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SOPHIE CHASSÉE

Zwei Seiten der gleichen Medaille

SOPHIE CHASSÉE

Der ungewöhnliche Doppeltitel des neuen Albums von Sophie Chassée deutet es bereits an: "Elyra / Solune" symbolisiert zwei Seiten der gleichen Medaille. Einerseits widmet sich die in Köln lebende Singer/Songwriterin hier ihrer ersten Liebe, dem Modern Fingerstyle, und glänzt als filigrane Gitarristin, andererseits bleibt aber auch viel Raum für einen organischen Folk-Pop-Sound, der im Gegensatz zum Vorgängeralbum "Attachment Theory" etwas weniger auf Mainstream und Zeitgeist schaut, dafür aber erstmals mit zwei deutschsprachigen Songs überraschen kann.

"Mehr Gitarre, mehr Fingerstyle und mehr ich", hatte Sophie bei der Crowdfunding-Kampagne für "Elyra / Solune" im vergangenen Herbst als Ziel ausgegeben, und weil sie dieses Mal während der Produktion die Zügel stärker in der Hand hielt als je zuvor, hatte sie inspiriert von Ben Howard, José Gonzalez, Petteri Sarola, Lizzie McAlpine und sogar Mk.gee auch keine Mühe, ihre Vorstellungen Realität werden zu lassen. Doch was hat in ihr eigentlich den Wunsch ausgelöst, den vor zwei Jahren auf "Attachment Theory" beschrittenen Weg zumindest ein Stück weit zu verlassen?

"Ich glaube, das kam vor allem aus der Erfahrung heraus, dass beim letzten Album doch viel gesagt wurde: 'Ja, Fingerstyle darf dabei sein, aber wir mischen das mit Pop', oder: 'Das darf nicht zu extrem sein'", sagt sie im WESTZEIT-Interview. "Deshalb gab es auf der letzten Platte eigentlich nur zwei Fingerstyle-Songs – 'Fleeting' und den Zaunkönig-Song ('Last Journey Of The Wren') –, aber sonst hieß es immer: 'Die Gitarre darf nicht zu sehr im Fokus sein, und das muss alles jetzt ein bisschen poppiger sein.'"

Auf "Elyra / Solune" hingegen kehren nun wieder die Tugenden zurück, mit denen Sophie schon in der Vergangenheit auf Alben wie "Progress" (2016) oder "Lesson Learned" (2021) begeistern konnte.

"Beim neuen Album war es mir bei der Produktion wichtig, dass bei Songs wie 'Treehouse' oder 'Not Enough' wirklich alle Elemente mit der Gitarre eingespielt sind. Da war es auch egal, wenn man sie gelayert hat, denn Fingerstyle bedeutet für mich auch, dass man das meiste aus der Gitarre selber herausholt und alles andere nur unterstützt und nicht andersherum, wie es vielleicht beim letzten Album gewesen ist."

Passend dazu widmet sich Sophie auch textlich den Tugenden, die sie seit vielen Jahren auszeichnen, tut dieses allerdings mit einem spürbar größeren Selbstvertrauen. Nachdem sie auf dem letzten Album eine zerbrochene Liebe aufgearbeitet hatte, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen, werden auch die neuen Lieder, die um persönliche Stärke, Rückschläge, Hoffnung und natürlich auch die Liebe kreisen, von tief empfundenen Emotionen befeuert. Dass dabei auch dieses Mal wieder oft eine sanfte Schwermut mitschwingt, etwa, wenn mit dem bereits erwähnten "Treehouse" auch auf dieser LP ein Lied um die Erinnerung an ihre geliebte, vor fünf Jahren verstorbene Großmutter kreist, überrascht nicht bei einer Musikerin, die einst den November zu ihrem Lieblingsmonat erklärte.

"Dass die Melancholie bei mir auf jeden Fall einen großen Part spielt, ist glaube ich, nicht zu überhören", sagt sie lachend. "Ich mache da mittlerweile kein Geheimnis mehr um meine Depressionen, und das spiegelt sich natürlich in den Songs wider, ist ja klar. Ich glaube, Melancholie und Trauer sind einfach mein Ding. Da kann ich einfach sehr tief fühlen."

Bisweilen schlägt sie aber auch den Bogen von der Schwermut zum Glück. "Warme Haut" etwa klingt musikalisch auch eher nachdenklich und in sich gekehrt, tatsächlich handelt es sich aber um ein – O-Ton Sophie – "total kitschiges Liebeslied". Dass sie sich nun tatsächlich erstmals an Songs in ihrer Muttersprache herangewagt hat, ist nicht zuletzt der kurzen Entstehungsphase der neuen Platte geschuldet.

Denn während Sophie in der Vergangenheit manchmal jahrelang Songs "gesammelt" hatte, bis sie sich an eine Album-Produktion gemacht hat, entstand der Löwenanteil der neuen Lieder innerhalb von nur zehn Tagen. Mit dem erklärten Ziel, das Album ohne großen Anlauf fertigzustellen, rückte auch die Freude am Ausprobieren stärker ins Zentrum.

"Alle haben immer gesagt: 'Du kommst groß raus, wenn du mal auf Deutsch schreibst', deshalb dachte ich mir: Gucken wir doch mal, ob mir vielleicht ein, zwei Zeilen einfallen", erinnert sie sich. "Ich habe mir aber immer gesagt, dass das nicht krampfhaft sein sollte. Es sollte kein 'Bitte schreib jetzt auf Deutsch' sein, das musste wirklich aus mir herauskommen, und ich musste das auch wirklich so meinen. Irgendwann kamen mir die Zeilen 'Warme Haut, Fliederfarben / Du klebst Pflaster auf meine Narben' in den Sinn und ich dachte mir: 'Ich glaube, das ist gar nicht so schlecht.' Ich habe das meiner Schwester vorgesungen und dann meiner Freundin, und beide sagten: 'Ah, voll cool, da musst du was draus machen!"

Beim Vorgänger-Werk hatte das Songwriting nicht zuletzt therapeutische Wirkung, um eine schmerzhafte Trennung zu überwinden, doch auch dieses Mal diente Sophie das Schreiben der Songs dazu, ein Ventil für ihre Emotionen zu finden.

"Ich glaube, ich muss aktiv was machen, ich glaube, das muss irgendwie aktiv raus", sagt sie abschließend über ihren Antrieb beim Schreiben. "Das ist so wie beim Sport. Ich gehe auch nicht ohne Grund boxen. Auch da geht es darum, etwas rauszulassen – und genauso ist es bei der Musik."

Aktuelles Album: Elyra / Solune (Eigenveröffentlichung)


Weitere Infos: sophiechasse.com Foto: Martin Sieper

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