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NATHAN GRAY

Voll in der Spur

NATHAN GRAY

Nathan Gray hat den Glauben daran wieder gewonnen, dass das Leben ein Sammelsurium freudiger Ereignisse sein kann. Und er ist gewillt, uns alle ebenso davon zu überzeugen. Freude hat er seinen Zuhörern in der Vergangenheit immer wieder bereitet, besonders mit seinen Bands Boysetsfire, I Am Heresy und The Casting Out. Aber genau so oft ließ er, auch in seinen Solo-Veröffentlichungen, die seit 2015 in immer wieder neuem Gewand erschienen und nun ihre endgültige Form erlangt zu haben scheinen, seine dunkle Seite durchblitzen. Inwiefern diese für ihn noch relevant ist, vor allem aber über sein neues Album ´Working Title´ plauderte er am Telefon spürbar gern.

Darauf angesprochen, inwiefern Musik überhaupt in der Lage ist, Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, holt der Mann, der vor allem seit dem Solo-Vorgänger ´Feral Hymns´ an seiner Selbstheilung arbeitet, gehörig aus.

„Das große Ziel aller Musiker ist es, den Leuten ein bestimmtes Gefühl zu geben. Aber ich glaube sogar, man kann mehr bewirken. Vielleicht schafft man es, den Leuten mit seiner Musik ein Freund zu sein, so dass sie sich weniger allein fühlen. Du kannst den ganzen Tag über Politik oder über soziale Themen reden, aber wenn niemand sich dir verbunden fühlt, wirst du ihn mit deiner Meinung auch nicht erreichen. Ich will einfach, dass meine Zuhörer sagen: ,Hey, in diesen Songs geht es ja scheinbar um mich!´ Grund dafür, dass viele schlimme Dinge auf der Welt passieren, ist, dass sich immer mehr Menschen nicht verstanden und einsam fühlen. Es ist enorm wichtig, diesen Leuten Halt zu geben.“

Die Songs auf dem neuen Album hat er deshalb auf spezielle Weise ausgesucht und in einer nicht ganz zufälligen Folge angeordnet:

„Ich wollte eine positive Message, die aber nicht überzogen oder kitschig wirken sollte. Positiv zu sein, heißt nicht, das Negative komplett auszublenden. Wenn du den Kontrast zwischen Gut und Böse unterstreichst und den Leuten ein realistisches Bild bietest, ist das einfach ehrlicher. Du kannst mit Songs unterschiedlicher Stimmungen die Zuhörer erfahren lassen, dass eine Veränderung wirklich möglich ist.“

Und das Rezept geht auf. Wer den 13 Songs auf ´Working Title“ aufmerksam folgt, der begleitet Nathan auf einer Reise durch sein eigenes Leben. Nach einem lang anhaltenden Tal sieht es so aus, als ginge es darin wieder stetig bergauf.

„Für einige nicht neu: lange Zeit litt ich an Depressionen und musste mich den Dingen stellen, die in meiner Vergangenheit passiert sind und die ich lange verschwiegen hatte. Den sexuellen Missbrauch in der Kirche, der mir als Junge widerfuhr, habe ich bis zum Album ´Feral Hymns´ nicht verarbeiten können. Stattdessen verschloss mich dem Geschehenen immer mehr. Erst die Tour mit diesem Album brachte mich wieder auf den richtigen Weg und jetzt kann ich ihn weitergehen. Der Kontakt zu den Menschen, die ihre Geschichten mit mir teilten, zeigte mir, wie wichtig meine Musik für mich und andere sein kann.“

Gemeinschaft spielt eine zentrale Rolle für den Mann, der es lange als Einzelkämpfer versucht hat .

„Ich mache auch weiterhin gern Dinge auf eigene Faust, aber für das, was ich den Leuten mitteilen möchte, brauchte ich oft einen breiter angelegten Sound. Da mussten einfach Musiker-Kollegen her, um das umzusetzen, was sich in meinem Kopf abspielte. Alleine hätte ich das niemals geschafft.“

Viel Unterstützung findet er natürlich auch bei seinen Jungs von Boysetsfire und den regelmäßigen Family First Konzerten in Köln. Auch diesmal war es zum Jahresende wieder so weit und Musiker wie Zuschauer hatten eine tolle Zeit.

„Boysetsfire und meine Solokarriere sind zwei unterschiedliche Dinge, die sich prima ergänzen und auf ihre Art wichtig für mich sind. Aber während in der Band Demokratie und gemeinsame Beschlüsse über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, bin ich solo verantwortlich für wirklich alles. BSF ist ein Hobby und mein Full-Time-Job ist Ich-Sein. Etwas besseres könnte ich mir nicht vorstellen.“

Es sieht tatsächlich aus, als hätte Nathan Gray seine Erfüllung gefunden. Von den extravaganten Auftrittsorten wie Kirchen und Höhlen geht es in Kürze wieder in die Clubs, aber wo kann man sich auch näher sein als dort?

Aktuelles Album: Working Title (End Hit Records)

Foto: Becky Fontaine

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