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LUCKY BREAK

Mein moralischer Kompass

LUCKY BREAK

Die Indie-Songwriterin Emma Gerson – besser bekannt unter ihrem Projektnamen Lucky Break – ist zwar in New York geboren, wo sie auch einige Zeit lebte, hat aber heutzutage ihre Basis in der Bay Area, lebt in San Francisco, produziert in L.A., hat aber auch familiäre Bezüge nach Michigan, wo sie ihre Urlaube verbringt. Das erklärt dann vermutlich auch den wilden – aber charmant referenzierten – Stilmix, den sie auf ihrem Debüt-Album „made it!“ bemüht und der von ihrem rastlosen Lebensstil und ihren zahlreichen musikalischen Interessen geprägt ist. Die 11 Songs des Albums schrieb sie in der Zeit zwischen ihrem 19. und 23. Lebensjahr und mischt sie so ziemlich alles, was sie musikalisch als Musikfan interessiert, zu einer letztlich dann sogar eigenständigen Melange zusammen. Songwriterisch ist das alles dann unterlegt mit den Erfahrungen der prägenden Phase des Erwachsen-Werdens. Mag sein, dass das jetzt nicht besonders spektakulär klingt – aber der Reiz des Albums ergibt sich aus dem Umstand, dass Emma gar nicht vorgibt, das Rad neu erfinden zu wollen, dafür aber musikalisch so ziemlich alles richtig macht.


Was motivierte Emma Gerson überhaupt, sich als Songwriterin zu verwirklichen. Es gibt da ein fast schon verstörendes Video, in dem sie – während sie sich für einen Bühnenauftritt schminkt – davon berichtet dass das Gefühl der Scham dabei eine größere Rolle gespielt haben könnte.

„‘Scham’ ist ein wirklich tiefgreifendes Gefühl“, führt sie aus, „die Scham ist auch insofern sehr kraftvoll, als dass sie viele Entscheidungen, die wir in unseren täglichen Leben treffen, beeinflusst; denn wir alle wollen schließlich akzeptiert und geliebt werden. Für mich war die Musik stets ein Mittel, mit dem ich das Gefühl der Scham in etwas verwandeln konnte, über das ich mit anderen Menschen in Kontakt treten konnte.“

Das ist ein interessanter Ansatz – aber warum musste es ausgerechnet die Scham sein?

„Ich denke, dass eine Menge Künstler das so machen, dass sie die gerade die Dinge, die schwierig für sie sind, über ihre Kunst ans Licht bringen, um so den Zugang zu eine Gemeinschaft zu bekommen. In meinem Fall ging es darum, zu beweisen, dass meine Scham nichts ist, was ich verstecken musste, sondern ein kraftvolles Mittel ist, über das ich mich mit anderen Verbinden konnte.“

Indem man nun seinen eigenen Schmerz der Welt präsentiert, findet man ja auch eine ganze Gemeinschaft von Menschen, die ähnlich empfinden. Geht es dabei auch um eine Vorbild-Charakter – speziell, wenn man als junge Frau in der Öffentlichkeit steht?

„Ich finde, dass das niemand besser machte als eines meiner Idole Elliott Smith. Er konnte die düsteren Aspekte seines Lebens in diese schöne Poesie übersetzen. Ich denke also nicht, dass das alleine eine Sache von jungen Frauen in der Indie-Rock.Szene ist. Jeder gute Autor macht das eigentlich. Ich denke, das ist irgendwie auch der Job eines Schriftstellers. Ich weiß zwar nicht genau, was die Aufgabe eines Schriftstellers umfasst aber nach meiner Erfahrung haben die besten Schriftsteller wie James Baldwin oder Ernest Hemingway die Fähigkeit, etwas Hässliches in wirklich schöne Prosa zu verwandeln. Das ist dann auch alles, was wir als Künstler hoffen können zu erreichen.“ 



Gibt es dann einen roten Faden, der die Geschichten, die Emma als Songwriterin erzählt, zusammenhält? Ist es vielleicht das Bestreben, seinen Dämonen entgegenzutreten, um etwas Schönes zu kreieren?

„Nun ja, wenn ich einen Song schreibe, dann denke ich nicht zunächst an eine Thema, sondern ich schreibe etwas, weil ich ein bestimmtes Gefühl habe“, erläutert Emma, „ich muss das dann erst mal niederschreiben. Erst im Nachhinein ergibt sich dann ein größerer Zusammenhang. Ich habe gemerkt, dass ich mit diesem Album herausfinden wollte, wie ich am besten meinem moralischen Kompass folgen könnte. Ich versuche herauszufinden, wie ich meine eigenen Gefühle als Wegweiser nutzen könnte während ich langsam erwachsen werde. Ich glaube meine Songs leisten dem immer Vortrieb. Sie erinnern mich daran, was ich eigentlich will und liefern mir Hinweise dafür, was ich etwa als Nächstes Tun sollte.“

Spielt dabei die Spiritualität eine gewisse Rolle? In dem Song „Crush“ gibt es zum Beispiel die denkwürdige Textzeile: „Don’t have a God that I know by name - But I got an address and the bills come the same.“ Das hört sich nach Ärger an.

„Na ja – das habe ich gar nicht bewusst so formuliert“, gesteht Emma. „aber ich bin grundsätzlich einfach eine optimistische Person – und das zwingt mich manchmal aus blindem Glauben an das Gute zu handeln – in dem Glauben eben, dass sich am Ende alles schon zum Guten wenden wird. Diese Einstellung hat mich in der Musik und auch in meinem Leben an einige großartige Orte geführt – es ist aber auch beängstigend. Ein Gefühl dafür zu haben, dass schon alles in Ordnung kommen wird hilft mir dann aber auch, diese beängstigenden Situationen zu leiten. Das ist dann mein Glaube.“

Und wie geht Emma dabei mit dem ganzen politischen Wahnsinn unserer Tage um? Es fällt ja nun wirklich nicht leicht, dabei optimistisch zu bleiben.

„Oha“, stöhnt Emma, „ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich denke, das weiß auch sonst niemand. Es sind einfach sehr unsichere Zeiten und ich habe herausgefunden, dass meine Aufgabe darin besteht, zu versuchen, die Menschen zusammenzuführen, die dieselben Werte vertreten wie ich. Ich hoffe, dass ich Sachen erschaffen kann, die den Menschen Freude bereiten und ihnen erlaubt, ihre Gefühle anzuzapfen. Das ist in Zeiten wie diesen, in denen wir oft ja von uns selbst und Menschen die wir lieben separiert sind. Ich hoffe, dass die Musik dazu beitragen kann. Meine größten Vorbilder sind alles Schriftsteller und Musiker und Künstler und ich hoffe demzufolge, dass das Zeug, was ich mache den Menschen durch diese verrückten und beängstigenden Zeiten helfen kann.“



Geht es Emma dann auch darum, durch ihre Musik das eigene Leben besser verstehen und verarbeiten zu können?

„Ja“, meint Emma, „ich betrachte mich als intellektuelle Person und räume ein dass ich in meinem Alltagsleben eigentlich ziemlich von meinen Emotionen losgelöst bin. Ich weiß meistens gar nicht, wie ich mich fühle – bis ich einen Song darüber geschrieben habe. Erst dann kann ich sagen: Okay – darum ging es also. Das gilt dann nicht nur für den Schmerz sondern auch für Glückseligkeit oder die Liebe. Ich bin wirklich dankbar, dass ich die Musik habe, um solche Sachen verarbeiten zu können.“

Hat Emma denn etwas wertvolles über sich selbst gelernt, indem sie die Songsammlung erschaffen hat?

„Oh ja – diese Scheibe ist ja in der Zeit zwischen 19 und 23 Jahren entstanden – einem Alter, in dem man von der Teenie-Zeit ins Erwachsen-Werden wechselt. Ich habe gelernt, auf mich selbst zu vertrauen und tatsächlich dem Bauchgefühl zu folgen, was ich zu tun hätte. Dafür bin ich dankbar. Das war wie eine kleine Taschenlampe, mit der ich den Weg in die Zukunft ausleuchten konnte.“

Worum geht es denn im Allgemeinen in den Songs von Lucky Break? Einige Songs kommen ja mit direkten Referenzen daher – wie zum Beispiel „City Lights“.

„Ja ‚City Lights‘ ist in dem Fall der Name eines Buchladens in San Francisco, in dem öfter auch Lesungen stattfinden“, meint die Literaturfreundin Emma, „der Song ‚Burning String‘ handelt nicht von Tarot-Karten – auch wenn das in dem Video so aussieht. Ich hatte mich mit meiner besten Freundin unterhalten, weil wir beide an einem Punkt angekommen waren, an dem wir nicht so recht wussten, was wir als Nächstes machen sollten. ‚Burning String‘ bezog sich dann auf ein Bild, was ich mir vorgestellt hatte von diesem brennenden Faden, der sich von einer Flamme ziehen lässt. Du folgst dann also sozusagen diesem brennenden Faden. Der Titel des Songs ‚Darklight‘ kommt von einer Zeile in der Hookline: ‚You Keep Me In The Dark And Then You Light Me Up Again“. Der Song handelt von einer ‚Hoch-Runter-Dynamik‘ einer Beziehung. Es geht um eine Art Kreislauf mit jemandem, der einerseits geheimnisvoll ist und auf der anderen Seite liebevoll – und das immer wieder abwechselnd. Und den Song ‚Summer Camp‘ habe ich geschrieben, als ich in einem Sommer-Camp arbeitete, wo ich den Kindern 4 Stunden am Tag Musikunterricht gab. Den Rest der Zeit konnte ich dann in den Wald gehen und dort schreiben. Ich habe dann den Song über diese Situation geschrieben. Ich hatte meine Augen geschlossen um ein bisschen zu spielen und als ich meine Augen öffnete, stand da ein Elch vor mir, der mir wohl die ganze Zeit zugehört hatte. Ich denke heute noch an diesen Elch, wenn ich den Song spiele. Der Song ‚Spinning Cup‘ handelt davon, dass ich mich in jemand Neuen verliebt hatte, aber wusste, dass ich in drei Monaten umziehen würde. Im übertragenen Sinne handelt der Song von diesem Gefühl, dass das Leben sich in einem Tempo bewegt, dass Du selbst nicht kontrollieren kannst. Hast Du dich mal in eine dieser drehenden Tassen in einem Vergnügungspark gesetzt? So fühlt sich das Leben an, wenn Du 19 bist. Es bewegt sich alles so schnell und Du kannst Deine Umgebung gar nicht so richtig wahrnehmen.“

Was kann Emma Gerson denn kontrollieren?

„Im Leben oder in der Musik?“ fragt sie zurück, „es wäre ja wirklich schön, wenn ich alles kontrollieren könnte – aber das kann ich ja unglücklicherweise nicht wirklich. Ich glaube aber, dass mir die Musik ermöglicht, damit umgehen zu können.“

Es ist ja durchaus nicht selbstverständlich, dass Songwriter sich grundsätzlich so detailliert äußern, dass man wirklich etwas über sie lernen kann. Emma Gerson scheint damit aber keine Probleme zu haben. Hat Emma mit diesem Album dann das Kapitel des Erwachsen-Werdens abgeschlossen und wird sie dann jetzt ein neues aufschlagen?

„Ach ich denke ich werde auch weiterhin den Songs folgen – wohin sie auch führen werden“, überlegt sie, „aber ich werde dann geheim halten, ob es um eine Fortsetzung dessen geht, was ich bislang gemacht habe – oder etwas Neues.“



Aktuelles Album: made it! (Fire Records / Cargo) VÖ: 08.05.



Weitere Infos: https://www.firerecords.com/artists/lucky-break/

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