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SUKI WATERHOUSE

Der innere Wandteppich

SUKI WATERHOUSE

Offensichtlich gibt es kaum etwas in kreativer Hinsicht, dass Suki Waterhouse wohl nicht zumindest ein Mal antesten möchte. Als sie mit 16 beim Shoppen in einem Klamottenladen als Model entdeckt wurde, konnte sie sich schnell einen Namen in der Szene machen und mit einer Reihe lukrativer Aufträge als Cover-Girl aller denkbarer Mode-Magazine, Runway-Model und Werbe-Ikone für u.a. Marks & Spencer, Burberry, H&M, Tommy Hilfiger oder Swatch eine Bilderbuch-Karriere als Supermodel realisieren. Eins führte zum anderen und mittels ihrer Kontakte begann sie, sich peu a peu über eine Reihe von Nebenrollen auch als Schauspielerin zu etablieren. Heutzutage gilt sie als umtriebiges Powerhouse mit Haupt- und Charakter-Rollen in einer ganzen Reihe angesagter Indie-Film-Produktionen – und einem direkten Draht nach Hollywood. Nebenher arbeitete sie auch als Influencerin mit Millionen von Followern sowie als Photographin mit eigenen Ausstellungen und schließlich gründete sie mit ihrer besten Freundin, der britischen TV-Präsentatorin Poppy Jamie die Mode-Accessories Marke „Pop & Suki“, die sich direkt an die jugendlichen Endverbraucher richtet – auf die aber auch eine Reihe illustrer Celebrities gerne zurückgreift. Fehlt da noch etwas? Ach ja: Als Songwriterin ist Suki Waterhouse auch tätig und legt nun – nach einer Testphase in der sie einige Jahre lang nur jeweils einzelne Tracks auf Youtube veröffentlichte – das mit Brad Cook von Hiss Golden Messenger in Eigenregie produzierte Debüt-Album „I Can't Let Go“ auf dem renommierten Sub Pop Label vor. Gewisse Berührungspunkte ergaben sich dabei zwar auch über ihre Schauspielerei (z.B. in dem Film „Bittersweet Symphony“, in dem sie – ziemlich glaubwürdig – eine Singer/Songwriterin verkörpert) – in dieser Konsequenz kommt das Album nun aber doch eher überraschend.

Der Titel des Albums „I Can't Let Go“ lässt vermuten, dass sich Suki in ihren Songs mit Dingen beschäftigt, die ihr schwer auf der Seele liegen. Gehört Suki dann also auch zu jener Spezies von Musiker(innen), die ihre Kunst als Autotherapie begreifen?

„Ja“, bestätigt Suki, „ich meine der erste Song, den ich jemals herausbrachte war 'Brutally'. Und den schrieb ich in einem sehr verletzlichen Zustand. Ich erinnere mich daran, dass ich weinte, als ich ihn schrieb – und sogar noch, als ich ihn aufnahm. Ich war also ziemlich traurig – und versuchte, dieses irgendwie furchterregende Gefühl einzufangen. Ich hatte damals kein Support-System um mich herum, das mir Ratschläge gegeben hätte, wie man so etwas richtig macht – aber nachdem ich den Song herausgebracht hatte, war es mir möglich, diese Gefühle über diesen Song zu verarbeiten."

Es ist also so, dass Suki mit ihren Songs ihre Erinnerungen rückwirkend strukturiert?

„Ja, das ist der Leitsatz, an dem ich mich schon sehr lange Zeit orientiere“, bestätigt Suki.

Songs sind ja auch eine veritable Möglichkeit, Erinnerungen und/oder Emotionen in geeignet vielfältiger Weise zu archivieren, oder? Also in dem Sinne, dass Photographien oder Tonaufnahmen jeweils nur einen bestimmten Aspekt einer Situation festhalten können.

„Ja, alles, wovon ich in meinen Songs singe, musste ich in meinem Hirn erst mal ausgraben“, führt Suki aus, „und das sind ja Sachen, auf die ich aktuell nicht mehr zurückgreifen kann. Sie begleiten mich aber natürlich ständig und ich kann sie auch nicht loswerden."

Was dann auch der Titel der Scheibe, „I Can't Let Go“ zum Ausdruck bringt, richtig?

„Genau“, pflichtet Suki bei, „ich meine, es hat ja jeder irgendwie diesen Wandteppich in sich, der ausmacht, wer man ist. Wenn Du zum Beispiel manchmal in den Spiegel schaust, erscheint Dir das Spiegelbild zuweilen fragmentiert wie in einem zerbrochenen Spiegel und zeigt dann all diese einzelnen Teile von Dir selbst. Die Menschen um Dich herum können aber diese einzelnen Teile nicht sehen und sehen Dich nur als Ganzes."

Das meint dann wahrscheinlich, dass Suki sich die Dinge, die sie nicht loslassen kann, mit dieser Scheibe von der Seele reden wollte?

„Ja“, bestätigt sie, „als ich die Scheibe 'I Can't Let Go' nannte, habe ich mich gefragt, ob ich mich jemals verändern oder mich anders fühlen könnte. Mein 13-jähriges, Song-schreibendes ich, das in seinem Zimmer sitzt und aus dem Fenster schaut, ist vermutlich immer noch dieselbe Person, die ich jetzt bin. Ich hatte also wirklich Angst davor, die Vergangenheit nicht loslassen zu können. Ich musste also eine Art von innerem Frieden finden, der mir der ermöglichte, nicht ständig Leeren auffüllen zu wollen und mit Dingen und Leuten aneinanderzugeraten – und sozusagen den Katastrophen hinterherzulaufen."

Hat das denn funktioniert?

„Es gibt etwas wirklich Interessantes, wenn Du erst mal an dem Punkt angelangt bist, an dem Du etwas in die Welt entlässt“, überlegt Suki, „es gibt dann nämlich diese erstaunliche Verschiebung, die eine echte Veränderung ermöglicht. Es ist dann so, dass man das, worüber in der Musik geredet hat, sozusagen als Gedenken auskristallisiert. Das gibt mir dann die gewünschte Ruhe, weil ich dann mit meinen Gefühlen nicht mehr alleine bin – weil ich sie über meine Musik teilen kann und dann auch Feedback dazu bekomme. Tatsächlich fühle ich mich da mit anderen auch mehr verbunden. Und ja: Ich habe meinen Frieden gefunden."

Kann Suki denn irgend etwas, was sie bei ihrer Arbeit als Schauspielerin einsetzt, auch für ihre Musik verwenden?

„Vielleicht nicht direkt bewusst“, meint sie ausweichend, „aber weißt Du – wenn ich an einer Rolle arbeite, dann finde ich es einfach, mich ans Klavier zu setzen und einen Song darüber zu improvisieren, wie sie sich fühlen mag. Das hilft mir dann Zugang zu dem Charakter zu erlangen, den ich verkörpern soll. Und vielleicht ist das dann auch der Zündfunke zu einem 'richtigen' Song für mich."

In dem Zusammenhang sei gleich mal die Frage erlaubt, ob Suki ihre Musik auch gleich mit einer visuellen oder cinematorgraphischen Komponente angeht?

„Ja“, räumt Suki ein, „ich denke etwa sehr viel über den Kontrast zwischen Zurückhaltung und Unterwürfigkeit nach, der in Filmen wie 'Under The Influence' von John Cassavetes oder 'To Die For' von Gus Van Zandt zum Tragen kommt. Gerade dieser Film hat mir viel bedeutet, als ich den Song 'Melrose Meltdown' schrieb. Ich habe aber auch an 'Thelma & Louise' gedacht, als ich den Song 'Moves' schrieb. Es gibt da also durchaus diese Vermischung des Einen mit dem Anderen."

Das Album entstand ja in Zusammenarbeit mit Brad Cook, auf den Suki als Fan über seine Arbeiten mit Hiss Golden Messenger gestoßen war. War Suki dann auch in den Produktionsprozess involviert, um ihre Vorstellung auch klanglich verwirklichen zu können? „Nun, ich bin keine Musiktheoretikerin“, meint sie, „ich liebe es aber über die Energie und wie etwas geformt wird nachzudenken und ich mag es, den Klang verschiedener Arrangements zu erforschen. Ich fühle mich dann meistens aber zu etwas hingezogen, was ein wenig unsauber klingt. Wie bei Velvet Underground – wo alles ein wenig schräg und rau klingt. Was mir Sorgen bereitete, war der Gedanke, dass etwas zu strahlend, glatt und poppig produziert klingen könnte. Es ist mir sehr wichtig, dass es am Rande etwas rau und fast schon ungepflegt klingt."

Fast schon logisch, dass sich Suki dann an das rennommierte Sub Pop Label wandte, als es darum ging, ihre selbst produzierte LP vertreiben zu können. „Eigentlich wollte ich ja gar kein Label haben“, gesteht Suki, „aber wenn ich denn schon eines brauchte, dann sollte es schon ein cooles Label sein."

Im Sommer geht Suki auf eine ausgedehnte US-Tour – teilweise als Support für Father John Misty. Das zeigt zum einen, dass es Suki mit ihrer Rolle als Musikerin schon sehr ernst meint – bedeutet aber andererseits, dass wir noch sehr, sehr lange auf die Live-Musikerin Suki Waterhouse werden warten müssen; schon alleine, weil sie ihre Karriere als Schauspielerin ja keineswegs auf Eis gelegt hat ...

Aktuelles Album: I Can´t Let Go (Sub Pop / Cargo)

Foto: Dana Trippe

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