interviews kunst cartoon konserven liesmich.txt filmriss dvd cruiser live reviews stripshow lottofoon

JULIA CUMMING

Nichts unversucht lassen

JULIA CUMMING

Einfach nur Julia: Weit jenseits der Welt ihrer freigeistigen Indierock-Band Sunflower Bean und der Model-Laufstege, die ihre Karriere einst in Rollen brachten, erfindet sich Julia Cumming auf ihrem fabelhaften Erstling als Solistin neu. Auf dem treffenderweise "Julia" betitelten Album ist die 30-jährige Amerikanerin nun ganz sie selbst und begeistert mit Songs, deren Wurzeln im eleganten Singer-Songwriter-Sound der 70er-Jahre liegen und mit düsteren, aber dafür umso ehrlicheren Texten glänzen, in denen Cumming ihr Leben Revue passieren lässt. Im Mai spielt sie zudem eines von vorerst nur sechs Konzerten weltweit im Berliner Mikropol.

In der Musik- wie in der Fashion-Welt: Eigentlich war Julia Cumming schon immer der Inbegriff der Coolness. Ganz egal, ob sie als Sängerin und Bassistin des aufregenden Trios Sunflower Bean die musikalische Underground-Szene ihrer Heimatstadt New York aufmischte oder als Muse des französischen Mode-Giganten Hedi Slimane von sich reden machte – dem Charisma der großgewachsenen Amerikanerin konnte man sich nur schwer entziehen.

Glücklich wurde Cumming mit all dem oberflächlichen Glanz allerdings nur bedingt, und deshalb steuert sie mit ihrem Solodebüt nun gegen: Sie selbst bezeichnet die LP, die man jetzt schon ohne rot zu werden als eine der schönsten, nein, besten Platten des Jahres bezeichnen darf, als ihr "Anti-Cool-Album" und als Ort der Freude für all jene Außenseiterinnen und Außenseiter, die nirgendwo dazugehören. Entstanden ist dabei ein Album, das verdeutlicht, was passieren kann, wenn man sich den Kräften widersetzt, die einem vorschreiben wollen, wie die eigene Karriere aussehen soll.

Denn auch wenn sie oft als Star oder, noch schlimmer, sogar als Glamour-Girl wahrgenommen wird: Cumming hat es nie darauf angelegt, die Welt im Sturm zu erobern oder den Verlockungen des schnellen Ruhms zu folgen. Tatsächlich war eher das Gegenteil der Fall, und das verdankt Cumming nicht zuletzt ihren Eltern, die sich einst in einer Band kennengelernt hatten, ohne das Musikmachen je professionell zu verfolgen.

"Ich bin dort aufgewachsen, wo Alphabet City dem East Village in New York ähnelt", erzählt sie beim Videogespräch mit der WESTZEIT. "Als ich aufwuchs, bot mein Vater, um der Musik nah zu bleiben, verschiedenen Leuten in der Gegend an, Bass für sie zu spielen, wenn ihm ihre Musik gefiel. Es gab damals einen Veranstaltungsort namens The Sidewalk Cafe und einen weiteren namens Bowery Poetry Club. Das Sidewalk Cafe war die Heimat der Anti-Folk-Szene, zu der Beck gehörte, aber auch Kimya Dawson, Adam Green oder Regina Spektor. "Es war eine sehr experimentelle Szene. Mein Vater nahm mich zu den Konzerten mit, und so lernte ich die Leute meiner ersten Band kennen."

Diese Anti-Folks-Acts waren nicht nur musikalisch Geschwister im Geiste, sie waren auch in der Idee vereint, dass künstlerischer Ausdruck wichtiger ist als finanzielle Interessen oder die vage Aussicht auf Erfolg.

"Was sie machten, fühlte sich eher wie ein Lebensstil und eine bestimmte Haltung an, als dass es um irgendwelche Erfolgsmaßstäbe ging", sagt Cumming rückblickend. Je schräger man war, desto besser. Man musste einmal pro Woche zu Demos gehen, um gegen irgendetwas zu protestieren. Wenn man das nicht tat, galt man einfach als faul. Und Geld? Ich bin mir sicher, dass alle Geld wollten, ich bin mir auch sicher, dass alle Geld brauchten, aber irgendetwas Kommerzielles zu machen, wäre sehr verpönt gewesen. So wie ich es sah, waren Geld oder gängige Vorstellungen von Erfolg einfach nicht das Ziel. Obwohl ich damals noch ein Kind war, hatte ich das Gefühl, dass dies ein Weg sein könnte, um dem Hamsterrad zu entkommen – oder vielmehr, dass man so der Geschichte entkommen konnte, in der dir erzählt wird, was du tun musst. Ich wollte einfach nur so sein wie sie. Ich wollte einfach nur in ihrer Nähe sein!"

Obwohl Cumming damals kaum Teenagerin war – ihre erste Band, das Indie-Pop-Duo Supercute! mit Rachel Trachtenburg, gründete sie im zarten Alter von 13 –, hinterließ die Geisteshaltung der Anti-Folk-Szene einen bei ihr bleibenden Eindruck, der bis heute nachhallt.

"Der Kontakt zu solchen Künstlerinnen und Künstlern hat mir – im Guten wie im Schlechten, aber ich denke eher im Guten – wirklich dabei geholfen, ein Verhältnis zum Dasein als Künstlerin zu entwickeln, in dem ich meine eigenen Erfolgskriterien und meine grundlegenden Bedürfnisse definieren konnte", sagte sie. "Meine Grundbedürfnisse sind Familie und Freunde, Essen, ein Zuhause und die Möglichkeit, Kunst und Musik so frei wie möglich zu erschaffen. Das ist sozusagen meine Basis. Das im Hinterkopf zu behalten, während ich mich in der Musikwelt bewegt habe, hat mir geholfen, sowohl die schwierigeren als auch die besseren Zeiten zu meistern, denn ich wusste immer, warum ich hier bin."

Das Echo dieser Gedanken bildet auch die Basis für "My Life", die wunderbare Eröffnungsnummer auf "Julia". Der Song ist elegant im Geist der alten Zeiten, aber deshalb nicht altbacken arrangiert, und erinnert an eine Nummer, die Burt Bacharach oder Carole King in den 60er-Jahren für Dionne Warwick hätten schreiben können. Der Song fungiert zugleich als "Mission Statement" des Albums, mit dem Cumming in elf Liedern ihr bisheriges Lebens aufarbeitet.

"Bei den ersten Zeilen von 'My Life' – 'I sing these words for me / To hear the sound / To let them ring / To drown you out' – lautet der entscheidende Satz 'To hear the sound', denn das war das erste Mal in all den Jahren, dass ich mir erlaubt habe zu denken, dass ich nicht für jemanden singen muss, dass ich nicht aus einem bestimmten Grund singen muss", verrät sie. "Ich muss nichts davon tun. Ich konnte singen, weil es etwas ist, das aus meinem Mund kommt, und es interessant ist zu hören, wie der Klang an den Wänden widerhallt. Als Mensch habe ich das Recht, einfach Töne von mir zu geben und zu tun, was ich will. Ich kann selbst Freude daran finden, und diese Freude sollte man sich auch gönnen. Das war eine sehr befreiende Denkweise, mit der ich mich selbst beschenken konnte."

Deshalb wird Cumming in ihren Texten dieses Mal so persönlich wie nie zuvor, auch wenn ihre Sinnsuche nicht nur Positives zutage förderte.

"Wenn man tief in sich hineinhört, stößt man auf eine Menge hässlicher Dinge", erklärt sie. "Auf dem Album gibt es viel Scham, viel Bedauern, viel Sturheit, viele ziemlich herausfordernde Eigenschaften, denen ich mich stellen musste. Aber ich glaube, das gehört alles zu der Ebene, die ich in mir selbst zu finden versucht habe, die ich auf das Album bringen wollte, um hoffentlich mir selbst und anderen dabei zu helfen, ein wenig Raum für all das Durcheinander zu schaffen. Gleichzeitig ist das Album aber nicht düster. Das war ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit an der Platte. Sie soll Spaß machen. Sie soll leicht sein. Es soll spannend sein. Natürlich liebe ich supertraurige Musik. Ich denke, das kann man allein an den Themen ablesen, über die ich gerne schreibe. Dieses Mal wollte ich das Ganze aber mal anders angehen. Ich wollte nicht, dass alles nur traurig ist. Das sollte nicht das Erlebnis beim Hören dieses Albums sein."

Interessanterweise hatte sich Cumming eigentlich jahrelang mit Händen und Füßen gegen die des Öfteren an sich herangetragene Idee gesträubt, eine Solo-LP aufzunehmen, weil sie sich viel zu sehr als Teamspielerin betrachtete und als Teil ihrer Band an der Seite von Gitarrist Nick Kivlen und Schlagzeugerin Olive Faber.

"Ich fand es immer toll, ein Team zu haben", gesteht sie. "Selbst wenn man sich bei seinen Entscheidungen unsicher war, war man nicht allein. Wenn man Kunst schafft, sie der Welt präsentiert und sich der Kritik aussetzt, ist das Wissen, dass man Teil einer Familie ist, eine Art Schutzwall. Ich habe Bands schon immer geliebt, und wenn ich über dieses Album spreche, möchte ich der Welt wirklich klarmachen: Ich hatte nicht die Absicht, ein Soloalbum aufzunehmen, wirklich nicht! Das stand für mich nie im Vordergrund."

Das Ende von Sunflower Bean bedeutet "Julia" deshalb nicht, oder wie sie es kürzlich an anderer Stelle ausdrückte: "Unser Ziel ist es, auch noch in unseren Siebzigern Platten aufzunehmen. Wie cool wäre das denn?" Trotzdem sieht sie in ihrem Alleingang mehr als ein schnell vergessenes Sideproject. Eher ist es für sie eine andere Seite ihres künstlerischen Ausdrucks, den sie auch in Zukunft weiterverfolgen will.

"Als ich 'My Life' schrieb, wusste ich sofort, dass er wirklich anders war", erinnert sie sich. "Denn obwohl ich es nicht auf ein Soloalbum angelegt hatte, war mir doch immer klar, dass ich es angehen würde, wenn ich eine Idee hätte, die gut genug wäre. Ich glaube einfach, dass ich vorher keine Idee hatte, die gut genug war - etwas, das sich originell anfühlte, etwas, das gemacht werden musste -, und ohne das hätte es keinen Sinn ergeben, das anzugehen. Aber als 'My Life' entstand, sagte ich mir: 'Okay, ich bin bereit!' Durch jahrelange Arbeit und den damit verbundenen Druck sind einige dieser musikalischen Ideen, die in mir brodelten, zu diesem Album geworden. Der einzige Grund, warum sie nicht mit der Band entstanden sind, ist, dass ich darauf hören musste, was die Songs wollten – und ich wusste, dass sie etwas anderes wollten, das ich außerhalb der Band suchen musste."



Doch obwohl sie davon überzeugt war, dass sie nach Kollaborateuren außerhalb ihrer Band Ausschau halten musste, erwies sich genau das als die größte Herausforderung auf dem Weg zum Album. "Um dieses Album aufzunehmen, musste ich ein neues Team zusammenstellen - und dabei gab es definitiv Momente, in denen ich mich zusammenreißen und etwas stärker sein musste", erinnert sie sich. "Wie du vorhin schon gesagt hast, bin ich gerne Teil eines Teams, und deshalb war es manchmal echt schwer. Aber letztendlich ist das gut so. Man muss wachsen. Es ist gut, Unterstützung zu haben, aber man muss sich den Dingen stellen, vor denen man Angst hat. Daran kann man menschlich und künstlerisch nur wachsen."

Auf ihrer Suche nach dem richtigen Kollaborateuren wurde Cumming auf der anderen Seite der USA in Los Angeles fündig, wo sie inzwischen nicht nur lebt, sondern wo auch "Julia" in den letzten drei Jahren parallel zu den Tourneen von Sunflower Bean und deren letztjährigem Meisterwerk "Mortal Primetime" entstand. Ohne sich groß Gedanken darum zu machen, wie die Öffentlichkeit auf ihren Sinneswandel reagieren würde, feilte sie mit dem Multi-Instrumentalisten Brian Robert Jones (Vampire Weekend, Paramore, Hayley Williams, MUNA, Remi Wolf) als engstem Verbündeten an ihren neuen Songs. Bei den Sessions im historischen EastWest-Studio - ehemals Western bzw. Ocean Way - in Hollywood, wo seit mehr als 60 Jahren sämtliche Größen der Branche Klassiker aufgenommen haben, stand ihr dann Produzent Chris Coady zur Seite, um die Einflüsse aus ihrer Jugend möglichst unverfälscht ins Hier und Jetzt zu übertragen.

Er half Cumming dabei, einen ausufernden, breitwandigen Retro-Pop-Sound zu erschaffen, der seinen Ursprung in den Meisterwerken von Burt Bacharach und Brian Wilson hat und auch die Eleganz des Singer/Songwriter-Sounds streift, die Carole King oder Carly Simon in den 70ern zelebriert haben. So zitiert "Please Let Me Remember This" die Beach-Boys-Nummer "Busy Doing Nothing" vom 1969er-Album "Friends", während "Fucking Closure", "Ruled By Fear" und "Forget The Rest" mit strahlenden Arrangements und betont ausdrucksstarkem Gesang glänzen.

Doch obwohl die Vergangenheit fraglos eine wichtige Inspirationsquelle war, ging es Cumming doch nicht um einen authentischen Vintage-Sound. Vielmehr trägt sie den Geist der alten Tage produktionstechnisch in die Gegenwart.

"Ich glaube, es hätte eine Möglichkeit gegeben, dieses Album mit einem deutlich vintage-orientierteren Ansatz aufzunehmen", sagt sie. "Wir hätten zum Beispiel auf Tonband aufnehmen können, und ich glaube, den Songs hätte das auch durchaus gutgetan. Aber ich hatte mich beim Schreiben bereits auf das bezogen, was ich als 'klassisches amerikanisches Songwriting' bezeichnen würde, und das kann bisweilen sehr nostalgisch wirken und sich für das Ohr sehr vertraut anhören. Deshalb fand es interessanter, es anders zu machen. Ich das Publikum dort abholen möchte, wo es gerade steht, und ihnen die Qualität bieten möchte, die ihre Ohren erwarten. Ich dachte einfach, es wäre ambitionierter, etwas zu erschaffen, das sich wirklich hi-fi anfühlt, um das Publikum an die Hand zu nehmen."

Noch wichtiger als die Zufriedenheit des Publikums war ihr allerdings, dass sie für sich selbst wusste, dass sie auf ihrem Weg zu ihrem Solo-Erstling alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte.

"Ich wollte eine Platte aufnehmen, bei der ich, wenn ich morgen von einem Auto angefahren würde und auf dem Sterbebett läge, wissen würde, dass ich wirklich alles gegeben habe und nichts unversucht gelassen habe", sagt sie abschließend. "Es wäre doch schade, sein Leben der Musik zu widmen und nicht so tief in das Ganze einzutauchen wie irgend möglich!"

Aktuelles Album: Julia (Partisan Records / PIAS / Integral)


Weitere Infos: https://www.juliacumming.com/ Foto: Marcus Maddox

Auch von Interesse
› Tonträger › Olymp › JULIA CUMMING
 - Julia (2026-05-03) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › SUNFLOWER BEAN - Mortal Primetime (2025-05-01) ‹‹


Mai 2026
HISS GOLDEN MESSENGER
JULIA CUMMING
LUCKY BREAK
MISS GRIT
REAL FARMER
SLOW LEAVES
SOPHIE CHASSÉE
YVONNE ROGERS
‹‹April