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HISS GOLDEN MESSENGER

Die Suche nach Poesie

HISS GOLDEN MESSENGER

Wenn es darum geht, seelenvolle Americana-Songs mit zutiefst menschlicher Not zu schreiben, macht M.C. Taylor von Hiss Golden Messenger so schnell niemand etwas vor. Auch auf dem feinen neuen Album "I'm People" finden die mitten aus dem Leben gegriffenen Geschichten des in North Carolina heimischen Singer/Songwriters in einem warmtönenden Live-im-Studio-Sound ihre klangliche Entsprechung, an dem viele hochkarätige Gäste wie Bruce Hornsby, Sam Beam, Marcus King, Sara Watkins, Amy Helm, Eric D. Johnson, Matt Douglas und die Goldsmith-Brüder von Dawes mitgewirkt haben. Mitte Mai bestreitet Taylor zudem eines seiner seltenen Deutschland-Konzerte im Berliner Monarch.

Seit nunmehr fast 30 Jahren feilt M.C. Taylor an seiner ureigenen Americana-Version, doch anders als vielen ähnlich inspirierten Musikerinnen und Musikern fällt es dem in Kalifornien geborenen und seit Langem in North Carolina heimischen Troubadour offenbar sehr leicht, dem eigentlich längst abgegrast geglaubten Genre mit den Platten seiner Band Hiss Golden Messenger immer wieder neue Seiten abzugewinnen. Das Musikmachen ist dabei für den smarten Amerikaner, der seine musikalische Karriere einst mit der Band The Court & Spark gestartet hatte, inzwischen längst zu einer Lebensaufgabe gworden.

"Die Musik ist nach wie vor die treibende Kraft in meinem Leben, so wie es schon immer der Fall war", sagt er im WESTZEIT-Interview. "Ich glaube, je älter ich werde, desto tiefer wird meine Verbindung zur Musik, oder vielleicht hat sich das, wonach ich in der Musik suche, besser herauskristallisiert. Es gibt Musik in meinem Leben, die mich seit meiner Kindheit begleitet und immer ein Teil meines Lebens bleiben wird, weil sie etwas tief in meinem Inneren berührt. Dann gibt es aber auch andere Sachen, die mein Leben kurz streifen, und dann ist unsere Beziehung vorbei. Aber ich glaube, ich suche einfach nach etwas Poetischem – und ich habe das Gefühl, dass Musik ein wirklich guter Ort ist, das zu finden."

Von den düster gestimmten, oft etwas spröde wirkenden solistischen Aufnahmen der Frühwerke zum detailreichen, beseelten Klang seines vielköpfigen Ensembles auf dem just veröffentlichten neuen Album, "I'm People", hat Taylors mit wechselnden Mitstreiterinnen und Mitstreitern betriebenes Projekt eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht.

Anders als viele andere Bands heute, die sich gezwungen fühlen, sich mit praktisch jeder Platte neu zu erfinden, setzen Hiss Golden Messenger auch auf "I'm People" unbeirrt auf die gleichen Tugenden, die sie mit ihrer handgemachten, seelenvollen Musik schon seit ihren Anfangstagen verfolgen, auch wenn Taylor selbst in den Pressematerialien zum neuen Album schrieb: "Die Songs auf 'I'm People' handeln davon, auf Dinge zuzustreben oder vor ihnen zu fliehen."

"Abseits meiner Musik, lebe einfach mein Leben auf diesem komplizierten Planeten, zusammen mit meiner Partnerin, mit der ich schon zusammen war, als ich noch meine alte Band The Court & Spark hatte", erklärt Taylor. "Ich habe zwei Kinder und sehe, wie sie die Welt betrachten. Wenn ich also von Dingen spreche, vor denen ich geflohen bin oder auf die ich zugelaufen bin, ist Musik nur ein kleiner Ausschnitt davon. Die Veränderungen, die ich auf diesem Album vorgenommen habe, sind – im Vergleich zu einigen anderen Künstlerinnen und Künstlern – vielleicht eher unbedeutend, aber ich habe definitiv eine Neuausrichtung oder genauer gesagt eine Neuausrichtung dieser Musik durchlaufen, die man, wie ich finde, auf dem Album hören kann."

Zu diesen kleinen, aber merklichen Veränderungen gehört auch, dass Taylor dieses Mal mehr Wert auf eingängige Refrains gelegt hat.

"Es gibt einige Songs – einige davon sind auf dem Album, andere nicht, obwohl sie zur gleichen Zeit geschrieben wurden –, bei denen ich wirklich damit experimentiert habe, Refrains zu schreiben, die nur aus einem Wort oder nur aus ein paar Wörtern bestehen, was schwierig ist und eine ganz andere Art des Songwritings darstellt", erklärt er. "Durch diesen Prozess wurde mir klar, dass für mich im Moment der Refrain das Wichtigste ist. Egal, welche stilistischen Veränderungen ich in den letzten Jahren beim Songwriting durchgemacht habe – ich möchte mich wirklich auf Refrains konzentrieren, die mich berühren und die dadurch das Potenzial haben, auch andere Menschen zu berühren."

Produziert von Tausendsassa Josh Kaufman (Bonny Light Horseman, Josh Ritter, The Hold Steady) in einer alten Kirche in der Nähe von Woodstock in Upstate New York, zeigt die klanglich lose an Van Morrisons frühem Meisterwerk "Moondance" orientierte neue Platte Taylor als einen mit beiden Beinen im Leben stehenden Singer/Songwriter, der die guten wie schlechten Seiten des alltäglichen Wahnsinns kennengelernt hat und dabei trotz einer gehörigen Portion Realismus dennoch verhalten optimistisch geblieben ist, selbst wenn er auf "I'm People" Liebesleid, das Älterwerden, Vaterschaft, Sehnsucht und Desillusionierung thematisiert und an den Gemeinschaftssinn appelliert, der gerade in den politisch gespaltenen USA immer mehr zu schwinden droht.

"Ich hoffe, dass meine Kinder und alle jungen Menschen aus diesem verworrenen Sumpf, in dem wir uns derzeit befinden, mit einem gewissen Maß an Hoffnung herauskommen können", sagt er. "Denn auch wenn ich verstehe ich, dass die Dinge kompliziert sind, habe ich doch das Gefühl, dass die Welt ein wunderschöner Ort ist."

Bleibt am Schluss noch die Frage, welche Wunschträume für Taylor nach all den Jahren noch unerfüllt geblieben sind.

"Es ist schon komisch – ich habe das Gefühl, dass Hiss Golden Messenger immer noch ein ganz neues Projekt sind!", gesteht er lachend. "Es kommt mir immer noch sehr frisch vor, und jedes Mal, wenn ich einen neuen Song schreibe, von dem ich total begeistert bin, oder ins Studio gehe, um mit einer tollen Rhythmusgruppe an neuen Tracks zu arbeiten, denke ich mir: 'Wow! Das ist so cool!'"

Auch wenn es durchaus einige Künstlerinnen und Künstler gibt, mit denen Taylor in Zukunft gern einmal kollaborieren würde, ist er doch mit dem Status quo rundum zufrieden, oder wie er es abschließend ausdrückt: "Wenn ich einfach weiterhin schreiben und aufnehmen kann und dabei mit den Leuten in meiner Band zusammenarbeiten kann, die ich wirklich bewundere, dann würde sich das für mich anfühlen, als hätte ich im Lotto gewonnen!"

Aktuelles Album: I'm People (Chrysalis / Bertus)


Weitere Infos: https://hissgoldenmessenger.com/ Foto: Graham Tolbert

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