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EAVES WILDER

Manchmal explodiert man halt

EAVES WILDER

Die junge Londoner Songwriterin Eavie "Eaves" Wilder bastelte schon während des Schulunterrichts an ersten eigenen Songs herum, unterschrieb an ihrem 18. Geburtstag einen Plattenvertrag und veröffentlichte 2023 nach einer Reihe von Singles ihre erste EP "Hookey" mit vier abenteuerlich effektiven Indie-Pop-Songs, mit denen sie dann im gleichen Jahr auf dem Reeperbahn-Festival auch als Live-Künstlerin in unseren Breiten reüssierte. Damals hatte sie bereits begonnen, in ihrem Gartenhütten-Studio an neuem Material für ihre erste LP zu arbeiten. Eine Phase der Unentschlossenheit und der Selbstzweifel verhinderte allerdings, dass das Projekt so rasch vorangetrieben werden konnte, als zunächst angedacht. Zeitweise dachte Eavie sogar daran, es mit der Musik dranzugeben - und in ein Kloster zu ziehen. Als sie dann allerdings überlegte, wie sie ihr Klavier und ihre Gitarre in das Kloster schmuggeln könnte, wurde ihr klar, dass das keine gute Idee gewesen wäre - zumal sie uns bei einem ersten Gespräch bereits klar gemacht hatte, dass sie eigentlich keinen Plan B für ein Leben ohne Musik bereit hielte. Nun erscheint mit "Little Miss Sunshine" tatsächlich das offizielle Debüt-Album von Eaves Wilder auf dem sie einen breit gefächerten Mix aus Indie-Pop, Grunge-Rock, Shoegaze, Dream- und Kook-Pop und Psychedelia präsentiert. Das ist dann sogar noch vielschichtiger, rauer, wilder und unberechenbarer ausgefallen, als das, was sie zuvor ausprobiert hatte.

Wie ist Eaves Wilder die Produktion des Albums angegangen?

"Ich habe mir gesagt: 'Wenn ich das jetzt mache, dann setze ich mir erst mal ein paar Regeln'.", berichtet Eavie, "da gab es dann so einige von denen die wichtigste war, dass das Album unbedingt eine ganze Welt für sich sein sollte. Denn das ist es, was ich an den Alben anderer Leute am meisten schätze. Und das braucht ziemlich lange, so etwas zu realisieren. Das hängt wiederum damit zusammen, dass ich ja keine Band habe und alles alleine mache, denn ich bin ein Control-Freak, der seine Finger überall drin haben muss. Es hat also eine ganze Weile gedauert."

Okay - was waren denn die anderen Regeln, die sich Eavie gesetzt hatte - denn Welt oder Regeln hin oder her klingt das neue Album dennoch ziemlich spontan, abenteuerlich, wild, wagemutig und vor allen Dingen ungezügelt. Da gibt es dann ja gewissermaßen einen Widerspruch.


"Es hat mit geholfen, sie als Manifest niederzuschreiben", lacht Eavie, "es war mir peinlich, als mir bewusst wurde, dass ich auf meiner ersten EP 'Hookey' gar keine Bridges (Mittelteile) hatte. Das fand ich deswegen so peinlich, weil ich doch gerade eine klassische Songstruktur wertschätze. Es war mir also wichtig, so etwas dann bei den neuen Songs einzubauen."

Nun könnte man ja argumentieren, dass Eavie's Songs so komplex und vielschichtig sind, dass so etwas gar nicht auffiele - oder dass die Songs sogar nur aus solchen "Middle Eights" bestünden.

"Haha - ja da ist etwas dran", meint Eavie, "aber ich finde im Ernst, dass ein guter Song eine Bridge braucht. Denn eine Bridge ist der Teil in einem Song, an dem Du das Thema aus einem anderen Winkel beleuchten kannst und die Perspektive Deines Gegenübers übernehmen kannst. So etwas liebe ich. Als nächstes war mir die Sache mit einem Klavier wichtig. Das Klavier ist mein erstes Instrument und ich bin daran ausgebildet. Das hört man dann auf Tracks wie 'The Great Plains' oder 'L.A.'. Ich sagte mir, dass ich das Klavier öfter einsetzen sollte anstatt alles auf der Gitarre zu schreiben. Und ich wollte ehrlich sein und habe nicht darüber nachgedacht, wie die Musik aufgenommen werden könnte als ich das Album schrieb. Ich wollte das für die Freude am Tun machen und sehen, was ich erreichen könnte."

Wie sieht das denn mit der "Musikplanung" aus? Wenn man den Kopf voller Ideen hat und weiß, dass man gut darin ist, verschiedene dieser Ideen musikalisch zu kombinieren: Wie entscheidet man dann was wann wohin gehört und warum?

"Ich glaube man muss nicht wirklich darüber nachdenken", zögert Eaves, "ich habe die Erfahrung gemacht, dass alles Eins nach dem Anderen zusammenkommt. Ich arbeite die Sachen nacheinander ab - suche nach Akkorden auf der Gitarre, formuliere Riffs, packe alles andere hinzu und bastele dann die Beats. Allerdings achte ich zumindest darauf, die Sache zu priorisieren und die Struktur zu definieren, bevor ich den Rest angehe. Aber es passiert alles auf natürliche Weise und ich fühle mich auch nie überwältigt dabei."


Wie arbeitet Eaves Wilder denn als Texterin. Gehört sie auch zu den Künstlern, die durch ihre Musik ihr Leben verarbeiten?

"Ja", bestätigt sie, "Musik ist insofern für mich eine Art Therapie, als dass ich über meine Texte meine Gefühle verarbeite. Ich denke, dass kommt für mich einer Form der Meditation am nächsten. Und ich denke, so etwas ist sehr wichtig in diesem stressigen Leben, das wir führen. Man kann seinen Instinkten folgen und der Realität entfliehen."

Gibt es da auch eine spirituelle Note?

"In gewisser Weise", zögert Eavie, "manchmal passieren Dinge, von denen Du denkst, dass sie nichts mit Dir zu tun haben und Du nur zufällig dabei bist. Vielleicht gibt es aber doch eine Art von Bestimmung oder Vorsehung - und das ist auch cool."

Als Songwriterin scheint Eaves Wilder vor allen Dingen ein Wechsel der eigenen Perspektive geholfen zu haben.

"Definitiv" pflichtet Eavie bei, "der Song 'Hurricane Girl' ist ein gutes Beispiel dafür. Der begann als 'Diss-Track' über jemanden, auf den ich gerade wütend war - als mir bewusst wurde, dass ich doch etwas zu voreingenommen , als ich mal etwas wütender war und ich vielleicht ein wenig zu voreingenommen war und mir klar wurde, dass ich etwas kritischer an die Sache herangehen sollte - und mir dann überlegte, stattdessen ein Liebeslied für diese Person zu schreiben. Das mache ich zuweilen - dass ich denke, dass ich einen Song über dieses und jenes Thema schreibe - und am Ende dann meine Meinung ändere. Das ist eine coole Sache, dass man so etwas machen kann."

So lernt man ja gegebenenfalls auch Sachen über sich selbst, oder?

"Ja genau - Sachen von denen man vorher gar nichts wusste. Man sagt sich dann im Rückblick 'Oha - davon handelte dieser Song also'."


Wie sieht es denn mit den verwendeten inhaltlichen Referenzen aus? Ist Eavie ein "Hurricane Girl" oder "Little Miss Sunshine"?

"Ja, ich bin beides", überlegt sie, "es war mir wichtig, gerade über den Titel des Albums zum Ausdruck zu bringen, wie sehr ICH mir selbst wünschte, eine sonnige Disposition zum Ausdruck bringen zu können - wie sie viele junge Mädchen haben möchten, um akzeptiert zu werden. In der Realität habe ich dann natürlich doch mit Stimmungsschwankungen und Selbstzweifeln zu kämpfen, die ich mit mir herum trage. Das Album handelt im Wesentlichen von diesem Thema. Auch von 'Hurricane Girl' dachte ich zunächst, dass ich den Song über jemand anderen geschrieben hätte, bis mich jemand darauf aufmerksam machte, wie selbstbewusst ich doch sei, so etwas anzusprechen - bis mir klar wurde, dass der Song von mir selbst handelte."

Na ja - niemand ist ja linear in einer Richtung, oder?

"Das stimmt wohl", räumt Eavie ein, "das ist ja ziemlich menschlich. Manchmal frage ich mich allerdings, ob wir nicht als Menschen von diesen sich widersprechenden natürlichen Empfindungen separiert sind, weil wir gelernt haben, alles immer zu unterdrücken. Manchmal explodiert man dann halt - einfach weil sich alles angestaut hatte. Davon handelt dann eben 'Hurricane Girl'."

Wie sieht sich Eaves denn selbst als Texterin - denn sie ist ja keine klassische Geschichtenerzählerin? Welche Funktion haben denn dann ihre Texte für sie selbst?

"Das ist eine coole Frage", freut sie sich, "ich glaube nicht so sehr an die Sache, die mit Taylor Swift eingerissen ist - dass nämlich Texte super wörtlich zu sein haben. Das macht nicht viel für mich. Ich mag es sehr, sehr spezifische Details mit super universellen Ideen zu mischen. Diejenige, die so etwas am besten kann ist meiner Meinung nach Harriet Wheeler (von den Sundays). Sie verwendet diese universelle Sprache, die jeder nachvollziehen kann."

Wie könnte es denn für Eaves Wilder musikalisch weiter gehen? Hat sie darüber nachgedacht? Wird sie vielleicht irgendwann einen spezifischen Sound suchen - oder weiter experimentieren und einfach mal schauen, was passiert?

"Ich würde sagen von allem etwas", überlegt sie, "ich liebe den Sound, den ich im Moment habe - aber ich möchte auch weiter experimentieren und ausloten, was noch möglich ist. Ich habe zum, Beispiel ziemlich viel harte BT-Music (Brian Transeau) gehört und ich liebe Trip Hop und möchte was in dieser Richtung machen. Ich liebe alle Arten von Musik und könnte mir vorstellen, ein ganzes Album zu machen, das von jedem Genre inspiriert ist."

Ist es dabei wichtig, den bisherigen, organischen Ansatz beizubehalten?

"Ja", bestätigt Eaves, "obwohl ich mir nicht viel Sorgen um den Einzug der künstlichen Intelligenz mache. Ich weiß dass viele sehr besorgt sind - aber ich habe noch keinen KI-Song gefunden, den ich mir wirklich anhören möchte. Ich denke sogar, dass es als Technik für die alternative Szene interessant sein könnte, wenn es gelingt die Unebenheiten dieser Art von Musik mit KI zu betonen. Die künstlich erzeugte Musik selbst ist hingegen Scheiße."


Aktuelles Album: Little Miss Sunshine (Secretly Canadian / Cargo) VÖ: 17.04.


Weitere Infos: https://eaveswilder.com


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