
"Ich habe immer 100 Ideen", sagt Emma Rawicz im WESTZEIT-Interview, und tatsächlich ist es genau diese natürliche Neugier und Abenteuerlust, die in der Musik der Saxofonistin, Komponistin und Bandleaderin förmlich greifbar sind. Inzwischen längst eine der meistbeachteten europäischen Jazzmusikerinnen ihrer Generation, kennt die gerade einmal 23-jährige Britin klanglich keine Scheuklappen, wenn es darum geht, den Geist der Vergangenheit im Hier und Jetzt hörbar zu machen. Im Februar stellt sie mit ihrem Sextett ihr fabelhaftes neues Album "Inkyra" auch live in Deutschland vor.
"Emma Rawicz ist im Sprint gestartet – und die Warp-Geschwindigkeit ihrer Entwicklung zeigt keine Spur einer Verlangsamung", schrieb die angesehene englische Tageszeitung The Guardian Emma Rawicz, und das ist nicht geflunkert, denn Stillstehen hat die junge Musikerin bislang nicht gelernt.Nachdem sie während der Corona-Pandemie erstmals auf sich aufmerksam gemacht hatte, indem sie ihre täglichen Übungs-Routinen auf Instagram dokumentierte, erschien 2022 ihr u.a. mit dem Gitarristen Ant Law eingespielter Erstling "Incantations", bevor seit dem Wechsel zu ACT nicht nur "Chroma" und "Inkyra" entstanden, sondern auch noch das im vergangenen Frühjahr veröffentlichte Duo-Album "Big Visit", für das Rawicz mit dem walisischen Meisterpianisten Gwilym Simcock gemeinsame Sache macht, den vielleicht auch Nicht- Jazz-Aficionados aus der Band von Pat Metheny kennen können. Kein Wunder also, dass Rawicz nicht lange überlegen muss, als wir die fragen, welche Aufgabe die Musik in ihrem Leben übernimmt.
"Abgesehen davon, dass die Musik einfach präsent ist, denke ich, dass sie für mich auch eine Möglichkeit ist, Dinge zu verarbeiten", sagt Rawicz. "Üben, komponieren, Konzerte spielen – all das sind Gelegenheiten, meine Erfahrungen mit der Welt um mich herum zu verstehen, und ich glaube, das hat auch großen Einfluss darauf, wie ich meine Emotionen verarbeite. Wenn ich mehr übe, habe ich das Gefühl, dass ich in allen Bereichen meines Lebens mehr Klarheit habe. Ich denke, Musik ist für mich eine Linse, durch die ich das Leben wahrnehme."
All das verdeutlicht auch ihr neues Werk, oder wie es an dieser Stelle bereits in unserer Album-Rezension im November hieß: "Auf der musikalischen Reise, zu der sie ihr Publikum mit 'Inkyra' einlädt, ist es deshalb vom spirituellen, kosmischen Sound der 60er und 70er in die Gegenwart nur ein Katzensprung". Dass sie sich für ihre neuen Songs auch von Joni Mitchell inspirieren ließ, unterstreicht derweil, dass Rawicz begriffen hat, dass die Inspiration überall lauern kann. Denn auch wenn sie ihren Blick klar nach vorn richtet, scheut sie nicht davor zurück, den Einfluss anzuerkennen, den die Giganten der Vergangenheit auf ihr Tun haben.
"Es ist nichts Falsches daran, Musik aus der Vergangenheit zu lieben und sich zu seinen Einflüssen zu bekennen", sagt sie bestimmt. "Manchmal, besonders wenn Leute etwas Experimentelleres machen wollen, gibt es diesen Druck oder vielleicht auch nur einen eingebildeten Druck, etwas völlig Neues zu erschaffen. Vielleicht kann das gelingen, aber eigentlich glaube ich nicht, dass man jemals wirklich etwas erschaffen kann, das nicht in irgendeiner Weise von etwas anderem beeinflusst ist."
Das gilt selbstverständlich auch für Rawicz' eigene Musik.
"Selbst wenn ich es nicht bemerke, gibt es wahrscheinlich Elemente in meiner Musik, die von Miles Davis oder Wayne Shorter stammen", sagt sie. "Tatsächlich weiß ich sogar sicher, dass es Elemente in meiner Musik gibt, die auf sie zurückgehen, aber es gibt wahrscheinlich Einflüsse, von denen ich gar nichts weiß, und ich finde, das ist in Ordnung. Ich denke, man sollte das begrüßen, denn es gibt so viele großartige Vorbilder, und wenn es sie nicht gegeben hätte, könnten wir heute nicht die Musik machen, die wir machen."
Trotzdem geht es ihr natürlich nicht darum, allein auf die alten Helden zu stützen.
"Genau! Das bedeutet nicht, dass ich wie Weather Report oder Michael Brecker klingen will. Natürlich will ich schon wie ich selbst klingen, denn am Ende geht es einfach darum, sich nicht zu viele Gedanken zu machen. Wenn sich etwas richtig anfühlt, sollte man nicht anfangen zu grübeln: Klingt das nicht vielleicht doch zu sehr nach der Joshua Redman Elastic Band? Die Musik zu sehr zu sezieren, ist meistens nicht hilfreich. Sich auf seine Einflüsse zu stützen ist nicht falsch, solange man nicht etwas buchstäblich kopiert, aber das mache ich ja nicht. Das mögen einige anders sehen. Es mag Leute geben, die sich sagen: Was ich mache, ist absolut State-of-the-Art, und ein wenig diese Geisteshaltung zu haben ist toll, aber das spiegelt nicht zu 100 Prozent die Art und Weise wider, wie ich Musik mache."
Rawicz' Errungenschaften sind umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sie verhältnismäßig spät zum Saxofon gekommen ist. Schon als Kind spielte sie klassische Violine, aber erst als Teenagerin verliebte sie sich nach dem Besuch eines Big-Band-Konzertes in den Klang des Saxofons. Sie studierte an der Junior Guildhall School of Music and Drama, an der Chetham's School of Music und anschließend an der Royal Academy of Music, wo namhafte Künstler wie Gareth Lockrane oder Ivo Neame ihre Mentoren (und später auch Bandmitglieder) waren.
An eine Pause denkt Rawicz auch 2026 nicht. Im Januar nahm sie in neuer Quartett-Besetzung mit Pianist Rasmus Sorensen, Drummer Marc Michel und Kontrabassist Freddie Jensen in den sagenumwobenen Londoner Maida-Vale-Studios der BBC auf, bevor sie im Februar mit ihrem Sextett – Scottie Thompson (Tasten), Kevin Glasgow (Bass), David Preston (Gitarre), Jamie Murray (Schlagzeug) und Gareth Lockrane (Flöte) – in Essen, Bielefeld und Feldafing auf der Bühne steht.
Bereits im März kann sie sich dann einen weiteren Traum erfüllen, wenn sie bei einem speziellen One-off-Konzert in Leverkusen gemeinsam mit der renommierten WDR Big Band alte und extra für diesen Anlass geschriebene neue Songs aus ihrem Repertoire interpretieren wird.
"Zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere ein Projekt mit der WDR Big Band auf die Beine zu stellen, hätte ich mir nicht wirklich vorstellen können. Das ist etwas, von dem ich geträumt habe, seit ich wusste, dass es die WDR Big Band gibt", verrät sie. "Das zeigt mir: Es können viele erstaunliche Dinge passieren, und das begeistert mich immer wieder."
Tatschlich sind es die Vielzahl und der Facettenreichtum ihrer Projekte, die Rawicz so richtig aufblühen lassen – oder wie sie es selbst ausdrückt:
"In der ganzen Bandbreite dieser Dinge, vom Duo über das Quartett, Quintett und Sextett bis hin zur Big Band, kann ich voll und ganz Improvisatorin und Komponistin sein, ich kann Bandleaderin, Orchestratorin und Arrangeurin oder Zuschauerin sein und alles dazwischen. Das deckt wirklich den vollsten Ausdruck dessen ab, was es meiner Meinung nach bedeutet, Jazzmusikerin zu sein: sich wirklich mit den Details des Komponierens, Dirigierens und Feinabstimmens in der Big-Band-Umgebung zu beschäftigen, aber dann auch in anderer Hinsicht völlig spontan zu sein. Zu wissen, dass ich all diese Dinge in jeder dieser Umgebungen ausprobieren kann, bedeutet, dass ich mich ständig selbst herausfordere und dass ich ständig wachsen und mich der Situation stellen muss. Ich denke mir dann: OK, ich muss in dieser Situation wirklich mein Bestes geben, weil es mir viel abverlangt, aber das ist auch toll, denn ich liebe dieses Gefühl, wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wie ich etwas machen soll. Letztendlich ist das einfach Teil des Weges, um besser zu werden."
Aktuelles Album: Inkyra (ACT)
Weitere Infos: https://www.emmarawicz.com/ Foto: Gregor Hohenberg

