interviews kunst cartoon konserven liesmich.txt filmriss dvd cruiser live reviews stripshow lottofoon

THE TWILIGHT SAD

Trauerarbeit auf dem Weg zum Glück

THE TWILIGHT SAD

Bereits treffend als "Sturm aus Lärm und Poesie" beschrieben, dreht sich "It's The Long Goodybe", das inzwischen sechste Album der schottischen Post-Rock-Helden The Twilight Sad, mit intensiven, ehrlichen Songs über den alltäglichen Kampf und das Menschsein um Verlust, mentale Krisen und Hoffnung.

The Twilight Sad, die Band, die Sänger James Graham und Gitarrist Andy MacFarlane gemeinsam mit ein paar Freunden noch zu Teenagerzeiten in der schottischen Kleinstadt Kilsyth ins Leben gerufen haben, gibt es inzwischen seit mehr als 20 Jahren. Unbeirrt sind The Twilight Sad in dieser Zeit ihren eigenen Visionen gefolgt und haben sich von der Aussicht auf den schnellen Erfolg nie ablenken lassen. Bisweilen ist Graham deshalb selbst ein bisschen erstaunt, wie weit es seine kleine Band gebracht hat.

Aktuelles Album: It's The Long Goodybe ( )

"Dass wir immer noch da sind, ist schon überraschend", gesteht er im WESTZEIT-Interview. "Ich sehe mich nicht als Musiker. Ich bin einfach ein Typ, der Songs mit seinem Freund schreibt. Dass dabei inzwischen sechs Alben herumgekommen sind und ich meine Gefühle über 20 Jahre hinweg auf diese Weise zum Ausdruck gebracht habe, ist eine echte Überraschung."



Tatsächlich hatte es in den vergangenen Jahren nicht unbedingt danach ausgesehen, dass The Twilight Sad noch eine weitere Platte veröffentlichen würden. Das letzte Werk, "It Won/t Be Like This All The Time", erschien bereits 2019, und Ende 2023 waren Grahams psychische Probleme so massiv, dass die Band sogar ihre Tournee mit The Cure in Südamerika kurzfristig absagen musste.



"It's The Long Goodbye" ist nun gewissermaßen die Chronik von Grahams langem Leidensweg. Unverblümt lässt der heute 41-jährige Frontmann in zehn aufwühlenden Songs die letzten Jahre Revue passieren: den Verlust seiner Mutter durch Demenz, seinen Kampf gegen den mentalen Niedergang und seinen Weg zurück ins Leben als junger Familienvater.



"Wie man wahrscheinlich merkt, wenn man sich unsere Musik anhört, bin ich ein sehr ängstlicher Mensch, und in den letzten sieben bis zehn Jahren hat mir das Leben ordentlich eins übergebraten", gesteht Graham. "Ich glaube, als ich jünger war, bin ich einfach auf den Zug aufgesprungen und danach nie wieder abgesprungen. Ich war ganz auf diese eine Sache konzentriert. Das war für mich das Musikmachen, und es gab nichts anderes, was mich abgelenkt hätte – bis dann das Leben dazwischenkam. Ich bin jetzt verheiratet und habe zwei Kinder. In gewisser Weise ist der Junge, der das vor 20 Jahren angefangen hat, noch immer derselbe, aber ich habe in der Zwischenzeit viel gelernt. Ich habe gelernt, warum ich das jetzt tue. Ich spüre die Leidenschaft genauso stark wie früher, aber ich bin definitiv mehr darauf bedacht, alles auf eine gesunde Art und Weise anzugehen und mich nicht selbst zu zerstören. Ich denke jetzt mehr von Tag zu Tag, anstatt mich auf die Zukunft zu konzentrieren, und versuche, ein Gleichgewicht zu finden."



Auch wenn das in einem Geschäft, in dem es heute mehr denn je stets um den nächsten Schritt zu gehen scheint, schwierig ist, vermeidet Graham so zumindest den Fehler vieler anderer Bands, die heute vergessen, den Moment zu genießen, weil sie in Gedanken stets beim nächsten unerreichten Ziel sind.



"Genau, man muss ganz bei der Sache sein, wenn man etwas tut", ist Graham überzeugt. "Ich habe sieben Jahre lang an diesem Album gearbeitet. Ich will nicht, dass es nur eine Eintagsfliege ist, die dann wieder verschwindet! Ich habe es gemacht, ich will es leben, ich will es fühlen, ich will es singen. Wen interessiert schon, was als Nächstes passiert? Wer weiß, was der morgige Tag bringen wird? Es könnte verdammt großartig sein, es könnte absolut schrecklich sein, und ich denke nicht darüber nach. Ich bleibe einfach hier!"



Während die Songs von The Twilight Sad in der Vergangenheit reich an Metaphern waren, will sich der Frontmann nun nicht mehr hinter vagen Formulierungen verschanzen. Auch die Interviews zum neuen Album fühlen sich für Graham bisweilen an wie eine Therapiestunde – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Therapiesitzungen für gewöhnlich hinter verschlossenen Türen stattfinden, er dagegen nun mit den neuen Songs um die ganze Welt reist, um sie allabendlich vor Publikum zu singen.



"Ich habe mich schon ein paar Mal gefragt, warum ich beim Schreiben so direkt gewesen bin, denn ich weiß, dass die Tournee eine ziemliche Achterbahnfahrt werden wird", sagt er. "Ich habe definitiv Angst ob der Dinge, die ich gesagt habe – auch davor, wie die Menschen in meinem Umfeld darauf reagieren werden, denn vieles ist nicht gerade nett. Ich habe nichts beschönigt, ich habe alles so erzählt, wie es ist. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich habe mir gesagt: Wenn du das machst, musst du alles hineinlegen."



So ehrlich er in den Texten auch ist, auch er selbst wird sich des wahren Ausmaßes seines Tuns erst jetzt richtig bewusst.



"Vor jedem Interview, das ich gegeben habe, bin ich spazieren gegangen und habe mir das Album angehört, und ich entdecke immer noch neue Seiten dran: Oh mein Gott, das ist es also, was das bedeutet!", verrät Graham. "Das liegt daran, dass ich beim Schreiben einiger Songs ziemlich benommen war. Mir ging es irgendwann so schlecht, dass ich jede Menge Medikamente genommen habe. Die Produktion des Albums hat sieben Jahre gedauert, und jeder Song ist wie ein Kapitel dieser sieben Jahre, die ich durchlebt habe. Es musste so lange dauern, bis das Album fertig war, weil es sonst keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende gehabt hätte."



Ihre Entsprechung finden Grahams Gedanken in der vom musikalischen Mastermind MacFarlane erdachten kathartischen Soundwelt der Band, die nie eindringlicher war als auf "It's The Long Goodbye".



"Dies ist ein sehr trauriges Album, aber in diesen sieben Jahren gab es nicht nur Traurigkeit", gibt Graham zu bedenken. Es gab Nachdenklichkeit, Wut, Traurigkeit, Glück. Es gab so viele emotionale Ebenen! Ich bin so froh, dass sich ein Album, das sich mit dem Kampf ums Überleben auseinandersetzt, so viel Leben in sich trägt. Ich denke, die kathartische, laute, wütende, kraftvolle, melodische und farbenfrohe Musik zeigt diesen Kampf wirklich gut – und es gibt auch einige leichtere Töne."



Die Gitarren sind bei den melodisch-düsteren neuen Songs spürbar wichtiger als die Synthesizer, die in der Vergangenheit öfter den Ton angegeben hatten. Als Gegenpol zu der bedrückenden Melancholie, die Graham verströmt, sorgt MacFarlane mehr als einmal für einen euphorischen Wall of Sound im Dunstkreis von Shoegaze und Post-Punk, mit dem The Twilight Sad keinen Hehl aus ihrer Verehrung für My Bloody Valentine, New Order und The Cure. Mehr noch: Als langjähriger Freund und Förderer der Band – The Twilight Sad begleiteten The Cure seit 2016 auf zwei Welttourneen – gab The-Cure-Vordenker Robert Smith Graham und MacFarlane während der Entstehung des Albums wiederholt wertvolle Ratschläge und spielte zudem auf drei Titeln – "Waiting For The Phone Call", "Dead Flowers" und "Back To Fourteen" – Gitarre, Keyboard und Bass. Im Juli werden The Twilight Sad The Cure bei drei Konzerten in Berlin begleiten, zuvor gibt es schon im April eine Headline-Tournee mit Auftritten in München, Berlin, Hamburg und Köln.



"Ich möchte überall auftreten. Ich möchte versuchen, vor so vielen Menschen wie möglich und so weit weg wie möglich zu spielen", erklärt er. "Ich habe zwei Kinder, mit denen ich zusammen sein möchte. Deshalb bin ich eigentlich nicht mehr so gerne unterwegs, aber wenn mich etwas von meiner Familie trennt, dann muss es mir wirklich am Herzen liegen."



Wichtig ist Graham dabei vor allem, auf sich aufzupassen und anders als in der Vergangenheit den Versuchungen des Tourlebens zu widerstehen.



"Mein größtes persönliches Ziel ist es, glücklich zu sein", sagt er bestimmt. "Mir ist klar, dass manche Fans der Band das vielleicht nicht wollen, weil sie sich Sorgen machen, was für ein Album wir wohl machen würden, wenn ich glücklich bin, aber es wird definitiv keine Alben mehr geben, wenn ich mein Leben nicht auf die Reihe bekomme. Was auch immer ich tue, ich will es gesund, glücklich und verdammt brillant machen!"



Aktuelles Album: It's The Long Goodbye (Rock Action Records/Integral)



Weitere Infos: https://thetwilightsad.com Foto: Kidston Raymonde

Auch von Interesse
› Interview › THE TWILIGHT SAD - Die Erfahrung ihres Lebens (2018-12-01) ‹‹
› Tonträger › Olymp › THE TWILIGHT SAD - It’s The Long Goodbye (2026-04-01) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › THE TWILIGHT SAD - It Won/t Be Like This All The Time (2018-12-01) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › WINTERSLEEP - The Great Detachment (2016-03-01) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › THE TWILIGHT SAD - Forget The Night Ahead (2009-11-01) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › THE TWILIGHT SAD - Fourteen Autumns & Fifteen Winters (2007-05-01) ‹‹
› Tonträger › Rock & Pop › QUICKSILVER - QUICKSILVER (2007-04-01) ‹‹


April 2026
ANANA KAYE
DEARY
EAVES WILDER
LUISA
MELANIE BAKER
MEMORIALS
PHILINE SONNY
THE TWILIGHT SAD
‹‹März