
Mit seinem Band-Projekt Torpus & The Art Directors leistete Sönke Torpus – zusammen mit seinen Kumpels Melf Petersen, Ove Thomsen und Jenny Apelmo - seit ungefähr 2009 Grundlagenarbeit in Sachen Indie-Pop. 2010 erschien eine erste LP namens „Five Leaves Left“ der bis 2017 drei weitere Scheiben folgen sollten. Als Melf Petersen die Band 2018 verließ, Ove mit dem Band-Projekt Ove und Jenny als Jenobi eigene Wege gingen und Sönke selbst den Wunsch verspürte, einmal etwas anderes zu machen, leitete das das schleichende Ende von Torpus & The Art Directors ein.
Sönke Torpus zog sich längere Zeit aus dem Musikbusiness zurück, zog nach Nordfriesland und baute sich ein Studio namens The Bubble – wo er sich aber zunächst nicht als Musiker, sondern als Tischler betätigte. Wie das aber so ist mit kreativen Menschen, die ihre Berufung gefunden haben, so fand Sönke Torpus allmählich zur Musik zurück – und zwar über eine Begegnung mit dem Produzenten Olaf Opal, bei dem er als Tontechniker und Produktions-Assistent „in die Lehre ging“ und dabei die Arbeitsweise vieler verschiedener Musiker kennenlernte – was ihm einen neuen Zugang zur Musik ermöglichte. So begann er – zunächst unter dem Namen „Boy In The Bubble“, bald aber schon als „Low Key Orchestra“ - an neuen Songs zu arbeiten, die er ab 2023 bei ausgesuchten Live-Auftritten präsentierte. Nun liegt mit „Before The Reverb“ das erste Album des Projektes Low Key Orchestra vor, das Sönke Torpus zusammen mit seinem Mitstreiter, dem Musiker und Produzenten Helgi Helgasson (eigentlich Helge Schulz) – natürlich in seinem Studio The Bubble – mit einem insgesamt 5-jährigen Prozess realisierte. Kann es sein, dass Sönke die Songs des neuen Albums dann auch über diese Zeit geschrieben hat?„Du meinst inhaltlich?“ fragt Sönke, „teilweise bestimmt. Es geht auf dem Album ja um Suche, Vergangenheit und auch Verklärung von Vergangenheit. Das ist da mit Sicherheit alles mit drin. Das gilt ja für sowieso für alles Persönliche und Autobiographische.“
Was bedeutet Musik denn heute für Sönke Torpus? Denn irgend etwas muss ihn ja einmal angetrieben haben, sich zur Musik hingezogen zu fühlen.
„Das ist eine sehr interessante Frage, die ich mir selber auch regelmäßig stelle“, zögert er, „zumal ich die Musik ja jetzt wieder gefunden habe, interessiert mich das natürlich auch. Ich frage mich auch, warum das mal weg war und warum ich überhaupt mal damit angefangen habe. Das ist ja auch so ein Ding, was man leicht aus den Augen verlieren kann, wenn man das, was einem am liebsten ist, geschäftlich macht - weil man den Spaß daran verlieren kann. Ich glaube, was mir so gut tut, wenn ich musiziere - und was der Grund dafür ist, warum ich es letztlich nicht lassen kann - ist dass mein Kopf so ruhig wird, wenn ich mich mit Musik beschäftige. Beziehungsweise ist mein Kopf eigentlich sogar aus, wenn ich Musik schreibe. Ich bin dann gar nicht mehr rational und kann das auch gar nicht lenken – es geht dann nur um Emotionen. Das ist sowohl beim Schreiben so, wie auch wenn ich ein Konzert spiele – das sind die beiden wichtigen Momenten, wo ich merke, dass ich komplett kopflos bin – und das genieße ich sehr. Ich glaube, dass das der Schlüssel für mich ist. Ich neige nämlich generell dazu, mir sehr viele Gedanken zu machen – und das finde ich auch gut und das hilft auch hier und da – aber das kann dazu führen, dass es auch zu verkopft wird. Der neue Zugang zur Musik, von dem ich gerade sprach, hat auch damit zu tun, das alles weniger verkopft zu machen und mehr auf mein Bauchgefühl zu hören wenn ich die Emotionen, die verspüre, ausdrücken will.“
Das Album entstand dann in Zusammenarbeit mit Helge Schulz als Mitstreiter und Produzent über einen Zeitraum von insgesamt 5 Jahren. Dabei entstand ein Mosaik-artiges Sounddesign, das aber auch einen gewissen LowFi-Touch ausstrahlt. Was hat Sönke an diesem Ansatz gereizt?
„Ich mochte so was eigentlich schon immer“, gesteht Sönke, „ich fand so was immer schon toll seit Mac DeMarco dieses ‚LowFi-tapige‘ eingeführt hat – wo es solche Sachen wie das Rauschen gibt und die nicht perfekt aufgenommen sind. Bei uns liegt das daran, dass ich wirklich alte Geräte liebe und der Raum in dem wir aufgenommen haben, klanglich mit eingebunden wurde. Natürlich ist das alles mit dem Computer aufgenommen, aber das meiste, was Du hörst sind keine Effekte, die mit dem Computer draufgepackt wurden, sondern das sind dann wirklich natürliche Effekte – etwa das Rauschen eines Bandgerätes oder das Eiern eines Tape-Delays. Der Raum, den ich hier gebaut habe, hat einen sehr eigenen Klang und das haben wir irgendwann rausgefunden und haben uns das auch zu Nutze gemacht. Da hatte Helge als Produzent auch ein ganz tolles Gespür dafür, wo man Sachen auch räumlich platzieren muss. Klassischerweise hast Du dieses Stereo-Bild, wo die Gitarre links und der Synthie rechts liegt. Und in diesem Fall hat er dann noch für eine räumliche Staffelung gesorgt – wie in den 40er oder 50er Jahren, wo sich eine Band dann um ein Mikro versammelt hat und dann auch mit einer räumlichen Staffelung gearbeitet wurde. Ich habe auch ganz alte Mikrophone, die wir verwendet haben. Ich würde sagen, dass das einen Mix aus digitaler Fertigkeit und analogen Gerätschaften ergeben hat.“
Kommen wir zum Konzept des Albums und dem Titel. Was will uns der Titel des Albums „Before The Reverb“ sagen - und was will uns die Cover-Collage verraten?
„Der Begriff ‚Reverb‘ bedeutet in der Musik ja ‚Hall‘- also eine räumliche Nachhaltigkeit, die man zum einen in der Musik als Räumlichkeit und Vielschichtigkeit hört, die aber für mich in diesem Fall auch eine Art Verklärung darstellt – weil Sachen in der Erinnerung sozusagen verschwimmen und die Vergangenheit wie in einem Nachhall erscheint. Also ein Brei, der verschwimmt und den man verklärt – im Sinne von ‚früher war alles besser‘; was ein ganz hartes Beispiel dafür ist, das ich noch nie so richtig akzeptieren wollte. Eigentlich sehe ich etwas Schönes in diesem Hall, der so entsteht – und den ich dann auch gestalten möchte. Das, was ich heute tue wird irgendwann eine Auswirkung auf meinen Nachhall haben.“
Das Thema „Erinnerungen“ ist ja musikalisch gesehen sowieso ein interessantes Thema, denn Erinnerungen sind ja gemeinhin ja gemeinhin eine interessante Quelle für das Songwriting – allerdings ja keine zuverlässige, da Erinnerung zwar nie zu altern scheinen, aber andererseits auch nicht verlässlich sind. Wenn Sönke nun sagt, dass er somit diesen Erinnerungsfluss im Sinne eines Nachhalls irgendwie steuern will: Stellt er da nicht das System auf den Kopf?
„Ja – das ist zumindest ein Hintergedanke“, räumt er ein, „es geht aber natürlich auch darum, eine Ermutigung anzuregen, achtsam im Moment zu leben – was ja gerade auch allgemein ein großes Thema ist. Du kannst ja nicht auf Vergangenes Einfluss nehmen, aber auf das Leben im Jetzt ja schon. Du kannst auch nur bedingt auf die Zukunft Einfluss nehmen, denn es gibt ja Sachen, die Du nicht kontrollieren kannst. Es gibt da also ganz viele Aspekte. Und deswegen hat das Cover-Motiv auch eine Form der analogen Collage. Das passt zu diesem Thema der Vielschichtigkeit.“
Sönke Torpus hat nun also wieder zur Musik zurückgefunden und verspricht, dass das auch so bleiben soll. Mit dem Projekt Low Key Orchestra wird er im Herbst und Anfang nächsten Jahres denn auch wieder auf Tour gehen – wobei das Projekt ja jetzt nicht mehr für eine Band angelegt ist, wodurch sich viele verschiedene Möglichkeiten anbieten – von der Big Band über ein Trio-Format bis hin zur Solo-Show. Wir werden sehen, was sich da alles machen lässt …
Aktuelles Album: Before The Reverb (the resort)
Weitere Infos: https://lowkeyorchestra.com Foto: Helgi Helgasson

