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ANNA NERKAGI

Weiße Rentierflechte

(Faber & Faber, 192 S., 22,00 Euro)

Diese Novelle ist – glaubt man der Verlagsankündigung und dem Klappentext - tatsächlich die erste deutschsprachige Veröffentlichung einer nenzischen Autorin. Die Nenzen sind eines der letzten weitgehend nomadisch lebenden Völker der Tundra, ihre archaische Rentierzüchter-Kultur hat die Gleichschaltungsversuche der Sowjet-Zeit halbwegs überstanden. Halbwegs, weil selbst nördlich des Polarkreises die Versuchungen von Zentralheizung und Bürojob locken. Auch die Ausbeutung von Bodenschätzen (Erdgas!) und die damit verbundenen Profitinteressen strapazieren die Fähigkeit, an den Traditionen der Ahnen festzuhalten. Umbruch allerorten, ob nun in der UdSSR der 50er oder im Gazprom-Russland 2021. Mit diesen Widersprüchen befasst sich Nergakis faszinierender Text, der WeltWandel und Nostalgie, (Pseudo)Romantik und FleischNot gleichermaßen auslotet. Suff und ein aus unserer Sicht überkommenes (von der Autorin akzeptiertes, zumindest nie offen hinterfragtes) Frauenbild sind die Schattenseiten der naturverbundenen, -bezogenen und -verwurzelten (aber auch -abhängigen!) nenzischen Lebensweise. Es geht um Liebe in diesem Buch, darum, sich den Traditionen zu stellen, aber auch eigene Entscheidungen zu treffen, selbst gegen den Willen und die Erwartungen der Gemeinschaft. Weil die eigentlich Angebetete aber in die moderne Welt entflieht, willigt der junge Nenze Aljoschka in die von der Mutter arrangierte Ehe. Wie vor allem die Braut Aljoschkas wortlose Zurückweisung erträgt, wie sie frühmorgens still weinend und schicksalsergeben das Feuer im Zelt entfacht, das erzählt Nerkagi mit großer, poetischer WortKraft. Und ob so seltsame Sätze wie "Der heiße Fahrtwind fuhr ihm kräftig rauschend in die Ohren, kühlte aber seine Wangen nicht..." nun stilistische Eigenheit, nachlässige Übersetzung oder schusseliges Lektorat sind, ließe sich wohl nur anhand des russischen Originaltexts überprüfen. Auf jeden Fall dürfte dieser Einblick in eine uns sehr fremde Welt niemanden heiß-kalt lassen.
Weitere Infos: › www.verlagfaberundfaber.de/buch/63


Juni 2021
ANNA NERKAGI
BIRGIT FUß
CHRISTOF KNEER
ERICH FRIED
EVA PANTLEON
GÜNTHER ORTMANN
JANNE MOMMSEN
OLAF ARNDT
STEFAN KUTZENBERGER
THOMAS MEYER
TRACEY THORN
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