich in das KnisterKnaster verliebt, macht dann aber seinem Namen alle Ehre und federt auf einer wunderweichen BassLinie. Im "Ümlaut Vector"-Remix von eben jenem Ümlaut wird auf beats hingegen nahezu komplett verzichtet, hier ist selbst ein Bassdrum-Ploppen mehr Geräusch denn Rhythmus. Und die von Pulse Mandala verantwortete Fassung hypnotisiert uns mit einem beinahe Pink-Floyd-haften Schweben – was uns nun beseelt (und mit etwas Verspätung) in den lauen Sommerabend gleiten lässt...4
Rock & Pop
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