
Unkonventionell, aber melodisch: Auf ihrem neuen Album "All Clouds Bring Not Rain" fasziniert das britische Duo MEMORIALS durch einen mit unzähligen musikalischen Referenzen gespickten kaleidoskopischen Sound, der (kaum) Regeln oder Grenzen kennt und nicht nur Fans von Broadcast, Laika oder Stereolab wärmstens zu empfehlen ist. Ab Ende Mai sind Verity Susman und Matthew Simms dann auch deutschlandweit live zu erleben.
Ihre gemeinsame Band MEMORIALS startete erst nach der Pandemie, aber tatsächlich kennen sich Verity Susman und Matthew Simms schon seit rund 20 Jahren, denn für eine Weile waren Susmans alte Band Electrelane und Simms Projekt It Hugs Back zeitgleich beim Tastemaker-Label Too Pure unter Vertrag. Nachdem sie zuvor schon unabhängig voneinander an Soundtracks gearbeitet hatten, beschlossen sie dann vor fünf Jahren, in Sachen Filmmusik gemeinsame Sache zu machen.Die Resultate – "Music For The Film: Tramps!" und "Music For The Film: Women Against The Bomb" – wurden als Platten veröffentlicht, und plötzlich ergab sich sogar die Chance, die Soundtracks live auf die Bühne zu bringen. So wurde aus dem Auftragsgeschäft eher zufällig plötzlich eine richtige Band.
"Wir hatten unseren ersten Auftritt, bevor wir überhaupt Material außerhalb der Filmmusik hatten", erinnert sich Susman. "Anstatt also erst eine Reihe von Songs zu schreiben und sie dann live zu spielen, lief es bei uns genau umgekehrt. Live-Auftritte wurden von Anfang an zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Band, und wie wir live spielten und den Tonbandrekorder auf der Bühne einsetzten, floss auch in die Studioarbeit ein." - "Wir hatten einfach Glück, dass man uns angeboten hat, öfter aufzutreten", erklärt Simms. "Wir hatten eigentlich gar nicht vor, eine Band zu gründen!"
Dabei waren es zunächst weniger die Gemeinsamkeiten der zwei, die sie davon überzeugten, dass eine Zusammenarbeit fruchtbar sein könnte, sondern es war tatsächlich das Gegenteil. "Einer der Gründe, warum wir zusammenarbeiten wollten, war, dass wir erkannt haben, dass wir zwar nicht dasselbe machen, aber zu zweit ein breites Spektrum abdecken", erklärt Simms. "Bei den Soundtracks unter dem Druck einer knappen Deadline einfach loszulegen, hat wirklich Spaß gemacht, und das hat sich auf unsere Arbeit als MEMORIALS übertragen, sowohl live als auch auf Platte. Bislang waren wir immer nur zu zweit. Das war zwar nicht unsere Absicht, aber je länger wir das machen, desto mehr scheint es, als sei das der Plan - auch wenn es eigentlich keine Regeln gibt."
Ihre ungewöhnlich breit gefächerten klanglichen Interessen verdichten die beiden auf "All Clouds Bring Not Rain" in oft atemberaubenden Klangwelten, mit denen sie Folk, Dub, Post-Punk, experimentelle Tape-Musik, Krautrock, Garage Rock, 70er-Jahre-Spiritual-Jazz und Canterbury Prog streifen und trotzdem nicht nur wie ein Abziehbild ihrer Vorbilder klingen.
Obwohl die Freude am Entdecken der Möglichkeiten immer noch allgegenwärtig ist, merkt man beim Hören des neuen Albums doch schnell, dass MEMORIALS hier im Vergleich zum 2024er-Vorgänger "Memorial Waterslides" zwei nicht nur ihr klangliches Spektrum spürbar erweitern, sondern auch klarere Ziele verfolgen. Außerdem deuten die Songs mehr zu den Extremen. Die leisen Momente sind zartbesaiteter denn je zuvor, die lauten Momente dagegen begeistern mit bislang ungekannter Wucht.
"Klanglich ist es schwer für mich, die Position eines Außenstehenden einzunehmen, aber in puncto Herangehensweise sind die beiden Alben recht unterschiedlich", sagt Susman. "Für 'Memorial Waterslides' haben wir im laufenden Prozess alles spontan geschrieben und aufgenommen, für das neue Album dagegen hatten wir bereits alles fertig geschrieben, bevor wir ins Studio gingen."
Die ersten Aufnahmen für die neue Platte entstanden in einem betont abgelegenen Studio in einer Scheune tief in den Wäldern im Südwesten Frankreichs, wo die Band mangels anderer Ablenkungen von 10.00 Uhr morgens bis 3.00 Uhr nachts an den neuen Songs feilte.
"Für mich war es bei den Gesangsaufnahmen einfach toll, in dem Studio in Frankreich zu sein, weil es völlig abgeschieden war", erinnert sich Susman. "Es war niemand in der Nähe. Deshalb habe ich mich dort beim Singen viel freier gefühlt."
Anschließend wurden die Aufnahmen in diversen Londoner Studios fortgesetzt, um einige spezifische Ideen zu verwirklichen. So fanden hier ein Cembalo und ein Vibrafon ihren Weg auf die Platte und auch der unverkennbare Klang eines Leslie-Lautsprechers.
Tatsächlich war es Susman und Simms wichtig, echtes Equipment einzusetzen und nicht wie so viele andere Musikerinnen und Musiker die Abkürzung über moderne Plug-ins zu nehmen. Das Überraschungsmoment, das die alte Analog-Technik mit sich bringt, gehört für MEMORIALS ohne Zweifel zum Konzept. "Das Ganze bringt ein Gefühl der Gefahr mit sich", erklärt Simms abschließend. "Die Idee, dass alles im nächsten Moment zusammenbrechen könnte, ist wichtig. Musik wie unsere braucht das bis zu einem gewissen Grad."
Aktuelles Album: All Clouds Bring Not Rain (Fire Records / Cargo)
Weitere Infos: https://memorialsmusic.com/ Foto: David Masters

