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JULIA JACKLIN

Zurück zur Freude

JULIA JACKLIN

Sanft, emotional und echt: Nach einer ausgiebigen Schaffenspause abseits des Rampenlichts meldet sich Julia Jacklin mit ihrem beeindruckenden vierten Soloalbum zurück. Auf "The Gem" fasziniert die australische Singer-Songwriterin mit einem intimen Porträt voller Widersprüche zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, getragen von einem facettenreichen Sound jenseits ihrer Indie-Folk-Ursprünge und ihrer gewohnt schonungslosen Ehrlichkeit. Ende Februar 2027 ist sie zudem live in Hamburg und Berlin zu erleben.

Seit über einem Jahrzehnt gehört Julia Jacklin nun schon zu den spannendsten Stimmen der Indie-Welt. Doch es sind nicht allein ihre manchmal herrlich eigensinnigen, aber stets großartigen Platten – ihr 2016er-Debüt "Don't Let The Kids Win", ihr heimliches Meisterwerk "Crushing" von 2019 oder ihr letztes Werk "Pre-Pleasure" aus dem Jahre 2022 –, die dafür sorgen, dass die heute 36-jährige Australierin sofort aus der Vielzahl ähnlich inspirierter Künstlerinnen und Künstler heraussticht.

Anders als viele andere Acts ihrer Generation, die bedenkenlos gute Miene zum bösen Spiel machen, um einen Hype für ihre neuen Platten herbeizureden, legt Jacklin die gleiche unumwundene Ehrlichkeit, mit der sie seit mehr als einem Jahrzehnt als Songwriterin begeistert, auch bei ihren Gesprächen mit der Presse zu ihrem neuen Album "The Gem" an den Tag. Dabei wird schnell klar, dass sich ihr gespaltenes Verhältnis zum Musikmachen als Broterwerb über die Jahre nicht grundlegend gewandelt hat.

"Musik war für mich als Kind, als Teenager und mit Anfang 20 alles, und manchmal glaube ich, dass ich mich mehr mit meiner Rolle als Musikliebhaberin und Zuhörerin identifiziere als mit der als Musikerin", verrät sie im WESTZEIT-Interview. "Aus diesem Grund kann es sich manchmal seltsam anfühlen, dass ich beruflich Musik mache. Aber ich bin froh, dass ich gerade eine ziemlich lange Pause hatte, die größtenteils fern der Branche stattgefunden hat. Ich konnte mich eine Zeit lang davon distanzieren, und das hat mich daran erinnert, dass ich Musik wirklich liebe. Es wird einfach immer dann kompliziert, wenn man das beruflich macht."

Das liegt auch daran, dass es ihr nie darum gegangen ist, Ruhm und Bekanntheit nachzujagen.

"Ich glaube, dass mich die Tatsache, meinen Lebensunterhalt mit der Musik zu verdienen, als Mensch verändert hat, denn von Natur aus bin ich eigentlich niemand, der so sehr in der Öffentlichkeit steht. Eigentlich würde ich wohl eher ein zurückgezogenes Leben führen. Die Entscheidung, die Musik zu meinem Beruf zu machen, hat mich also dazu gezwungen, mich an ein Umfeld anzupassen, das meinem natürlichen Wesen eigentlich nicht entspricht. Ich glaube, das hat mich tatsächlich verändert – mal zum Besseren, mal zum Schlechteren!"

Nicht zuletzt deshalb zog sich Jacklin nach dem Ende der Tournee zu ihrem letzten Album erst einmal komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Das fiel ihr nicht zuletzt deshalb leicht, weil sie nicht an eine Plattenfirma oder ein Management gebunden war.

"Zum ersten Mal seit meinen Anfängen hatte ich plötzlich einen großen Zeitraum ohne Erwartungen aus der Branche und niemanden, der mich fragte, was gerade passiert", erinnert sie sich. "Das war befreiend und beängstigend zugleich."

Die Zeit nutzte Jacklin nicht nur, um zu sich selbst zu finden, sondern auch, um Pläne für ihren nächsten künstlerischen Schritt zu schmieden. Dazu gehörte auch, erstmals eine LP in ihrer Wahlheimat Melbourne aufzunehmen. Als sie 2017 in die Metropole in Victoria gezogen war, entdeckte sie eine kleine Kneipe namens "The Gem", wo sie schnell ein Umfeld fand, das ihr das Ankommen in der neuen Stadt erleichterte.

Zufälligerweise gab es gleich über "The Gem" auch ein kleines Tonstudio. Genau dort, in den von Robert Muinos betriebenen Rat Shack Studios, entstand nun Jacklins vierte LP. Mit alten Weggefährten wie Jacob Diamond (Gitarre), Mimi Gilbert (Bass) und Jess Elwood (Schlagzeug) an ihrer Seite wollte Jacklin die Songs für "The Gem" eigentlich wie immer in kurzer Zeit einspielen.

"Ich dachte, ich hätte das Album ein Jahr früher fertiggestellt", lässt sie sich in den Pressematerialien zitieren. "Es war gemixt, gemastert, wir hatten eine Listening-Party, wir haben gefeiert. Und zwei Tage später dachte ich: Es ist noch nicht fertig. Mir wurde klar, dass ich einige Dinge noch nicht verarbeitet hatte. Ich wollte etwas beweisen – und man konnte das in der Musik hören. Ich traf Entscheidungen mit dem Gedanken: Das wird bestimmt jemandem gefallen, oder? – ohne dass ich selbst wirklich dahinterstand."

Jacklin verwarf die Aufnahmen und begann, in monatelanger Detailarbeit eine Platte zu erschaffen, die gänzlich ihren eigenen Ansprüchen genügt, ohne sich dem Diktat des Marktes zu unterwerfen. Gleichzeitig war es Jacklin wichtig, den Spaß am Musikmachen wiederzufinden und den eigenen Musikgeschmack als Kompass zu benutzen.

"Für mich als Individuum ist es wichtig, dass ich Freude an der Arbeit habe", bestätigt sie. "Was man tut, sollte tatsächlich eine bereichernde menschliche Erfahrung sein, und die Musik sollte am Ende nur ein Bonus zu einem wirklich coolen Erlebnis sein – Zeit, die man mit Freunden verbringt, Zeit, die man mit anderen Menschen verbringt, um etwas zu erschaffen. Ich glaube, dass ich das dieses Mal tatsächlich erreicht habe, und auch das macht mich ein bisschen stolz."

Songs wie "Real Life" mit seinen Lo-Fi-Vibes und Beats aus der Dose oder "Brand New", das die LP eröffnet, wurden in diesem Prozess völlig neu gedacht. Dass die letztere Nummer mit der Zeile "I'm free, now let me be brand new" aufwartet, gibt gleich zu Beginn des Albums die Richtung vor. Entstanden ist dabei ein Album, das vom ersten Ton an als Julia-Jacklin-Werk zu erkennen ist, dessen bemerkenswerte stilistische Bandbreite aber deutlich macht, dass Jacklin kein Interesse daran hat, bei den Ideen früherer Großtaten zu verharren.

So gibt es mit "I Wish" eine leise Folk-Nummer gemeinsam mit Elise und Maggie Rigby von der Band The Maes, einen Jangle-Pop-Ohrwurm in Form von "Get Away From Me (I Think I’ll Love You Soon)" oder eine sechs Minuten lang praktisch wie in Zeitlupe anschwellende Großtat wie "Walk On", die mit zu den beeindruckendsten Nummern des Albums gehört.

Textlich derweil kreisen die Songs um Dinge, die Jacklin schon lange beschäftigen. "Ich möchte lieben und geliebt werden, aber ich möchte mich auch frei fühlen. Die Spannung zwischen diesen beiden Dingen war die zentrale Frage meines Lebens", sagt sie, und genau diese Gedanken finden sich auch in den Lyrics der neuen Lieder wieder.

Wegen seiner spürbaren Neuausrichtung ist "The Gem" an anderer Stelle bereits als "Eine Art von Wiedergeburt" gefeiert worden, doch wer glaubt, dass sich Jacklin darüber freut, liegt voll daneben.

"Ich mag es nicht, das so auszudrücken, denn ich finde, das ist eine ziemlich platte Art, ein Album zu verkaufen", gesteht sie lachend. "Bei jeder neuen Platte, die erscheint, muss man eine bestimmte Sprache verwenden, um sie als etwas Neues zu beschreiben. Aber mich wirst du niemals sagen hören: 'Das ist die beste Platte, die ich je gemacht habe', oder: 'Noch nie steckte in einem Album so viel von mir drin!' Vielleicht empfinde ich das sogar so, aber wichtiger ist mir, auf lange Sicht am Ball zu bleiben. Ich will einfach weiter Alben machen."



Aktuelles Album: The Gem (4AD/Beggars Group/Indigo)



Weitere Infos: https://www.juliajacklin.com Foto: James J. Robinson

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