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LESLEY MOK

Das Entdecken der Möglichkeiten

LESLEY MOK

In der amerikanischen Jazz- und Improv-Welt zu Hause, bricht Lesley Mok auf dem Mitte Juli erscheinenden neuen Album "Transient" traditionelle Genregrenzen auf. Akustische Schlagzeugimprovisationen verschmelzen mit komplexen, digitalen Elektronikklängen zu einer tiefen emotionalen Klanglandschaft, die zwischen rhythmischer Dynamik und ambienter Stille fesselt.

Mit einem Schaffen, das Schlagzeug, Komposition und interdisziplinäre Kunst umfasst, gehört Lesley Mok (they/them) längst zu den faszinierendsten Stimmen der zeitgenössischen Avantgarde. Spätestens seit dem von der Kritik gefeierten und mit dem Deutschen Jazzpreis als internationales Debüt des Jahres ausgezeichneten Solo-Erstling "The Living Collection" im Jahre 2023 hat sich Mok fest in der New Yorker Experimental- und Jazzszene etabliert.

Schon in der Vergangenheit hat Moks kreativer Ansatz immer wieder mühelos Genregrenzen überwunden: Beeinflusst von Free Jazz, Neuer Musik, afrokubanischer Rhythmik und feministischen Kunstpraktiken entstehen Werke, die Klang und Identität tiefgründig erforschen und dabei auf den unbeirrten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit setzen.

"Ich denke, dass ich Musik mache, die sich sehr persönlich und authentisch anfühlt, und ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht nie Kompromisse eingegangen bin", erklärt Mok. "Ich bin stets offen für verschiedene Möglichkeiten und habe mich in unterschiedliche Situationen begeben, um mich selbst zu fragen, was bei mir Anklang findet. Das ist ein fortlaufender Prozess, aber darauf bin ich ein bisschen stolz."

Aufgewachsen in der kalifornischen Bay Area, zog Mok einst die Körperlichkeit und instinktive Art des Spielens zum Schlagzeug. Das Interesse am Jazz und später am Improvisieren wurde allerdings eher durch einen glücklichen Zufall geweckt.

"Ich erinnere mich, wie ich mit dem Schlagzeugunterricht anfing: Ein gleichaltriger Schüler, der vor mir Unterricht hatte, war ein großer Jazzfan. Wir haben dann zusammen Jazz gehört, und ich war sofort von der Musik begeistert", erzählt Mok. "Das war eine der ersten Musikrichtungen, die ich wirklich gemocht habe. Ich liebte einfach den Jazz, die Standards und den Jazz-Kanon. Damals wusste ich noch nicht viel über freie Improvisation. Erst nach dem Studium, als ich nach New York kam, begann ich, mich viel intensiver damit auseinanderzusetzen."

Tatsächlich eröffnete der Umzug nach New York Mok eine völlig neue Sicht auf das, was im Dunstkreis des Jazz möglich war und ist.

"Als ich nach New York zog und mit viel mehr verschiedenen Jazzrichtungen und mit viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb des Jazz in Berührung kam, begann ich, mehr zu improvisieren, und stellte fest, dass mir diese Art von Freiheit wirklich sehr zusagte", verrät Mok. "Seitdem versuche ich, all meine Interessen zu erkunden und einen Weg zu finden, mich der Musik mit freier Improvisation zu nähern, aber auch mit der Art von Struktur, die mir im eher traditionellen Jazz so gut gefällt."

Auch wenn Moks Soloaktivitäten in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund gerückt sind, waren es in der Vergangenheit nicht zuletzt auch viele, viele Kollaborationen, die immer wieder aufhorchen ließen. Allein zwischen der Veröffentlichung von "The Living Collection" und nun "Transient" war Mok in Anna Webber's Shimmer Wince zu hören, war an der Seite von Mary Halvorson, Tomeka Reid und Ingrid Laubrock Teil von Myra Melfords hochkarätig besetztem Fire-and-Water-Quintett, veröffentlichte gemeinsam mit Philip Golub ein Album als Dream Brigade, kollaborierte mit Camila Nebbia und tourte mit Marc Anthony und Florian Herzog als Vehicle/Passenger gleich mehrfach durch Deutschland. All diese Projekte werden Mok in der zweiten Jahreshälfte 2026 auch gleich mehrfach zurück nach Europa und Deutschland führen.

Dieser Vielseitigkeit zum Trotz setzt Mok bei der Arbeit im Bandkontext zumeist auf ein vergleichsweise traditionelles Drumkit und lässt sich nicht wie viele andere Drummer*innen der Improv-Welt dazu verleiten, ob des Einsatzes von allen möglichen (und unmöglichen) Percussion-Instrumenten das eigentliche Erkunden des klassischen Schlagzeug-Setups zu vergessen.

"Für mich fühlt sich das ganz natürlich an, weil es eine so lange Tradition des vierteiligen Schlagzeugs gibt, die ihren Ursprung im Jazz hat", erklärt Mok. "Es macht mir wirklich viel Freude, alle möglichen Klangfarben und Texturen zu entdecken, die ich finden kann – selbst mit einem begrenzten Schlagzeug. Oftmals liegt es in der Natur von Auftritten und Tourneen, dass ich nicht immer die Möglichkeit habe, auf einem erweiterten Schlagzeug mit Zusatzpercussion zu spielen. Aber ich finde es wirklich spannend, innerhalb dieser engen Rahmenbedingungen Freiheit zu finden und alles zu erkunden, was ich auf einem nur vierteiligen Schlagzeug erreichen kann."

Mok fasziniert gerade auch auf der Bühne oft mit elegantem Understatement, denn auch wenn es nicht immer danach aussieht, steckt in der Performance doch stets eine Menge Kraft und Energie. Ist das ein Spiegelbild von Moks Persönlichkeit oder eine bewusste künstlerische Entscheidung?

"Oh, wow, das ist eine sehr interessante Frage", erwidert Mok. "Ich würde gerne glauben, dass es ein bisschen von beidem ist. Ich mag Musiker*innen, die in ihrem Ausdruck eher zurückhaltend sind und dennoch eine breite Palette an Emotionen durch etwas wirklich Einfaches und Geradliniges zum Ausdruck bringen können. Ich glaube, ästhetisch gesehen entspricht das schon sehr meinem musikalischen Geschmack. Aber ich denke, es gibt da auch eine gewisse Resonanz auf persönlicher Ebene. Ich genieße nämlich auch außerhalb der Musik eine gewisse Eleganz und Einfachheit."

Mit dem auf dem Label American Dream Records erscheinenden Album "Transient" schlägt Mok nun ein betont persönlich gefärbtes neues Kapitel auf. Das Werk kombiniert akustische Schlagzeugimprovisationen mit digitaler Elektronik und Studiomanipulationen, um die bildhauerischen Qualitäten von Rhythmus, Textur und Dynamik auszuloten. Autechre, Robert Hood oder Ryuchi Sakamoto leuchten hier bisweilen in der Ferne, wenn die Stücke auf "Transient" ohne starr vorgegebene Strukturen die raue Komplexität und Unvorhersehbarkeit unseres Alltags widerspiegeln.

"Transient" hat Mok im Gegensatz zum in zehnköpfiger Besetzung entstandenen Vorgänger "The Living Collection" allein aufgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf, wie sich die Arbeit mit einem solch großen Ensemble auf das neue Solowerk niedergeschlagen hat.

"Das ist eine interessante Frage, denn ich betrachte dieses Soloalbum in gewisser Weise auch als Verkörperung des großen Ensembles", sagt Mok. "Ich denke dabei an all die Möglichkeiten, wie ich Klavier, Blas- oder Streichinstrumente mit Percussion und Elektronik ausdrücken kann. Tatsächlich fußte ein großer Teil meiner Motivation, Elektronik einzubeziehen, auf dem Wunsch, melodisch, harmonisch und texturtechnisch präziser zu sein – auf eine Art und Weise, die mit rein akustischem Schlagzeug manchmal schwierig zu erreichen ist. Deshalb würde ich sagen, dass 'The Living Collection' einen großen Einfluss auf die Entstehung des Soloalbums hatte und darauf, diese Art von Dissonanz, Komplexität und Dialog, die innerhalb eines großen Ensembles entstehen können, auch im Rahmen eines Solowerkes zu nutzen."

Vor Kurzem gestand uns die New Yorker Pianistin Yvonne Rogers, die wie Mok den Weg von einer Ensemble-Platte zu einem echten Solowerk gefunden hat, dass sie die Arbeit ohne das Sicherheitsnetz einer Band durchaus als Herausforderung empfunden hat. Das ging auch Mok so:

"Ja, auf jeden Fall. Eigentlich finde ich es viel schwieriger, solo zu spielen, als mit anderen zusammen. Ich glaube, ich habe durch das Solospielen viel über meine Neigungen beim Musikmachen und meine Instinkte gelernt – indem ich all diese Ideen selbst am Laufen halten, selbst die Initiative ergreifen und mit mir selbst im Dialog stehen musste. Ich habe zwar zunächst akustisch solo gespielt, aber dann kam die zusätzliche Herausforderung hinzu, mich mit Elektronik auseinanderzusetzen – was sich für mich so anfühlte, als würde man ein weiteres Instrument lernen und dabei Teile des Gehirns nutzen, die man beim Erlernen eines akustischen Instruments vielleicht nicht einsetzt. Der gesamte Produktionsaspekt und das Element der Improvisation waren also sicherlich besonders herausfordernd."

Mit der Zeit konnte Mok dann mehr und mehr die positiven Seiten sehen.

"Ich fand das Ganze auch sehr bereichernd", erklärt Mok. "Ein großer Teil des Albums entstand im Grunde genommen einfach an meinem Laptop, und das war für mich sicherlich eine Umstellung: weg vom Aufnehmen von Musik, vom Notieren, vom Einer-Band-die-Ideen-Vorstellen, vom Austausch und der gemeinsamen Ausarbeitung, hin zu einem sehr inneren Prozess, bei dem ich Ideen quasi selbst ausgrabe und niemanden habe, mit dem ich sie in Echtzeit besprechen kann. Aber ich habe Aspekte der Musik kennengelernt, von denen ich nicht wusste, dass sie mir so viel Spaß machen würden – insbesondere den Bereich der Produktion. Das Album wurde quasi in einem zehn Tage andauernden Prozess abgemischt. Ich war im Studio und habe gleichzeitig bearbeitet, geschnitten und gemischt, Ideen ausprobiert und mich dann vielleicht doch für eine andere Richtung entschieden. Das alles fühlte sich sehr belebend an, und das Studio selbst als Instrument zu nutzen, ist etwas, wozu ich vor der Arbeit an dieser Platte noch nicht wirklich die Gelegenheit gehabt hatte."

Nicht zuletzt deshalb tauch Mok mit "Transient" mehr als je zuvor in die Welt elektronischer Klänge ab. Doch worin besteht für jemanden, der eine klassische Ausbildung am Berklee College of Music genossen hat, die Herausforderung, ein traditionelles Instrument gegen das Knöpfchendrehen einzutauschen?

"In erster Linie geht es mir immer darum, Schlagzeug zu spielen", erwidert Mok. "Das liegt, wie du eingangs erwähnt hast, einfach an der Körperlichkeit, die damit einhergeht – das war für mich eine riesige Motivation, um mit dem Schlagzeugspielen zu beginnen. In vielerlei Hinsicht ist mein Erkunden der Elektronik ein Prozess, bei dem ich Wege suche, mich mit Elektronik auf eine körperlichere Art und Weise zu verbinden – zum Beispiel durch einfache Dinge wie das Bewegen von Schiebereglern anstelle des Drehens von Knöpfen. Ich versuche, Equipment zu finden, das sich wirklich intuitiv anfühlt, damit es fließender mit dem zusammenwirkt, was ich auszudrücken versuche. Aber für mich ist es ein Werkzeug, genau wie die Drumsticks oder die Besen ein Werkzeug sind. Mein Wunsch, Elektronik einzubeziehen, entspringt einfach der Überlegung, welche Art von Musik ich schaffen möchte, und dem Gefühl, dass Elektronik eines der Werkzeuge ist, die ich dafür einsetzen kann."

Nicht zuletzt deshalb ist der Albumtitel "Transient" mit Bedacht gewählt, wenngleich er erst am Ende des Prozesses entstand und nicht etwa als Leitlinie bei der Arbeit diente.

"Über Titel denke ich normalerweise erst in allerletzter Minute nach", gesteht Mok. "Als ich mir die Musik anhörte, spürte ich dieses Gefühl der Bewegung, als würde man sich durch etwas hindurchbewegen – fast buchstäblich so, als würde man durch ein Museum gehen, in dem man langsam verschiedene Porträts und Kunstobjekte betrachtet. Das Album ist eine Versinnbildlichung dessen: Jeder Track fühlt sich gewissermaßen wie ein Kunstobjekt an, in dem Sinne, dass er eine in sich geschlossene Welt darstellt. Für mich geht es bei dem Album eher um die Bewegung zwischen diesen Kunstobjekten. Die Stücke wirken auf mich wie eine Art Inseln, und wenn ich sie alle hintereinander höre, fühlt es sich an wie eine flüchtige Reise, auf die ich mich begebe."

Es ist eine Reise, die lange noch nicht zu Ende ist, denn der Traum von vielen weiteren Kollaborationen will genauso erfüllt werden wie der Wunsch, mehr interdisziplinär für Film, Theater oder Tanz komponieren zu können – oder anders gesagt: Das Entdecken der Möglichkeiten ist für Lesley Mok eine unendliche Geschichte.

Aktuelles Album: Transient (American Dream Records) VÖ 17.07.


Weitere Infos: https://www.lesleymok.com/ Foto: Kenneth Jimenez


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