
Zwischen Classic Rock, Indie und Americana ist alles möglich, wenn sich Tyler Ballgame auf seinem just erschienenen Debütalbum mit markanter Stimme in zwölf Songs stürzt, die auf althergebrachten Werten fußen, aber trotzdem nicht von gestern sind. Dass das Album "For The First Time, Again" heißt, ist ein dezenter Hinweis darauf, dass der amerikanische Troubadour schon so manche Runde um den Block gedreht hat und nun mit gehöriger Verspätung sein wahres Selbst gefunden hat. Im April steht er bei Konzerten in Köln und Berlin auch wieder auf deutschen Bühnen.
Während viele aufstrebende Künstlerinnen und Künstler in der Pop- wie in der Indiewelt heute oft schon im Teenageralter ihre ersten Platten veröffentlichen, hat Tyler Ballgame, oder Tyler Perry, wie er bürgerlich heißt, erst einmal eine ganze Menge Chancen gegen die Wand gefahren, bevor er nun mit Mitte 30 die Kurve gekriegt und den stilvoll-facettenreichen Retro-Pop als seine Berufung entdeckt hat. Dabei hatte Musik schon früh Eindruck auf ihn gemacht."Ich glaube, die Musik hat mir schon in jungen Jahren die Gelegenheit gegeben, Anerkennung zu bekommen", erklärt er im WESTZEIT-Interview. "Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört, dass meine Großmutter mich dazu anstiftete, ihren Freundinnen und Freunden Lieder aus 'The Sound Of Music' vorzusingen. Ich erinnere mich, dass sie sehr stolz auf mich war und mich vor allen anderen präsentierte. Das ist etwas, was mir im Gedächtnis geblieben ist. Zu den Erinnerungen, die sich einfach eingebrannt haben, gehören auch welche, als meine Familie ein paar Jahre in Tennessee lebte. Ich muss damals drei oder vier gewesen sein. Ich erinnere mich an den Sommer, als 'Macarena' herauskam und ich als kleiner Junge auf einer Party war und alle den Macarena-Tanz tanzten!"
Nach der Schulzeit hatte ihn sein musikalisches Talent zum renommierten Berklee College of Music geführt, wo sein Abschluss allerdings seinem Marihuana-Konsum und der damit verbundenen schlechten Anwesenheitsquote zum Opfer fiel. Während der Pandemie lebte er im Keller seiner Mutter in Rhode Island und schlug sich mehr schlecht als recht mit zermürbenden Auftritten in Cover-Bands durch. Ein impulsiver Umzug nach Los Angeles ließ ihn dann nicht nur menschlich aufblühen, sondern gab ihm auch die Chance, bei Open-Mic-Abenden eine neue musikalische Identität (und den spielerischen Bühnennamen Tyler Ballgame) zu finden. "Der Umzug war das Beste, was mir je passiert ist", lässt sich Tyler im Presseinfo zitieren. "Er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Risiken einzugehen und an sich selbst zu glauben. Genau darum geht es in meinem Album."
Dass Durchhaltevermögen und Ausdauer Themen des Albums sind, mag er trotzdem nicht wirklich unterschreiben. "Wenn ich mir die Platte anschaue, sehe ich Themen wie Sehnsucht", verrät er. "Die Sehnsucht, als Mensch und als Künstler akzeptiert zu werden und einfach etwas Echtes zu erschaffen oder etwas zu streifen, das gerade außerhalb meiner Reichweite ist. Ich glaube, das ist eine grundlegende Wunde in meinem Leben. Ich wollte auch die Freude ansprechen und vielleicht sogar die Freude in der Melancholie: Die Freude an dem, was wir taten, und die Freude daran, solche Musik machen zu können. Ich habe nicht unbedingt an Durchhaltevermögen gedacht, aber es war definitiv eine Zeit der Ausdauer: Gelegenheit trifft auf Bereitschaft!"
Mit "For The First Time, Again" präsentiert Tyler nun die Früchte seiner erfolgreichen Sinnsuche. Aufgenommen mit althergebrachter analoger Aufnahmetechnik der 60er und 70er, kredenzt er uns hier zeitlos schöne Songs, die Tylers bereits des Öfteren mit dem großen Roy Orbison verglichene Stimme in den Fokus rücken. Als Produzenten zur Seite standen ihm dabei Multi-Instrumentalist Jonathan Rado, der mit The Lemon Twigs, Whitney, Weyes Blood und seiner eigenen Band Foxygen wiederholt bewiesen hat, dass er den Sweetspot zwischen Vintage- und Zeitgeist-Sounds kennt, sowie Ryan Pellie, der selbst unter dem augenzwinkernden Namen Los Angeles Police Department Musik macht. Sie sorgen dafür, dass auf "For The First Time, Again" der Geist von John Lennon, Harry Nilson oder selbst Bob Dylan stets mitschwingt.
Klanglich deckt Tyler auf dem Album ein ziemlich breites Spektrum ab, es gibt eine ganze Reihe verschiedener Stimmungen und Stile auf der Platte. War das so eine Art Masterplan oder kann er einfach nicht anders, weil er dich für so viele verschiedene Dinge interessiert? "Ich glaube, ich habe einfach so viel unterschiedliche Musik gehört", gesteht er. "Jedes Mal, wenn man einen Song macht, hat man die Möglichkeit, eine Welt zu erschaffen. Je nach Song schlüpfe ich in die Rolle einer Figur, die ich mit meiner Stimme verkörpere. Ich bin wahrscheinlich zuerst Performer, dann Sänger und dann Songwriter. Diese drei Dinge zusammen ergeben eine Welt. Deshalb ist nicht jeder Song unbedingt derselbe Tyler Ballgame. Jedes Lied ist eine andere Welt. Ein Teil der Freude an der Arbeit im Studio besteht darin, herauszufinden, welche Einflüsse und welche Klangwelten dieser Figur in dieser Welt dienen würden und sogar, welche glücklichen Zufälle das beeinflussen."
Apropos glückliche Zufälle: Tyler ist davon überzeugt, dass das richtige Gefühl wichtiger ist als makellose Perfektion. Das Echte steht im Mittelpunkt. "Das ist definitiv etwas, das mich reizt", bestätigt er. "Das geschieht fast auf einer unterbewussten Ebene, denn es ist tatsächlich nur ein Gefühl, und das ist sehr flüchtig. Wie können wir es beschreiben? Es ist ein Rätsel! Wir fangen Geheimnisse ein! Das ist es, was einen Song ausmacht! Ein Song ist ein Zauber. Man erschafft eine Welt, indem man Klänge in Beziehung zu anderen Klängen setzt. Ich glaube nicht, dass wir mit einem Computer etwas Perfektes schaffen können. Ich denke, unser Verstand ist noch zu schwach, um das Geheimnis der Schwingungen und der Musik zu ergründen. Es bleibt ein Geheimnis!"
Aktuelles Album: For The First Time, Again (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)
Weitere Infos: https://tylerballgame.com/ Foto: El Hardwick

