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REAL FARMER

Zwischen Hooks und Tumult

REAL FARMER

Eingängige Melodien, durchschlagende Power und beißende Sozialkritik: Das holländische Quartett Real Farmer sorgt auf seinem zweiten Album, "Two Wrongs Don't Make A Right", mit DIY-Spirit, einer strikt demokratischen Herangehensweise, unbedingter Kompromisslosigkeit und einer Vorliebe für vergleichsweise obskure Einflüsse zwischen Post-Punk und Garagen-Rock für viel frischen Wind. Da ist nicht nur Pete Doherty begeistert, auf dessen Label Strap Originals das Album erscheint. Am 07.05.2026 startet zudem die große Europe-Tournee von Real Farmer im Kölner Bumann & Sohn.

Zugegeben, auf den ersten Blick sind Real Farmer eine der vielen Bands, die derzeit bei den Lichtgestalten des Punk und Post-Punk der späten 70er- und frühen 80er-Jahre Inspiration zu finden hoffen. Anders als viele Seelenverwandte tut das explosive Quartett aus Groningen mit seinem etwas aus der Zeit gefallenen Sound auf "Two Wrongs Don't Make A Right" aber sympathischerweise mehr, als nur auf der Trendwelle mitzusurfen.

Sänger Jeroen Klootsema, Bassistin Marrit Meinema, Drummer Leon Harms und Gitarrist Jaap van der Velde – auf dem Album ist noch sein Vorgänger Peter van der Ploeg zu hören – haben zuvor bei Glitch, Personal Trainer, Yuko Yuko oder Lewsberg gespielt, und der Blick für das Besondere, der all diese Band auszeichnet, ist auch bei Real Farmer allgegenwärtig.

"Der Ausgangspunkt war, vor allem am Anfang, dass wir es alle zu schätzen wussten, dass wir uns gleichen Sachen aus unterschiedlichen Richtungen nähern – und das haben wir immer versucht beizubehalten", sagt Klootsema über die Herangehensweise von Real Farmer, als wir die Band vor ihrem mitreißenden Konzert im Essener Museum Folkwang Anfang März zu einem Interview treffen.

"Wir machen Musik auf eine sehr kollektive Art und Weise. Das sorgt für einen Großteil der Vielfalt, denn im Grunde gilt: Wenn etwas gut klingt, machen wir das! Egal, wie anders das auch sein mag – weil es immer dieselben vier Leute sind, wird es immer dieselbe Art von Vibe haben. Nur das Genre ist vielleicht mal ein anderes."

Zwischen Hooks und Tumult toben sich Real Farmer auf "Two Wrongs Don't Make A Right" deshalb so richtig aus. Scharfkantige Zweieinhalb-Minuten-Banger wie "Heart Out" oder "Missing Link" machen dabei den Weg frei für Songs, die so auf dem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum "Compare What's There" noch nicht möglich gewesen wären: das von Meinema gesungene "Run By Animals" etwa, das Wucht gegen Melancholie eintauscht, oder das sage und schreibe sechseinhalbminütige Schlussstück "Judas", das mit einem prägnanten Synthesizer-Part – dem einzigen des Albums – überrascht.

"Ich glaube, in einer Demoversion haben wir versucht, den Synthesizer für den gesamten Song einzusetzen, aber dann haben wir festgestellt, dass das über den gesamten Song hinweg etwas zu aufdringlich und zu überladen wirken würde", erinnert sich Meinema an die Entstehung des Songs.

"Als wir dann mit unserem Toningenieur Niek van den Driesschen im Studio arbeiteten, probierten wir verschiedene Ideen aus – am Ende gibt es sogar einen Chor –, und dann meinte Niek: 'Vielleicht wäre es cool, den Synth nur am Schluss des Songs einzusetzen, damit das Ende wirklich gewaltig klingt.'" Gesagt, getan, und fertig war die ausschweifendste Nummer auf "Two Wrongs Don't Make A Right"!

Bei vielen anderen Songs fällt auf, dass die Gitarrenriffs vergleichsweise schlank sind, während Meinema ihren Bass oft als Leadinstrument interpretiert und mit ihren fließenden Bassläufen die Melodie wie einst Andy Gill bei Gang Of Four an sich zieht.

"Das liegt daran, dass ich mich sehr schnell langweile", versucht sich Meinema lachend an einer Erklärung. "Ich denke, ein anderer Grund ist auch, dass wir nur eine Gitarre haben. Ich habe immer gesagt: Wenn wir eine zweite Gitarre hinzufügen, bin ich raus!"

Auch textlich richten sich Real Farmer dezent neu aus. Die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in der Welt, die schon die Texte früherer Songs befeuerten, sind nicht verschwunden, aber während die erste LP oft betont persönlich gefärbt und introspektiv und dadurch bisweilen recht düster war, dürfen nun auch einige geradezu optimistische Hoffnungsschimmer nicht fehlen.

"Die Dinge, an die wir als Kollektiv glauben, sind sehr hoffnungsvoll, und ich denke, genau darum geht es", betont Klootsema. "Viele dieser neuen Songs handeln davon, seine Ideale nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn das eigene Umfeld zum genauen Gegenteil dessen wird, was man sich für die Welt vorstellt. Die Hoffnung entspringt also eher einem inneren Verständnis und der eigenen Recherche, auf der man seine Meinung aufbaut, anstatt auf die reaktionäre Politik zu hören."

Vielmehr geht es Klootsema und Co darum, zu fragen: Was sind deine Ideale? Wie willst du dein Leben leben?

"Wenn es darum geht, den Leuten zu zeigen, wie wir die Dinge sehen, sind wir viel optimistischer als viele andere", ist der Sänger überzeugt. "Wir glauben, dass es immer noch einen Ausweg gibt. Anstatt zu sagen, es ist alles egal, weil eh alles am Boden liegt, sage ich: Mir ist es nicht egal. Es ist wichtig, darüber zu schreiben, es ist wichtig, sich zu organisieren, es ist wichtig, das Ganze in Kunst einfließen zu lassen. Selbst wenn sich die Dinge nicht verbessern: Es ist wichtig, alles zu tun, was man kann, um seine Botschaft zu verbreiten!"

Aktuelles Album: Two Wrongs Don't Make A Right (Strap Originals)


Weitere Infos: https://realfarmer.os.fan/ Foto: Nick Helderman


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