
Die fragile Schönheit des Alltags in Töne gegossen: Mit seiner neuen Glanztat "Roses" fängt das New Yorker Indie-Duo Widowspeak flüchtige Gedanken, die um Arbeit, Tagträume, innere Unruhe, Intimität und Sehnsucht kreisen, mit wohliger Melancholie und cineastischer Wärme ein und gewinnt so seinem charakteristischen Sound aus atmosphärischem Dream-Pop, Slow-Burn-Rock und Americana-Noir spielerisch neue Seiten ab. Im November und Dezember werden Widowspeak bei Konzerten in München, Berlin und Hamburg dann auch wieder auf deutschen Bühnen stehen.
Seit mehr als 15 Jahren sind Widowspeak nun schon nicht nur eine der liebenswertesten und bodenständigsten Bands im Indie-Universum, sondern auch eine der besten. Von den Kritikerinnen und Kritikern schon seit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im Jahre 2011 gefeiert, haben sich Molly Hamilton und Robert Earl Thomas seitdem eine beachtliche Fangemeide erspielt, und das, ohne je der Versuchung zu erliegen, sich dem Mainstream an den Hals zu werfen. Das simple Erfolgsgeheimnis der zwei? Sie haben begriffen, dass wahre Beständigkeit oft viel lauter nachhallt als kurzlebige Trends und ein künstlerisches Strohfeuer."Ich glaube, ich bin besonders stolz auf die Beständigkeit, aber auch auf die Kontinuität. Mir ist eigentlich nichts peinlich, was wir gemacht haben!", sagt Thomas im WESTZEIT-Interview und muss lachen. "Natürlich gefällt mir manches besser und bestimmte Dinge hätte ich lieber anders gemacht, aber es gibt nichts, was ich auslöschen möchte." – "Ich denke, die Alben, auf die ich am meisten stolz bin, sind die letzten drei", ergänzt Hamilton. "Auf den ersten vier Alben haben wir verschiedene Dinge ausprobiert, ohne wirklich sicher zu sein, wie wir zu der Band werden könnten, die wir nun sind. Aber mit 'Plum' (2020), 'The Jacket' (2022) und jetzt dem neuen Album 'Roses' fühlen wir uns einfach sehr wohl in unserer Haut, und deshalb klingt die Musik auch sehr natürlich. Ich glaube, wir haben gerade einen Lauf."
Tatsächlich fühlt sich "Roses" vielleicht noch mehr als frühere Platten an wie eine organische Verlängerung des Lebens, durch das Hamilton und Thomas auch abseits der Musik gemeinsam gehen. Seit etwas mehr als zwei Jahren sind die beiden verheiratet und inzwischen auch Eltern einer kleinen Tochter. Nicht zuletzt auch, weil sie nie ihre Dayjobs aufgebenen haben – Hamilton arbeitet in einem Restaurant, Thomas als Tischler –, verfolgen Widowspeak unbeirrt ihren eigenen Weg und
verlassen sich ganz darauf, dass ihre Songs und Platten ein Eigenleben entwickeln.
"Wir haben genug Platten aufgenommen, um nun sagen zu können: Es ist nur ein Album, wir werden noch ein weiteres machen", erklärt Thomas. "Das heißt natürlich nicht, dass es uns egal ist, aber im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass es besser ist, wenn die Musik aus sich selbst heraus entsteht. Man sollte nicht versuchen, etwas zu erzwingen, weil man bestimmte Vorstellungen im Kopf hat. Stattdessen sollte man einfach den Dingen ihren Lauf lassen, auf dieser Grundlage gute Entscheidungen treffen und schauen, was dabei herauskommt."
Dieses Vertrauen in den Prozess liegt in jahrelanger Erfahrung, aber auch im blinden Verständnis der beiden Masterminds begründet. Ohne je altbacken zu wirken, sind die Lieder auf "Roses" durchdrungen von einem Gefühl der Vertrautheit und Verbundenheit, das man bei Bands, die sich einmal die Woche im Proberaum treffen, nur selten spürt. Die zehn neuen Lieder wurden mit der Unterstützung von Willy Muse, John Andrews und Noah Bond – langjährige Mitglieder der Widowspeak-Touring-Band – in der Abgeschiedenheit einer ehemaligen Teppichfabrik auf der griechischen Insel Hydra aufgenommen. Geprägt von der intimen Stimmung der mediterranen Kulisse ist ein zutiefst menschliches, entschleunigtes Werk entstanden, das ohne glatte Pop-Gimmicks oder künstliche Höhepunkte auskommt und stattdessen die Kraft des ehrlichen Songwritings und die Magie des warmen, analogen Klangs in den Mittelpunkt rückt.
"Das Leben auf der Insel ist einfach unglaublich", verrät Thomas. "Es ist fast wie im Mittelalter. Es gibt nur Esel, keine Autos, und da es Nebensaison war, gab es auch nicht viel Tourismus. Der Lebensstil, das Tempo und die Abgeschiedenheit haben das Album definitiv beeinflusst. Dass es dort einfach wunderschön ist, hat sicherlich eine Rolle gespielt." – "Ich glaube, das Wichtigste war, dass wir in einem wirklich schönen Raum aufgenommen haben, von dessen Fenstern aus man die Stadt überblicken konnte", ergänzt Hamilton. „Es ist dort sehr friedlich und es gab kaum Ablenkungen. Wir fünf haben einfach nur zusammen abgehangen und unsere ruhige kleine Auszeit genossen: morgens aufwachen, am Hafen einen Kaffee trinken und dann ab ins Studio für die nächste Session."
Abseits des urbanen Trubels sinnieren Widowspeak in den neuen Liedern über alltägliche Routinen und die leise Poesie des Gewöhnlichen und zeigen dabei, dass man gleichzeitig romantisch und realistisch sein kann. Hamiltons hauchzarter, sanfter Gesang schwebt oft wie ein Nebelschleier über den Arrangements. Gleichzeitig erzeugt Thomas mit seinen pointierten, psychedelisch angehauchten Gitarrenriffs eine enorme emotionale Tiefe und taucht dabei so die Giganten der Vergangenheit – Neil Young, Tom Petty, R.E.M. oder Yo la Tengo leuchten hier bisweilen dezent im Hintergrund – in ein neues Licht.
Der vielleicht schönste Song des Albums steht direkt am Anfang. "If You Change" thematisiert die tiefsitzende Angst vor Veränderung und wirft die Frage auf, warum wir oft versuchen, Situationen oder Gegenstände krampfhaft im unberührten Zustand festzuhalten. In den Lyrics plädiert Hamilton dafür, das Leben aktiv zu leben und eine gewisse Abnutzung als Lauf der Dinge zu akzeptieren – eine Sichtweise, die nicht zuletzt auch durch die Geburt ihrer Tochter geprägt wurde.
"Ein Kind zu haben schürt in mir die Vorfreude, all die schönen Dinge, die es immer noch gibt, durch die Augen von jemand zu betrachten, der sie zum allerersten Mal erlebt", sagt sie abschließend. "Mir ist klar, dass es vieles, was ich früher geliebt habe, heute nicht mehr gibt. Aber obwohl es okay ist, dem Vergangenen nachzutrauern, ist es doch auch aufregend, dass neue coole Dinge passieren und es neue Wege gibt, sich durch die Welt zu bewegen!"
Aktuelles Album: Roses (Captured Tracks/Cargo)
Weitere Infos: https://www.widowspeakforever.com/ Foto: Michael Stasiak

