
Anana Kaye ist eine aus Georgien emigrierte amerikanische Songwriterin, die in Nashville eine neue Heimat gefunden hat, wo sie mit ihrem heutigen Gatten und musikalischen Partner Irakli Gabriel ihre kreative Basis in der dortigen Leftfield-Szene (also jenseits des kommerziellen Country-Business) aufgeschlagen hat. Bereits 2016 veröffentlichte sie eine EP namens „Sentient“, dem 2019 ihre Debüt-LP „Detour“ folgte. Insbesondere in Americana-Kreisen wurde Anana Kaye über ihre Zusammenarbeit mit der 2020 verstorbenen Songwriter Legende David Olney bekannt, mit dem zusammen sie das 2021 posthum veröffentlichte Album „Whispers And Sighs“ geschrieben und eingespielt hatte. Die durch Olney’s Tod vorzeitig beendete ursprünglich langfristig geplante Zusammenarbeit wirft bis heute ihren Schatten auf das musikalische Tun Anana Kayes – denn auch auf ihrem nun vorliegenden, dritten Album „Are You There?“ befinden sich mehrere Stücke, die David Olney geschrieben hatte.
Wie kommt es denn, dass David Olney immer noch so eine große Rolle im kreativen Schaffen von Anana spielt?"Die Sache ist die, dass wir mit David nonstop zusammen geschrieben haben, nachdem wir ihn 2017 nach unserer Emigration nach Nashville erstmalig kennen lernten – bis er plötzlich verstorben ist“, erklärt Anana, „wir wollten ja auf jeden Fall ein weiteres Album zusammen machen. Als er verstarb hatten wir dann nur ein paar Songs – einige davon noch nicht vollendet – von denen wir nicht so recht wussten, was wir damit machen sollten. Während der Pandemie war es dann ja auch schwierig, ins Studio zu gehen – weil ja niemand arbeiten wollte. Wir haben dann angefangen, an verschiedenen Songs Stück für Stück zu arbeiten und es hat dann eine ganze Weile gedauert, jeweils das richtige Setting und die richtige Identität zu finden.“
„Und dann fing ja auch noch der Krieg in der Ukraine an – und das hat uns dann auch inhaltlich beschäftigt“, erklärt Irakli Gabriel – Ananas Ehemann und musikalischer Partner, „wir haben dann ja auch David Olney’s ‚Soldier Of Misfortune‘ – einen zeitlosen Anti-Kriegs-Song – gecovert, der sich als passend anbot. Genauso wie sein Song ‚Love Is‘, von dem er gar keine Studioversion aufgenommen hat, den Anana und ich aber sehr lieben und den wir ursprünglich mit ihm zusammen einspielen wollten.“ „Die Verbindung zu David Olney war für uns deswegen so bemerkenswert, weil wir viele Referenzen geteilt haben und einen ähnlichen Geschmack hatten“, ergänzt Irakli, „wir haben über diese alten Filme oder Jazz-Scheiben gesprochen – und mussten uns nie fragen, worum es geht. Die Richtung war halt eine ähnliche. Seit David Olney’s Tod richten wir jedes Jahr an Davids Geburtstag eine Tribute Show aus. Da ist dann auch Davids Bassist Daniel Seymour dabei, der heute in unserer Band spielt. Da muss ich dann viele von Davids Songs lernen – auch solche, die ich noch gar nicht kannte. Das hat sich noch nie fremd angefühlt, weil es auch einer anderen Ära stammt.“
„Das fühlte sich auch deswegen nicht fremd an, weil David immer aus der Perspektive von Charakteren geschrieben hat, die außerordentlich realistisch porträtiert wurden“, gibt Anana zu Protokoll, „egal ob es dabei um Leute aus einem anderen Jahrhundert geht – wie einem Soldaten, der 1917 Zuflucht in den Armen einer französischen Prostituierten findet oder der Boxer, der all dieses Potential hatte, aber letztlich scheiterte. Das sind Menschen, die wir kennen – weil sie um uns herum sind.“
„Und manchmal sind wir auch diese Leute“, gibt Irakli zu Protokoll. Als Solo-Künstlerin beschränkt sich Anana Kaye nun aber nicht alleine darauf, sich in Americana-Kreisen zu bewegen, sondern favorisiert eher einen Mix aus Drama-, Glam- und Power-Pop. Schon auf ihrem Debüt-Album fand sich der Track „Shine On“, der im Untertitel den Namen „A Song For David Bowie“ trug. Der Song „Cordelia“ vom neuen Album ist ein gutes Beispiel dafür, weil dieser als Single ausgekoppelte Track ein druckvolles Glam-Pop-Feeling aufbaut – und das bei einem Song, der auf dem Shakespeare-Drama ‚King Lear‘ basiert und aus der Perspektive der Königstochter Cordelia erzählt wird – die als Einzige die Wahrheit in einem üblen Intrigenspiel auszusprechen wagt. War das auch eine Idee von David Olney – der mit seinen Historienbezügen ja eine Ausnahmestellung selbst unter gleichaltrigen Songwriter-Kollegen einnahm?
„Zu der Zeit, in der wir diesen Song mit David Olney geschrieben haben, war dieser sehr an Shakespeare’s ‚King Lear‘ interessiert“, berichtet Anana, „und das ist auch mein Lieblings-Drama von Shakespeare. Als David diese Idee äußerte war ich natürlich gleich Feuer und Flamme – denn diese Dramen von Shakespeare sind ja auch sehr zeitlos. Ich habe sogar noch eine Aufnahme, als wir das erste Mal dieses Stück spielten – David an der Gitarre und ich am Piano. Der Song war sogar als Duett geplant.“
Kommen wir mal zu einem anderen Aspekt: Anana Kaye hat eine bestimmte Art der Phrasierung, wenn sie ihre oder die Songs anderer vorträgt bzw. interpretiert. Dabei räumt sie ein, dass einiges Songs – wie z.B. das Cover von Leonard Cohens „There Is A War“ - schwieriger zu singen sind, als andere. Wie sieht sie sich selber als Sängerin? „Der Leonard Cohen Song ist deswegen schwer zu singen, weil man nicht möchte, dass der Song nach einem Slogan für den Krieg klingt, denn er ist ja im Grunde sehr sarkastisch“, führt Anana aus, „man muss dann eine eher zurückhaltende Performance daraus machen. Ich denke ich habe meine Stimme bei den Aufnahmen zu diesem Album ziemlich stark ausgelotet. Es gibt einige Facetten meines Gesanges, auf die ich mich besonders konzentriert habe: Klangliche Aspekte, die Produktion des Gesanges und die Anordnung der Stimmen. Es gibt nur wenige Songs auf dem Album, auf denen es nur eine Stimmspur gibt. Meist sind die Stimmen gedoppelt oder verdreifacht und es geht um Chor-Aspekte. Das hat damit zu Tun, dass der Chorgesang in meiner georgischen Heimat eine große Rolle spielt. Unser Gesangshirn denkt eigentlich immer in Harmonien. Schade eigentlich, dass ich nur eine Person bin, denn ich würde gerne mit mir selbst Harmonien singen. Zum Glück kann man das im Studio ja machen. Es ist aber schwierig, dann bei einer Melodie zu bleiben – das gebe ich zu. Aber es gibt eine Harmonie-Basis, auf die ich zurückgreifen kann.“
Verwendet Anana Kaye dabei auch das Drama als Kunstform des Gesanges, um bestimmte Sachen zu betonen – oder ist das ein falscher Eindruck? „Nein, der Eindruck ist nicht falsch“, bestätigt sie, „denn besonders bei der Produktion der Stimmen in der zweiten Hälfte des Aufnahmeprozesses haben wir das gemacht. Ich genieße es, Theaterstücke zu lesen – besonders griechische Tragödien. Ich denke, das schlägt sich in meinem Gesang nieder – auch wenn ich keine theatralische Ausbildung hatte. Ich muss da aber David Olney die Schuld geben, denn er hat die Sache in dieser Hinsicht mit seiner ‚King Lear‘ Idee bei dem Song ‚Cordelia‘ in Schwung gebracht. Aber ja: Da gibt es schon ein Gefühl des Dramas. Es geht ja auch um dramatische Szenen – und das Leben an sich ist ja auch voller Drama.“
Was bedeutet denn sie Musik als solche für Anana Kaye?
„Das ist für mich ganz klar“, erklärt Anana, „an dem Punkt, in dem ich mich in meinem Leben zur Zeit befinde, ist die Musik für mich die einzige Heimat, die ich kenne – weil ich mich örtlich zu keiner Zeit und nirgendwo zu Hause fühle. Insbesondere als Immigrantin bleibt Du immer eine Fremde. In dem Augenblick, wenn Du Dich in einem Song wiederfindest, wenn ein Song Sinn für Dich macht und zu Dir spricht, dann repräsentiert dieser eine Art metaphysischer Heimat. Ein Album zu machen ist dann ein bisschen so, wie diese Heimat zu erschaffen und einzurichten.“
Was machte denn bei diesem Projekt am meisten Spaß und was nervte eher?
„Exzellente Frage“, meint Anana, „ich liebe eigentlich den ganzen kreativen Prozess – das Schreiben, Aufnehmen und Produzieren von Songs. Was mich am meisten nervt ist dann der Umstand, dass ich irgendwann los lassen und den Song in die Welt entlassen muss – womit ich als Perfektionistin oft zu kämpfen habe. Man kämpft da mit zwei Seiten seiner selbst: Zum Einen muss man das Ergebnis der Welt präsentieren und zum anderen möchte man aber lieber sein eigener Segler sein, der alles unter Kontrolle hat. Es ist schon ein prekäre Situation, wenn man als Künstler die Kunst erschaffen und präsentieren muss.“
„Für mich macht es am meisten Spaß, einen Song vor Publikum zu spielen – und das Schwierigste für mich sind die Situationen, in denen ich kreative Entscheidungen treffen und Optionen auswählen muss, von denen ich nicht abschätzen kann, ob sie gut oder schlecht sind. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum es so lange gedauert hat, dieses Album fertigzustellen – weil wir so viel experimentiert und Sachen geändert haben.“
Aktuelles Album: Are You There? (Meridian / ECR Music Group) VÖ: 17.04.
Weitere Infos: https://www.ananakaye.com/

