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Wir stürzen uns in den Mai mit Musik von solch schlichter Schönheit, wie sie sonst eher in dunklen Herbstnächten den Weg in unsere Player findet. Dabei ist die von MAXWELL FARRINGTON & LE SUPERHOMARD erhobene "Window Tax" (Talitres) alles andere als schwermütig. Die Legende will es, dass der Australier Maxwell Farrington und der Franzose Christophe Vaillant zuerst bei einem Soundcheck mit einem Burt Bacharach-Stück zusammentrafen. Dessen leichte sweetness durchweht auch die von Farrington mit einem traumhaften Bariton vorgetragenen MeisterStücke feinsten SanftRocks - einmal mehr regnet es allerorten Plüschherzen. Und zwar solche von bester Machart – irgendwo zwischen Tindersticks und (gerade bei den beiden Stücken, bei denen Lily Buchanan gastiert) St. Etienne. Die eigenartigen und qua feinster (beinahe britischer) Ironie auch mehr als unterhaltsamen Texte verdienen besondere Aufmerksamkeit und sind vor der Folie aus (u.U. auch Synth-generierten) Streichern, Ba-Ba-Baa-Chören, mal bewegtem, mal super-zärtlichem Schlagzeug, launigen SoundSpielereien und dramatischen Gitarren (Bläser finden sich erstaunlicherweise nicht im KlangDesign) dank klarer Intonation auch bestens zu verstehen. 5Den angesprochenen St. Etienne-Charme kultivieren auch ANADOL & MARIE KLOCK auf ihrem zweiten Album "Manivelles" (Pingipung). Allerdings ist die Verwandtschaft hier eher eine atmosphärische, wenngleich Marie Klocks bezaubernde Stimme die Assoziationen stützt. Gespickt mit kleinen aufregenden Details (mal Samples blökender Schafe, mal Kinderlachen, mal ein ins Hysterische kippendes "La La La!") und seltsamen NebenKlängen (z.B. wurde im sehr schönen "Sans Toi" das Klappern der TastenMechanik des dort verwendeten Hohner Pianets nicht weggemischt, sondern lieber noch verstärkt) lassen die mit extravagantem VintagePop genauso wie mit exotischem ElektroKraut spielenden Arrangements der zwischen Niedlichkeit und Verrücktheit pendelnden Stücke keinerlei Langweile aufkommen. Und keine bösen Gedanken – so wie Klock auch erst mal die Nägel ihres zweiten Fußes zu Ende lackierte, als die Wände ihrer Istanbuler Wohnung eines Morgens zu wackeln begannen. Das Erdbeben möge bitte einen Moment Geduld haben, es gibt zunächst wichtigere Dinge zu erledigen. 5
Gut anschließen lässt sich mit den klanglich schlichteren, aber nicht minder hingebungsvoll vorgetragenen Songs, die Glenn Donaldson für das neue Album seines Projekts THE REDS, PINKS AND PURPLES geschrieben hat. "Acknowledge Kindness" (Fire) ist eine gute Empfehlung, auch wenn die nach wie vor mit großer Morrissey-Geste leise in die böse Welt geschmetterten Stücke hier auf die Dauer etwas eintönig wirken. 4
Die Brüsseler MusikEntdecker von Crammed Discs haben mit dem in Berlin lebenden Duo LOS PULPITOS einen dicken Fisch an Land gezogen (bitte merken Sie sich die Metapher!). Aus clever gegeneinander verschobenen SequenzerSchichten und seltsamem Klopfen, zwitschernd zischenden Samples und subnautischen SynthKulissen oder einem (auf einer ansonsten rein instrumentalen Platte) von obskuren "I want my sabbatical"-vocoder-Stimmen eingerahmten BreakBeat-Gewitter formen der Peruaner Felipe Salmon (der zugleich eine Hälfte der WorldTechnoHeads "Dengue Dengue Dengue" ist) und der deutsche Elektroniker Dirk Leyers (der mit dem Chilenen Matias Aguayo als "Closer Musik" schon vor mehr als 20 Jahren auf Kompakt einige Erfolge feierte) auf "Tentacletek" (Crammed Discs) in 45 Minuten 10 sehr heterogene, immer aber hochspannende elektronisch-organische SoundSkulpturen. Den thematischen Überbau für diese extrem rhythmus-orientierte Version der guten alten Burroghs'schen cut-up-Methodik liefern Tentakel(!)-bewehrte TiefseeMonster. Manchmal, aber auch wirklich nur manchmal, wird es dann doch ein wenig "laid back": "MolaMola". Die beste KurzBeschreibung ihrer Musik geben Los Pulpitos für ihre deutschsprachigen Hörer aber selbst ab: "Pannetronica" heißt track #3. Schöne Sache. 5
Jetzt aber mal etwas Ruhigeres, dabei aber doch recht Forderndes: "Poulaine" (Room40) entstand 2009 als Begleitmusik für eine von der University of California in Irvine konzipierte Ausstellung von dreizehn mittelalterlichen Handschriften. Dafür schliffen Danielle Baquet und Will Long aka. CELER sanfte Kratzer in eine aus tapeloops bestehende AmbienteNoiseWand, deren 13 KlangSteine fugenlos gesetzt sind. Eine sehr lohnende Wiederentdeckung. 4
Klangverwandt hierzu ist die "Impartation" (atrium artists), mit der der Schwede DAVID ÅHLÉN nach einem burnout zurück ins Musikmachen fand. Auch hier dominieren sanft-schwebende AmbientGedanken, aus denen einige kleine Spitzen und ab und an auch der abstrakte Gesang von Åhlén (und einmal auch die sehr gut in diese entrückt-konzentrierte Stimmung passende Stimme der eher aus Pop-Zusammenhängen bekannten Sängerin Rebecka Karlsson) ragen. 4
Zu einer Begleitung von (gern Effekt-geladenem) Klavier, Cello, sanftem Schlagzeug und einigen elektronischen Werkzeugen haucht ANA ROXANNE ihr "Poem 1" (Kranky). Das kann mal ein elektroakustischer LagerfeuerSong sein, mal eine Verbeugung vor Robert Schumanns KunstLied "Stille Tränen" – immer aber ist es ergreifende Musik. 4
Zum Ausklang empfehle ich noch mit großem Nachdruck die neue ATTWENGER-CD. "wos" (Trikont) hält nicht nur mit einem mehrdeutigen Ein-Wort-Titel an den Traditionen des "Neue Volksmusik"-Duos fest, auch instrumental vertrauen Markus Binder und Hans-Peter Falkner ihrem bewährten Akkordeon-Drumset-Minimalismus. Hier und da versichern sich die beiden aber doch einiger elektronischer Zutaten, etwa in der Bläser-getrieben-technoiden zweiten Hälfte vom wunderbaren "muv": "mach amol a muv, mach a bewegung!". Überhaupt wird hier die Linzer Mundart mit großer SprachgestaltungsKraft wieder zu einem ganz eigenen bildreichen InformationsTräger geformt. Sätze (oder deren Fetzen) wie "sozialismus in discos … sunst wird olles witzlos" - "Entnazifiziert hod ned funktioniat" - "Du muast ned des tun woas sie sagn dass du muast." werden durch sanft variiertes Wiederholen zu Mantren voller Weisheit - banal und doch von großer Tiefe. Und aus (Ziehharmonika)Balg und (Trommel)Fell locken die beiden die Melodie gewordenen Gegen- bzw. Ergänzungsstücke zu diesen Texten. Monoton und doch voller Besonderheiten, modern und doch zeitlos, tanzbar und doch avantgardistisch … Sehr schick auch der im Grunde nur aus der Nachbildung des Zirpens einer (bzw. zweier) Grillen(n) bestehende "Zwiefacher nachts" – oder sind das etwa 5 Minuten "echte" Sommernacht-field-recordings, inkl. Wind- oder WasserRauschen und hintergründigem Hundebellen? "I waas ned wos es is, oba es is wos." 5
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