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TESSA ROSE JACKSON

Ausgeglichen und zart

TESSA ROSE JACKSON

Eine besondere Art von kreativer Identitätskrise hat die britisch/niederländische Songwriterin Tessa Rose Jackson mit ihrem neuen Album „The Lighthouse“ erfolgreich zu einem Abschluss geführt. Als Teenagerin veröffentlichte sie 2013 in den Niederlanden ein erstes Pop-Album namens „(Songs From) The Sandbox“ unter eigenem Namen. Das war dann allerdings so erfolgreich, dass sie dem Erwartungsdruck an ein gleichartiges Nachfolgealbum dadurch entfliehen wollte, dass sie ihrem Projekt den ambivalenten Namen „Someone“ verpasste, um ihre musikalischen Visionen in eine experimentellere und stilistisch vielseitigere Richtung lenken zu können – ohne dabei den eigenen Namen als Markenzeichen einsetzen zu müssen. Zwischen 2017 und 2023 veröffentlichte sie mehrere EPs und 2 LPs unter diesem Namen.

Als Tessa Rose dann schließlich auf einer Grassroots-Tour durch kleiner Clubs aus der Notwendigkeit heraus eine auf das Wesentliche reduzierte Performance-Ästhetik entwickeln musste, entschied sie sich dazu, für das Projekt „The Lighthouse“ einen anderen Ansatz zu wählen, als den bislang verfolgten studiobezogenen Produktions-Prozess. Das Ergebnis ist dann ein auf akustischen Elementen basierendes, klassisches Singer/Songwriter-Album, dass dann so intim und persönlich ausgefallen ist, dass sie sich dann wieder ihrem eigenen Namen Tessa Rose Jackson zuwenden konnte.

Was war denn der Hintergrund des doppelten Namenswechsels?

„Nun ‚Someone‘ war seinerseits eine Reaktion auf etwas, was mit mir hier in den Niederlanden passiert war“, berichtet Tessa, „als ich noch sehr jung war, hatte ich ein Album unter meinem eigenen Namen veröffentlicht. Das war sehr niedlich und poppig – weil das damals die Art von Musik war die ich machen wollte - und es war dann auch recht erfolgreich hier. Es war ja im Prinzip gut, dass es recht populär war - aber dann erwarten die Leute von Dir, dass man dann ein zweites Album macht und den Erfolg des ersten dann wiederholt. Nun ist das aber so, dass ich einen sehr eklektischen Geschmack habe. Ich mag etwa Klassik, Jazz, Pop und Psychedelia. Der Erwartungsdruck, doch ein zweites niedliches Pop-Album machen zu sollen, war dann zu viel für mich, denn ich wollte mich ja eigentlich weiterentwickeln, forschen, mich strecken – und mir war klar, dass ich das nicht machen könnte, wenn ich versuchte, das erste Album zu kopieren. Und dann gibt es ja auch noch das Problem des latenten Sexismus: Tessa Rose Jackson ist ja nun mal ein recht femininer Name, der bestimmte Vorstellungen evoziert - und hat sogar eine Blume im Namen. Ohne jemals etwas von mir gehört zu haben, haben sich einige Menschen alleine aufgrund des Namens eine Meinung darüber gebildet, was ich wohl machen würde – das fand ich frustrierend. Da habe ich dann rebelliert, indem ich mir einen anonymen Namen aussuchte, unter dem man sich so gar nichts vorstellen könnte. Für mich ergab sich dann die Möglichkeit, ohne Druck Sachen ausprobieren zu können, ohne Erwartungshaltungen bedienen zu müssen."

Und dann sind wir auch schon bei der LP „The Lighthouse“. Ist das dann eine Art aktualisierter musikalischer Visitenkarte?

„Jedenfalls fühlte sich dieses Projekt an wie eine perfekte Erste Scheibe unter meinem eigenen Namen an. Das Album ist sehr persönlich. Im Grunde genommen sind alle meine Scheiben sehr persönlich – aber für dieses Projekt entschied ich mich, einen sehr rauen und unpolierten Produktionsprozess zu wählen, um so zum Wesentlichen zu gelangen. Es gibt auf diesem Album keine Filter und Effekte. Früher habe ich zum Beispiel immer meine Stimme gedoppelt. Darauf habe ich dieses Mal – bis auf einen Song – verzichtet. Es ging mir darum, die Arrangements atmen zu lassen. Als ich dieses Album schrieb, war meine Geheim-Mission die, in der Lage zu sein, die neuen Songs so anzulegen, dass ich sie auch alleine mit Gitarre aufführen könnte – auch ohne Produktions-Elemente. Die Reduktion auf das Wesentliche war das Ziel. Das ergab dann ein Gefühl der Ausgeglichenheit und Zartheit, das es uns ermöglichte die ganze verfügbare Dynamik auszunutzen.“

Hat diese Erkenntnis dann auch das Songwriting beeinflusst?

„Definitiv“, meint Tessa Rose sehr nachdrücklich, „es ist interessant, denn seit langen Jahren arbeite ich auch als Songwriterin für andere Künstler und des weiteren mache ich Musik für Werbespots und schreibe da auch viele Pop-Songs. Ich mag ja auch nach wie vor Pop-Songs – aber für dieses Album wollte ich etwas anderes machen. Das Problem war nur, dass ich dafür viele Regeln und Muster und Strukturen brechen musste, nach denen ich mich zuvor immer gerichtet hatte. Früher hatte ich immer in Begriffen wie Hookline, Strophe, Refrain und so gedacht. Die Sache ist dann die, dass – wenn man diese ganzen Regeln beiseite lässt – man nicht mehr testen kann, ob das, was man dann macht, gut ist und funktioniert. Das war beängstigend, denn für einige Zeit hatte ich keine Möglichkeit, festzustellen, ob das, was ist tat, funktionierte. Da habe ich meine Komfortzone ganz schön weiter hinter mir gelassen.“



Irgendwie muss es dann ja aber doch funktioniert haben, oder?

„Ja – ich musste mich dann selbst überprüfen“, erläutert Tessa Rose, „ich habe mich dann gefragt, ob ich die so entstandenen Songs selber spielen wollte oder konnte – nur mit meiner Stimme und meiner Gitarre. Noch wichtiger war es aber, keinen bestimmten Stil anzustreben und nichts nachzuahmen – und stattdessen dem Song jeweils zu erlauben das zu werden, was er werden wollte. Das war aber genauso furchteinflößend für mich, weil ich dann ja die Kontrolle aufgeben und an die Musik übertragen musste.“

Unter dem Strich: Wie sieht Tessa Rose die Musik als solche? Wofür steht die Musik?

„Viele verschiedene Dinge“, überlegt sie, „Musik ist das beste Gefühl für mich – denn je älter ich werde, desto mehr komme ich zu der Erkenntnis, dass Musik ein Gefühl ist. Musik ist eine Fluchtmöglichkeit vor der Realität – aber Musik ist auch ein Lehrer. In meinem Leben ist Musik das eine Ding, auf das ich mich immer verlassen kann. Etwas was immer da ist und immer echt ist. Musik hilft mir, die Dinge zu verstehen. Musik ist auch mehr als einfach ein Soundtrack meines Lebens, denn die Musik beeinflusst ja dieses Leben. Wenn ich spazieren gehe und mich schlecht fühle, dann höre ich mir ‚Pink Moon‘ an und fühle mich besser. Es gab kleine Momente in meinem Leben, in denen ich meine Liebe zur Musik verloren hatte. Das war so erschütternd für mich, dass mich das gelehrt hat, sehr vorsichtig zu sein, wie ich mich der Musik nähern sollte – und das niemals als etwas zu betrachten, was ich machen muss. Klar ist Musik mein Beruf – aber ich versuche heute, das nicht mehr so zu betrachten, weil das zerstört, worum es eigentlich geht.“

Nachdem Tessa Rose Jackson ja jetzt mit dem Ansatz der Reduzierung der musikalischen Sprache auf das Wesentliche auch ein für sie neues Gebiet erschlossen hat, sei dann die Frage erlaubt, wie es von hier aus dann weitergehen könnte?

„Also ich glaube, dass es für mich kein Zurück mehr geben kann“, resümiert Tessa, „ich bin ja auch stolz darauf, wie sich die Kompositionen entwickelt haben und ich genieße es auch sehr, sie live zu spielen – gerade weil sie komplex sind. Dadurch gibt es ein Gefühl der Reichhaltigkeit in Bezug auf die Struktur, die Melodien und die Harmonien, das sich wirklich gut anfühlt. So würde ich gerne weitermachen wollen. Ich liebe es, mit den Songs zu experimentieren und neue Wege zu finden mich auszudrücken – und dann die Band ins Spiel zu bringen und diese reichhaltige Muttererde zu beackern.“



Aktuelles Album: The Lighthouse (Tiny Tiger Records)


Weitere Infos: https://www.tessarosejackson.com Foto: Bibian Bingen

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