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LUISA

Wie italienische Pasta

LUISA

Als die Hamburger Musikerin Lùisa ihr 2021 ihr drittes Album „New Woman“ veröffentlichte, schien die smarte Songwriterin einen geeignet Weg gefunden zu haben ihre Empowerment-Songs mit Hilfe des Produzenten Tobias Siebert (And The Golden Choir, Klez.e) in einem erdigen Indie-Pop-Setting zu voller Blüte zu führen. Eigentlich hätte Lùisa dann in diesem Sinne weiter an ihren musikalischen Visionen arbeiten können, doch als es daran ging, ihr nächstes Album zu planen, geriet sie in eine dieser Situationen, von denen insbesondere Frauen im Musikbusiness immer wieder betroffen sind: Eine Herrenrunde aus Marketing-Experten verlangte nun nämlich von ihr, sich einem internationalen Pop-Produzenten anzuvertrauen und ihren musikalischen Stil entsprechend anzupassen, damit sie sich in Zukunft besser vermarkten ließe.

Logisch, dass sie hierzu keine Lust hatte und stattdessen ihre Wut über dieses Gespräch dazu nutzte, ihre Musik in Eigenregie dann selbst in die gewünschte Richtung zu lenken. Dazu eignete sie sich in einem selbst eingerichteten Studio zunächst ein Mal die notwendigen technischen Fähigkeiten als Produzentin und Tontechnikerin an, produzierte das neue Material dementsprechend selbst und veröffentlicht das neue Album „Call Me The Witch“ dann über den Label-Service RecordJet, der zwar alles zu bieten hat, was ein Label auch zu bieten hat – aber die Rechte über die Musik dann beim Künstler belässt. 

Einer der Gründe, warum Lùisa das Album selbst produzierte, war ja der, dass sie sich so nicht mehr auf Kompromisse einlassen oder sich für ihre Entscheidungen rechtfertigen musste, richtig?

„Ja, komplett“, meint Lùisa, „ich glaube, das ist auch was sehr Strukturelles, dass man so das Gefühl hat - nicht nur mit Musikunternehmen, sondern eben auch im Studio selber - dass du ganz oft in Konflikte gerätst, wo du das Gefühl hast, dass du dich für deine künstlerische Vision rechtfertigen musst. Oder du musst immer gegen eine Gruppe von Männern argumentieren. Und das nimmt unfassbar viel Energie, weil natürlich auch meine Perspektive eine andere ist als die vom Produzenten und Männern in der Musikindustrie.“

Ist das für Frauen grundsätzlich anders als bei Männern?

„Ich merke das zum Beispiel bei dem Song ‚Call Me The Witch‘ – der gerade auch als Single rausgekommen ist – dass auf Instagram sehr viele tolle neue Frauen diesen Song teilen und super finden. Es ist aber fast kein einziger Mann dabei - und das ist auch nicht schlimm. Aber da merkt man eben, dass die Perspektive, die man als Frau hat, nicht immer durch einen männlichen Filter durch muss, sondern dass es manchmal besser ist, wenn man kompromisslos bei einer bestimmten Vision bleibt und deswegen kann ich das sehr gut verstehen, dass man sagt, okay, ich muss mich jetzt nicht rechtfertigen, ich mache einfach mein Ding und ich brauche nicht Musikunternehmen, die mir vorschlagen, mit welchem tollen Produzenten mit einem großen Namen ich arbeiten soll, um einen bestimmten Sound zu machen oder zu klingen wie die weibliche Künstlerin XY. Das ist ja immer das Absurde, dass man oft verglichen wird mit anderen Künstlerinnen. Dafür muss man dann auch noch mit einem bestimmten ganz tollen Pop-Produzenten mit einem Track-Record arbeiten - und das finde ich eben komplett bescheuert.“

Geht es dabei darum, in eine bestimmte Schublade gepackt zu werden?

„Ja, total“, sagt Lùisa, „ich glaube ja auch, dass es etwas Menschliches ist, in Kategorien zu denken - auf jeden Fall. Aber ich glaube, es hat für Künstlerinnen dann immer was anderes, wenn man quasi von Männern, die in Positionen sind, wo sie quasi das Geld verwalten oder die Strukturen und eben auch maßgeblich mitbestimmen, dann einen Rat zu bekommen, der eigentlich darauf abzielt, dass sie mehr Geld mit einem verdienen. Also ich glaube, das fühlt sich für mich irgendwie komplett toxisch an. Und ich habe gemerkt, dass dieses Selbstversorgerische - also das, was ich jetzt gerade mit „Call Me The Witch“ das erste Mal für mich herausgefunden habe - wirklich künstlerisch keine Kompromisse zu machen und wirklich auch komplett die ganze Produktion selber zu machen; dabei alles zu editieren, alles aufzunehmen, jede Spur zu schnibbeln und zu sounddesignen, dass das also für mich auch eine Art von Widerstand ist gegen diese Strukturen, wo man eigentlich immer abhängig davon ist. dass man entweder ein Budget von Unternehmen bekommt oder mit bestimmten Leuten, die quasi schon ein Track Record haben, arbeiten muss, um einen nächsten Schritt zu gehen. Das glaube ich einfach nicht. Ich glaube, dass die Kraft von Songs immer besser ist, wenn die Künstlerin oder Künstler bei der Vision bleibt und sich nicht so viel reinschnacken lässt.“

Und selbst mit diesem Rezept kommt man dann als Künstlerin dann doch im Business an Grenzen?

„Na ja - die Entscheidungen fallen dann oft einfach nicht nach dem Motto: ‚Okay, wie gut ist die Kunst?‘ oder ‚Wie unterstützen wir die Künstlerin, weil wir jetzt die Kunst mögen?‘ sondern unter dem Gesichtspunkt ‚Wie können wir eigentlich die Band oder die Künstlerin besser machen, damit wir mehr Money mit ihr machen?‘ Labels sind halt Unternehmen. Und Musikunternehmen haben eben den Anspruch Profit zu machen. Und deswegen sind Excel-Sheets mit Kennziffern auch das Lieblingsinstrument der Entscheidungsträger. Es gibt ja auch solche und solche Labels und es gibt solche und solche Manager und es ist keine Ansage an grundsätzlich Unternehmen in der Musikindustrie. Es ist nur einfach ein Fakt, dass man halt oft an der Kommerzialität gemessen wird. Und das geht ja allen Bands und Künstlerinnen so. Und dann kommt man den Punkt, ob man ja jetzt mit geht – oder ob man bleibt man halt eigenständig in seiner künstlerischen Vision bleiben möchte. Und das Tolle ist ja, dass man in der Zeit, in der wir leben, kein Label mehr braucht. Es sind ja durch Social Media die Grenzen sehr aufgelöst, die Leute direkt zu erreichen. Und man kann mit Label-Services arbeiten.“

Das Album ist ja vergleichsweise poppig. Hat das damit zu tun, die komplexen Themen des Albums möglichst konzentriert auf den Punkt bringen zu können?

„Total“, bestätigt Lùisa, „ich glaube auch irgendwie so ein bisschen an diese Philosophie, mit sehr wenig Mitteln viel erzählen zu können. Und ich glaube, wenn man als Hörerin einen Song hört, der einen sofort einnimmt, dann ist es für mich persönlich auch oft so, dass ich feststelle, dass dieser gerade mir nur drei Zutaten funktioniert die aber sehr gut ausgewählt sind. Das ist wie so ein Rezept von so einer guten italienischen Pasta, wo man nicht irgendwie 20 Zutaten hat, sondern wirklich drei, die sehr raffiniert irgendwie angeordnet sind.“



Wenn man als MusikerIn alles selber macht – also vom Songwriting über die Produktion bis hin zur Aufnahme – braucht man da dann nicht jemanden, der sozusagen von außerhalb ein Mal reinhört, damit man nicht betriebsblind wird?

„Ja – deswegen habe ich ja den Mix und das Mastering von Joe Joaquin machen lassen“, führt Lùisa aus. „ich habe zum Glück eine ganz tolle Band. Mein Bassist Max und mein Drummer Lasse, die natürlich auch die tollen Grooves eingespielt haben, haben mir da geholfen. Immer wenn ich dann mal das Gefühl hatte, ‚okay ich komm gerade nicht weiter‘ - weil ich wirklich so vor den Spuren sitze und kurz mal Abstand gewinnen musste, habe ich sie gefragt: ‚Hört euch das mal an - habe ich da jetzt irgendwie zu viel produziert? Habe ich da jetzt zu lange dran gesessen? Das hilft und ich glaube, das ist aber auch wahnsinnig schwer, weil man ja wirklich diese sehr subjektive Sicht hat.“

Muss man da auch Mulititasking-fähig sein?

Ja, ich habe ja zum Beispiel auch selber meinem eigenen Gesang aufgenommen“, berichtet Lùisa, „das heißt, ich stehe da also mit dem Mikrofon und bin genau in dem Moment - muss mich ja quasi komplett auf die Performance konzentrieren. Im nächsten Moment musste ich aber als Produzentin auswählen, ob das das jetzt ein guter Take war. Ich muss dann sehr rigide mit mir als Sängerin umgehen und ich habe gelernt, dass ich das an verschiedenen Tagen mache. Das ist ganz wichtig, dass man sagt, jetzt bin ich in der Rolle der Musikerin und ich wärme mich auf und ich fühle den Song und ich nehme mir ein paar Stunden und gehe wirklich rein. Dann nehme ganz viele Takes auf und dann setze ich mich wirklich am nächsten Tag in Ruhe hin auf die Couch und gehe dann mit der Heckenschere durch und sage: ‚Kill your Darlings!‘ Okay, ist egal wie viele Stunden ich da jetzt investiert habe, aber letztendlich wird es halt eine Zusammenstellung aus den Takes. Das wollte ich gerade sagen – dass man dann einen gewissen Abstand auch zur eigenen Arbeit braucht.“ 


Wie geht es denn nun weiter für Lùisa mit der Musik?

„Musik ist jedenfalls mein Lebenssinn“, meint Lùisa, „ich habe immer mal wieder überlegt, ob das der richtige Weg ist – weil es ja doch viele Hürden für eine Musikerin gibt – aber ich habe keine Wahl. Musik ist zwingend für mich und ich kann einfach nicht aufhören Musik zu spielen - und auch Musik zu hören macht für mich Sinn und hilft mir. Das ganze Leben ändert sich, wenn man eine Platte auflegt – das ist wie ein Zauber. Es gibt jedenfalls keinen Plan B. in dieser Hinsicht.“



Im Anschluss an die Veröffentlichung des Albums geht Lùisa auf Headliner-Tour durch unsere Clubs.

Aktuelles Album: Call Me The Witch (RecordJet) VÖ: 10.04.


Weitere Infos: https://listentoluisa.net Foto: Bettina Theuerkauf

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