
2026 markiert für Konstantin Gropper das 20-jährige Jubiläum seines Kernprojektes Get Well Soon. Seit er von 20 Jahren begann, erste selbstgebastelte Songs unter diesem ungewöhnlichen Projektnamen zu veröffentlichen, hat sich viel getan. So veröffentlichte Gropper zwischen 2008 und 2018 insgesamt sechs LPs (und eine Unzahl von EPs) und machte sich mit seiner aus Freunden und Verwandten bestehenden Live-Band auch als mitreißender Live Act einen Namen – bevor die Pandemie diesen Zyklus unterbrach. Zwar veröffentlichte er 2022 noch das im stillen Kämmerlein entstandene Album „Amen“ – danach gab es erst mal eine vierjährige Sendepause in Sachen Get Well Soon – während sich Konstantin Gropper als Produzent und Filmkomponist beschäftigte.
Als es nun daran ging, das 20-jährige Get Well Soon-Jubiläum zu begehen, entschloss sich Konstantin Gropper, das dann aber auch richtig zu machen. Mit dem nun vorliegenden neuen Album „Minus The Magic“ schlug er auf der musikalischen Ebene einen ungewöhnlichen Weg ein und kehrte zum abrasiven Rocksound der Anfangstage zurück – entschied sich aber, das neue Material erstmals zusammen mit seiner Live Band einzuspielen, während die Songs bis dahin stets im Patchwork-Verfahren zusammengebastelt wurden. Damit aber längst nicht genug: Für dieses Jahr ist noch ein zweites neues Album vorgesehen und mit gleich zwei Touren wird Get Well Soon auch wieder live für Furore sorgen. Fangen wir mal mit dem Grundsätzlichen an: Das Covermotiv zeigt eine Heiligenfigur auf der ein paar Scheiben Fleischwurst platziert sind. Was will uns das denn sagen?„Ich habe das Foto bei einer Ausstellung auf der Foto-Biennale gesehen und mir da eine Postkarte mitgenommen“ erzählt Konstantin, „die lag lange auf meinem Schreibtisch und da dachte ich mir, dass das Motiv für mich ziemlich gut zu dem Titel des Albums ‚Minus The Magic‘ passte. Ich habe da so eine Assoziation zu meiner Großmutter. Die hatte immer so eine Marienfigur aus Lourdes auf ihrem Nachttisch stehen. Eigentlich war es eine Plastikflasche in Marienform, in der vermutlich Weihwasser drin war. Irgendwie habe ich dann die Begriffe ‚Wunder‘ und ‚Magie‘ zusammengebracht und mir gedacht: Wenn irgend etwas so etwas wie ein Wunder aus einem Marienbild heraus kriegt, dann wahrscheinlich Lyoner. Das hat für mich gut gepasst. Dann habe ich die Fotografin Nina Röer kontaktiert und sie gefragt, ob ich das Bild für das Cover verwenden dürfte und da hat sie nicht nur zugestimmt, sondern gesagt, dass das Motiv für sie eine ganz ähnliche Bedeutung habe, wie für mich.“
Es ist ja auch so, dass dadurch Banalität und Spiritualität aufeinander prallen.
„Absolut“, meint Konstantin, „allerdings ist es aber vermutlich ja auch so, dass gläubige Christen abstreiten würden, dass ‚Magie‘ und ‚Wunder‘ das Gleiche sind. Für mich ist es indes so etwas Ähnliches.“
Bei den bisherigen Get Well Soon-Produktionen gab es ja stets eine Überschneidung zwischen Konstantins Faible für orchestrale Musik und seiner Vorliebe für Indie Rock. Das scheint auf der neuen Scheibe ja ganz anders zu sein, denn dabei handelt es sich ja um eine geradlinige Rock-Scheibe.
„Ich würde sagen, dass man das Album etwas ausklammert – denn das hat ja einen ganz anderen Sound“, erklärt Konstantin, „das Album, das jetzt im Herbst kommt hat schon wieder eher den Sound, den man mit Get Well Soon verbindet und wird auch wieder sehr viel opulenter von den Klängen her sein. Das ist das Eine. Was ich aber immer wieder feststelle – ohne dass ich das bewusst mache – ist, dass ich von der Harmonik her eher von der Klassik komme. So bin ich halt aufgewachsen – und wenn ich über Harmonik nachdenke, dann bin ich immer eher bei Bach oder Richard Strauss als bei Leonard Cohen. Das ist aber eher etwas, was unfreiwillig passiert.“
Auch wenn Konstantin als Songwriter bei „Minus The Magic“ die Zügel in der Hand hielt, ist das Besondere an diesem Album ja der Umstand, dass es erstmals zusammen mit der Live Band im Studio eingespielt wurde. Selbst rockigere Stücke spielte Konstantin im Studio bislang ja stets alleine ein (zumindest was die Basis-Tracks betrifft). Schon alleine das sorgte dann ja schon für den atypischen Rock-Sound. Ist das auch der Grund, warum die komplette EP „The Lufthansa Heist“ von 2014 für dieses Projekt nochmals eingespielt wurde?
"Genau“, erklärt Konstantin, „zum einen fand ich immer schon, dass die Songs noch eine zweite Chance verdient hätten, denn sie hätten eigentlich damals schon so eingespielt werden sollen. Und zum anderen fand ich das eine lustige Idee zum Band-Jubiläum älteres Material zu verwenden, das ich damals recht stiefmütterlich behandelt habe und das noch mal neu aufzunehmen – dann aber eben live im Studio mit meiner Band.“
Das heißt dann ja wahrscheinlich, dass die rockigen Songs dann auch im Zentrum der jetzt anberaumten Club-Tour stehen werden?
„Ja, genau“, führt Konstantin aus, „wir hatten die Lufthansa Stücke zuvor ja auch selten live gespielt – jedenfalls hat es keiner der Tracks dauerhaft ins Programm geschafft. Ich bin selbst mal gespannt ob es uns gelingt, die im Studio eingefangene Energie auf der Bühne genauso umsetzen zu können. Bislang war es ja so, dass ich die Stücke geschrieben und arrangiert habe und die Sachen dann einzeln eingespielt wurden – während wir das jetzt erstmals gemeinsam getan haben.“
In dem Zusammenhang: Wie sieht sich Konstantin Gropper eigentlich als Sänger? Zuweilen wird er ja gerne mal als „Crooner“ bezeichnet, vermittelt aber gerne auch den Eindruck eines singenden Stoikers – und ein „Rock-Belter“ ist er gewiss ja nicht.
„Na ja – ‚Crooner‘ finde ich eigentlich gar nicht so falsch, denn damit kann ich etwas anfangen – etwa im Sinne von Sinatra. Und stoisch trifft es schon ganz gut – zumindest was den Vortrag angeht. Ich hoffe, dass die Melodien jetzt nicht so stoisch sind. Das ist schon richtig – denn ich bin wahrscheinlich nicht so ein exzentrischer Sänger, sondern singe irgendwie leise. Crooner passt schon ganz gut – auch wenn die Musik natürlich eine andere ist.“
Sind die neuen Songs eigentlich stärker autobiographisch angelegt als frühere – oder hat das mit dem Jubiläums-Charakter zu tun?
„‘Jubiläum’ vielleicht gar nicht so sehr wie das Thema“, zögert Konstantin, „es geht ja um das Thema Reflexion und da ich jetzt Mitte 40 bin habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich jetzt dahin gekommen bin, wo ich jetzt bin. Deswegen ist das Autobiographische sicher öfter vertreten als auf anderen Alben, wo es eher um andere externe Themen ging. Und es ist nicht so metaphorisch wie andere Alben.“
Nachdem Konstantin mit dem Album ‚Minus The Magic‘ auf das bisher Erreichte zurück blickt: Was ist denn heute die größte Herausforderung für ihn als Musiker?
„Es mag jetzt vielleicht nicht so romantisch klingen – aber worüber ich nach der Pause in der ich viel Filmmusik gemacht habe, oft nachgedacht habe, ist die extreme Veränderung des Marktes. Musiker zu sein und Platten zu veröffentlichen ist heutzutage gar kein Lebensmodell mehr – außer man ist ein Superstar. Das hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert und das hat mir schon zu schaffen gemacht. Es ist ja immer noch mein Beruf, aber dass sich das alleine irgendwie gar nicht mehr trägt, ist schwierig. Dabei hat das ja wirklich fast nur technische Gründe. Vielleicht ist da ja auch viel selbst gemacht – dass zum Beispiel irgend jemand beschlossen hat, dass es keine physischen Tonträger mehr geben soll. Es ist die große Herausforderung zu überlegen, wie man das in der Zukunft überhaupt noch hinbekommt, dass es auch weiterhin Berufsmusiker gibt."
Vielleicht ist das auch ein bisschen so etwas wie ein pädagogischer Auftrag? Wie bekommt man das hin, dass Musik wieder etwas wert ist? Welche Ideen hätte Konstantin denn da?
„Na ja – zumindest müsste es halt wieder mehr um Musik gehen“, überlegt er, „wie man das schafft, weiß ich auch nicht. Aber diese Erziehung hin zu Playlists statt Alben und dass man Spotify immer noch umsonst nutzen kann führt ja nicht weiter. Vielleicht braucht es einfach wieder eine Wertschätzung. Die jungen Menschen hören ja viel Musik – mindestens genauso viel wie wir damals – aber die Musik ist dabei zu einem Nebenprodukt von ganz vielem Anderen geworden. Man müsste sich wieder mehr konzentrieren können auf dieses Eine. Man braucht ja eigentlich nicht noch etwas anderes zur Musik. Wie man dahin kommt weiß ich aber leider auch nicht.“
Gibt es eine Art musikalischen Fernziel für Konstantin Gropper?
„Ich bin eigentlich bisher immer ganz gut damit gefahren, für alles offen zu sein und Dinge zu machen, die ich mir ursprünglich nicht zugetraut hätte. Ich glaube, das ist wichtig: Man kann sich nicht in seiner Komfortzone ausruhen. Es interessieren mich immer die Sachen, die nicht besonders nahe liegen und eben nicht in meiner Komfortzone liegen. Man muss sich da raustrauen und viel anderes machen. Ich habe von Anfang an versucht, mich breit aufzustellen und habe auch Glück gehabt, dass das funktioniert hat – auch ohne dass ich versucht habe, das aktiv voranzutreiben; weil auch immer wieder Leute auf mich zugekommen sind und mit mir zusammenarbeiten wollten. Ich hoffe einfach, dass das immer so weiter geht. Ich bin da auch entspannter geworden. Viel Zukunftsangst habe ich da gar nicht mehr. Eine Sache, die ich immer machen wollte, war mit einem Symphonie-Orchester zu arbeiten und das möchte ich in Zukunft auch noch viel mehr praktizieren. Grundsätzlich hatte ich auch immer das Glück, dass andere Leute auf die Idee gekommen sind, was ich noch machen könnte – da muss ich mir eigentlich nicht viel Gedanken machen.“
Aktuelles Album: Minus The Magic (Scarlet Beast / recordjet) VÖ: 22.05.
Weitere Infos: https://www.youwillgetwellsoon.com Foto: Oskar Funke

