
Der kanadische Songwriter Jacob Brodovsky veröffentlicht dieser Tage sein zweites Album „Tell The Kids We Tried“ – und schlägt damit ein neues Kapitel in seiner Musiker-Karriere auf. Denn bislang ließ sich der 2024 mit dem Canadian Folk Music Award als bester Songwriter ausgezeichnete Musiker immer viel Zeit für seine Projekte. Bis 2018 war er – zusammen mit seinem Bruder Max – mit der Folkpop-Band Kekagi unterwegs. Erst 2019 entschloss sich Jacob – mit Unterstützung des Songwriters John K. Samson, dem Mastermind seiner inzwischen aufgelösten Lieblingsband The Weakerthans – sich einer Laufbahn als Solo-Künstler zu widmen. An seinem 2022 erschienenen Solo-Debüt „I Love You And I’m Sorry“ arbeitete Jacob insgesamt 5 Jahre. Das wollte er bei der neuen Scheibe unbedingt vermeiden und entschloss sich die neuen Songs dann in Zusammenarbeit mit befreundeten Musikern gemeinsam im Studio zu entwickeln.
ie Songs für das nun vorliegende zweite Album „Tell The Kids We Tried“ entstand dann also eher spontan vor Ort?„In den meisten Fällen schon“, gesteht Jacob, „ich bin mit Songs ins Studio gegangen, die ich aber teilweise in die Tonne gedrückt habe, um mit den Musikern neues Material zu erarbeiten. Nur etwa die Hälfte der zuvor geschriebenen Songs haben es auf die Scheibe geschafft. Wir haben da diese Sache in Winnipeg namens ‚Write A Song Every Week‘. Wir haben da diese kleine Gemeinschaft von Freunden, Musikern und Songwritern. Im Winter haben wir dann diesen kleinen Club, bei dem es darum geht, jede Woche einen Song einzureichen – und wenn man dann nichts zustande bringt, dann fliegt man aus dem Wettbewerb. Das ist dann eine Übung uns selber zu motivieren, am Ball zu bleiben. Für uns ist das aber eine Sache, aus der wir viel mitnehmen können – deswegen machen wir das seit Covid jedes Jahr. Die Sache ist nämlich die, dass ich unter Druck besser arbeite, weil ich dann immer bemüht bin, jemand zu beeindrucken.“
Auf der neuen Scheibe arbeitet Jacob ja mit den Produzenten/Musikern Champagne James Robertson und Gavin Gardner zusammen. Ging es dabei darum, eine Art Korrektiv in den Produktionsprozess einzufügen.
„Ja schon - die haben selbst eine Band namens Moonriviir“, führt Jacob aus, „und die produzieren als Duo. Ich hatte zuvor noch nie mit Produzenten zusammengearbeitet und habe das sehr genossen. Gavin kommt zum Beispiel aus einer Band namens Wooden Sky – die auf der Highschool meine Lieblingsband war. Mit ihm zu arbeiten war für mich also ein echter Genuss. Um ehrlich zu sein, fand ich es auch gut, jemand anderem die Zügel zu überlassen. Ich bin zwar generell ein ziemlicher Control-Freak, so dass sich die ersten Tage ein wenig unangenehm anfühlten, aber nachdem sich die Dinge eingespielt hatten, fühlte es sich richtig gut an. Es ist ja auch immer gut, wenn jemand anderes als man selbst den Überblick behält – und das ist auch der Grund, wieso die Scheibe so schnell gemacht werden konnte, denn ich brauchte ja nicht jede einzelne Entscheidung zu hinterfragen.“
Jacob Brodovsky scheint sich dabei gar nicht so sehr daran interessiert, sich in Sachen Americana bzw. Country- und Folk-Sounds zu orientieren, wie das viele seiner kanadischen Kollegen tun.
„OK – ich sehe, was Du meinst“, führt Jacob aus, „es kommt natürlich drauf an - aber ich denke, die besten Songs kommen unfreiwillig aus Dir heraus, wenn Du gar nicht großartig drüber nachdenkst. Man kann das also alles nicht richtig planen. Ich tendiere dazu, mich jeden Morgen erst mal mit einem Stück Papier hinzusetzen und dann draufloszuschreiben. Was immer dabei herauskommt, kommt dann eben heraus. Was die Frage nach dem Stil betrifft, so denke ich, dass die nur davon abhängt, mit wem Du gerade im Raum bist, wenn Du die Songs spielst und alle sich bemühen, dem Song zu dienen.“
In Jacob’s Songs gibt es dennoch diverse Marker, die deutlich machen, dass es sich hier um einen kanadischen Künstler handelt. Ist das für Jacob ein wichtiger Punkt?
„Das hängt mit der Musik zusammen, die mich selbst beeinflusst hat“, erklärt er, „die Weakerthans haben zum Beispiel viele Referenzen über Manitoba und Winnipeg in ihrer Musik. Ich denke auch, dass unsere Heimat eine exzellente Muse ist, über die es sich zu schreiben lohnt. Das ist der Ort an dem ich lebe und das ist das, worüber ich nachdenke, wenn ich meine Songs schreibe.“
Inwieweit spielt denn überhaupt die Umgebung, in der die Songs entstehen für Jacob Brodovsky eine Rolle? Denn obwohl die Songs spezifische persönliche Referenzen enthalten, haben sie ja doch einen eher universellen Charakter.
„Das hängt wirklich von den Umständen ab“, meint Jacob, „diese Songs entstanden kurz bevor wir ins Studio gingen und beziehen sich auf die Musiker, mit denen ich zusammen spielte. Wenn ich das Album mit anderen Personen eingespielt hätte, hätte es bestimmt anders geklungen. Ich würde also sagen, dass es eher von den Personen als der Umgebung abhängt, wie meine Songs klingen.“
Jacob Brodovsky arbeitet ja in einem eher konventionellen Folk-Pop-Setting, in dem schon vieles ausprobiert worden ist. Wie findet man denn hier seine Identität als Musiker?
„Ich denke, indem man älter wird“, schmunzelt Jacob, „das ist jetzt das erste Album, bei dem ich überhaupt eine konkrete Vorstellung davon hatte, wie ich rüberkommen wollte und wie ich klingen sollte. Ich bin schon öfter dazu gedrängt worden, einen Künstlername anzunehmen. Für mich es aber wichtiger, so authentisch wie möglich rüberzukommen – und demzufolge einfach ich selbst zu sein. Die Identität bin dann einfach ich selbst. So sehe ich das und das ist das, was ich glaube.“
Geht es denn dabei nicht auch darum, ein bestimmtes Bild von sich selbst zu vermitteln?
„Nein, denn mir ist wichtig, dass die Leute erkennen können, dass ich mich selbst eben nicht sehr ernst nehme. Selbstironie und Humor sind mir deswegen sehr wichtig. Ich glaube nämlich, dass gute Kunst durch Demut entsteht. Man muss also sein Ego so gut wie möglich minimieren – was auf gewisse Weise widersprüchlich ist, weil man sich doch eigentlich präsentieren müsste und die Leute dafür bezahlen sollen, einen sehen zu können. Aber dennoch ist er mir wichtig mein Ego zu eliminieren, so gut wie das eben möglich ist.“
Was ist denn dann die größte Herausforderung als Songwriter?
„Ich habe ziemlich mit einem Imposter-Syndrom zu kämpfen“, verrät Jacob, „ich denke oft, dass ich nicht gut genug bin und fühle mich nicht würdig genug. Ich bin ja von so vielen großartigen Musikern umgeben, die so gut in dem sind, was sie tun, dass ich mich oft frage, welchen Sinn es denn machen soll, dass ich auch noch Sachen veröffentliche. Aber ich arbeite an dieser Sache.“
Wie betrachtet Jacob seine musikalische Zukunft? Gibt es da ein bestimmtes Ziel oder eine Vision?
„Also ich lege keinen Wert darauf, besonders berühmt zu werden und riesige Bühnen zu bespielen“, überlegt Jacob, „für mich misst sich der Erfolg daran, in der Lage zu sein, Songs zu schreiben und veröffentlichen zu können und ein paar Mal im Jahr auf Tour zu gehen. Ich würde auch gerne mal wieder in Deutschland spielen. Ich brauche dazu nicht hunderttausende Fans. Es wäre gut, wenn es genügend Leute gäbe, die sich für das, was ich mache interessieren, so dass ich weiter Scheiben machen kann. Das ist mein Ziel für meine Zukunft.“
Aktuelles Album: Tell The Kids We Tried (Make My Day Records) VÖ: 10.07.
Weitere Infos: https://www.jacobbrodovsky.com/words Foto: Julio Assis

