
Jess Williamson kommt nicht von Los Angeles los. Das ist jedenfalls eines der Themen, mit denen die heutzutage zwischen der Mega City und ihrer Heimat im texanischen Marfa pendelt auf ihrer neuen Scheibe „A Mile South Of Heaven“ aufgreift. Wenn auch im übertragenen Sinne, denn eigentlich geht es um die Frage, wo Jess Williamson eigentlich hingehört. Die Sache ist dabei die, dass die Songs von Jess Williamson selten von nur einer Sache handeln – und aus verschiedensten Quellen gespeist werden. Jess Williamson ist beispielsweise als Literatur-Fan bekannt. In ihren Insta-Stories gibt es immer wieder Hinweise auf Bücher, die sie gerade liest (zuletzt etwa Joan Didion oder Larry McMurty). Verwendet sie diese Bücher vielleicht auch als Inspirationsquelle für ihre Songs – obwohl die meisten davon erkennbar autobiographisch angelegt scheinen. Jess: Na ja, mich inspirieren schon eine Menge der Sachen, die ich lese. Das prägt – gewissermaßen – das Verständnis meines eigenen Lebens. Joan Didion hat zum Beispiel diesen Aufsatz namens ‚Goodbye To All That‘ geschrieben, als die New York City hinter sich gelassen hat. Das hatte ich schon vor Jahren gelesen und immer gemocht. Als ich dann mit dem Gedanken spielte, L.A. zu verlassen, hatte ich mir vorgenommen, mein ‚Goodbye To All That‘ zu schreiben und mein Essay darüber, wie ich L.A. verließ in einen Song zu packen. Die Idee, eine Art Abschied von einer Stadt zu verfassen, war also von Joan Didion inspiriert. Aber der Song und der Text schildern dann meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen.
"Na ja, mich inspirieren schon eine Menge der Sachen, die ich lese. Das prägt – gewissermaßen – das Verständnis meines eigenen Lebens. Joan Didion hat zum Beispiel diesen Aufsatz namens ‚Goodbye To All That‘ geschrieben, als die New York City hinter sich gelassen hat. Das hatte ich schon vor Jahren gelesen und immer gemocht. Als ich dann mit dem Gedanken spielte, L.A. zu verlassen, hatte ich mir vorgenommen, mein ‚Goodbye To All That‘ zu schreiben und mein Essay darüber, wie ich L.A. verließ in einen Song zu packen. Die Idee, eine Art Abschied von einer Stadt zu verfassen, war also von Joan Didion inspiriert. Aber der Song und der Text schildern dann meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen."Nun hat die Sache, L.A. zu verlassen dann ja so recht gar nicht geklappt.
"Also ich war mir eine lange Zeit ziemlich sicher, dass ich L.A. endgültig verlassen würde und nach Texas zurück ziehen wollte. Aber indem ich diesen Song geschrieben hatte, wollte ich gar nicht mehr weg. Ich wollte L.A. also doch noch nicht aufgeben."
Was ist denn so faszinierend an L.A.?
"Los Angeles ist irgendwie auch ein spiritueller Ort. Das wissen nicht so viele Leute, aber das ist hier ein Land der Suchenden. Ich bin jetzt 10 Jahre dort und habe festgestellt, dass die Leute da auf eine sehr angenehme Weise spirituell sind. Diese Erfahrung war für mich gut, weil meine Idee von Spiritualität immer sehr an die Idee der Religion gebunden war bevor ich Texas verlassen hatte. Damit konnte ich mich aber nicht identifizieren. Aber indem ich nach Los Angeles kam, hat sich mein Verständnis einer höheren Kraft doch sehr geändert. Es geht gar nicht um einen bestimmten Gott oder eine bestimmte Schachtel, in die man das Konzept packt – und das war wirklich gut für mich, das herauszufinden."
Während Jess auf ihren letzten beiden Alben „Sorceress“ und „Time Ain’t Accidental“ mit Pop-Strukturen, Keyboard Sounds und produktionstechnischen Effekten experimentierte, kehrt sie mit dem neuen Werk wieder zu ihren Roots als Songwriterin zurück und legte das ganze Album als klassisches Country-Projekt an – mit dem organischen, warmen Old-School-Sound der 70er Jahre, aber ohne Nashville-Kitsch. Was hat zu der musikalischen „Reinheit“ dieses neuen Albums geführt?
"Ich denke, es war eine Kombination aus den Songs selbst und der Überlegung, was dem Song am besten dienen würde, als ihn schrieb. Und dann hing das auch noch davon ab, mit wem ich zusammenarbeiten wollte. Ich wollte das Album nämlich unbedingt mit Shooter Jennings machen. Ich mag seine Arbeit und habe ihn in seinem Studio besucht, wo wir uns stundenlang über Musik unterhalten haben. Er mochte meine Songs und ich habe intuitiv gespürt, dass er die richtige Person für dieses Album wäre."
Shooter Jennings ist ja bekanntlich der Sohn des verstorbenen Outlaw Country Helden Waylon Jennings. Und obwohl er sich bei seinen eigenen Alben auch mal in Richtung Rock und/oder Psychedelia orientiert, darf davon ausgegangen werden, dass er sich mit Country-Sounds bestens auskennt.
"Genau. Als wir uns unterhielten, stellten wir fest, dass wir oft dieselben Referenzen verwendeten. Ich war dann offen dafür mal zu sehen, was wir zusammen machen könnten. Ich war auch offen dafür, mal etwas auszuprobieren, was ein bisschen neu für mich war. Als ich also das Album mit Shooter machte, sind wir die Sache auf eine Weise angegangen, die ich selber seit meinen frühsten, selbst aufgelegten Alben („Native State“ und „Heart Song“ nicht mehr in Anspruch genommen hatte. Als wir das Album nämlich einspielten, waren alle Musiker mit ihren Instrumenten in einem Raum mit analogem Equipment in dem Sunset-Studio 3 – kennst Du das – das nennen die Leute den „Prince-Raum“, weil Prince dort in den 80ern gearbeitet hat. Man sagt, er habe dort sogar ein Bett gehabt und dort 5 Jahre gelebt. Er hat dort „Purple Rain“ aufgenommen. Shooter hat mir eine Tour gegeben und mich dort herumgeführt. Da meinte er dann – das ist das Klavier, dass Du auf ‚After The Gold Rush‘ hörst und das ist die Bar, die Prince eingebaut hat – und lauter solche Sachen. Es gibt dort viel altes Vintage Equipment. Das Mikrophon in das ich gesungen habe, stammte aus den 1950ern, der Hall in dem Studio wird tatsächlich in einer Kammer – einem eigenen Raum mit Mikrophon – erzeugt und natürlich gibt es ein altes Mischpult. So entstand automatisch dieser warme, organische Sound."
Und es klingt ja auch cool. Ist es denn nicht auch so, dass diese Art von Musik und diese Art, die Songs aufzunehmen die beste Methode darstellt, um Geschichten zu erzählen?
"Jaaa – das ist ein guter Punkt. Ich meine, dass diese Songs meine stärksten bisher geworden sind. Und tatsächlich geht es hier um viele Geschichten die ich erzähle – auch wenn nicht alle Songs nur von einem Thema handeln und ich mehrere Geschichten miteinander verwebe."
Selbst der Titel des Albums „A Mile South Of Heaven“ scheint ja schon eine kleine Geschichte zu erzählen.
"Ja in der Tat. Ich hatte dieses Bild im Kopf, wie ich den Highway entlang fahre. Bei uns in den Staaten gibt es diese Schilder, die Dir sagen, wie weit es noch bis zu Deinem Ziel ist – ich vermute, das ist bei euch ähnlich. Da steht dann drauf, dass es noch 50 Meilen oder 100 Kilometer bei euch sind. Meine Idee war nun, dass wir Richtung Himmel fahren und die Schilder uns eben sagen, wie weit es noch bis zum Himmel ist. Der Abstand wird dann von Schild zu Schild immer kürzer. Aber als es dann noch 1 Meile bis zum Himmel ist, wiederholen sich diese Schilder immer wieder und jedes weitere zeigt wieder eine Meile an – weil man den Himmel tatsächlich niemals erreichen kann. Früher hatte ich immer gedacht, dass ich ein bestimmtes Ziel anstreben müsse, um im Leben etwas zu erreichen. Irgendwann wurde mir aber klar, dass es dieses Ziel, dass ich anstrebte, gar nicht gab. Es gibt keine Zielgerade für mich. Im Grunde geht es darum, mein Leben dem Dasein als Künstlerin zu widmen und meine Kreativität und mein Songwriting zu verbessern und vielleicht neue Dinge auszuprobieren. Das wollte ich mit dem Titel zum Ausdruck bringen – und das ist auch der Grund, warum ich das Album auf eine Art aufnehmen wollte, die für mich ein wenig neu ist."
Zur Zeit befindet sich Jess Williamson auf Tour in den USA. Sie erklärte aber, dass sie mit dem neuen Album auch in Europa kommen wolle. Wollen wir mal schauen – das wird aber wohl dann erst im nächsten Jahr der Fall sein.
Aktuelles Album: One Mile South Of Heaven (New West Records) VÖ: 16.10.
Weitere Infos: https://www.jesswilliamson.com

