
Es ging ja so ein bisschen hin und her mit dem österreichischen Bandprojekt Endless Wellness: Gegründet wurde die Band 2021, wo sich die Salzburger Freunde Philipp Auer, Adele Ischia und Milena Klein sowie Hjörtur Hjörleifsson zusammen fanden, um als Endless Wellness einen verschrobenen Indie-Rock-Pop-Folk-Mix zu veranstalten. 2024 erschien das – noch etwas ungehobelte – Debütalbum „Was für ein Glück“. Hjörtur, der für dieses Projekt zuvor sogar die Band Oehl verlassen hatte, bei der er zuvor mitgemacht hatte, verließ die Band dann 2025 wieder – doch dafür kam Drummer Patrick „Pata“ Huter als festes Mitglied hinzu, so dass Endless Wellness ihr nun vorliegendes zweites Album „Domino Days“ als Quartett präsentieren können. Wie auf dem ersten Album geht es auch hier musikalisch ziemlich munter zu – was daran liegt, dass Endless Wellness eher kollaborativ agieren und jeder seine Ideen einbringen kann – ohne dass es ein festes Format gäbe. Aber lassen wir doch mal die Band zu Wort kommen.
Was hat sich denn geändert, seit dem ersten Album?Adele: "Ich glaube wir sind ein wenig mehr aufeinander zugewachsen. Wir kommen musikalisch ja aus recht unterschiedlichen Richtungen. Das macht den Songwriting-Prozess zwar herausfordernd aber auch extrem bereichernd. Ich habe das Gefühl, dass wir irgendwie jetzt eine gemeinsame Mitte gefunden haben. Für mich fühlt sich das Album deswegen homogener an."
Werden denn die Songs gemeinsam erarbeitet?
Philipp: "Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt nämlich unterschiedliche Stadien, wie weit ein Song ist. Es war sehr neu für uns, dass einige Songs schon sehr früh in die Gruppe getragen wurden und dann gemeinsam gebaut worden sind. ‚Happy As You Know It‘ ist zum Beispiel so ein Song – und der fühlt sich auch so an. An den Song habe ich sehr lang gar nicht geglaubt – und jetzt ist er einer meiner liebsten."
Viele der Songs klingen dann auch so, als seien sie aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt.
Adele: "Da beziehst Du Dich vermutlich auf die B-Seite des Albums. Da weiß man nämlich manchmal nicht, wo ein Song beginnt und wo er aufhört – was ich besonders gerne mag. Aber die Songs nehme ich gar nicht so zerstückelt wahr."
Ja schon – aber es gibt doch Songs wie Platanen, die ganz anders enden, als sie angefangen haben.
Milena: "Also da war Prozess so, dass wir schon einen Teil im Studio hatten, wo wir den frisch ausprobiert hatten und dann haben wir aus dem Studio heraus die Idee aufgegriffen und weiterentwickelt. Das ist also durch herumprobieren entstanden."
Das erste Album war dann ja auch noch in produktionstechnischer Hinsicht viel ruchloser als das neue. Was hat Endless Wellness denn dieses Mal inspiriert?
Philipp: "Ganz viel. Ich finde auch, dass das erste Album viel mehr LowFi gehalten war als das neue. Für dieses Album hat am Anfang gestanden, dass wir es gerne näher und wärmer haben wollten. Es sollte in einer Live-Kammer mit nur vier Spuren aufgenommen werden – und es ist so extrem warm und voll. Dabei ist es dann nicht so minimalistisch geblieben. Produzieren ist ja auch geil und es macht ja auch Spaß viele Sachen reinzuhauen. Was aber geblieben ist, ist das ‚Warm – Laut – Näher‘.
Patrick: "Und Kontraste waren uns auch wichtig. Jakob Herler, unser Produzent hat bewusst oft analoge Röhren-Amps mit digitalen Vorverstärkern gemischt, sodass sich ganz viele verschiedene Farben entwickelt haben und damit sich da klanglich etwas Eigenes entwickelt. Das Album sollte nicht wie ein reines Analog-Album klingen, aber auch nicht total modern. Es sollte von allem etwas drin sein, ohne dass wir faule Kompromisse eingehen müssten."
So – bislang haben wir ja nur heraus gearbeitet, welche verschiedenen Bestandteile und Ideen im Endless Wellness Universum aufeinanderprallen. Was aber hält die Musik denn eigentlich zusammen? Stilistisch ist da ja sehr viel möglich – vom Folksong bis zur monumentalen Grunge-Oper (wenn man die Single-Nummer „Nie mehr sicher“ denn so nennen möchte). Wenn man es genau nimmt zieht sich aber ein roter Faden durch das Album – und das sind Tiere. In den Texten wimmelt es geradezu von Referenzen aus dem Tierreich. Ein Song heißt ja „Die Katze“ – aber auch andere Tiere wuseln durch die Songs.
Leila: "Ja man könnte ja schon Vermutungen bekommen bei den ganzen Tieren, die da auftreten."
Milena: "Wir sind im Zuge des Herantastens an die neuen Songs zusammen gesessen und haben dann realisiert, dass einer der gemeinsamen Nenner eben die Tiere sind. Das hat keiner am Reißbrett geplant, das hat sich so entwickelt. Hätte ich jetzt in meiner studierten naturwissenschaftlichen Analyse-Aufgabe diese Brille auf, könnte man das Ganze als Mensch/Naturbezug sehen. Das Tier ist einfach eine Form des wesenhaften Übergangs dieser zwei Ebenen. Wobei sich dann die Frage aufwirft, ob der Mensch im Gegensatz zur Natur stehen kann – aber welches Kulturverständnis entsteht dadurch dann – wenn man das als Opposition sieht und nicht als Ganzes. Vielleicht sind da die Tiere da in einer Vermittlungsposition. Dann kann man ganz gescheit reden – wie ich jetzt – oder man kann auch sagen, dass es einfach Spaß macht ‚Waschbär‘ auszusprechen. Ja oder man könnte ja auch sagen, dass Endless Wellness einfach eine tierisch gute Band sind. Das bringt uns zu der Frage, worüber Endless Wellness eigentlich singen? Denn die Tiere sind nicht etwa Handlungsträger. Da geht so manches drunter und drüber und kreuz und quer. Manches wird ja aus der Ich Perspektive erzählt – aber autobiographisch scheinen die vertonten Gedankengänge dann nicht zu sein."
Philipp: "Ja das mit der Ich-Perspektive ist so eine Sache. Natürlich gibt es viel ‚ich‘ und manchmal ist auch ‚ich‘ gemeint und nah dran. Aber im Allgemeinen mag ich es eine Fläche zu erschaffen, wo man sich gut reinlegen kann. Ich weiß es aber gar nicht. Ich schreibe eher Stream Of Consciousness-mäßig, das trifft es am ehesten. Ich mache mir schon Notizen, aber die schaue ich mir nie an. Meistens schreibe ich Sachen, wenn ich sehr viel anderes zu tun habe und abends sehr müde bin. Dann kommen die Songs. Es sind aber sehr wenige. Alles, was ich schreibe ist öffentlich – es gibt keinen großen Katalog von unveröffentlichten Sachen."
Milena: "Ich glaube, dass es vielen Songwritern auch so wie mir geht – dass ich mir nämlich die Themen nicht wirklich aussuche. Es gibt dann einen Anlass, der einen ersten Zündfunken auslöst und als Katalysator mit sich bringt. Aber ich habe sehr intensive Beziehungen zu Wörtern und Redewendungen. Ich bin auch daran interessiert, wie Sprache funktioniert und welche Bedeutungsspielräume sich da ausloten lassen. Bei mir ist es also von der Inspiration her sehr Sprach-orientiert – indem mich manche Worte nerven, andere ganz glücklich machen oder ich meine, dass sich da etwas rausholen ließe."
Viele klassische Songwriter sagen ja, dass wie über ihre Musik ihr Leben erst richtig verarbeiten und verstehen können. Welche Funktion hat denn die Musik für Endless Wellness? Warum schreiben Endless Wellness überhaupt ihre Songs?
Philipp: "Ich versuch gerade, das mit irgend etwas zu vergleichen – aber mir fällt nichts richtiges ein."
Milena: "Das liegt daran, dass eine Besonderheit ist, dass dieser Zustand des Song-Schreibens mit nichts anderem zu vergleichen ist. Das ist ein Zustand, der oft sehr viel Spaß macht – aber auch oft extrem zermürbend ist und Trost spendet. Vor allen Dingen gibt es aber in dem Moment, wo er das eigene Schlafzimmer verlässt und ins Kollektiv der Band kommt, wenige Momente wo ich mich auf einer verbalen und non-verbalen Ebene so mit dieser ganz tollen Auswahl an Menschen verbunden fühle. Das ist ein Spezial-Gefühl der Lebendigkeit, das ich nirgends anders reproduzieren kann."
Philipp: "Ich überlege, mit was ich dieses Gefühl vergleichen kann und glaube, dass es am ehesten Halbschlaf ist. Wenn man noch nicht ganz eingeschlafen ist, sind noch ganz viele Bilder da und man möchte diese sehr gerne greifen – aber sie sind sehr diffus und der Versuch, da etwas substantielles aus dem Geschwirr im eigenen Schädel draus zu machen, das ist der Zustand des Song-Schreibens. Ich habe auch schon versucht, Träume selbst zu nutzen – aber das hat nicht funktioniert."
Adele: "Ich würde etwas Ähnliches sagen wie Milena. Musik zu machen ist einfach ein Gefühl, was ich sonst nicht hervorrufen kann oder was ich sonst nicht kenne. Etwas, was einen besonderen Zustand beschreibt, der gleichzeitig das Kommen einer Parallelwelt aufmacht und gleichzeitig im Jetzt und im bei mir sein verwurzelt ist. Das ist irgendwie etwas ganz Magisches."
Patrick: "Musik zu machen ist bei mir so eine Art Spiellust. Im Erwachsenen-Alter hat man ja selten ein Mal die Möglichkeit so viel auszuprobieren. Wenn man sich aber mit seinem Instrument beschäftigt hat man ein Vokabular in sich, dass man ganz intuitiv rauslassen kann und für das man keine Erklärung suchen muss, sondern das mit der Verbindung zu einem Selber entsteht, die man mit anderen Sachen nicht bekommt. Die Musik – oder das musizieren - wird also bandintern eher als spirituelle Kraft gesehen. Der Titel des Albums „Domino Days“ bezieht sich übrigens darauf, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Dinge, an die man geglaubt hatte - wie Stabilität und Gesundheit, wie die innere Sicherheit, die finanziellen und politischen Sicherheiten, das Klima und die Welt als solches ganz schnell ins Kippen kommen können."
Im November werden Endless Wellness mit dem Album „Domino Days“ auf Tour gehen.
Aktuelles Album: Domino Days (Buback Records) VÖ: 16.10.
Weitere Infos: https://www.instagram.com/endlesswellnesshallo/?hl=de Foto: Luca Celine

