
"Endlich!", möchte man rufen. Endlich erscheint das erste Album von Philine Sonny! Mit "Virgin Lake" schlägt die ursprünglich aus Unna stammende Musikerin eine Brücke von evokativem Singer/Songwriter-Storytelling zu einem lebendig-zeitlosen Indie-Sound und zeichnet so mit unerbittlicher Aufrichtigkeit ihren steinigen Weg zur Selbstfindung nach. Die ersten Release-Shows finden im April in Köln und im Mai in Berlin statt.
Irgendwie kann man kaum glauben, dass "Virgin Lake" tatsächlich erst das Debütalbum von Philine Sonny ist. Schließlich ist die junge, heute in Bochum lebende Musikerin schon seit Jahren nicht nur aus deutschen Indie-Zirkeln kaum wegzudenken. So begeisterte sie in der Vergangenheit mit zwei EPs, rannte auch mit Auftritten in England, Frankreich und sogar in den USA offene Türen ein, machte als Special Guest von Casper erste Stadionkonzert-Erfahrungen, stand für eine Aufzeichnung des altehrwürdigen "WDR-Rockpalast" auf der Bühne und war auch sonst immer dort zu finden, wo es musikalisch richtig spannend wurde.Wirklich überraschend ist es deshalb nicht, dass es ein bisschen gedauert hat, bis ihre erste komplette LP fertig geworden ist, zumal Philine die 14 Songs der Platte nicht nur allein geschrieben, sondern auch eigenständig produziert hat. Immerhin gab ihr die lange Entstehungsphase die Gelegenheit, all das, was sie in den zurückliegenden Jahren gelernt hat, in die Arbeit an dem Album einfließen zu lassen.
"Was die Produktion angeht, habe ich gelernt, die Dinge nicht so zu verkomplizieren", antwortet sie im WESTZEIT-Interview auf die Frage nach den wichtigsten Lektionen auf ihrem bisherigen Weg. "Ein großer Punkt ist auch: Wenn ich den ganzen Tag allein im Raum sitze und Sängerin, Interpretin und Produzentin gleichzeitig bin, dann muss ich meine eigene Kritikerin sein, aber auf eine Art auch mein eigener Fan. Da muss man dann eine Balance finden, um nicht zu perfektionistisch zu werden, denn dadurch geht manchmal ein bisschen die Echtheit verloren und das Schöne aus dem Moment."
Tatsächlich sind es seit jeher das betont Echte und die Unmittelbarkeit, die Philines Songs so fesselnd machen. Das ist auch auf dem Album nicht anders. Doch während ihre früheren Veröffentlichungen oft von Katharsis geprägt waren, malt sie auf "Virgin Lake" ein facettenreicheres, aber trotzdem nicht weniger berührendes Bild ihres persönlichen Wachstums vor dem Hintergrund familiärer Entfremdung. Kluge Selbstreflexion trifft dabei auf thematische Tiefe, oder wie sie es an anderer Stelle bereits ausgedrückt hat:
"Ich wollte dieses Album so schreiben, dass es mich durch das Erwachsenwerden und das Überwinden der Vergangenheit leitet."
Angelehnt an Benedict Wells' Coming-of-Age-Roman "Hard Land" hat Philine ihr Album in vier Phasen unterteilt und verarbeitet dabei all die Emotionen, die ihr auf ihrer langen Sinnsuche begegnet sind. Von Wut, Trauer und Schmerz findet sie so im Laufe des Albums zu mehr Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz.
Der älteste Song auf "Virgin Lake" entstand schon vor vielen der Lieder, die in der Zwischenzeit auf den EPs "Lose Yourself" (2023) und "Invader" (2024) erschienen sind, aber "All The Ways I Break" hatte Philine bewusst zurückgehalten, weil sie den Song in einem größeren Zusammenhang präsentieren wollte.
"Im Grunde genommen sind das alles Songs, die mein Leben quasi zusammenfassen", erklärt sie. "Dass sie autobiografisch sind, ist jetzt nichts Neues, aber es gibt da, glaube ich, einige Punkte in meinem Leben, die ich für mich verbinden wollte und wo ich einen Sinn suchen wollte oder sehen wollte, wie das alles zusammenpasst. Das ist für mich fast schon detektivisch, wenn ich das durchgehe und merke: Krass, das hängt alles miteinander zusammen!"
Vor dem Hintergrund dieser Aussage stellt sich natürlich die Frage, was genau das Songwriting zu einem solch sinnstiftenden Ventil für Philine macht. Schließlich könnte sie ja auch Gedichte schreiben oder Tagebuch führen, um das Erlebte zu dokumentieren und zu verarbeiten.
"Es ist so ein bisschen wie ein Tagebuch, aber einen Song zu schreiben, ist deutlich emotionaler und feinfühliger", sagt sie. "Es hilft auf jeden Fall dabei, alles für mich selbst ein bisschen aufzudröseln – was denn da überhaupt passiert ist und wie man sich damit fühlt. Das Album ist wie eine Landkarte der Dinge, die mich in den letzten Jahren geformt haben."
Entstanden sind dabei Songs, die sich im Dunstkreis von Bruce Springsteen, Sam Fender, The War On Drugs und Phoebe Bridgers bewegen. Mal kommen sie als dezent instrumentierte Balladen daher, mal sind es vollmundig mit flirrenden Streichern und nervösen Synth-Parts orchestrierte Banger. In den besten Momenten, wie bei dem gemeinsam mit Brockhoff und Shelter Boy eingespielten Ohrwurm "Back Then (I was Something)", fühlen sich diese Lieder an wie Schnappschüsse von Jugend und Zweifeln, nur um am Ende zu der Gewissheit zu gelangen, dass selbst im Chaos ein Stück Wahrheit liegt.
Apropos Wahrheit: Mit befreiender Ehrlichkeit fasziniert Philine nicht nur in ihren Songs, sondern auch bei den Ansagen auf ihren Konzerten. Dabei lässt sie sich oft tief in die Karten schauen und hat sich in der Vergangenheit schon des Öfteren spontan um Kopf und Kragen geredet. In Zeiten, in denen gerade viele jüngere Künstlerinnen und Künstler mit auswendig gelernten Ansagen Langeweile verbreiten, sorgt das auch abseits der Musik für eine besondere Note. Aber woher nimmt Philine eigentlich das Selbstvertrauen?
"Das ist 'ne sehr gute Frage", erwidert sie. "Ich glaube, wenn man auf der Bühne steht, verleiht einem das ein gewisses Selbstbewusstsein oder eine Art Unantastbarkeit. Man denkt sich: Ich bin jetzt halt hier oben, das ist alles irgendwie 'ne Show, und dann vergisst man ein bisschen, dass die Leute hören, was man sagt, dass sie sich daran erinnern und dass das irgendwie auch an andere Menschen herangetragen werden kann. In der Vergangenheit war ich manchmal ein bisschen zu unvorsichtig, aber gleichzeitig finde ich das trotzdem immer irgendwie aufregend! Das ist ein Nervenkitzel für mich – so komisch das auch klingen mag! Wenn es um andere Leute geht, muss ich da ein bisschen vorsichtiger werden, aber bei mir selbst macht mir das tatsächlich überhaupt nichts aus!"
Aktuelles Album Virgin Lake (Nettwerk / Bertus)
Weitere Infos: https://philinesonny.bandcamp.com Foto: Emil Gentes

