
Im Alter von 17 gründete die aus dem englischen Südwesten stammende Musikerin Lande Hekt ihre Punk-Band Muncie Girls, um ihre Frustration über den politischen Status quo in ihrem Heimtland in krachig-kurzen Songs herauszuschreien. Mit inzwischen 32 ist sie immer noch wütend, kanalisiert ihren Unmut auf ihrem neuen Solowerk "Lucky Now" gemeinsam mit ihrem Produzenten Matthew Simms (MEMORIALS, Wire) nun aber in schimmernde Jangle-Pop-Songs auf den Spuren von The Pastels, Talulah Gish oder The Bats.
Als Teenager gründete Lande Hekt im Jahre 2010 gemeinsam mit dem Gitarristen Dean McMullen und dem Schlagzeuger Sam De Wolf die Band Muncie Girls, die fest in der DIY-Punkszene ihrer Heimatstadt Exeter verwurzelt war. Der Band und ihrem Sound ist Hekt inzwischen ein Stück weit entwachsen, den DIY-Geist der alten Tage verinnerlicht sie aber auch als Solistin. Fragt man sie nach den wichtigsten Lehren, die sie aus ihrer bisherigen Karriere gezogen hat, muss sie nicht lange überlegen."Ich denke, eine wichtige Lektion, die ich im Laufe der Jahre gelernt habe, ist, Menschen zu finden, die auf derselben Wellenlänge sind wie man selbst und Musik auf ähnliche Weise sehen wie man selbst", antwortet sie bei unserem Video-Interview. "Ich glaube, es gibt viele Leute in einer Szene oder in der Branche, die nur Interesse zeigen, weil sie denken, dass eine Künstlerin oder ein Künstler groß rauskommen könnte. Aber sobald man nicht groß rauskommt, weil das nie zur Debatte stand, wenden sie sich wieder ab. Es ist gut, herauszufinden, wer die Menschen sind, die aus den richtigen Gründen handeln. Wenn du das Gefühl hast, dass du einer von denen bist, kannst du dich mit Gleichgesinnten umgeben."
Nach zwei Alben und einer Handvoll EPs mit den Muncie Girls ist "Lucky Now" die inzwischen dritte Lande-Hekt-Solo-Platte, und noch dazu eine, die sich klanglich organisch, aber doch merklich mit ihrem dynamisch-druckvollen, vom Geist des Punk geküssten Sound im Dunstkreis von Jangle-Pop und Twee-Pop vom 2022 erschienenen Vorgänger "House With A View" absetzt, ohne dass Hekt ihre alten musikalischen Fixsterne The Sundays, The Wedding Present oder The Replacements deshalb völlig aus den Augen verliert.
"Ich denke, es gibt viele Unterschiede in der Produktion der beiden Alben, nicht nur in puncto Aufnahmestil, sondern auch in der Instrumentierung", sagt sie. "Wie die vorherige ist auch die neue Platte ziemlich poppig, aber das letzte Album enthielt viele Synthesizer- und Keyboard-Parts, und die Drums waren ziemlich leise. Der springende Punkt war, dass es manchmal in einen etwas obskureren Pop-Bereich vordrang, den ich zuvor noch nicht ausprobiert hatte, und das hat mir viel Freude bereitet. Bei der neuen Platte war es anders. Mein Freund Matt Simms, der die Platte produziert hat, ist genauso wie ich begeistert von Gitarren, und er interessiert sich sehr für Effektpedale und weiß jede Menge darüber. Deshalb ist das neue Album ziemlich gitarrenlastig, und ich glaube, ich habe mich mehr in Richtung Punk orientiert. Es ist nicht in irgendeiner Weise heavy, aber es gibt mehr Riffs und auch thematisch ist es politischer. Ich würde sagen, es ist ein etwas geradlinigerer Indierock dabei herausgekommen."
Inhaltlich geht es auf "Lucky Now" um queere Identität, Hoffnung, Selbstfindung und politisches Wieder-Erwachen. Dabei ist es Hekt inzwischen ein Stück weit weniger wichtig, wie andere sie wahrnehmen. Es reicht, dass sie selbst davon überzeugt ist, auf dem richtigen Pfad unterwegs zu sein. Doch ist das nun Altersweisheit geschuldet oder doch vielleicht auch ein Stück weit der Tatsache, dass sie nach all den Jahren weniger das Gefühl hat, sich und anderen etwas beweisen zu müssen?
"Es ist wahrscheinlich beides. Auf jeden Fall das Alter. Es heißt ja, dass man mit 30 nicht mehr so sehr darauf achtet, was andere über einen denken, und ich glaube, das trifft auf mich auch irgendwie zu", antwortet Hekt. "Noch mehr hat es allerdings mit Politik zu tun und damit, sich zu Themen zu äußern, die einem am Herzen liegen. Als ich viel jünger war und mir etwas wichtig war, habe ich es gesagt, in Interviews und in meinen Songs, und alles passte zusammen. Damals war ich ständig wütend über viele Dinge, vor allem aber über die Politik. Dann aber wurde die politische Lage in Großbritannien wirklich schlimm, und die Idee einer sozialistischen Regierung wurde uns genommen. Die Menschen waren sehr traurig. Leute in meiner Position waren nicht mehr wütend, sondern einfach nur noch enttäuscht, und ich glaube, das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich von den politischen Themen abgeschottet habe. Dadurch habe ich angefangen, Musik zu schreiben, die eher eine Flucht vor diesen Gefühlen und dem Engagement in der Politik war. Aber jetzt empfinde ich das nicht mehr so stark. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder bereit bin, beides miteinander zu verbinden und offenere Gespräche mit Menschen zu führen, ohne mich vor der Politik zu scheuen."
Der Grund dafür liegt klar auf der Hand, schließlich ist rechtsextremes Gedankengut auch in Großbritannien auf dem Vormarsch: "Du machst dir Gedanken darüber, wie du rüberkommst, du fragst dich, ob du dich richtig ausdrückst oder ob es klischeehaft ist, sich in der Musik so direkt mit Politik auseinanderzusetzen. Aber plötzlich wird dir klar: Das ist überhaupt nicht wichtig! Wenn man dem Faschismus direkt ins Gesicht blickt, spielen diese egoistischen oder narzisstischen Gedanken keine Rolle mehr."
In Songs wie "Circular" oder "A Million Broken Homes" bezieht sie deshalb unmissverständlich Stellung, während sie sich für einen Song wie "Favorite Pair Of Shoes" in Optimismus übt, schließlich geht es in dem Lied darum, sich aus dem Sumpf der Hoffnungslosigkeit zu befreien und etwas wirklich Positives zu tun. Am Ende wollten wir deshalb noch wissen: Was gibt eigentlich den Ausschlag, ob etwas zum Song wird?
"Wenn ich eine Idee habe, die mir nicht aus dem Kopf geht, dann mache ich daraus einen Song – und wenn sie mir nicht so sehr im Kopf herumspukt, wird sie wahrscheinlich auch nicht zu einem Song, weil es einfach keine starke Idee war", erklärt sie. "Normalerweise landen alle Songs, die ich auf diese Weise schreibe, entweder auf einer Platte oder einer B-Seite. Es gibt keine bestimmte Methode, wie ich Lieder schreibe." Sie lacht: "Ich weiß, dass viele Leute ein System haben, und vielleicht ist es gut, eines zu haben, aber ich habe keins!"
Aktuelles Album: Lucky Now (Tapete Records/Indigo)
Weitere Infos: https://www.landehekt.co.uk Foto: Robin Christian

