
Tobias Siebert, ein Drittel der Band Klez.e, ist ‚angekommen‘, wie man so schön, wenn auch manchmal floskelhaft sagt: in privater Hinsicht, weil er die unseligen Corona-Jahre dazu genutzt hat, gemeinsam mit seiner Frau und Managerin Annette Herrmann einen alten Vier-Seiten-Hof in Mecklenburg-Vorpommern zu sanieren und umzubauen, und in beruflicher Hinsicht, weil er sich hier ein feines Studio eingerichtet hat, in dem er beispielsweise schon Mina Richman oder die Band Herrenmagazin zu Aufnahmen begrüßen durfte. Klez.e selbst wirken derweil kurz nach Veröffentlichung ihres sechsten Albums „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ und kurz vor ihrem Jubiläumsjahr gefestigt und in sich ruhend wie nie.
Im Gespräch mit der Westzeit erinnert sich Tobias Siebert allerdings auch an die Zeit des dritten Albums „Vom Feuer der Gaben“ (2009) zurück, in der die Band einige – wie Toby es nun rückblickend bewertet – falsche Entscheidungen getroffen habe, die dann zu einer achtjährigen Veröffentlichungspause und dem Ausstieg zweier Bandmitglieder führten:„Damals nach dem Erfolg unseres zweiten Albums ‚Flimmern‘ hatten wir noch dieses Gefühl, nach oben zu müssen. Heute wissen wir: Rechts und links neben einem liegt genug Fläche, wo man unterwegs sein kann.“
Toby war in dieser Phase kurz davor, die Band aufzulösen, kann dieser schmerzhaften Erfahrung im Nachhinein nun aber viel Positives abgewinnen. Diese „Watsch’n“, die er mit einer überwundenen Ehekrise vergleicht, habe der Band gutgetan und sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Ganz generell hätten Niederlagen in seinem Leben letztlich zwar immer etwas Gutes bewirkt, aber leicht wegzustecken waren sie für Toby keineswegs:
„Wann immer ich an irgendeine Wand gestoßen bin, war ich zu Tode bestürzt. Ich habe leider die Neigung, schnell sehr negativ zu denken, obwohl ich eigentlich ein sehr positiver Typ bin, der, wenn er eine Vision hat, unglaublich stark nach vorne arbeiten kann. Trotzdem reißen mich so kleine negative Bausteine für eine kurze Zeit extrem nach unten. Ich kann mich da zwar immer wieder rausmanövrieren, aber das wäre auf jeden Fall etwas, was ich gerne ablegen würde, bevor ich irgendwann alt und grau bin, damit mich das nicht mehr so berührt.“
Zum Album „Desintegration“ (2017) hat die Band, inzwischen zum Trio geschrumpft, ihre Arbeits- und Anspruchshaltung dann radikal verändert:
„Da haben wir alles anders gemacht. Da haben wir gesagt: ‚Wir nehmen uns nichts vor, wir glauben an nichts, wir machen einfach!‘ – ohne darüber nachzudenken, ob unsere Musik im Radio läuft oder gestreamt wird, und wie die Medien reagieren.“
Die bewusste Entscheidung, sich diesem ganzen „Wahnsinn“ zu entziehen, habe dann einen äußerst positiven Effekt gehabt: „Seitdem wir das so machen, läuft es viel besser. Unsere Konzerte sind nett besucht und wir machen ein Video in drei Stunden, haben kein richtiges Konzept, aber nachher trotzdem ein ganz tolles Resultat. Früher haben wir uns wahnsinnig viele Gedanken gemacht und teure Leute eingekauft, jetzt folgen wir der Devise meiner Frau, die zugleich unsere Managerin ist: ‚Nichts darf länger als vier Stunden dauern!‘ Daran halten wir uns, das macht irgendwie Bock. Das heißt nicht, dass wir das nicht ernst nehmen, aber wir setzen uns keinem kommerziellen Druck mehr aus.“
Das Album „Desintegration“ leitete zugleich eine Wende im Bandsound ein, die auf „Erregung“ (2024) und auch auf dem jüngst erschienenen Werk „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ eine konsequente Fortsetzung erfuhr. Der große Einfluss von The Cure ist nicht zu überhören, führte auf der neuen LP aber zu deutlich poppigeren Ergebnissen als auf den beiden Vorgängerplatten. Dafür verantwortlich dürfte unter anderem das ‚analoge Facebook‘ gewesen sein, das die Band auf ihrer letzten Tour etabliert hat: In eine kleine Holzkiste am Merch-Stand konnten Fans Zettel mit Kommentaren oder Wünschen hineinwerfen, und ein paar dieser Zettel forderten die Band dazu auf, mal einen richtig poppigen Song zu machen.
„Nach dem letzten, sehr anspruchsvollen Album ‚Erregung‘ haben diese Zettel sprichwörtlich ins Schwarze getroffen und uns dazu animiert zu gucken, wie es wäre, wenn wir vielleicht etwas direkter aus dem Herzen sprechen, musikalisch wie textlich.“
Hört man die letzten drei Klez.e-Alben hintereinander, so kann man den Eindruck gewinnen, dass die Band nicht nur musikalisch deutlich eingängiger geworden ist, sondern sich auch textlich immer mehr vom Politischen entfernt und dem Privaten zugewendet hat – das natürlich ebenfalls politisch ist. Deckt sich diese Einschätzung mit dem, was Toby selbst beim Schreiben der Texte durch den Kopf ging?
„Ich war textlich mit ‚Desintegration‘ total happy. Ich finde die drei Alben vorher nach wie vor gut und stehe dahinter, aber da kam ich aus diesem Deep-Indie-Talk nicht raus, es gab also wie schon bei Delbo [2012 nach dem Tod des Schlagzeugers Florian Lüning aufgelöste Band, in der Tobias Siebert Gitarrist war, Anm. d. Verf.] sehr lyrische, verschachtelte Texte, und mit ‚Desintegration‘ habe ich es in meinen Augen dann zum ersten Mal geschafft, klarere Bilder zu zeichnen. Danach habe ich mich dann gefragt, wie ich weitermache, und ‚Erregung‘ plauzte dann richtig doll raus aus meinem Kopf. Der Song war nach ‚Düster‘ der zweite Text, an den ich mich für das Nachfolgealbum gesetzt habe, und ich wusste, das ist so ein Sieben-Minuten-Lied und es muss für mich ein totaler Knaller sein, weil ich da wie in einem Roadmovie etwas aus meiner Lebensgeschichte erzählen werde, und davor hatte ich immer Angst, weil ich wusste, dass das ein richtig krasser Kampf wird, aber es ging nachher total schnell. Ich hatte sogar Gänsehaut beim Einsingen, weil es mich selbst so berührt hat, also es hat irgendwie gut funktioniert.“
Trotzdem fragte sich Toby nach „Erregung“, wie er jemals wieder eine Platte texten soll – nur um dann beruhigt festzustellen, dass er noch immer genug Themen hat, obwohl er seit dem Umzug von Berlin aufs Land „ein ganz eigenes Gefühl zur Welt“ entwickelt habe, was er als „gefährlich, aber auch sehr schön“ bezeichnet:
„Ich bin hier draußen auf einem Wattebausch, mitten auf einem Feld ohne Nachbarn, und da habe ich mich gefragt: Kann man eigentlich in so einer Situation noch Texte schreiben? Ich habe mir immer fest vorgenommen: Wenn ich nichts mehr zu sagen habe, dann muss ich auch aufhören damit, und dann war ich überrascht, dass mir noch so viel eingefallen ist. Ich habe einfach nur in mein Herz gehört beim neuen Album.“
Was hat sein Herz ihm gesagt, welche Themen hat es ihm eingeflüstert?
„Sachen, die mich politisch antriggern, sind immer wieder ein großer Punkt, und die sind auf dem neuen Album auch wieder drin, aber die passieren dann innerhalb der Geschichte im Hintergrund. Ich halte mich irgendwo auf und erzähle davon, zum Beispiel bei ‚La Boum‘, wo ich in der Bar bin mit der liebsten Person. Da geht es letztendlich um die Hoffnung, dass Liebe uns aus diesem ganzen Schlammassel heraushelfen kann, dass ein soziales Zusammenrücken und Nicht-nur-an-sich-Denken vielleicht doch die Lösung ist gegen den ganzen Hass. Das schwingt mit, aber es ist eigentlich eine Geschichte von zwei Leuten, die von Bar zu Bar ziehen. In ‚Ich seh es an mir‘ geht es um Selbstbetrug der Sorte ‚Ich gehe in den Bioladen, also mache ich alles richtig‘ – aber das macht man eben nicht! Du kannst es immer besser machen und es gibt Momente, in denen man sich auch hart in Frage stellen muss. Wir müssen entscheidend etwas am System ändern, vorher wird das nichts.“
In „Hymnus“, dem Opener der neuen LP, wird mit der ‚Affäre‘ ein Motiv aufgegriffen, das auch schon in „Tortur“ vom Album „Erregung“ angeklungen ist. Um was für eine Art von Affäre handelt es sich hier?
„Es geht eigentlich um die Liebelei der Menschheit zur Welt und zu den eigentlich wundervollen Dingen, die wir hier haben, die jeden Tag auf uns scheinen – darum, wie schnell die Zeit vergeht, die wir hier haben, weil wir dauernd mit irgendwelchen Dingen beschäftigt sind. Wenn man der Affäre – typischen Bildern von ihr folgend – den Moment zuspricht, in dem man Zeit für die Welt hat und für die Gefühle, die nichts mit Konsum, Arbeit und Alltag zu tun haben, dann ist das genau der Moment, den ich beschreiben möchte, der Moment, in dem Du tiefste Zuneigung und Nähe spürst und am weitesten weg bist von all den Dingen, die so an Dir hängen, die Du zu tun hast – die auch schön sind, und die Du auch liebst, aber die Dich sehr im Griff haben im Vergleich zum freien Fall.“
Der letzte Track des Albums, „Im Herbst“, führt dann thematisch zu „Mauern“ zurück, dem ersten Song auf „Desintegration“, und setzt den Wedding-Sehnsüchten von einst nun Erschöpfung „von all dem Westglück“ entgegen.
Nach drei Alben im Cure-Sound und textlichen Querverbindungen wie diesen liegt die Frage nahe, ob die letzten drei Klez.e-Platten von Anfang an – vergleichbar der aus den Alben „Pornography“, „Disintegration“ und „Bloodflowers“ bestehenden ‚Dark Trilogy‘ von The Cure – als große Einheit angelegt gewesen sind. Toby verneint:
„Irgendwann nach der ‚Erregung‘ fiel in der Band mal der Satz: ‚Eine machen wir noch!‘ Intern haben wir dann auch mal von der ‚Trilogie‘ gesprochen, das aber nie als Konzept benannt – es ist vielmehr so, dass sich bei uns Sachen oft einfach entwickeln, die am Ende dann voll hinhauen.“
Ist es also Zufall, dass auf dem Cover von ‚Erregung‘ Rosen abgebildet sind, die gut als „Bloodflowers“ durchgehen könnten? Toby erklärt, dass das zwar natürlich kein Zufall gewesen sei, die Band bei der LP „Erregung“ aber tatsächlich etwas anderes im Kopf gehabt habe – nämlich gleich zwei verschiedene Depeche Mode-Alben: „Der Titel ist eine Anspielung auf ‚Exciter‘ – und bei den Rosen haben wir an das Cover der ‚Violator‘ gedacht.“
Auch auf die Frage, was denn jetzt nach drei Alben im Stile von The Cure als Nächstes kommen könnte, sagt Toby lachend: „Depeche Mode!“
Abwegig wäre das nicht, denn auch diese Band hat ihn nachweislich stark geprägt:
„Mit dieser Band habe ich angefangen zu begreifen, was Musik eigentlich machen kann, und was es bedeutet, Musik zu fühlen. Alles vorher war irgendwie Radio und Mitsingen, die 80er waren ja voll von unglaublichen Hits, und dann kamen Depeche Mode in mein Leben, und ich dachte: ‚Wow, da ist nochmal eine andere Ebene!‘ Dieses leicht düstere Songwriting hat mich hart geprägt.“
Letztlich seien dann aber doch The Cure zum prägenderen Einfluss für ihn geworden.
Noch einmal konkret auf ein nächstes Klez.e-Album angesprochen, gibt Toby zu Protokoll:
„Ich glaube tatsächlich, dass das nächste Album anders wird, auch wenn bereits das neue Album aufgrund seiner Poppigkeit andere Fähigkeiten hat als die Alben davor. Ich bin wirklich gespannt, was danach kommt. Wir werden auf jeden Fall eine weitere Platte machen!“
Bevor es soweit ist, geht das Trio im September und Oktober 2026 nun aber erst einmal mit seinem aktuellen Album auf eine ausgedehnte Tour: „Darauf freue ich mich tierisch und könnte ein ganzes Jahr unterwegs sein!“
Gut möglich also, dass man sich schon zum 25. Bandgeburtstag im nächsten Jahr auf weitere Konzerte freuen darf…
Aktuelles Album: Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht (Windig / Cargo)
Weitere Infos: https://klez-e.de/ Foto: Caroline Pitzke

