
Mit ihrem zweiten Album "The Movie" eroberte die Schweizer Songwriterin Tiffany Limacher a.k.a. To Athena die Herzen der Freunde des klassischen Chamber-, Kook- und Dreampop-Settings und begeisterte mit ihrem 9-köpfigen Kleinorchester auch als mitreißende, einfallsreiche Live-Performerin – nicht nur in der Schweiz und Europa sondern auch in Mexico. Die Sache war nur die: Das alles passierte nicht zufällig, sondern indem sich Tiffany emsig, unermüdlich und umtriebig in Dauerpräsenz um alles Mögliche kümmerte. Kein Wunder, dass das der Burn Out zumindest als Drohung im Raum stand. Also beschloss Tiffany für ihr nun vorliegendes, drittes Album "Have I Lost The Magic?" einen Schritt zurückzutreten, sich einen Überblick über ihre Situation und ihr Innenleben zu verschaffen, die Sache mit Distanz zu betrachten und zu versuchen, die sich aufdrängenden Themen musikalisch durch ihr Songwriting zu verarbeiten.
Dazu gehörte auch, dass sie gar nicht erst versuchte konzeptionell noch mal eins draufzusetzen und alles noch größer, schöner und bunter zu machen. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihre neuen Songs musikalisch weitestgehend alleine mit ihrem musikalischen Partner und Präsidenten Linus Gmünder (und der Unterstützung einiger ausgewählter Gäste) auf das Wesentliche zu verdichten. Ist das dann auch der Grund, warum das neue Album dann weniger opulent und im Allgemeinen melancholischer ausgefallen ist als ihr Debüt "Aquatic Ballet" und "The Movie"?"Also ich finde das Album total hoffnungsvoll", meint Tiffany, "ich mache ja generell eher traurige Musik. Aber dieses Album hat mir extrem viel geholfen, mein Leben zu verarbeiten. In meinem Leben ist in den letzten 2 Jahren extrem viel passiert, mit dem ich fertig werden musste. Ich habe die Songs gar nicht geschrieben, weil ich ein Album machen wollte, sondern ich musste die Songs schreiben um klar zu kommen auf das Leben. Dadurch waren die Themen dann eben etwas trauriger – was mir dann aber die Möglichkeit gegeben hat, mir in meinem Leben Luft für andere Emotionen zu verschaffen. Deswegen ist das Album tatsächlich sogar trauriger als mein Leben in den letzten zwei Jahren tatsächlich war – einfach weil ich dem Raum gegeben habe. Ich habe Dinge auch dieses Mal erstmals nicht verallgemeinert, sondern ich habe darüber geschrieben, nach meinem eigenen Weg zu suchen. Ich habe mir dann gedacht, dass das auch OK ist, denn wenn die Songs ehrlich sind, können sich vielleicht ja sogar noch mehr Menschen damit identifizieren, was wenn ich das verallgemeinert habe. In erster Linie habe ich das also für mich gemacht – und erst in zweiter Linie habe ich gedacht, dass das auch ein Album werden könnte."
Ungefähr zeitgleich mit To Athena veröffentlicht auch Konstantin Gropper mit seinem Projekt Get Well Soon eine neue Scheibe – und die heißt "Minus The Magic". Hier diskutiert Gropper mit sich selbst die Frage, ob er die Magie der Anfangstage als Musiker im mittleren Alter nun verloren habe (kommt aber glücklicherweise zu dem Schluss, dass dem nicht so ist). Welche Art von Magie hat denn To Athena gegebenenfalls verloren?
"Ich kenne zwar Get Well Soon gar nicht – aber ich glaube, das ist die gleiche Art von Magie, die die da ansprechen und die wir manchmal vermissen", meint Tiffany, "es ist dieses Gefühl – dieses innere Feuer – das man am Anfang hat und das wir in diesen Zeiten manchmal ein wenig aus den Augen verlieren, weil so viel Gewusel um uns rum ist. Ich habe aber auf diesem Album herausgefunden, dass diese Magie dann doch nie ganz weg ist. Sie versteckt sich halt nur – manchmal ein bisschen mehr, manchmal weniger."
Im Titelsong "Have I Lost My Magic?" deutet Tiffany an, dass sie mit Erwartungshaltungen hadert, die an sie herangetragen wurden. Ist dieser Eindruck richtig?
"Aber natürlich – ich bin doch Musikerin, das gehört sich doch so"; schmunzelt sie, "es geht darum, sich genau nicht von diesen Erwartungen, die an einen herangetragen werden, leiten zu lassen, sondern stattdessen das zu machen, von dem man weiß, dass es das ist, was man auch machen möchte – sich also nicht zu verlieren in irgendwelchen Definitionen von Erfolg. Ich finde schon, dass wir in einer Zeit leben, wo so etwas schwierig ist, weil so viel von außen an einen heranprallt. Du musst ständig aktuell sein, ständig etwas Neues rausbringen, es soll aber auch echt sein und man wird ständig bewertet und Du musst auf Social Media aktiv sein. Musik ist so etwas Intimes – und das ständig so rausklatschen zu müssen, beißt sich ja irgendwie. Es gibt dann die Gefahr, dass man sich in den Träumen von anderen Leuten verliert, wenn man nicht ständig bei sich selbst eincheckt und sich fragt: 'Hey – was bedeutet das eigentlich für mich?"
Da ist ja etwas dran: Wenn man als Künstlerin ständig mit organisatorischen, logistischen und promotechnischen Dingen beschäftigt ist, dann verliert man ja auch irgendwann die Freude an seinem eigentlichen Tun.
"Genau", bestätigt Tiffany, "man muss ja auch verstehen, was das eigentlich für ein Geschenk ist, Musik machen zu dürfen. Manchmal weiß man das ganz genau, fühlt es und kann das leben – vor allen Dingen wenn das geteilt werden kann – beispielsweise auf Tour mit den Musikern. Wenn man aber alleine etwas bastelt und dann Zweifel reinlässt, dann spielt das 'Außen' schon eine größere Rolle, als es sie vielleicht spielen sollte. Wie gesagt: Es ist wichtig immer wieder bei sich einzuchecken, für sie zu definieren, was ein Erfolg ist und immer wieder zu gucken, was einem selbst Freude bereitet. Das Geheimnis ist Dankbarkeit und Wertschätzung – und nicht das Bedürfnis, über den Tellerrand hinausblicken zu wollen. Man sollte erst mal schauen, was auf dem Teller ist und das ist dann vielleicht ja auch schon toll genug. Das ist dann auch schon viel einfacher, wenn man mit Leuten zusammenarbeiten kann, denen man vertraut und die man wertschätzen kann."
Das passt sehr gut zu einem Side-Project im Zusammenhang mit dem Album, das Tiffany mit Greenpeace zusammen durchführte: Hier stiegen Tiffany und ihre Musiker zum Morteratsch Gletscher in den Schweizer Alpen auf, um dort in einer (inzwischen bereits geschmolzenen) Eishöhle eine Live-Version des Songs "Collide" einzuspielen, um auf die Probleme des Klimawandels aufmerksam zu machen. Wenn man als Musikerin so etwas machen kann, dann weiß man ja zweifelsohne, warum man das macht.
"Ja", bestätigt Tiffany, "das war eine ganz verrückte Geschichte. Greenpeace hat den Gletscher besichtigt und wollten irgend etwas machen, um auf den Rückgang des Gletschers aufmerksam zu machen. Das geschieht so schnell, dass das das nur noch in einem Zeitfenster von 3 Wochen möglich war. Greenpeace hat dann ganz spontan bei mir angefragt, ob ich Zeit und Lust hätte, etwas zu machen. Per Zufall haben wir da gerade das Video von 'Collide' gemacht. Da es in dem Song um Grenzen geht, die man einhalten und nicht überschreiten sollte, habe ich mir dann gedacht dass wir mit diesem Song eine Aktion machen könnten – und zwei Wochen später waren wir mit Steigeisen auf diesem Weg und haben dann im Gletscher den Song aufgenommen. Das war eine ganz tolle Erfahrung."
Und es hat ja auch etwas bewirkt: Das Projekt wurde dann von Greenpeace verwendet, um im Fernsehen in Kultursendungen und Nachrichtenportalen auf die Gletscherschmelze hinzuweisen. Im Allgemeinen macht Tiffany als Erzählerin in ihren Songs Vieles mit sich selbst aus. Gilt das vielleicht auch für den Song "The Rival"?
"Den Song habe ich eigentlich für eine gute Freundin geschrieben, die auch eine Musikerin ist. Wir haben uns in einem Songwriting-Camp getroffen, in dem es darum ging, jeden Tag einen Song zu schreiben, den wir uns dann abends zeigen sollten. Eigentlich ist das ein druckfreier Raum – aber sie hat sich da so verhärtet und war ständig der Meinung, dass sie nicht gut genug sei. Das hat mich traurig gemacht und da habe ich diesen Song geschrieben, weil ich dieses Gefühl auch selbst gut kenne. Es gibt da immer diesen inneren Feind, diese fiese Stimme, die Dir einreden will, dass Du nicht gut genug bist. Darum geht es in dem Song."
Wenn Tiffany sagt, dass sie das Album in erster Linie für sich selbst geschrieben habe, um mit dem Leben klar zu kommen: Gibt es denn eine Art Resümée oder Auflösung?
"Ich hoffe, dass es nie eine Auflösung gibt – und das ist auch gut so", führt Tiffany aus, "ich hoffe, dass es immer weiter geht. Für den Moment gibt es aber insofern eine Auflösung als dass mir das Album mir ermöglicht hat, zu mir zu stehen und zu akzeptieren wer ich bin – und dabei auch Dinge zu akzeptieren, die mir nicht so gefallen und Dinge, die gar nicht mehr meinem jetzigen ‚Ich‘ entsprechen, loszulassen."
Hat sich denn dadurch etwas geändert?
"Ich habe zumindest über meine Zukunft nachgedacht und eingecheckt um zu hinterfragen, ob ich meine Pläne und Visionen überhaupt noch will – oder ob die von einer alten Version von mir sind. Das war wie so ein System-Update."
Im Wesentlichen geht es darum ja auch in dem Song "Weird Kid" – einem (wenngleich musikalisch ziemlich traurigen) Empowerment-Song, in dem Tiffany als Erzählerin ihre Rolle im Leben reklamiert. Ist das vielleicht die auch Rolle, die Tiffany der Musik in ihrem Leben zuschreibt?
"Ja, das könnte man vielleicht so sehen", bestätigt Tiffany, "Musik bedeutet für mich vor allen Dingen Freiheit, weil ich mir da gar keine Grenzen setzen kann. Ich schreibe Dinge, um sie einfach herauszulassen – und kann dann ja immer noch entscheiden, ob ich das auch veröffentliche. Musik bedeutet für mich, einen Moment zu schweben und den Kopf auszuschalten."
Die Frage "Have I Lost My Magic?" kann Tiffany als To Athena am Ende also wohl mit "Nein" beantworten. Wie sie zu dieser Antwort gefunden hat, beschreibt das Album dann anhand der Songs, mit denen Tiffany ihre emotionale Grundlagenforschung betrieb. Mehr kann man als Songwriterin ja eigentlich auch nicht erreichen. Im Herbst und Anfang nächsten Jahres wird To Athena dann auch wieder live präsentieren.
Aktuelles Album: Have I Lost My Magic? (Mouthwatering Record) VÖ: 22.05.
Weitere Infos: https://www.toathenamusic.com Foto: Vera Joder

