
Die australische Songwriterin Rowena Wise präsentierte sich 2025 erstmals auf dem Reeperbahn-Festival mit den Songs ihres gerade erschienenen Debütalbums „Senseless Acts Of Beauty“, mit dem sie eine komplizierte Beziehung und das Scheitern derselbe mit einer Reihe brillant komponierter und strukturierter, melodischer Indie-Rock-Songs verarbeitete. Gesegnet mit einem Timbre, das auf angenehme Weise an ihre Kolleginnen Joan Wasser, Sharon Van Etten oder Julia Jacklin erinnerte präsentierte sie diese Songs bei zwei gefeierten Shows mit einer verletzlichen Intensität und schonungslosen Inbrunst, die die Zuschauer atemlos zurück ließ.
Wenn Rowena nun ihr zweites Album „Bad Things Feel Good*“ nennt, dann tut sie das aber nicht, weil sie nun vollkommen der Melancholie verfallen ist, sondern um deutlich zu machen, dass sich für sie die Perspektive auf diesem neuen Album geändert hat. Sie selbst bringt diesen Prozess folgendermaßen auf den Punkt:„Ich habe geliebt, verloren und die Welt der Bequemlichkeit verlassen, um nach harten Wahrheiten zu suchen.“
In der aktuellen Bio spricht Rowena – oder kurz Ro – davon, dass sie damals auf einem „Podest des Überwindens“ gewankt habe, das sie sich selbst geschaffen habe. Bedeutet das, dass es auf dem neuen Album nun nicht mehr darum geht, zu versuchen Vergangenes und/oder Unbequemes zu überwinden?
„Das umfasst für mich nicht alles“, führt Rowena aus, „in einer Familien-Band aufzuwachsen und musizierend durch die Lande zu ziehen - wie ich das getan habe – bedeutete für mich von frühester Jugend an, dass mir ständig gesagt wurde, dass ich sehr talentiert und etwas ganz Besonderes sei. Zusammen mit einer Familiensituation, die mich nicht sehr gut unterstützte, hat mich das gelehrt, mich selbst unter Druck zu setzen. Besonders mit der ersten Scheibe verspürte ich den Druck, jemanden Besonderen darstellen zu müssen. Auf dem neuen Album geht es mir eher darum, zum Ausdruck zu bringen, dass es doch eigentlich ganz schön ist, einfach gewöhnlich sein zu dürfen. Und ich bin gewöhnlich – und eigentlich alle anderen auch auf ihre eigene Weise. Ich bin im letzten Jahr viel gereist und habe viele Leute getroffen und nur die Hälfte der Zeit hier in Melbourne gewesen. Deshalb genieße ich jetzt einfach die Zeit, bevor die Scheibe rauskommt, um einfach nur gewöhnlich zu sein.“
Ja gut – aber wie geht Rowena denn heute mit Erwartungshaltungen um – seien es eigene oder solche, die von außen an sie herangetragen werden? Denkt sie einfach nicht mehr darüber nach?
„Das ist eine gute Frage“, überlegt sie, „ich denke jeder Künstler hat ein Ego, das ihn dazu bringt, etwas erschaffen zu können. Mir ist dann aber schon bewusst, dass Druck kreative Entscheidungen auch beeinflussen kann. Wenn Du also etwas erschaffst, das nicht Ganz Deinem Ich entspricht – und das dann auch noch funktioniert – dann steckst du in einer Situation fest, die nicht ganz zu dir passt. Das muss man sich bewusst machen. Ich habe bei diesem Album das Beste mit der Zeit gemacht, die ich mit der Band im Studio verbracht habe. Ich hatte schon gewisse Erwartungen, die etwas anders waren als das, was dabei entstanden ist. Es gab also schon Erwartungen – aber dann habe ich mich mit dem identifiziert, was wir erreicht hatten. Wir haben einfach das Beste getan, was wir machen konnten – und das finde ich wirklich gut und bin auch stolz darauf.“
Dazu muss man noch wissen, dass Rowena und ihre Musiker das Material an drei Tagen live im Studio eingespielt haben – was der Sache natürlich ein ganz besonderes, organisches Leben einhaucht.
„Ja – denn mit der Band auf Tour live zu spielen hatte mir diese neue Energie vermittelt“, meint Rowena, „deswegen habe ich das Album dann auch live mit der Band im Studio eingespielt – inklusive der Vocals und mit nur ganz wenigen Overdubs in der Post-Produktion. Dieses Album bietet deswegen allerdings nicht unbedingt mehr Energie in Sachen Tempo oder Dynamik – sondern fühlt sich eben rauer und direkter an.“
Gab es dabei dann für Rowena musikalische Inspirationsquellen – oder ging es dann darum, einfach der Musik zu folgen?
„Ich denke, es ging darum, der Musik zu folgen“, zögert Rowena, „aber weißt Du was: Da lüge ich eigentlich, denn es gibt einen Song namens ‚The Anchor‘ bei dem ich Adrienne Lenker als Vorbild im Kopf hatte. Der Rest der Scheibe ist ziemlich anders. Jeder Song klingt eigentlich anders – und anders als die letzte Scheibe.“
Und was will uns der Titel des Albums „Bad Things Feel Good*“ sagen?
„Ich wollte damit verschiedene Dinge zum Ausdruck bringen“, erklärt Rowena, „mein ganzes Leben lang habe ich mich als Vagabundin und Herumtreiberin gesehen – als ein wenig ziellos; wobei ich denke, dass das ein Künstler-Ding ist. Ich habe auch viel über das Gute und das Böse und alles, was dazwischen liegt, nachgedacht. Wie könnte ich denn eine gute Person sein, wenn ich doch Teil eines Systems bin, das das Lebensblut aus dem Planeten saugt? Es gibt ja doch ziemlich viele Vorteile in diesem System das ganz auf Annehmlichkeiten ausgerichtet ist. Es geht in etwa darum, den moralischen Drehschwindel zu erforschen, der Teil des Menschen ist und anzuerkennen, dass es viele Graubereiche gibt. Das beinhaltet auch, dass Menschen eben ihre Laster haben, die wir akzeptieren müssen. Es geht dabei nicht darum, Drogenkonsum zu propagieren – aber die Leute nehmen Drinks, sie trinken Kaffee oder rauchen, um herauszufinden, wer sie eigentlich sind. Das muss man akzeptieren. Das ist sehr schmerzhaft – aber es ist auch eine gute Sache. Es mag sich nicht gut anfühlen – aber auf längere Sicht ist es eine gute Sache, auch wenn es zunächst schmerzt.“
Somit können sich dann eigentlich schlechte Dinge auch gut anfühlen. Gibt es denn am Ende eine Art Auflösung oder Erleuchtung für Rowena Wise?
„Als ich diese Songs schrieb, war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich zugleich verwirrt wie auch neugierig aber auch ein wenig verloren fühlte. Ich fühle mich nun zwar immer noch so – aber auf eine ganz andere Art. Die Songs, die ich im letzten Jahr geschrieben habe, haben heute für mich eine ganz andere Bedeutung. Ich denke, dass sie sich auch noch weiterentwickeln und verändern werden. Musik ist in der Lage, ein wenig Abstand zwischen Dir und Deiner verwirrenden emotionalen inneren Welt zu erschaffen und eine gewisse Abstraktion zu ermöglichen. Sie ist allerdings definitiv nicht in der Lage, etwas wirklich lösen zu können. Dafür braucht es andere Dinge: Therapien, Freunde, Medikamente – oder gutes Essen.“
In ihrer australischen Heimat ist Rowena Wise vor allen Dingen als Live Act bekannt geworden – was ja kein Wunder nimmt, da sie schon als Kind mit ihrer Familie als Troubadourin durch das Land gezogen ist. Auch international hat Rowena Wise mit Festival-Auftritten – etwa auf dem Great Escape im UK, SXSW in den USA oder dem Reeperbahn-Festival bei uns – Präsenz gezeigt. Kurzfristig ist aber leider nicht mit einer Tour von Rowena in unseren Breiten zu rechnen, da ja erst ein Mal die Veröffentlichung der Scheibe abgewartet werden muss.
Aktuelles Album: Bad Things Feel Good* (22Twenty)
Weitere Infos: https://rowenawise.com Foto: Nick McKK

