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QUICKSILVER

V.A.

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Wir starten im Mittelfeld, in jener Zone, in der (in diesem Fall) die Musik nicht wirklich schlecht ist, aber auch nichts, was man unbedingt hören müsste. Das sind DIE WEITEREN AUSSICHTEN. Bzw. deren EP "Das alles hier ist Liebe" (popup) -und meine Vorurteile gegenüber AkademiePop bestätigen sich hier einmal mehr. Der Titelsong entstand nämlich beim "Popkurs Hamburg" und sowas geht meines Erachtens meistens schief. Ein hämmerndes Schlagzeug und PennälerProsa, GitarrenKraft und melancholisches MundharmonikaSchluchzen ("Die Motte"). Empfohlen wird das u.a. Freunden von Tocotronic und Bosse. Genau so hört sich dieser massenkompatible DeutschPop mit – wir haben es schon erwähnt – einem etwas einfallslos dahin ballernden Schlagzeug denn auch an. 2
GRIGIO SCARLATTO ist eine GitarrenBand aus Padua, die in "The Race" (Shyrec/Scissor Salad) gehen. Da treffen dann PostPunk, GothicPop und IndieRock aufeinander – das Ergebnis ist manchmal (z.B. beim opener "Take Me") ziemlich prima, über weite Strecken guter Durchschnitt und nur ganz selten auf einem Level, das den "Skip"-Finger ungeduldig zucken lässt. 4
Wieder einen Schritt zurück geht’s mit MALAKA HOSTEL, denn deren "Brucca Beat" (Rummelplatzmusik) ist mir einfach zu behäbig. Hier atmet nichts die raue Energie, die in GypsyMusic, Blues, ReggaeGroove oder FolkRock brodeln kann. Kann, denn hier hat nicht nur der Sänger eine zwischen anbiederndem Bardentum (inkl. der gewollten stimmlichen "Rauheit", die nur ganz jungen Menschen Gänsehaut machen kann) und schmieriger PopSchnulzigkeit ("Glashaus") alle Tiefen durchlaufende Stimme – nein, auch die Jungs an den Instrumenten bedienen selbige mit einer traurigen Behäbigkeit. Von Konserve enttäuschend, aber möglicherweise ist das alles live ja wirklich viel besser. 2
Ein schönes Beispiel für pathos- und rhythmusstarke indische Populärkultur liefern THE THREE SEAS mit "Antaḥkaraṇa" (Earshift). Überschrieben wird das mit "Ancient Poetry, Shamanic Chants & Baul Mysticism" und tatsächlich finden hier meditative Elemente und elektronische Ideen zueinander. Der australische Bariton-Saxophonist Matt Keegan umspielte in Peter Gabriels "Real World Studio" mit weichen Linien Themen, die seine indischen Mitstreiter aus alten Traditionen abgeleitet haben, dazu kommen etwas E-Gitarre und Bass. Hört mal rein in "Rongmohole" oder " Tone Shaman", dort gibt es ordentlich BassBläserSchub. 4
Nicht ganz so fett ist – dem schicken Projektnamen zum Trotz – der DUB COLOSSUS, den der vor fünf Jahren verstorbene Nick Page schon 2008 ins Leben rief. Page war ja u.a. auch bei Transglobal Underground und Fun-Da-Mental aktiv und wusste, wie ein solider Groove inszeniert werden muss. Seine letzten Arbeiten versammelt "Dub Will Keep Us Together" (Real World X), aber so richtig zünden möchte das alles leider nicht. Vielleicht fehlt am Ende doch die Kraft von des Meisters Hand, denn die zum Teil mit Exotica-Anleihen oder afrikanischen vibes angereicherten Stücke sind durchweg gut, aber eher schwach produziert. So fehlt dieser "24 Carat Dub Affair" etwas BassPower. 3
Die (BassPower) hat das "Thing In Itself", das der Franzose Florian Gratton aka. FLOX anschiebt, genug. Melodiöser NeoReggae mit einer Prise Pop und vielen kleinen Producer-tricks, die diese MusikForm so spannend machen – und ohne Angst vor Ausflügen in hochaktuelle GegenwartsKlangWelten: "Same Song". Anderes ist schön relaxt, "Out Of Orbit" z.B. – und weil auch die Texte alles andere als einfallslos sind (InspirationsQuelle war tatsächlich Immanuel Kants "Ding an sich"), kann ich diese Scheibe uneingeschränkt empfehlen. 5
Wer zarten Damengesang zu basslastigen MultiGrooves mag und Spaß an BläserSätzen und HipHopAnleihen hat, ist bei "Ayô Dele" (beide Underdog) von IREKE richtig. Dahinter stecken Julien Gervaix und Damien Tesson - ein französisches ProduzentenTeam, dass sich diverse GastChanteusen eingeladen hat. ReggaeIdeen, AfroBeat, RapLines, FunkPower und viel Verständnis für die Möglichkeiten moderner StudioTechnik verbinden sich hier zu einer guten halben Stunde voller "Soulshine". "L'or et le sang" - Gold und Blut, fürwahr! 5
Auch bei LUCAS SANTTANAs neuem Album "Brasiliano" (No Format) finden sich RapElemente, wenn bei "Línguas gerais" der Franzose Oxmo Puccino gastiert. Vorher erklang schon Gilberto Gils Gitarre, später tragen andere illustre Gäste (u.a. Piers Faccini und Chico César) das ihrige bei. Bei "Liga" hören wir die wunderbaren Stimmen der beiden Okzitanierinnen von Cocanha und "Que seja um reggae (feat. Os Paralamas do Sucesso)" groovt – logisch! – auf einem Reggae-Riddim. Thematisch behandelt "Brasiliano" ein wenig beachtete s, aber wirklich brennendes Problem: jedes Jahr sterben Dutzende Sprachen aus. Umso wichtiger (und schöner), dass Leute wie Tainara Takua (die Tupi-Guarani spricht bzw. singt), die schon erwähnten Cocanha, die italienischen IndiePopper Dimartino und etliche andere hier die Vielfalt der "kleinen" Sprachen feiern. 5
PATHS CROSSING ist das gemeinsame Projekt von Esbe und Peter Michaels, ihr Debut "Raven" (New Cat) scheint ein Soundtrack zu sein (wobei ich nicht genau verstanden habe, ob der Film auch "Raven" heißt und ob er überhaupt schon abgedreht ist – behalten wir mal das Kinoprogramm im Auge). In meinen Ohren wird Esbe mehr und mehr zur neuen Lisa Gerrard - bei "Raven" ist sogar das SoundSetting höchst vergleichbar. Denn auch hier vermischen sich Rahmentrommeln und LautenKlänge mit und in elektronischen Gegebenheiten, trifft das Mittelalter auf die Moderne. Esbes Stimme ist nach wie vor ein von einem langsamen, aber intensiven Vibrato geprägter SemiSopran, dessen vermeintlich "dünne" Stellen sie mit enormer GestaltungsKraft in etwas ganz Besonders wendet. Manchmal wird’s bei "Raven" fast orchestral, bei Filmmusik wohl fast ein "must". Das auch als Single ausgekoppelte Stück "Follow The River – Credit Sequence" (track 2), verneigt sich nach Aussage der beiden vor den Cocteau Twins – der 4AD-Kosmos spielt hier eine (hörbar) wichtige Rolle. Natürlich bleiben die 40 Jahre alten PionierTaten unerreicht, aber auch der Rabe fliegt gekonnt durch eine dunkel leuchtende Platte. 5
Jetzt wird’s Zeit für etwas Handfestes: das "Attempted Martyr" (Mute) von PROSTITUTE transportiert reine Energie aus Lärm. Ein Sänger mit der Wut eines Henry Rollins vor massivsten GitarrenWänden - Schlagzeug und Bass prügeln dazu unerbittlich. An einigen Stellen vermeint man – z.B. in seltsamen FlötenMelismen – arabische Einflüsse in diesem NoiseRockMonster auszumachen: kein Wunder, denn Prostitute stammen aus Dearborn bei Detroit und das ist die erste Stadt der USA mit arabischer Bevölkerungsmehrheit. Die archetypische WutHymne "M.Dada" gibt’s auch als Video. "Body Meat", wirklich! 5
Als (Post)Punk und auf Deutsch spielt sich Jens Rachut seit Jahren seine Wut aus dem Bauch. Die neueste Rachut-Band heißt AUSGESTORBEN und deren erste Platte "Planetenübergabe" (Major). Rachut-Fans werden die expliziten und doch lyrischen, auf jeden Fall schlauen Texte lieben, seine Stimme sowieso und den soliden GitarrenSchrammelPunkRock von Ausgestorben auch. 4
Fast 10 Jahre tot ist Boruch Alan Bermowitz, besser bekannt als ALAN VEGA. Der verband in den (späten) 70ern gemeinsam mit Martin Rev bei Suicide auf geniale Weise die minimalistische Schärfe von Punk und New Wave mit dem Erbe des US-Rock’n’Roll. Und er muss zu jener Zeit ein echter workaholic gewesen sein, denn unmittelbar nach dem Ende von Suicide (1980) erschienen quasi im Jahresrhythmus Vega-Platten. Das Vega Vault Project und Sacred Bones widmen sich nun (endlich) einer sauber rekonstruierten und remasterten Neuauflage von Vegas Soloarbeiten. Nach "Alan Vega" (im Original 1980 fast zeitgleich zur letzten Suicide-LP erschienen) kommt nun auch die 2. LP "Collision Drive" (Sacred Bones) wieder in die Läden (bzw. Plattformen): stoischer AvantAntiRock mit Härte und Seele, bei dem das schmachtend-schwelgerische Element von Elvis Presley auf die Straßenköter-Attitude von ElektroPunk trifft. Immer noch wunderbar! 5
Auch "¡Simpatico!" (Sub Pop) von VELOCITY GIRL ist eine Wiederveröffentlichung (natürlich "remastered and expanded"), das Original erschien 1994 als zweite LP der sympathischen Band aus Maryland und feierte straighten FrontFrauen-IndiePop der britischen Schule (denkt an Parachute Men, Lush, Magnapop und die Heart Throbs). Das funktioniert auch nach 30+ Jahren noch immer sehr gut und weil die erwähnte "Erweiterung" die tracks der ebenfalls um 94/95 erschienenen, eher seltenen Singles "Seven Seas" und "Your Silent Face" (yep, hier covern Velocity Girl ihre und unsere Helden von Echo And The Bunnymen / The Pastels bzw. New Order und sogar die Beachboys) sowie die "Sorry Again"-EP umfasst, könnte das auch was für Jäger und Sammler sein. 4
Auch heute spielen junge Menschen noch GitarrenMusik, wobei die Schwedin Victoria Skoglund als VIIC WOODS bei "Unravel Time" (ABCX) weniger 90ies-Unbeschwertheit verbreitet, sondern eher etwas Melancholie in ihre Songs gießt. "(Still) Not Enough" ist ein wundervoller Song, von dem man tatsächlich kaum genug bekommen kann (auch wenn der Text natürlich etwas ganz anderes meint) und auch eine nachdenkliche Fingerübung wie das nur 1:49 Minuten lange FlüsterStück "...sometimes seemingly eternal" bezaubert außerordentlich. 4
Und auch "Mosquito" (Fire) vom ebenfalls aus Schweden stammenden Indie-4er HATER darf man wohl in den großen Schrank mit der Aufschrift "Gitarrenmusik" legen. Allerdings eher in die Schublade "DreamPop mit Emo-Anteilen", denn Sängerin Caroline Landahl trägt ihre Klagelieder vor einer satten "wall of sound" mit ordentlich Hall auf der Stimme vor. 4

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