
Verspielt, aber präzise, zutiefst menschlich, aber stets experimentell: Auf ihrem beeindruckenden neuen Album "The Button Jar" bahnt sich die in Brooklyn heimische Pianistin Yvonne Rogers unbeirrt ihren eigenen Weg durch den Dschungel der New Yorker Jazz- und Improv-Szene und begeistert auf ihrem Debüt als Solistin mit facettenreichen Miniaturen, in denen klanglich freigeistig die Unbeschwertheit ihrer Kindheit in der idyllischen Abgeschiedenheit von Maine widerhallt. Aufbauend auf ihrer einzigartigen harmonischen und melodischen Sprache findet Rogers so auf "The Button Jar" ganz mühelos ihr eigenes Vokabular.
Als "zauberhaft" ist die Kindheit von Yvonne Rogers an anderer Stelle bereits beschrieben worden, und tatsächlich ist die junge amerikanische Pianistin, Komponistin und Improviserin, die in der Vergangenheit bereits auf beiden Seiten des Atlantiks an der Seite von Ralph Alessi, Linda May Han Oh, Ingrid Laubrock oder Adam O'Farrill für Furore sorgte, bis heute nachhaltig von ihrer Jugend "in der Mitte von Nirgendwo", genauer gesagt in der 1.200-Seelen-Gemeinde Penobscot in Maine, beeinflusst.Als Kind verbrachte sie bei jedem Wetter viel Zeit allein in der Natur und malte sich in ihrem Kopf alle erdenklichen Geschichten über die Tiere des Waldes aus, und genau dieser spielerisch-einfallsreiche Umgang mit ihrer Umgebung zeichnet sie auch heute noch als Musikerin aus.
"Die Natur war mein großer natürlicher Spielplatz, und das war wirklich cool für meine Fantasie", sagt sie rückblickend im WESTZEIT-Interview. "Für mich hatte es immer etwas Magisches, einfach nach draußen zu gehen, ohne dass Menschen in der Nähe waren, und man die Welt einfach in ihrem natürlichen Zustand beobachten konnte, ohne den Einfluss all der Dinge, die das Menschsein mit sich bringt und die einem den Kopf verdrehen können. Das hat für mich vieles relativiert, und es war einfach ein wunderschönes Gefühl."
Inzwischen lebt und arbeitet Rogers ausgerechnet in New York und musste sich dort einen neuen Weg suchen, um ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen – zum Beispiel bei den vielen Shows, die man in ihrer Wahlheimat an jeder Ecke besuchen kann. "Wenn man zu einem Konzert geht, Musik hört und so in diesen Moment hineingezogen wird, dass man an nichts anderes mehr denken kann und einfach nur von diesem Augenblick gefesselt ist – das ist ein ähnliches Gefühl, und danach strebe ich, wenn ich nicht draußen in den Wäldern sein kann", verrät sie.
Tatsächlich genießt Rogers es, die abwechslungsreichen Inspirationen der New Yorker Szene in sich aufzusaugen. Denn anders als viele andere Musikerinnen und Musiker, die sich zu Beginn ihrer Karriere von den prägenden Einflüssen ihrer Jugend lösen wollen oder müssen, um etwas Eigenständiges erschaffen zu können, wuchs sie ohne viel Musik auf und begann erst in New York so richtig, die klanglichen Möglichkeiten zu entdecken. Dass es ihr dabei gelingt, verschiedenste Einflüsse so sehr zu verinnerlichen, dass ihre Musik am Ende jenseits aller üblichen Genrebeschreibungen landet, unterstreicht ihren Ausnahmestatus als Künstlerin.
Weil ihr älterer Bruder, zu dem sie aufschaute, Klavier spielte, nahm auch Rogers als Kind Unterricht, zuerst klassisch, bevor sie sich in der Highschool dann dem Jazz Piano zuwendete (und ganz nebenbei auch noch Saxofon spielte, ohne viel zu üben, "weil das ein leichtes Instrument ist, bei dem man sich so durchmogeln kann.") Das Musikmachen als Karriere in Betracht zu ziehen, kam ihr aber selbst dann nicht in den Sinn, als sie ihr Musikstudium an der Eastman School of Music und der University of Rochester in New York aufnahm.
"Ich habe das Musikstudium begonnen, nur um zu sehen, ob das etwas für mich ist", erzählt sie. "Mehr über die Musikgeschichte und verschiedene Arten des Komponierens zu lernen, hat mir dann tatsächlich sehr gut gefallen. Ich glaube, erst als ich etwas mehr Selbstvertrauen gewonnen hatte und das Gefühl hatte, dass ich es vielleicht doch schaffen könnte, habe ich überhaupt darüber nachgedacht, Musikerin zu werden."
Sich ausgerechnet in New York als Künstlerin zu behaupten, hat Rogers in der Vergangenheit als ebenso aufregend wie furchterregend beschrieben, aber natürlich weiß sie, dass gerade dieser Balanceakt ein guter kreativer Motor ist.
"Ich beschwere mich gerne darüber, aber am Ende des Tages ist das etwas Gutes", gesteht sie lachend. "In der Schule hatte ich ein ähnliches Gefühl, aber dort es gab weniger Belohnungen, weil man sich dort in dieser Blase befand und es viel Druck und Stress gab, ohne dass man anschließend die Gelegenheit gehabt hätte, ins Village Vanguard zu gehen und seinen Heldinnen und Helden beim Spielen zuzuhören, um alles ins rechte Licht zu rücken. New York ist für mich ein Ort, an dem ich das Gefühl habe, dazuzugehören. Das habe ich in kreativer Hinsicht woanders noch nie gespürt. Natürlich ist der Druck hoch, aber er treibt einen dazu an, etwas Gutes schaffen zu wollen. Weil man ständig von so vielen fantastischen Musikerinnen und Musikern umgeben ist, liegt die Messlatte einfach sehr hoch, und das motiviert. Ich weiß nicht, ob ich das ständig haben will, aber für den Moment ist es prima."
Für ihr nun erscheinendes neuen Album "The Button Jar", ihr erstes Solowerk nach ihrem nicht weniger bemerkenswerten Quartett-Debüt "Seeds", das 2023 erschienen war, hatte Rogers prominente Unterstützung. Die hochgeachtete kanadische Pianistin Kris Davis produzierte das Album nicht nur und veröffentlichte es auf ihrem Label Pyroclastic, sie sorgte auch für die Initialzündung, nachdem sich die zwei Beim "Focusyear Basel", einem zwölfmonatigen Stipendienprogramm, in der Schweiz kennen- und schätzen gelernt hatten. Eigentlich hatte Rogers nämlich gar nicht vorgehabt, ein echtes Soloalbum aufzunehmen, und noch weniger hatte sie im Sinn, die kleinen Proben-Fragmente, die sie in der Vergangenheit online auf ihren Social-Media-Kanälen geteilt hatte, in größerem Rahmen zu veröffentlichen.
"Diese kleinen Stücke hatte ich nur aus Spaß an der Freude online gepostet", erinnert Rogers sich. "Wenn ich beim Üben kleine Ideen hatte, die ich für nichts anderes verwenden wollte, weil sie mit einer Band nicht funktionieren würden und außerdem nur 30 Sekunden lang waren, habe ich sie aufgenommen, online gestellt und dann vergessen. Es hat mir irgendwie Spaß gemacht, aber ich habe es nicht besonders ernst genommen. Aber Kris sagte dann: 'Diese Ideen klingen wirklich nach dir, sie sind so ungefiltert. Sie zeigen genau, was du machst!' Ich denke, sie sah das als einen Weg für mich, meinen Sound zu entdecken und mich ein bisschen mehr darauf einzulassen."
Während Rogers sich in New York zuvor eher auf die klassische Art und Weise hatte inspirieren lassen – man hört etwas und will es danach selbst ausprobieren –, schwebte Davis etwas anderes vor.
"Kris hat mich ermutigt, genau das Gegenteil zu tun und mich einfach voll und ganz auf das einzulassen, was ich tue, und das hat mir wirklich gutgetan. Sie weiß immer genau, was sie zu mir sagen muss, und war eine wirklich großartige Mentorin."
Doch auch wenn Rogers anfangs nie daran gedacht hatte, aus den flüchtigen Probenmomenten ein Album zusammenzustellen, und sie zugibt, dass es ihr anfangs schwergefallen ist, die Stücke in Ruhe und mit gewissenhafter Sorgfalt auszuarbeiten und das Selbstvertrauen aufzubauen, sich an ein echtes Solowerk heranzuwagen, hatte sie doch große Freude daran, sich der Herausforderung kompromisslos und ehrlich zu stellen.
"Als klar war, dass ich ein Soloalbum aufnehmen musste, gab es ein paar Dinge, die ich ausprobieren wollte, zum Beispiel Tonumfang und Artikulation, und außerdem wollte ich versuchen, das gesamte Klavier auszuschöpfen", erklärt sie. "Wenn man allein spielt, kann man ja die Nuancen der gespielten Noten viel besser hören als im Band-Kontext, und deshalb habe ich versucht, diese verschiedenen Aspekte sowie die dynamische Bandbreite und auch rhythmische Aspekte zu erkunden. Viele der Rhythmen, die ich schreibe, sind etwas seltsam und schwierig, und weil ich allein spielte, hatte ich mehr Spielraum zum Ausprobieren, weil ich sie keiner Band erklären und mit ihr proben musste. Das gab mir mehr Freiheit, mit meinen Ideen zu arbeiten."
Das war allerdings nicht der einzige Unterschied im Vergleich mit dem Vorgänger "Seeds". Denn obwohl Rogers für die Stücke auf "The Button Jar" aus Erinnerung an ihre Kindheit in Maine schöpfte – der Albumtitel spielt auf das Glas voller Knöpfe an, das ihre Künstler-Mutter für alle erdenklichen kreativen Projekte bereithielt –, hat auch ihr Umzug nach Brooklyn klangliche Spuren hinterlassen, wenn sie bei den 14 Stücken im Stile einer Gestaltwandlerin das gesamte Gefühlsspektrum von zarter Sanftheit bis hin zu schneidender Intensität auslotet.
"Meine Musik ist mit der Zeit viel dichter geworden", erklärt sie. "Das Quartett-Album habe ich aufgenommen, als ich in der Schweiz lebte. Dort gibt es jede Menge Fördermittel für Musik und viel Zeit, einfach das zu tun, was man will." Sie lacht. "Das war ein entspanntes Leben, und ich glaube, die Musik hat das widergespiegelt. Auch wenn da sicherlich eine gewisse Spannung drin war, war es doch etwas luftiger. Jetzt, wo ich in New York lebe, stelle ich fest, dass meine Musik viel dichter geworden ist, einfach um mit all den Geräuschen mithalten zu können, die einen ständig umgeben. Bei allem, was man hier macht, teilt man sich den Raum, man sitzt auf engstem Raum zusammen, und draußen sind Autos und Sirenen. Es ist einfach ständig laut. Selbst bei Live-Auftritten gibt es viele überfüllte Bars, in denen das Klavier in einer Ecke steht und man es kaum hören kann, während die Band richtig laut spielt. All das hat die Musik komplexer gemacht, was ich sehr interessant finde."
Es passt zu Rogers freigeistigem Ansatz, dass sie sich mit dieser Erkenntnis nicht einfach zufriedengibt.
"Jetzt, wo mir das bewusst geworden ist, versuche ich, ein bisschen gegenzusteuern", erklärt sie. "Auf dem Album gibt es das Stück 'Thread The Needle', bei dem die Idee darin bestand, wirklich langsame Akkorde zu spielen. Kris sagte immer wieder: "Kannst du das noch langsamer spielen? Geht es noch langsamer als das? Vielleicht noch etwas langsamer?' Ich glaube, ihr ist das auch aufgefallen, und sie hat versucht, alles ein bisschen in die Länge zu ziehen."
So eigen Rogers auf dem Album auch klingt, haben natürlich die Giganten des Jazz-Pianos doch auch ihre Spuren in ihrem Tun hinterlassen. So ist der Titel des lebhaften "Linear Gel" tatsächlich ein Anagramm von Geri Allen, auch wenn das Stück seinen Titel erst später bekam.
"Ich hatte eigentlich nicht vor, diesen Stück nach Geri Allen zu benennen, aber während der Session sagte Kris etwas wie: 'Ich sehe, du lässt dich da von Geri Allen inspirieren!' Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber als ich mir das Stück noch einmal anhörte, ergab das für mich tatsächlich Sinn. Ich bin wirklich froh, dass ihr Einfluss auf mich gewirkt hat und sich nun zeigt."
Ursprünglich hatte Rogers das Album nach einem der Stücke "Puzzle Building" nennen wollen, und das wäre in der Tat auch ein sehr treffender Titel gewesen, denn mit jedem neuen Puzzleteil, respektive Stück, gibt sie hier den Blick auf das große Ganze frei, wenn sie betont direkt nichts zwischen sich und ihre Hörerinnen und Hörer kommen lässt. "Das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Offenheit, zwischen technischer Meisterschaft und unverfälschtem Gefühl, bildet den Kern des Albums", schrieb ein begeisterter US-Rezensent bereits, und dieser Beschreibung schließen wir uns gerne an.
Dass sie auf dem neuen Album von einem Stück zum nächsten vollkommen unbekümmert Stil und Stimmung wechselt und so allein bei den ersten drei Nummern, "Luster", "The Button Jar" und "Cloud Chorale", die Bandbreite von bedacht über waghalsig bis zu melodieselig reicht und an anderer Stelle die Grenzen zwischen Jazz und Klassik zu verschwimmen scheinen, ist sicherlich ein wenig dem erwähnten Ursprung dieser Stücke geschuldet, allerdings spielt diese Herangehensweise auch ganz einfach Rogers' Credo als Musikerin wider.
"Ich bin immer auf der Suche nach Dingen, die ich noch nie gehört habe, denn meine größte Angst beim Musikmachen ist, mich zu langweilen", verrät sie abschließend. "Ich gehe zum Beispiel auch lieber zu einem Konzert, bei dem ich die Musik hasse, das aber wenigstens interessant ist, als zu einem Konzert, das ich langweilig finde. Wenn ich komponiere, bin ich neugierig darauf, etwas zu finden, das ich noch nicht verwendet habe. Das kann ein Intervall oder eine rhythmische Idee sein – also jedes kleine Detail, das neu klingt und diese gewisse Neugier in mir weckt."
Aktuelles Album: The Button Jar (Pyroclastic Records) VÖ 08.05.
Weitere Infos: https://www.yvonnerogersmusic.com/ Foto: Alice Plati

