
Das niederländische Quintett Tramhaus hat gewissermaßen die besondere Verantwortung, die Ästhetik des Postpunk performerisch und musikalisch weiterzuentwickeln – denn die Band kommt aus Rotterdam; wo sich seit einiger Zeit schon die Keimzelle der niederländischen Indie-Rock-Szene befindet. Neben Acts wie Lewsberg, Elephant, Rats On Raft oder Texoprint gehören auch Tramhaus seit der Gründung 2020 zu dieser Bewegung. Dieser Tage legen Tramhaus mit „Blisters“ das zweite Album vor, dass die Band noch mal eine Spur härter zeigt, als auf dem Debütalbum „The First Exit“. Dafür zeigen sich Tramhaus aber songwriterisch und strukturell sehr viel aufgeschlossener und geben auch performerisch souveräner – was kein Wunder ist, denn insbesondere als Live-Band haben sich Tramhaus in den letzten Jahren einen Namen als tighte Einheit gemacht, die ihre Fähigkeiten immer weiter entwickelt hat. Wir unterhielten uns mit Frontmann Lukas Jansen und Gitarristin Nadya van Osnabrugge über die Philosophie der Band und die Hintergründe des neuen Albums.
Der erste Track heißt „Plovdiv“ – aber warum? „Plovdiv ist eine Stadt in Bulgarien“, erklärt Lukas, „als wir letztes Jahr auf Tour waren und einen Tag frei hatten, sind wir dort in einen Proberaum gegangen, um mal zu checken, ob wir nicht einen neuen Song schreiben könnten – und das ist dann Plovdiv geworden. Das haben wir spontan entschieden und den Song dann als Ode an diese Stadt gestaltet.“ Darauf hätte man wohl kaum können, denn in dem Song geht es darum, dass Lukas als Erzähler sich in einer orientierungslosen Situation seinen Instinkt verloren hat und seinem Bauchgefühl folgend nach einem Licht im Nebel sucht und dabei über Stolz, Erinnerungen und bedingungslose Liebe sinniert. Das bringt uns zu der Frage, worüber Tramhaus überhaupt singen und welche Funktion die Texte haben mögen. Denn insbesondere auf der Bühne ist der Scream-Faktor ja schon sehr hoch. „Das ist aber eine schwierige Frage“, überlegt Lukas, „für mich geht es definitiv gar nicht um das Schreien, weil wir die Emotionalität brauchen, um die Songs überhaupt spielen zu können, damit die Sache für uns selbst bedeutungsvoll bleibt. Ansonsten albert man ja nur herum und wird es schnell leid. Für uns verleihen die Lyrics den Songs erst Gewicht – und das hält die Sache frisch. Beispielsweise ist man ja manchmal müde, wenn man nachStunden Fahrt auf die Bühne muss. Ich kann mich dann aber in die Stimmung der Texte und deren Bedeutung für mich hineinversetzen, wenn wir spielen.“ Das ist ja auch eine gute Methode, sich selbst zu motivieren. „Ja, aber ich denke, das ist besonders für Dich so, dass Du so empfindest“, ergänzt Nadya indem sie sich an Lukas wendet, „weil ich diese Energie dann über meine Gitarren-Parts gewinnen kann. Für mich sind Deine Texte und wie Du sie singst oder schreist so wie meine Gitarren-Parts für mich.“ Das ergänzt sich dann ja irgendwie, oder? „Genau“, meint Nadya, „manchmal wenn wir auf der Bühne stehen, dann vergessen wir, dass wir spielen. Wenn wir unsere Songs schreiben, dann kommen die Texte meistens zuletzt. Wir haben dann eher eine Melodie im Kopf und dann verändern ich oder Micha, unsere unsere Gitarrenparts so, dass sie sich angleichen und darauf passt Lukas dann die Texte so an, das sie die Gitarren- oder Bass-Parts ergänzen.“ Was bedeutet denn der Titel des Albums um welche Art von Blasen geht es dabei? „Aaaaalso“, holt Lukas aus, „wir haben uns – jeder für sich – die Texte angeschaut und jeder kam dann mit Vorschlägen für den Titel an den Tisch. Unsere Bassistin Julia hat dann gesagt: 'Es wird aber viel gerannt auf dieser Scheibe' – und dann hatten wir die Idee das Album 'Blisters' zu nennen.“ „Wir hatten ja auch Blasen an den Fingern von dem vielen Spielen“, wirft Nadya ein. „Ja, aber hauptsächlich geht es um Bewegung, um Rennen, um die Flucht vor irgend etwas“, fügt Lukas hinzu, „also ist 'Blisters' ein ziemlich passender Begriff. Was denkst Du übrigens ist denn auf dem Cover-Motiv zu sehen?“ Nun – 'Blasen' etwa? Oder Eiscreme? Verformte Körperteile? „Es soll offen für Interpretationen sein – aber ich denke, es symbolisiert den inneren Kampf, den wir mit Bezug auf diese Scheibe auszufechten hatten“, meint Nadya und Lukas ergänzt: „Es gibt da diese Folie, die man auf Fenster kleben kann und die auch reflektiert. Unser kreativer Partner hat diese Folie verformt und dann ein Foto davon aufgenommen, auf dem das Motive dann verformt zu sehen ist. Das ist der psychedelische Effekt, den das Bild erzeugt.“ Tramhaus als organisch operierende Live Band braucht sich ja vor der AI-Welle in der Musik nicht so viele Gedanken zu machen. Aber wie sehen Lukas und Nadya denn die musikalische Zukunft ihrer Band? „Nun ich bin sowieso gegen die AI“, erklärt Nadya, „ich denke aber nicht, dass die AI für uns gefährlich werden kann, weil sie nie das machen können wird, was wir auf der Bühne machen. Aber Ambient-Künstler etwa sind aufgeschmissen, weil deren Arbeit einfach zu replizieren ist.“ „Ich denke wir werden erst mal viele weitere Shows spielen“, ergänzt Lukas, „größere Shows wären schön, „ich habe schon darüber nachgedacht, was wir musikalisch als nächstes machen werden – weil ich mich schon wieder in einer kreativen Bestimmung befinde. Es ist aber schwer zu sagen. Wir müssen ja erst mal die Veröffentlichung dieser Scheibe verarbeiten und dann auch Zeit finden, wieder Songs zu schreiben.“ „Ich denke wir könnten uns in zwei Richtungen weiterentwickeln“, überlegt Nadya, „das zweite Album ist ja heftiger als das erste. Die Sounds sind auch mehr Hardcore. Wir könnten diese Richtung also noch ausbauen – oder aber wir machen das Gegenteil, treten einen Schritt zurück und werden softer.“ Dabei lächelt sie allerdings rätselhaft. Vermutlich steht dann eher Option „A“ an. Wie dem auch sei: Auf der Bühne werden Tramhaus sicherlich auch in der Zukunft keine Bremsen anlegen.
Aktuelles Album: Blister (Siluh Records) VÖ: 09.10.
Weitere Infos: https://tramhaus.com

