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RATBOYS

Mitten aus dem Leben

RATBOYS

Gekommen, um zu bleiben: Seit 16 Jahren gehen Ratboys nun schon unbeirrt ihren Weg. Lange Zeit so etwas wie ein geheimer Handschlag unter Indie-Connaisseuren, ist es inzwischen kein Geheimnis mehr, dass das Quartett aus Chicago wie kaum eine zweite Band ein goldenes Händchen dafür hat, wuchtigen Emo-Pop und punkigen Alternative-Country mit intelligent-introspektiven Texten zu verbinden. "Singin' To An Empty Chair" heißt die nun erscheinende sechste (und bislang beste) Ratboys-LP, und mit ein bisschen Glück wird die Band im Frühsommer auch wieder auf deutschen Bühnen stehen.

Den Titel ihres neuen Albums haben sich Ratboys aus der Gestalttherapie geborgt, wo ein "leerer Stuhl" als Platzhalter für eine abwesende Person dient und durch die direkte Ansprache des Stuhls Konflikte und Emotionen aufgearbeitet werden sollen. Tatsächlich nutzt Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Julia Steiner "Singin' To An Empty Chair" als Kommunikationsmittel, um eine zerbrochene Beziehung zu reparieren, die ihr so wichtig ist, dass sie bereit ist, größte Anstrengungen dafür in Kauf zu nehmen.

Dass es dabei offenbar um ein nicht weiter genanntes Familienmitglied geht, legt "Just Want You To Know The Truth" nahe, ein Acht-Minuten-Epos, das dem Album als emotionaler Ankerpunkt dient: "Once you left home / we cleaned out the house / came upon some skeleton / that none of us knew shit about / if I told you I was okay / well that would have been a lie / so, I blocked your telephone / without sayin' goodbye."

"Just Want You To Know The Truth" ist allerdings längst nicht der einzige Song, der um dieses Thema kreist. Gleich in der Eröffnungsnummer "Open Up" fragt Steiner: "What's it gonna take to open up this time?" und liefert mit den folgenden zehn Songs ihre betont persönlich und bisweilen düster gefärbte Antwort.

"Die Überwindung dieser Kommunikationsblockade in dieser entfremdeten Person ist definitiv das übergreifende Thema, das alle Songs miteinander verbindet", sagt Steiner im WESTZEIT-Interview. "'What's it gonna take to open up this time?' ist für mich einfach eine allgemeine Frage, die ich in guter Absicht stelle. Sie könnte rhetorisch sein, sie könnte an jemanden gerichtet sein, aber es ist eine Frage, die sich durch das gesamte Album zieht. Ich bin wirklich stolz auf diesen Song. Das erste Lied ist entscheidend, denn ich finde es wichtig, gleich zu Beginn eines Albums die Richtung vorzugeben. Es muss nicht unbedingt etwas sein, das den Hauptkonflikt thematisiert, aber als Zuhörerin finde ich es immer hilfreich, wenn man von Anfang an eine Orientierungshilfe hat."

Sich die Themen für ihre Songs im unmittelbaren Umfeld ihrer Familie zu suchen, ist nicht neu für Steiner. Schon vor zehn Jahren schrieb sie mit "Molly" einen Song für und über ihre jüngere Schwester oder zollte mit "Elvis Is In The Freezer" ihrer verblichenen Katze Tribut, während das Titelstück des letzten Albums "The Window" aus dem Jahre 2023 um den Abschied von ihrer verstorbenen Großmutter kreist.

"Ich bin nicht besonders gut darin, fiktive Geschichten zu schreiben", gesteht Steiner lachend. "Ich finde, dass die meisten unserer Songs und die meisten meiner Texte zu einem großen Teil auf meinen eigenen Lebenserfahrungen und meiner Sicht auf die Welt basieren. Das hat sich nicht geändert. Aber in den letzten Jahren gab es einige prägende Ereignisse in meinem Privatleben, und es fühlte sich ganz natürlich an, diese durch das Songschreiben zu verarbeiten. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich dieses Ventil habe, um mich auszudrücken und die Komplexität meines Lebens durch die Musik zu verstehen."

Auch Ratboys sind für Steiner inzwischen längst Familie. Ihr Partner, Gitarrist Dave Sagan, hatte die Band 2010 mit ihr gemeinsam aus der Taufe gehoben, und seit vor einigen Jahren Schlagzeuger Marcus Nuccio und Bassist Sean Neumann hinzustießen, bilden die vier eine unschlagbare Einheit.

Standen die frühen Ratboys-Platten auch im Zeichen einer klanglichen Selbstfindung, hatte die Band spätestens mit "The Window" ihren Sweetspot gefunden. Bei den Aufnahmen zu "Singin' To An Empty Chair" ging es deshalb weniger um Fortschritt als um ein Entdecken der Möglichkeiten. War auf dem Vorgänger das achteinhalbminütige "Black Earth, WI" noch die Ausnahme, trumpft die neue Platte gleich mit einer ganzen Reihe grandios ausufernder Widescreen-Nummern wie "Last Night Mountain All That", "Burn It Down" und dem bereits erwähnten "Just Want You To Know The Truth" auf, die das blinde Verständnis der vier brillant einfangen. Derweil sorgen "Anywhere" oder "The World, So Madly" dafür, dass auch dieses Mal die knackig kurzen Ohrwürmer nicht fehlen. Facettenreich vom ersten Ton an, ist "Singin' To An Empty Chair" so viel mehr als nur eine Sammlung exzellenter Songs, es ist ein echtes Album alter Schule.

"Ich denke, ein Grund dafür ist die Stabilität der Besetzung", sagt Steiner. "Marcus und Sean bringen ihre eigene musikalische Identität ein, indem sie ihre eigenen Parts schreiben. Bei "The Window" hatten wir das zum ersten Mal ausprobiert, und dieses Mal haben wir diese Arbeitsweise erneut angewendet und haben aus allem noch etwas mehr herausgekitzelt. Ich bin sehr stolz auf das Resultat, denn wenn ich mir heute unsere alten Platten anhöre… So stolz ich auch auf sie bin, aber ich höre, dass Marcus und Sean fehlen! Die letzten Alben fühlen sich deshalb wie der Beginn eines neuen Kapitels an, das wir zu viert aufgeschlagen haben."

Doch nicht nur die Tatsache, dass nach vielen Besetzungswechseln zu Beginn der Bandgeschichte nun zwei Ratboys-Platten in der gleichen Besetzung entstanden sind, ist ein Zeichen für Kontinuität. Hatten Steiner und Co. in der Vergangenheit für jedes Album mit anderen Unterstützern am Mischpult zusammengearbeitet, fiel dieses Mal die Wahl erneut auf den früheren Death-Cab-For-Cutie-Gitarristen Chris Walla, der schon "The Window" produziert hatte. Den Ausschlag dafür gaben nicht nur kreative Belange, sondern auch persönliche.

"Er ist einfach ein wunderbarer Mensch, mit dem man gerne zusammen ist, und wir sind wirklich gut mit ihm ausgekommen, schwärmt Steiner. "Bei der Arbeit am letzten Album haben wir uns sofort gut verstanden, und wir haben es geliebt, Zeit miteinander zu verbringen."

Zunächst allerdings standen auch noch andere Optionen im Raum. Eine große US-Tournee im Vorprogramm der Decemberists nutzten Ratboys vor anderthalb Jahren, um mit Produzenten in allen Teilen des Landes ins Gespräch zu kommen und Tonstudios für die nächsten Aufnahmen auszuspähen. Ganz am Ende der Tour besuchten sie dann Chris Walla, der zufällig gerade mit seiner Familie in seiner alten Heimat Seattle zu Gast war. Es war ein Wiedersehen, das sofort etwas in Steiner auslöste, wie sie abschließt verrät:

"Er war der erste Mensch, bei dem ich sofort dachte: Ich möchte ihm die Demos schicken – und zwar sofort! Aus der Perspektive des Songwritings fasziniert mich einfach, wie er Musik hört. Wir lieben es auch, mit ihm über Musik zu sprechen. Das macht einfach so viel Spaß und unsere Geschmäcker überschneiden sich prima. Letztlich ging es uns einfach darum, etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen."

Aktuelles Album: Singin' To An Empty Chair (New West Records / Bertus) VÖ 06.02.2026


Weitere Infos: https://www.ratboysband.com/ Foto: Miles Kalchik

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