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MISS GRIT

Nach dem Sturm

MISS GRIT

2023 veröffentlichte Margaret Sohn unter dem Projektnamen Miss Grit das Debüt-Album "Follow The Cyborg" und präsentierte sich dabei - musikalisch damals schon mit Electro-Clash und psychedelischen Shoegaze-Sounds - als vielleicht geschlechtslose aber keineswegs seelenlose Mensch Maschine auf der Suche nach dem Sinn des Lebens (oder zumindest der autonomen Selbstbestimmung). Nun liegt der zweite Longplayer "Under My Umbrella" vor, auf dem sich Miss Grit sozusagen von außen nach Innen kehrt und mittels der neuen Songsammlung nun das Seelenleben und die menschlichen Aspekte in die Betrachtungen mit einbezieht - und sich dabei vor allen Dingen verletzlich präsentiert. Musikalisch geht das einher mit einem kollaborativen Ansatz, bei der viele Gäste zum Einsatz kamen und der Spaß an der musikalischen Freude im Zentrum stehen sollte - wohl unter einem aufgespannten Schutzschirm, oder?

"Ja also der Fokus bei dieser Scheibe lag darauf, dass ich versuchen wollte mich etwas verletzlicher und transparenter darzustellen", erklärt Margaret, "und mit dem Schirm-Motiv - auch auf dem Cover mit den zu einem Schirm geformten Haaren - wollte ich die Zuhörer einladen, unter meinen Schirm zu kommen und so anderen zu erlauben, für einen kurzen Moment in meine Gedankenwelt einzutauchen. Besonders meine Texte sollten dabei ehrlicher und eben verletzlicher sein."

Das sind gute Stichworte - denn in den besagten Lyrics singt Miss Grit ständig davon in jemand anderes und/oder die eigene Gedankenwelt eindringen zu wollen, darin zu stöbern, zu entdecken oder zu ergründen und Schlüsse aus diesem Verhalten zu ziehen. 



"Stimmt schon", räumt Margaret ein, "auf dem letzten Album habe ich ja durch die Metapher des Cyborgs kommuniziert und versucht, meine Gefühle auszudrücken. Dieses Mal wollte ich direkter an die Sache herangehen. Ich habe immer schon jene Art des Songwritings gemocht, die mich mittels introspektiver Texte tief berührt. Den großen Songwritern zuzuhören hat mich inspiriert - wie sie ihre Melodien konstruieren, die Sprache phrasieren und nicht davor zurückscheuen, in ihren Texten sehr direkt zu sein. Ich habe versucht, das dann ein bisschen mehr anzuzapfen und auf meine eigene Musik zu beziehen - weil das die Art von Songwriting ist, die ich selber genieße. Ich wollte auch unbedingt etwas anderes als auf dem letzten Album machen und mich eher von Innen auf die menschlichen Seite des Spektrums zubewegen."

Geht es da auch um die möglichen therapeutischen Aspekte des Songwritings?

"Oh - das kann ich definitiv bestätigen", meint Margaret, "das merke ich je länger ich Songs schreibe. Ich kann zum Beispiel keine Songs in emotionalen oder schwierigen Situationen schreiben. Ich schreibe dann lieber nach dem Sturm und denke darüber nach, was alles passiert ist und wie ich das verarbeiten kann. Das ist dann der Moment, wo das Schreiben für mich erst beginnt: Wenn ich mich wohl genug fühle, über das, was ich erlebt habe zu sprechen. Ich denke, dass ich versucht habe, Texte zu schreiben, die mir neue Dinge über mich offenbart habe - Themen, vor denen ich bislang zurück geschreckt bin. Diese Dinge jetzt auszusprechen und niederzuschreiben, hat mir tatsächlich sogar Spaß gemacht."

Was repräsentiert denn Musik für Miss Grit?

"Ich denke eine Art von Sprache. Musik nimmt die Notwendigkeit für Worte - jedenfalls außerhalb von Lyrics - aus dem Spiel und das ist eigentlich der wesentliche Grund, warum ich Musik mache - um zu kommunizieren und mich selbst jenseits der Notwendigkeit von Worten, Konversationen oder Dialogen auf einer abstrakten Ebene darstellen zu können. Ich habe mich auch schon als emotionaler Teenager zu diesem Aspekt hingezogen gefühlt - und das hatte eine heilsame Wirkung für mich. Musik ist für mich auch eine Notwendigkeit. Es ist schwer, sich eine Welt ohne Musik vorzustellen."

Musik ist also dann wohl auch ein Kommunikationskanal für Miss Grit?

"Ja, ich bin nicht besonders gut darin, mich zu artikulieren", räumt Margaret ein, "jedenfalls nicht in normalen Unterhaltungen. Manche Dinge lassen sich ja auch gar nicht durch Worte ausdrücken. Es kann dann ja auch sogar kraftvoller sein, eine Emotion durch die Instrumentierung in einem Song einzufangen und es dann dem Hörer zu überlassen, eine Verbindung zu demselben Gefühl herzustellen." 


In dem Song "Mind Disaster" erklärt Miss Grit, dass sie sich selbst bei dieser Selbsterfahrungsreise nicht traue. "It feels so strange when I don't believe the things I say", heißt es in der entscheidenden Textzeile. "Ja das ist richtig", räumt Margaret ein, "aber bei diesem Stück geht es um das Thema Entfremdung - von sich selbst - und darum, sich nicht wirklich auf das beziehen zu können, was aus Deinem Mund kommt. Es geht um eine Art außerkörperliches Ereignis. Ich glaube, das passiert auch anderen öfter beim Songwriting. Man fühlt sich dann leicht schwindlig."

Was ist denn aber mit den Tracks - und davon gibt es einige - in denen Miss Grit davon berichtet, nicht im eigenen, sondern in den Köpfen anderer herumzuspuken?

"Ja also für mich geht es in Songs wie 'Tourist Mind' eher darum, von den Gedanken anderer abgelenkt zu sein", führt Margaret aus, "ich denke in solchen Songs also darüber nach, was andere denken. Das ist es vermutlich, was Du meinst, wenn ich davon singe in den Gedanken anderer einzutauchen. Für mich ist es wirklich schwierig in einem Zustand zu leben, nicht zu wissen, was andere denken - denn das entfremdet mich auch von mir selbst. Je länger ich damit verbringe, desto schwieriger wird es, wieder zu mir selbst zu finden - mich also mit anderen zu umgeben und dabei bei mir selbst zu sein - mich aber auch nicht allzu sehr zu isolieren."

Nachdem das konzeptionelle also geklärt ist - wie könnte es denn auf der musikalischen Seite für MIss Grit weitergehen?

"Ich denke für gewöhnlich ziemlich früh darüber nach, was ich als nächstes machen will. Ich habe zwar noch nicht darüber nachgedacht, was ich konkret nach dieser aktuellen Scheibe machen werde, aber ich habe generell das Bedürfnis, mehr mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten und auch ein Mal eine richtige Live-Band-Erfahrung auf der Bühne haben zu können - denn zuletzt bin ich öfter alleine aufgetreten. Dabei möchte ich dann auch verschiedene Arten der Instrumentierung auszuprobieren."

Leider sind diese Pläne noch nicht in eine richtige Tourplanung für das Projekt "Under My Umbrella" ausgeartet - jedenfalls nicht für Europa. Bis das so weit ist, müssen sich die Fans mit dem Album selbst begnügen; und das ist ja mit dem Live-Sound im Hinterkopf produziert worden.

Aktuelles Album: Under My Umbrella (Mute / PIAS)



Weitere Infos: https://missgrit.com Foto: HoseonSohn

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