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SLOW LEAVES

"Ich manche Musik nicht zum Spaß."

SLOW LEAVES

Grant Davidson ist offensichtlich kein Mann, der Musik einfach so zum Spaß macht. Jedenfalls nicht ausschließlich, denn auch auf seinem neuesten Album "The Ruins Of Things Unfinished" mit seinem Projekt Slow Leaves setzt er sich wieder intensiv und mit großer Ernsthaftigkeit mit Fragen der Philosophie, der Moral, dem Selbst und den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen (und im besonderen Sinne seiner eigenen) auseinander. Für heitere Popmusik und hedonistische Partymusik bleibt da kaum Raum - auch wenn der Mann aus Winnipeg dieses Mal zumindest ein paar Up-Tempo-Momente hat einfließen lassen. Bewusst eine fröhliche oder lebhafte LP zu machen, war jedoch auch dieses Mal keine Absicht. 


"Nein, da hast Du wohl recht", schmunzelt Grant, "klingt das denn so fröhlich und lebhaft? Meine Absicht war das sicher nicht. Ich habe ein paar Sachen ausprobiert - wie zum Beispiel die Geige von Jeremy Penner. Ich würde ja gerne sagen, dass ich einen großen Plan habe, wenn es um die Musik geht - aber den habe ich tatsächlich nicht. Es gibt immer eine Phase zwischen meinen Scheiben, an denen ich an Ideen rumarbeite, die vielleicht zu gar nichts führen - bis es dann Momente gibt, aus denen sich etwas entwickelt. Ich tendiere dann dazu, einige Songs anzusammeln, die einem bestimmten emotionalen Thema folgen. Auch wenn einige der Songs etwas lebhafter rüberkommen mögen - die Texte sind es niemals."


Warum eigentlich nicht?

"Meine Texte entstehen nie, indem ich viel darüber nachdenke", räumt Grant ein, "natürlich verfeinere ich, was ich schreibe und ich achte auch auf Details - aber im Grunde genommen, fangen meine Texte immer mit irgendwelchen Worten über raue emotionale Erfahrungen an, die mir in den Sinn kommen. Viele Songs auf dem neuen Album wie 'Tired', 'Over It' oder 'Don't Fret' sind Lieder, die zum Beispiel davon handeln, sich müde und ausgebrannt zu fühlen - beispielsweise von der Musikindustrie, dem Bemühen, seinen Lebensunterhalt mit der Kunst zu verdienen, ein Vater zu sein oder zu versuchen, mit alle den Erwartungen, die das Leben an Dich heranträgt mitzuhalten. Selbst ein Song wie 'Over It' der etwas munterer daherkommt, sagt am Ende nur aus: 'Scheiß drauf - ich habe es satt'."

Seine letzte Scheibe machte Grant ja nach eigener Aussage für seine Frau. Für wen hat er denn das neue Album gemacht?

"Nun in gewisser Hinsicht mache ich ja die Musik für mich selber. Diese Scheibe ist mehr für meine Familie - auch wieder für meine Frau, aber besonders mein Sohn hat einen größere Präsenz in den Songs. Aber es geht halt immer darum, meine eigene Rolle in diesem Gebilde zu finden, meine Entscheidungen und Vorurteile zu hinterfragen oder mir gewärtig zu werden, dass ich die Dinge nicht wirklich unter Kontrolle habe und zu ergründen, wie ich mich dann verhalte - und welche Wirkung dieses Verhalten dann etwa auf meinen Sohn hat. Wie alle meine Scheiben ist auch diese Album sehr nachdenklich - aber was diese Scheibe von den anderen unterscheidet, ist dass dieses Mal der Bereich etwas über mich selbst hinausgeht. Wie ich gerne sage, ist das Schreiben von Songs eine egoistische Sache - und deswegen habe ich dieses Mal versucht, mich selbst weniger zum Zentrum meines eigenen Universums zu machen."

Das hat Grant ja auch schon mit seinem "Holiday"-Album gemacht - mit dem er ja Urlaub von sich selbst machen wollte.

"Ja, das stimmt - das ist aber auch eine wirklich lange Reise."

Der Titel des Albums "The Ruins Of Things Unfinished" bezieht sich auf den portugiesischen Philosophen, der von sich sagte, dass er selbst aus den Ruinen unfertiger Dinge zusammengesetzt sei. Was meint das denn - und warum nannte Grand Davidson sein neues Album so?

"Das Leben ist geprägt von unerfüllten Ewartungen und Imperfektionen", führt Grant aus, "auch wenn wir es nicht wollen, werden diese Imperfektionen von Generation zu Generation weitergereicht. Wir sind also von den Ruinen unserer eigenen Vergangenheit geprägt. Jedes Leben ist erfüllt von Versprechungen, Hoffnungen, Optimismus und Plänen - die aber am Ende alle zu nichts führen. Das Leben an sich ist in diesem Sinne - schon alleine von seiner Definition her - niemals richtig fertig, sondern eben unfertig. Besonders die Idee, dass wir als Menschen so von den Erfahrungen der Generationen vor uns geprägt werden, hat mich dabei besonders interessiert."

Hat das dann spirituelle Dimensionen?

"Nein", meint Grant sehr bestimmt, "so meine ich das nicht. Man könnte das ja auf verschiedene Weise betrachten, aber für mich ist das rein eine Sache der Genetik und der Psychologie. Imperfekte Eltern können gar nicht anders, als diese Imperfektionen weiterzureichen. Das ist eine Sache, über die wir keine Kontrolle haben. Für mich ist das eine Sache, die uns von Tag zu Tag direkt und indirekt beeinflusst - einfach durch die Art, in der wir interagieren. Wenn es dabei um Kinder geht, dann kommt noch der Faktor der Verletzlichkeit hinzu."

Welches Ziel verfolgt Grant Davidson denn überhaupt als Songwriter?

"Ein Teil von mir wünscht sich schon, so eine Art Paul McCartney sein zu können, der einfach alles machen kann - von Rock über Country bis zur Klassik und einfach pure Musik machen kann. Aber das ist eben nicht so. Was ich aber hoffe, ist dass mein Gesamtwerk mich als Konstrukt meiner Person repräsentiert und zeigt, wie ich mich durch die verschiedenen Stadien meines Lebens bewege. Ich denke, dass ist das, auf das ich mich konzentrieren sollte und ich hoffe, meine Songs erledigen diese Arbeit für mich erledigen und mir helfen, bestimmte Orte, Zeiten und Emotionen einzufangen. Ich habe auch Schwierigkeiten, mich von diesem Muster zu lösen. Weißt Du: Musik zu machen ist für mich wirklich kein Spaß. Es macht natürlich Spaß Musik zu spielen, aber Spaß zu haben, ist für mich nicht mein primäres Ziel. Am Ende sind meine Songs ein Spiegelbild von mir, wie ich mich selbst sehe."

Aktuelles Album: The Ruins Of Things Unfinished (Make My Day Records / Indigo) VÖ: 01.05.


Weitere Infos: https://slowleaves.com

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