
"Musik ist alles in meinem Leben", gesteht Melanie Baker im WESTZEIT-Interview, und genau das merkt man auch ihrem fabelhaften Debütalbum an, auf dem die Leidenschaft für das eigene Tun wichtiger ist als die Aussicht auf schnellen Erfolg. So begeistert die im englischen Newcastle heimische Indierockerin auf "Somebody Help Me, I'm Being Spontaneous!" mit betont bildhaften Storytelling-Songs, die wortgewandt charmant und unerschütterlich ehrlich zugleich sind und auch keine Scheu vor Selbstironie kennen.
Mit Mitte 20 veröffentlicht Melanie Baker nun ihr erstes Album, eine echte Newcomerin im eigentlichen Sinne ist sie aber nicht. Schon in Kindertagen dachte sie sich kleine Melodien aus und machte so erste Schritte in Richtung Songwriting und noch zu Schulzeiten, mit 15, 16, machte sie Straßenmusik und begann, erste Songs zu schreiben und zu veröffentlichen. Drei EPs entstanden so seit 2016."Damals sagte ich mir einfach: Ich werde Straßenmusik machen, ich werde Auftritte organisieren und ich werde meine Songs im Internet teilen", erinnert sie sich. "Ich habe das alles einfach gemacht, ohne groß nachzudenken. Ich hatte nicht vor, eine Musikkarriere zu starten, ich hatte einfach das Gefühl, dass es wichtig war, meine Arbeit zu teilen."
Tatsächlich hat sie sich in jüngster Vergangenheit diese mit der Zeit etwas verloren gegangene jugendliche Unbeschwertheit ein Stück weit zurückgewünscht.
"Früher habe ich einfach einen Song geschrieben, ihn ins Internet gestellt und gesagt: 'Es ist, was es ist.' Heute grüble ich für gewöhnlich viel zu viel und will, dass alles perfekt ist", sagt sie selbstkritisch.
Für "Somebody Help Me, I'm Being Spontaneous!" war es ihr deshalb wichtig, ein Stück weit zu den alten Idealen zurückzukehren und auf genau die Spontaneität zu setzen, die schon im augenzwinkernden LP-Titel anklingt.
"Ich wollte mich mehr auf diese etwas chaotische, ungefilterte Seite von mir einlassen, und genau so sollten sich die Songs anfühlen", erklärt sie. "Ich wollte, dass sich das Album ein bisschen ehrlicher als meine letzte EP anfühlt, es sollte nicht zu ausgefeilt oder hübsch sein. Beim Songwriting war ich schon immer ehrlich, aber ich wollte, dass sich das auch in der Musik, dem Sound und der Produktion widerspiegelt. Deshalb ging es einfach darum, dass ich meinen Perfektionismus ein Stück weit loslasse und auch den Zwang zum ständigen Grübeln."
Klanglich trägt Baker den Geist der Alternative Music der 90er und frühen 2000er in die Gegenwart und betrachtet ihn aus einer modernen, queeren Perspektive. Dabei hatte sie eigentlich gar nicht unbedingt vor, sich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen.
"Bei meinen Konzerten kamen Leute zu mir und sagten: 'Die Musik hat einen echten 90er-Jahre-Rock-Vibe'", erinnert sie sich. "Ich dachte damals: Cool, aber das war eigentlich nicht mein Ziel! Als ich dann mehr und mehr mit meiner Band spielte, sagten alle: 'Vielleicht solltest du dich ein bisschen mehr mit dieser Art Musik beschäftigen, denn was du machst, klingt wirklich danach!' Ein großer Fan von Nirvana war ich schon immer, aber ich habe dann angefangen, Bands wie Pavement zu hören, und das hat für mich total Sinn ergeben. Mir hat gefallen, wieviel Verspieltheit in der Musik steckte, und ich glaube, das hat mir dann wiederum geholfen, etwas davon in meine eigene Musik einfließen zu lassen."
Das Resultat sind Songs, die zwischen lauter Katharsis und leisen Geständnissen schwanken, weil sie die in Momenten extremer Gefühle entstanden sind. Dass dabei oft das herauskommt, was Julien Baker einst "Sad bastard music" nannte, unterstreicht das als erste Single aus der LP ausgekoppelte "Sad Clown", mit den vielsagenden Eröffnungszeilen "I've been sad for most the year / Quit two jobs, quit drinking beer / Grew tomatoes in the yard / Forgot to pick them, they went bad." Allerdings war es Baker wichtig, mehr zu tun als nur im Selbstmitleid zu baden. Lieber sucht sie ihr Heil deshalb zwischen absurdem Humor und tiefer Verletzlichkeit.
"Dieses Album enthält auch Momente der Freude, und ich wollte diese Nuancen einfangen – dieses Hin und Her zwischen extremer Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Wut und Verwirrung über die Welt einerseits, aber andererseits auch Freude, Albernheit und Unbeschwertheit", erklärt sie. "Ich glaube, es ist möglich, beides innerhalb kurzer Zeit zu erleben, und genau das habe ich erlebt, als ich dieses Album geschrieben habe."
Ebenso wichtig, wie mit zarter lyrischer Präzision den Dualismus ihrer Gefühle einzufangen, war Baker allerdings auch, beim Schreiben der neuen Songs möglichst frei zu sein.
"Ich lasse mich beim Schreiben einfach treiben und setze mich nie hin und denke: Okay, ich werde einen Song über genau dieses eine Thema schreiben", verrät sie. "Manchmal schwirren mir Ideen im Kopf herum, aber meistens ist es einfach ein ganz natürlicher Prozess, und dann fange ich an, die Teile wie bei einem Puzzle zusammenzusetzen."
Dabei entstehen Songs, die – wie es im Waschzettel des Labels so schön heißt – das Publikum dazu einladen, mitzuweinen, mitzulachen und mitzuschreien. Mitweinen und Mitschreien sind Gefühle, die in der Singer-Songwriter-Musik heutzutage recht häufig vorkommen, aber das Lachen, der sarkastische Witz, der sich auf "Somebody Help Me, I'm Being Spontaneous!" schnell als besonderes Markenzeichen Bakers entpuppt, ist dagegen eher selten – es sei denn, man heißt Courtney Barnett. Welche Rolle spielt also der Humor in Bakers Musik?
"Humor und Albernheit sind einfach ein Teil meiner Persönlichkeit und meiner Art, mich in der Welt zu bewegen", gesteht sie. "Das war nicht immer Teil meines Songwritings, und ich glaube, das kam tatsächlich erst dazu, als ich dieses Album geschrieben habe. Ich habe mir erlaubt, ein bisschen mehr Spaß zu haben. Zuvor habe ich mich in der Musik immer ziemlich ernst genommen – ich war einfach sehr leidenschaftlich engagiert –, aber als ich dieses Album schrieb, nahm ich Antidepressiva und dachte mir: Weißt du was? Das ist alles nicht so wichtig! Ich wollte in meiner Musik einfach ich selbst sein. Schließlich bin ich ja nicht ständig superdeprimiert und traurig, und es war mir wichtig, dass meine Musik stärker widerspiegelt, wer ich bin."
Aktuelles Album: Somebody Help Me, I'm Being Spontaneous! (Tamburhinoceros / Cargo) VÖ 10.04.
Weitere Infos: https://melaniebaker.net/ Foto: Ellen Dixon

