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LYLIT

Ins Herz gebeamt

LYLIT

Die österreichische Songwriterin, Komponistin, Sängerin, Pianistin, Dozentin, Session Musikerin und Produzentin Eva Klampfer legt mit dem Album „Her“ den zweiten Longplayer ihres Projektes LYLIT vor - mit dem sie als Solo-Künstlerin tätig ist, seit sie 2009 von dem ehemaligen Motown-CEO Kedar Massenburg in NYC unter Vertrag genommen wurde. Zuvor hatte die klassisch ausgebildete mit eigener Band und als Sängerin des DJ-Projektes Parov Stelar bereits Erfahrungen gesammelt und parallel ist sie auch als prämierte Filmkomponistin aktiv. LYLIT ist dabei aber das Projekt, dem Eva die größte Aufmerksamkeit widmet. 


LYLIT’s kreatives Oeuvre bietet also so viele verschiedene Facetten, dass sich die Frage stellt, wie sie das denn alles unter einen Hut bringt. Was ist denn zur Zeit noch alles aktuell?

„Also gemacht habe ich ja schon sehr viel“, führt Eva aus, „ich war ja auch lange Zeit in Amerika – und bin dann wieder nach Wien gezogen. Kurz zusammengefasst: Was jetzt gerade viel passiert, ist dass ich viel für andere schreibe – und für mich selber und für Film. Ich bin also ganz viel kompositorisch unterwegs und spiele auch Live – aber nicht mehr für andere (wie früher) sondern nur noch für meine eigenen Projekte.“ 



Was das neue Album „Her“ auszeichnet, ist der Umstand, dass dieses – anders noch als das Debüt-Album – nicht als experimentelles Pop-Album arrangiert ist, sondern auf die Bestandteile Stimme(n), Klavier und Streicherensemble reduziert wurde. Die Songs selbst, sind aber stark songorientiert angelegt und überraschen (wie gute, konventionell angerichtete Pop-Songs) mit starken Melodiebögen und memorablen Refrains. Darf man „Her“ dann trotzdem noch als Pop-Album bezeichnen?

„Ja – denn es ist ja auch irgendwie ein Pop-Album“, meint Eva, „ich stehe einfach auf Lieder. Mir geht es immer um die Lieder, die Inhalte und die Melodien und dass das gut miteinander kohärent ist. Daher wäre ich gar nicht beleidigt, wenn man ‚Her‘ als Pop-Album bezeichnet. Das passt schon.“

Nun ist aber doch trotz der Klarheit und der Schnörkellosigkeit des Ansatzes ein recht poetisches Werk dabei entstanden!

„Das hat damit zu Tun, dass ich es unbedingt vermeiden wollte, dass das Ganze wie ein Tagebucheintrag rüberkommt“, erklärt Eva diesen Umstand, „das wäre dann zu ‚midi‘ geworden und so was hat dann ja auch so etwas Bedürftiges. Ich weiß gerade nicht, wer es gesagt hat – aber es ist dann ja auch so, dass je persönlicher etwas ist, es auch eine generelle Bedeutung hat. Das trifft es ganz gut.“

Muss man als MusikerIn denn nicht sowieso zuweilen eine Rolle spielen – selbst wenn es dann die eigene ist?

„Da bin ich gar nicht so der Fan von“, zögert Eva, „natürlich darf es nicht privat sein auf der Bühne – da bin ich bei Dir. Die private Eva steht nicht auf der Bühne. Aber ich glaube, es gibt so Anteile, die größer werden und es gibt welche die kleiner werden. Das bin aber immer ich auf der Bühne – und keine Persona. Das erste Mal, als ich den Song ‚My Body‘ live gespielt habe (bei dem es um die Reklamierung des eigenen Körpers geht), kostete mich das wirklich Überwindung, weil es so persönlich ist. Aber kaum hatte ich den Song gespielt, hat es mich so ins Herz gebeamt, wie ich das noch bei keinem Konzert erlebt habe – und ich habe schon sehr viele Konzerte gespielt. Weil es einfach so persönlich ist und wir bei der Produktion jeden Satz 100 x gedreht habe, bis er stimmte, kann ich mich so intensiv mit diesem Thema verbinden. Und dann geht es gar nicht darum, dass ich da privat bin, sondern um die Lieder. Es geht dann nicht um das „ich, ich, ich“, sondern um die Lieder in deren Dienst ich mich dann sehe.“

Wer ist denn die „Sie“ im Titel des Albums und des Titeltracks? Eva selber vielleicht?

„Das heißt so, weil dieses Album aus einer extrem weiblichen Perspektive heraus geschrieben ist. Ich habe lange überlegt, wie das Album heißen soll. Bei dem Titeltrack ‚Her‘ geht es mal nicht um mich, sondern um das personifizierte Glück. Da kommt das weibliche Glück auf mich zu.“

Hm – aber „Glück“ ist ja nun etwas, das sich LYLIT in den anderen Songs entzieht – etwas, was sie ja eben nicht erreichen kann. In Tracks wie „As Long As I Resist“, „Let It Go“ oder „Let It Bleed“ ist ja vom personifizierten Glück ja nun wirklich nichts zu spüren.

„Genau“, bestätigt sie diese Beobachtung, „das hat damit zu tun, dass ich ja zunächst herausschälen musste, dass es immer mehr in den Schmerz heraus geht. Es ist so, dass ich schon als Kind ganz viel Mahler gehört habe. Die Tiefe dieser Musik hat mich immer schon berührt. Immer wenn ich Klassik gespielt habe, habe ich nur so schwermütiges Zeug gespielt – auch schon als 12-jährige und warum auch immer. Denn ich war auf eine gewisse Art und Weise dieses Happy-Child. Musik ist aber immer mein Zugang gewesen, Tiefe wirklich ausdrücken zu können. Dann habe ich dieses Album geschrieben mit Titeln wie ‚My Body‘, ‚Let It Bleed‘ oder ‚As Long As I Resist‘ geschrieben – bei denen es immer um Widerstand und diesen inneren Kampf geht. So etwas ging mir total leicht von der Hand. Dann habe ich mir aber gedacht, dass in meinem Leben ja auch nicht alles dunkel ist. Es musste ja auch irgendwie die Helligkeit ihren Platz finden. Ich habe mir noch gedacht, dass es manchmal wirklich auch schwierig sein kann, einfach anzunehmen, dass auch mal etwas gut sein kann. Deswegen wollte ich mich diesem Thema mit Songs wie ‚Her‘ oder ‚I Am More‘ auch nähern. Der Song ‚I Am More‘ hat mich dann wirklich viel Zeit gekostet, das dann auch auf den Punkt zu bringen – mehr jedenfalls als Songs über härtere Themen wie ‚My Body‘ oder ‚Let It Bleed‘ zu schreiben. Diese Songs waren für mich viel einfacher zu schreiben, weil ich immer schon einen Zugang dazu hatte.“

In dem Song „I Am More“ lotet LYLIT die Potentiale aus, die ihr zur Verfügung stehen.

„Ja, auszuloten, wie es sich anfühlt, wenn es keine Grenzen gibt, war für mich viel mehr Aufgabe, als über das Sterben nachzudenken.“

Hat das mit den Mitteln der Musik dann besser funktioniert?

„Mit der Musik kann ich den Anteilen eine Stimme geben oder Gehör verschaffen, die ansonsten im Leben keinen Platz finden. Man sehnt sich in der Musik nach genau dem, wonach man ansonsten nicht leben kann. Wenn man Musik hört, die einen so tief berührt, dann geht es ganz oft um Sehnsucht – also für mich zumindest. Sehnsucht nach etwas, was ich mir im Alltag nicht selber schaffen, sondern was mir mit der Musik irgendwie gegeben wird, ohne dass ich das selber dazu tun muss. Das Verbindende der Musik ist ja auch vollkommen extrem – weil es völlig egal ist, aus welchem Background Du kommst. Es gibt ja Musik, wo wir alle die Lyrics nicht verstehen – und das ist dann komplett egal weil es einfach um die Emotionen und das Lebensgefühl geht, dass durch die Musik vermittelt wird. Das ist ja das Spannende daran – und das kann ja eigentlich auch nur die Musik.“

Geht es dann auch darum, sich über die Musik zu therapieren?

„Nein – das ist nicht mein Hintergrund oder Antrieb. Es ist nur so, dass je reduzierter die Musik ist, desto weniger kommt man darum herum, dass man von sich selbst erzählt. Dass das dann auch einen therapeutischen Effekt hat, habe ich auch auf jeden Fall auch gemerkt. Bei diesem Album einfach die Dinge wirklich bei ihrem Namen zu nennen hat etwas mit mir gemacht. Indem man mit sich selbst alles ausmacht, kommt man mit dem Innen leben besser klar. Wenn man Dinge ausspricht und wo hin schickt, dann sind sie nicht so schwer für einen selbst, weil sie geteilt werden.“

Das Album wurde live im Studio eingespielt?

„Ja, das war mir sehr wichtig“, bestätigt Eva, „ich bin so müde von diesen ‚hingetunten’, alles perfekt machen wollenden Produktionen, die mich in dem Fall überhaupt nicht interessiert haben. Ich habe mir gesagt, wie ich das umsetzen kann. Dann gibt es natürlich die Frage nach der Radiotauglichkeit – und da habe mir dann gesagt, dass ich jetzt an einem Punkt in meinem Leben bin, wo ich das machen kann, was ich will. Wir haben die Stücke fast alle in einem Take live eingespielt. Da wir ohne Click gespielt haben, konnten wir auch nicht groß Schneiden, so dass das wirklich live war. Ich denke, man spürt das auch, dass wir da ohne Overdubs und so etwas gearbeitet haben. Das ist dann vielleicht ein Konzept gewesen, alles so roh und natürlich zu lassen und den persönlichen Kontext in die Performance einfließen zu lassen.“

Wie geht es denn weiter mit dem Projekt LYLIT?

„Schaun wir mal“, meint Eva, „ich habe das Gefühl, das Album braucht jetzt erst mal einen Schwung und dann schaue ich mal was passiert. Ich bin ja jetzt auch Mama geworden und habe so ein neues Ich-Gefühl in meinem Leben und vielleicht braucht das ja eine Stimme – aber einen richtigen Plan habe noch nicht. Was aber ein Traum von mir ist, ist ein Mal ein Orchester-Album mit einer großen Produktion zu machen – so wie Joni Mitchell.“

Aktuelles Album: Her (Syrona Records)


Weitere Infos: https://www.lylit.com Foto: Helena Wimmer

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