
Zwischen Schwere und Offenheit, Intensität und Loslassen fasziniert "Birding", das Debütalbum des hoch gehandelten Londoner Trios deary, mit dem introspektiven, emotional aufgeladenen Sound einer Band, die ihre Identität gefunden hat, während die Größen des Shoegaze und Dream-Pop – Cocteau Twins, My Bloody Valentine oder Slowdive – im Hintergrund leuchten.
Stellt man Rebecca "Dottie" Cockram und Ben Easton, die deary während der COVID-19-Pandemie in London aus der Taufe gehoben haben, die Frage, was sie mit besonderem Stolz erfüllt, wenn sie auf den bisherigen Weg ihrer inzwischen durch Harry Catchpole zum Trio erweiterten Band zurückblicken, fällt den beiden die naheliegendste Antwort zuerst ein."Ich würde sagen, das, worauf wir am meisten stolz sind, ist unser erstes Album, auch wenn das vielleicht ziemlich offensichtlich ist", sagt Cockram im WESTZEIT-Interview, und Easton ergänzt: "Wir arbeiten jetzt seit etwa fünf Jahren zusammen, und unsere erste, selbstbetitelte EP kam 2023 heraus, das ist also erst etwa zweieinhalb Jahre her. Damals schien der Gedanke an ein Album, das uns etwas bedeuten würde und auf das wir wirklich stolz sein könnten, noch ziemlich weit entfernt. Erst in den letzten Jahren haben wir unser Selbstvertrauen und unsere Überzeugung als Musikerinnen und Musiker entwickelt, und auch ich bin definitiv der Meinung, dass mich dieses Album am meisten mit Stolz erfüllt. Als wir es fertiggestellt hatten – ich glaube, das war im Oktober letzten Jahres – und wir es uns komplett angehört haben, war das eine großartige Erfahrung."
Mit "Birding" ist deary ein Album gelungen, das facettenreich, gefühlvoll und äußerst atmosphärisch ist. Ätherischer Gesang, der genreuntypisch nicht vom Gitarrensound erstickt wird, trifft hier auf mal federleichte, mal betont kraftvolle Gitarrenklänge und Trip-Hop-Einflüsse, sodass der Weg von melancholisch-spacigen Klängen zu hellen, poporientierten Momenten oft ganz kurz ist. Doch obwohl deary mit ihrem LP-Erstling einen großen Schritt nach vorn machen, war es doch der Song "The Drift" von ihrer 2024 erschienenen zweiten EP "Aurelia", der Cockram und Easton erstmals das Gefühl gab, ihren eigenen Sound gefunden zu haben.
"Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir im Studio an der Bridge für den Song gearbeitet haben", erzählt Cockram. "Als wir fertig waren, haben wir uns das Ganze noch einmal angehört, und ich weiß noch, wie wir uns angesehen haben und dachten: 'Das ist wirklich gut, das ist wirklich interessant!' Ich glaube, das Schlagzeug spielt dabei eine entscheidende Rolle für den Sound, den wir angestrebt haben, und so ist ein Stück entstanden, das wirklich herzerwärmend ist. Ich glaube einfach, dass es Zeit braucht, seinen eigenen Sound zu finden, und es braucht auch Zeit, die richtigen Leute zu finden, die dazu beitragen."
Tatsächlich ist es der Wille, eigene Wege zu gehen, der deary aus der Masse der vielen Bands herausstechen lässt, die sich derzeit von den Giganten des Shoegaze und Dream-Pop inspirieren lassen. Denn während sich viele mit der reinen Verehrung ihre Idole begnügen und es ihnen reicht, ihren Vorbildern klanglich möglichst nahezukommen, gehen deary einen anderen Weg, wenn sie vertraute Zutaten einem eigenen Ansatz unterordnen. Das illustriert auch eine Geschichte Eastons.
"Ich habe My Bloody Valentine im November letzten Jahres gesehen – das war das erste Mal, dass ich sie live erlebt habe, obwohl mich ihre Musik natürlich schon inspiriert, seit ich etwa 15 Jahre alt bin", verrät er. "Sie endlich live zu sehen, war für mich fast so etwas wie eine religiöse Erfahrung. Trotzdem dachte ich mir am Ende des Konzerts: Ich sehe keinen Sinn darin, zu versuchen, unsere Gitarren so klingen zu lassen wie die von Kevin Shields. Denn das ist Kevin Shields’ Sache. Das Gleiche gilt für Robert Guthrie (von den Cocteau Twins) und all die anderen Einflüsse. Es wäre verkürzt, diese Bands einfach kopieren zu wollen, wenngleich der Wunsch etwas ganz Natürliches ist."
Lieber werfen deary Cockrams Folk-Affinität, Eastons Faible für die alternativen Klänge der 80er und seine Liebe zu Trip-Hop, Hip-Hop und Elektronik und Catchpoles Inspiration aus der Jazz-Welt in die Waagschale, um ebenso kunstvoll mit der Dynamik ihres Sounds zu jonglieren wie mit der Dynamik der Emotionen, die ihre Texte hervorrufen. Trotz all dieser bewussten Entscheidungen bezeichnet Easton die Arbeit an dem Album doch auch als alternative Form von Therapie.
"Dieses Album ist definitiv aus einer dunklen Phase hervorgegangen, und wir haben die Erfahrungen, die wir damals gemacht haben, genutzt, um sie in die Musik einfließen zu lassen – und die Musik selbst hilft uns dabei, mit diesen Situationen fertig zu werden, und das tut sie bis heute", erklärt er. "Egal, in welcher Stimmung ich gerade bin – ob aufgeregt, wütend oder traurig –, wenn ich Zeit habe, versuche ich, in diesen Momenten etwas Musikalisches zu schaffen, denn das ist einfach die beste Therapie."
Auch textlich geht das Trio eigene Wege, wenn es in seinen Songs tiefgründig und poetisch die mal unsichtbaren, mal sehr deutlich erkennbaren Folgen des menschlichen Handelns für das gegenseitige Miteinander und die Natur beleuchtet. Doch worum geht es Cockram, die den Löwenanteil der Lyrics schreibt, beim Texten? Geht es darum, ihre Erfahrungen zu dokumentieren, oder will sie verborgene Emotionen in ihrem tiefsten Innern aufspüren?
"Ich glaube, es ist der Prozess, etwas in mir selbst zu finden, wie du gesagt hast, das gefällt mir sehr gut", sagt sie. "Ich würde sagen, dass ich jemand bin, der bei Musik vor allem zuerst auf die Texte achtet, und das war schon immer so. Ich liebe Poesie und war schon immer fasziniert davon, und deshalb sind mir Texte wirklich wichtig. In unserem Genre stehen sie für gewöhnlich vielleicht an zweiter Stelle hinter der Melodie, aber ich wollte sicherstellen, dass bei deary deutlich wird, welch großen Stellenwert sie für mich haben und dass ich viel daraus ziehe, sie zu schreiben." Sie lacht: "Ben ist vermutlich total genervt, weil ich ihm so oft Ideen und Texte schicke!"
Mit dem neuen Album im Gepäck steht für deary am Pfingstwochenende im Mai die deutsche Bühnenpremiere im Ratinger Hof in Düsseldorf an, weitere Konzerte sollen im Herbst folgen. Dann werden wir Musikerinnen und Musiker erleben, die so zufrieden mit dem bisher Erreichten sind, dass es für sie keine großen Bucket-List-Ziele gibt.
"Ich habe das Gefühl, dass wir in den letzten paar Jahren schon ziemlich viel erreicht haben – auch vieles, was wir uns nie hätten träumen lassen, als unsere erste Single 'Fairground' erschienen ist. Deshalb bin ich für alles zu haben, solange wir einfach weitermachen können!", sagt Cockram, und Easton sieht das ähnlich: "Ich glaube, in den letzten fünf Jahren war es unser vorrangiges Ziel, ein Album aufzunehmen, und jetzt, wo wir eins gemacht haben, will ich einfach nur noch eins machen! Ich kann es kaum erwarten, das zweite Album aufzunehmen, und alles, was damit einhergeht, ist ein Bonus: Konzerte spielen, mehr Zeit mit den Leuten im Studio verbringen – das ist einfach das Beste! Möge es noch lange so weitergehen!"
Aktuelles Album: Birding (Bella Union / Bertus)
Weitere Infos: https://www.dearyband.com/ Foto: Josh Hight

