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TAME IMPALA

Der Träumer



Kevin Parker schreibt nicht einfach nur Songs - der 34-Jährige Australier inszeniert die perfekte Realitätsflucht: Musik zum Träumen und Selbsttherapieren. Für komplexgeplagte Nerds wie ihn selbst – und mit beeindruckendem Erfolg: Sein Projekt Tame Impala zählt zu den erfolgreichsten Rockbands der Gegenwart. Mit einem kunterbunten Hybrid, der an eine Playlist erinnert, auf wildem Experimentieren basiert bzw. auf der Bühne monumental inszeniert wird. Zudem ist Parker der Liebling der Pop-Elite: In den letzten Jahren hat er auf Produktionen von Rihanna, Kanye West, Lady Gaga und Mark Ronson mitgewirkt – und sein viertes Album ´The Slow Rush´ aufgenommen. Ein Werk, das ihn als ambitionierten Studiotüftler und Meister des Dream-Sounds zeigt. Denn: Keiner versetzt seine Hörer in schönere Träume als der Smoothie-Junkie from down under.

Kevin, wenn man die Berichterstattung in den Musikmedien verfolgt, könnte man meinen, du wärest der Retter oder der Messias der Rockmusik. Wie gehst du damit um?

„Oh Gott! Ich sehe mich nicht als Messias. Wenn ich so etwas höre, muss ich lachen. Und wisst ihr, wer noch mehr darüber lacht? – Meine Freunde. Die finden das saukomisch.“

Für dein neues Album ´The Slow Rush´ hast du fast fünf Jahre gebraucht. Wie kommt´s? Bist du so langsam?

„Es ist mir einfach wichtig, dass ich mir Zeit lassen kann. Wäre das nicht der Fall, also würde man mich zwingen, ein Album in einem Jahr hinzubekommen, wäre es nicht dasselbe – und garantiert nicht so gut. Ich meine, es ist lustig, aber je länger man an einem Album arbeitet, desto kleiner werden die Details, mit denen man sich befasst. Anfangs nimmt man noch große Passagen auf oder splittet sie auf. Mit der Zeit unternimmt man immer kleine Veränderungen - und findet kein Ende. Das geht so weit, dass man sich ewig mit der mittleren Frequenz des Tom-Toms im siebten Takt des vierten Songs aufhält. Von daher könnte ich wahrscheinlich ewig an einem Album basteln. Aber das will ich nicht. Ich schätze, dann würde ich wahnsinnig werden.“

Dann ist die Produktion eines Albums ein erschöpfender Prozess, der dir alles abverlangt? Bei dem du bis an deine Grenzen gehst – und vielleicht noch weiter?

„Ganz genau. Bei der Produktion meiner bisherigen Alben habe ich festgestellt, dass es ein Indiz dafür ist, ob ich da mein Herz und meine Seele hineingelegt habe. Sollte ich je ein Album machen, bei dem ich nicht kurz davor bin, verrückt zu werden, wäre das ein Zeichen, dass es eben nicht wirklich fertig ist.“

Wie kann man sich dich im Studio vorstellen – wie eine Art verrückter Professor im Klanglabor?

„(kichert) Oh, ich liebe es, mit Sachen herumzuspielen, immer neue Elemente hinzuzufügen, verrückte Effekte einzusetzen und so etwas wie schizophrene Musik zu kreieren. Musik, die unglaublich dicht ist und bei der hundert Sachen gleichzeitig passieren. Nur: Angesichts der Tatsache, dass ich ja der einzige bin, der daran arbeitet und das auch schon mal zwei Jahre am Stück, läuft man auch mal Gefahr, es zu übertreiben und einfach immer weiter zu machen. Ich spiele zum Beispiel wahnsinnig gerne mit ausgefallenen Samplern. Auf diesem Album verwende ich einen, in den man alles einspeichern und anschließend auf den Tasten eines Keyboards wiedergeben kann. Ich habe die Formulierung „one more year“ aufgenommen, die ich dann in verschiedenen Geschwindigkeiten und Tonhöhen abrufe. Das ist der Auftakt zum Album. Was wie ein verrückter digitaler Roboter-Chor anmutet, bin einfach nur ich, der sagte: „One more year.“

Und wenn dir mal nichts einfällt, dann schläft du einfach zu einem Endlos-Loop oder Beat - stimmt das?

„Da war ich tot müde, wollte aber unbedingt an dem Song weiterarbeiten. Also habe ich ihn auf Endloswiederholung gestellt – und mich im selben Raum zum Schlafen gelegt. Als ich morgens aufwachte, lief er immer noch – und ich hatte plötzlich die fehlenden Melodien im Kopf. Insofern scheint der Trick zu funktionieren.“

Das Album heißt ´The Slow Rush´. Eine Anspielung auf dein scheinbar komplexes Verhältnis zur Zeit? Inwiefern?

„Stimmt! Die Zeit vergeht unglaublich schnell – aber nur, wenn man ihr keine Aufmerksamkeit schenkt. Es hat ein bisschen was davon, als wäre sie der Igel und wir der Hase. Im Grunde sollten wir in der Lage sein, sie locker zu schlagen. Zumal wir so viel davon haben - und binnen einer Woche so viel erreichen können. Aber dann lassen wir uns ablenken und schon ist eine neue Woche angebrochen. Wo ist die andere geblieben? Wohin sind die sieben Tage verschwunden? Es ist, als ob die Zeit rasend schnell verrinnt, ohne dass man es wirklich bemerkt. Nur, wenn man auf die Uhr starrt, bewegt sie sich ganz langsam. Aber irgendwie lassen wir uns immer ablenken und sie trickst uns regelrecht aus. Was ich für eine wunderbare Sache halte.“

Musikalisch klingst du auf jedem Album anders. ´The Slow Rush´ ist zum Beispiel sehr minimalistisch. Ist die permanente Neuerfindung Teil des Konzepts?

„Da ist dieser Teil von mir, der gegen alles rebelliert, was mir von außen angetragen wird. Oder von dem ich denke, dass es von mir erwartet wird. Deswegen handhabe ich es schon seit meiner Kindheit so: Wenn man mir etwas vorschreiben will, tue ich prinzipiell das Gegenteil.“

Zuletzt hast du verstärkt mit Pop-Ikonen wie Lady Gaga, Mark Ronson oder Rihanna gearbeitet. Was fasziniert dich an diesen Künstlern, die eigentlich wenig mit dir zu tun haben?

„Schon, aber das ist ein tolles Gefühl – ein ganz anderes, als ich es kenne. Als Songwriter und Produzent bin ich eher ein Einzelgänger. Und ich habe auch noch nie wirklich Musik mit einer Band entwickelt. Lady Gaga war die erste Person, mit der ich mir das Schreiben von Texten geteilt habe. Insofern gilt: Je mehr sich eine Kooperation von dem unterscheidet, was ich normalerweise tue, desto interessanter finde ich sie. Eine Zeitlang war es ein regelrechter Traum von mir, Musik mit Popkünstlern zu schreiben. Einfach, weil das nach einer umwerfenden Erfahrung klingt. Und mit Mark Ronson befreundet zu sein, hat mir die entsprechenden Türen geöffnet.“

Nebenbei unterhältst du Nebenprojekte wie AAA Aardvark Getdown Services, Mink Mussel Creek, Space Lime Peacock und Kevin Spacey. Wie viele Bands braucht Kevin Parker?

„Einige davon sind schon so etwas wie Langzeitprojekte. Während andere nur für einen Tag existierten - zum Beispiel Kevin Spacey. Es geht einfach darum, seine unterschiedlichen Gelüste auszuleben. Denn ich habe einen sehr breitgefächerten Musikgeschmack und ich hasse die Idee, all meine Eier in einen einzigen Korb zu legen und nur eine Band zu haben, in der meine Rolle oder mein Stil fest definiert sind. Das scheint mir, als würde ich so viel anderes unterdrücken, so viel Potential verschwenden und auf so viel Spaß verzichten, den ich eigentlich haben könnte.”

Ist Spaß auch der Schlüssel zu deiner orgiastischen Bühnenshow?

„Na ja, wer je im Konfettiregen gestanden oder eine richtige Lasershow erlebt hat, weiß, wie toll das sein kann. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob wir ewig damit weitermachen werden, aber im Kontext meiner Musik habe ich schon das Gefühl, dass es dazu beiträgt, den Leuten ein Erlebnis zu bescheren, das sie eben nicht jeden Tag haben. Das eine wunderbare visuelle Ergänzung darstellt. Klar, könnte man unsere Musik sicherlich auch ohne diese Dinge genießen, aber wenn sie das Ganze besser machen und dafür sorgen, dass die Leute komplett ausrasten, fahre ich sie gerne auf. Hinzu kommt, dass die Bühnenshow permanent besser wird. Sie entwickelt sich ständig weiter und ist immer verrückter.“

Du hast mal Technik und Astronomie studiert. Wäre das Plan B gewesen – also, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

„Ganz ehrlich? Das Studium war eine schreckliche Idee. Obwohl: In Astronomie habe ich zumindest ein bisschen Talent gezeigt, denn das war eines meiner Hobbies. Eine Sache, die ich geliebt habe. Aber ich habe das Studium geschmissen, als mich die Plattenfirma anrief. Ich hatte noch eine Examensprüfung, für die ich jedoch nicht wirklich gelernt habe, weil ich halt nur noch an die Musik dachte. Und ich ging extra langsam zum Prüfungssaal - in der Hoffnung, dass der erlösende Anruf kommen würde. Es waren nur noch wenige Meter bis zu dem Raum, wo ich mein Telefon hätte ausschalten müssen, als es wirklich klingelte. Es war das Label - mit einem Angebot. Also drehte ich mich um, stieg in mein Auto, fuhr nach Hause und träumte davon, ein Rockstar zu werden. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte… (lacht)“

Aktuelles Album: The Slow Rush (Fiction / Caroline) VÖ: 14.02.

Foto: Neil Krug

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